Die Straße meiner Kindheit (10) – Rollkur, Halve Hahn und Bockreiter

Foto: Teestübchen-Archiv - Montage: JvdL -  (größer bitte klicken)

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Von „Straße meiner Kindheit“ ist Folge 10 erschienen. Bitte hier klicken!

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Postbeförderung im Schneegriesel

kategorie Mensch & NaturIn der Nacht hat sich Schneegriesel auf alles gelegt. Ich lese nach, dass Schneegriesel die nur Millimeter große Form der Graupel ist. Schon vorher ist mir klar, dass Griesel verwandt sein muss mit unserem Farbadjektiv „grau“. Dessen alte Form ist „greis“, was wiederum mit dem rheinischen „gries“ korrespondiert. Ich schaue aus dem Fenster auf die Straße. Die dünne Schicht Schneegriesel auf dem Asphalt sieht schäbig aus, obwohl sie kaum Reifenspuren hat.

Plötzlich kommt von Rechts ein Radfahrer ins Bild. Er rollt rasch auf die Kurve zu, muss also ein geübter Radfahrer sein oder er ist leichtsinnig. Im Kindersitz hinter sich befördert er ein Kind. Nachdem er sicher die Kurve genommen hat, schaue ich auf seinen Rücken und sehe, dass er eine Dienstjacke der deutschen Post trägt. Die ziert ein großes Posthorn. Das Kind hat das Logo genau vor Augen. Weiterlesen

Josie und die heilsame Besinnung auf Namen

Kategorie KopfkinoCatherine Douglas und Peter Rowlinson von der Universität Newcastle haben in einer Studie belegt, dass Kühe mehr Milch geben, wenn sie einen Namen haben. Das hätte ich ihnen vorher sagen können, denn wenn eine Kuh nur eine Nummer auf einem Chip im Ohr hat, wird sie vom Bauern wie eine Nummer behandelt und fühlt sich unwohl. Die Erkenntnis, dass Kühe einen Namen brauchen, ist nicht neu, sondern nur durch die Massentierhaltung verloren gegangen.

Nicht seriös wissenