Angst vor Spinnen

Kategorie KopfkinoDer Physiotherapeut hat mich bis zum Hals eingepackt. Eine halbe Stunde werde ich wegen meiner Rückenschmerzen auf einer Fangopackung liegen. Es ist wohltuend und entspannend, so dass ich mehrmals wegdämmere. Im Halbschlaf höre ich, wie der Raum nebenan betreten wird. Die Wände müssen sehr dünn sein, denn fast alles, was die beiden Frauen sprechen, kann ich verstehen. Die jüngere Stimme gehört einer Physiotherapeutin. Sie reden über den Ekel vor Spinnen und bestätigen sich gegenseitig, wie furchtbar sie es finden, wenn eine Spinne in der Wohnung auftaucht.

Meine Gedanken driften ab. Ich erinnere mich, dass ich mal mit Lisette in der Düsseldorfer Universität gewesen bin. Per Anzeige in der Tageszeitung hatte die psychologische Fakultät nach Frauen mit Angst vor Spinnen gesucht. Lisette hatte bei der angegebenen Telefonnummer angerufen und sich einladen lassen. Sie nahm mich als Verstärkung mit. Dann saß ich als einziger Mann in einem Hörsaal mit etwa 40 Frauen. Der Psychologe projizierte Fotografien von Spinnen an die Wand. Die Frauen sollten ihre jeweilige Befindlichkeit auf einem Fragebogen ankreuzen. Einige Frauen wurden tatsächlich kreidebleich, eine hatte Atemnot, und eine rannte aus dem Raum. Nicht so Lisette. Nur beim Bild einer fiesen haarigen Spinne ist sie mal kurz in mich reingekrochen. Jedenfalls wurde Lisette zur nächsten Testreihe nicht mehr eingeladen. Sie hatte auf ihrem Fragebogen einfach zu schlecht abgeschnitten. Danach war ihre Spinnenphobie weg. Sie konnte sogar Spinnen mit der Hand nehmen und sie nach draußen tragen.

Die Physiotherapeutin erzählt gerade von ihrer probaten Methode, eine Spinne aus der Wohnung loszuwerden. Sie nimmt den Staubsauger. „Och nein“, ruft ihre Patientin, „die armen Spinne lebt doch im Staubsaugerbeutel noch!“ Ich öffne die Augen und schaue nach oben. Wie herbeigerufen taucht zwischen den Deckenpaneelen eine Spinne auf und krabbelt die Decke entlang. Stimmt es eigentlich, dass lebensmüde Spinnen sich von der Decke in den offenen Mund von Schläfern abseilen, so dass jeder Mensch im Leben durchschnittlich acht Spinnen verschluckt? Nein, stimmt nicht. Die Journalistin Lisa Holst hat diese Behauptung im Jahr 1993 in die Welt gesetzt, um zu beweisen, wie leicht sich solche Märchen verbreiten. Aber was, wenn die Spinne über mir nicht weiß, dass es eine urban legend ist? Ich bin bis zum Hals eingepackt und kann mich nicht bewegen! Denken wir an etwas anderes.

Eines Tages krabbelte eine kleine Spinne über das Tastenboard meines Computers. Ehe ich es verhindern konnte, war sie zwischen den Tasten verschwunden. Als ich Tags darauf einen längeren Text tippte, tauchte sie plötzlich zwischen ghbn auf, um zu gucken, was da für eine Hektik sei, und tauchte wieder ab. Da dachte ich, wenn sie klug ist, wird sie sich zwischen selten gebrauchten Tasten verstecken. Ich weiß ja nicht, wie lange Abfolgen sich eine Spinne merken kann, aber Wörter mit drei Buchstaben sollte sie wiedererkennen. Wenn ich beispielsweise „un“ tippe, sollt sie sich anschließend nicht unter dem „d“ verstecken. Es ist natürlich keine wahre Erkenntnis in der Spinne, wenn sie lernt, welche Buchstaben und welche Buchstabenverbindungen in der deutschen Schriftsprache wann vorkommen. Sie versteckt sich auf Deutsch, hat aber keine Idee von der Bedeutung der Buchstaben und weiß nichts vom Inhalt eines Textes, sondern reagiert rein mechanisch.

Ebenso mechanisch verfährt ein Programm, mit dessen Hilfe man die Lesbarkeit eines Textes ermitteln kann. Es beruht auf dem „Flesch-Test“. Benannt ist die Formel des Flesch-Testes nach Rudolf Flesch, einem gebürtigen Wiener, der 1938 in die USA ausgewandert ist.

FI = 206,835 – 84,6 x WL – 1,015 x SL

* FI = Flesch-Index für Leseleichtigkeit (Reading Ease, Lesbarkeit)
* WL = durchschnittliche Wortlänge in Silben (ohne Schluss-e)*
* SL = durchschnittliche Satzlänge in Wörtern

Ein sinnloser Text aus dem Blindtextgenerator hat z.B. den Fleschwert von 48, was etwa dem Berufsschulniveau entspricht. Man sieht daran, dass mit der Formel nur die äußere Form eines Textes getestet werden kann, nicht seine inhaltliche Schlüssigkeit. Wer jedoch danach strebt, einfach und verständlich zu schreiben, hat mit der Fleschformel einen guten Maßstab. Kannst du bitte mal testen, welchen Fleschwert dieser Text hier hat? Einfach kopieren und in die Maske einfügen. Inzwischen beobachte ich die Spinne über mir. Sie hat sich von der Decke gelöst und hängt grad an einem Fädchen …

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27 Kommentare zu “Angst vor Spinnen

  1. Habe gehorsam getestet:

    Flesch-Reading-Ease-Score Deutsch: 62

    Sätze: 51 Wörter: 665 Silben: 1195 Zeichen*: 4436

    *Zeichen werden mit Leerzeichen und Satzzeichen gezählt. Doppelte Leerzeichen werden ignoriert.

    Und was sagt mir das jetzt?

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      • Ich hätte wahrscheinlich dazuschreiben sollen, daß ich solche und andere Tests für einen ganz herrlichen Zeitvertreib halte – ich schreibe übrigens wie Dostojewski und mein Fleschwert liegt bei schwierigen 38, ayayay.

        Wie aber konnte ich nur annehmen, es gäbe ein Thema, das Sie noch nicht in der Mache hatten (Asche aufs schamrote Haupt, ab)

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        • Mit Dostojewski sind Sie ja in bester Gesellschaft. Einen Fleschwert 38 könnte ich, selbst wenn ich wollte, wohl nie erreichen. Als ich anfing zu bloggen, hatte ich den Ehrgeiz, immer so einfach wie möglich zu schreiben. Das war zehn Jahre mein Grundsatz beim Tagebuchschreiben gewesen, und das prägt.
          Sie haben Recht. In gut 12 Jahren Bloggen habe ich über viele Themen schon geschrieben, aber dass ich das Gimmick „Ich schreibe wie“ kenne, konnten Sie nun wirklich nicht ahnen.
          Und weil hier niemand mit Asche auf dem Haupt aus der Tür gehen soll, betrachten Sie sich als aufs Feinste geputzt.

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  2. Normal. Alles andere hätte mich auch gewundert. Ich bin schrecklich normal. Oder herrlich normal. Beruhigend, dass es meine Texte auch sind. Auch du, lieber Jules, scheinst mir recht normal zu sein und das ist als Kompliment zu verstehen. Normal für einen Mann, der in aller Ruhe eine Spinne beobachten kann und sie über Tage in der Tastatur wohnen lässt. Sehr sympathisch. Ich hätte entweder versucht die Tasten zu lösen um sie zu retten oder den Staubsauger geholt. Je nach Größe und Haarigkeit.

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    • Du rückst Spinnen also auch mit dem Staubsauger zu Leibe, liebe Mitzi. Die Physiotherapeutin glaubte, ihr finsterstes Geheimnis offenbart zu haben, wie ich nachher von ihrem Kollegen hörte. Dabei scheint es eine durchaus gängige Methode zu sein, für viele vermutlich normal.
      „Normal“ hat ein großes Bedeutungsfeld. Die Spannweite gibst du mit den gegenteiligen Attributen an. Ich bevorzuge für uns beide „bodenständig.“ Wenn diese Grundhaltung manchmal als normal gilt, solls mir recht sein 😉

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  3. Pantoufle schreibt wie Theodor Fontane und Joanne K. Rowling: Toll ey! Hochbezahlte Gemächlichkeit. Ich sollte ernsthaft darüber nachdenken zu schreiben. (Übrigens: Dostojewski schreibt wie Nikolai Gogol – wem wäre das noch nicht aufgefallen?)
    Was für ein überbackener Unsinn!

    FREdeutsch = übrigens 180 – ASL – (58,5 * ASW) weil die Zusammengebasteltewortunsitte im Deutschen (natürlich) Sonderregelungen verlangt.

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  4. 70 und Marion Zimmer Bradley, na also geht doch!

    ( Dafür das mit den Spinnen gar nicht. Schon gar nicht in Hannover am Morgen, welche dann Kummer und Sorgen bringen … )

    Ich hoffe die Fango-Packungen zeigen den gewünschten Erfolg und haben als Nebeneffekt weiterhin solch feine Texte!

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    • Die Spielerei, die Kollegin Dame.von.Welt wieder ausgegraben hat, erfreut sich offenbar großer Beliebtheit. Für mich hast du nicht wie irgendwer, sondern immer einzigartig geschrieben, liebe Juleika. Wg „Spinnen“ hoffe ich, auf der sicheren Seite zu sein, denn das Sprichwort meint nicht die Spinnen, sondern das Spinnen. Wenn sich die Hausfrau am Morgen vor dem üblichen Tagwerk schon hinsetzen musste, um zu Spinnen, war das ein Zeichen bitterer Armut.
      Nie wieder werde ich zu laut frohlocken, aber heute merke ich eine leichte Besserung. Das Schreiben und die hübschen Kommentare lassen mich mein Rückenelend sowieso immer wieder vergessen.;) Dankeschön fürs Lob!

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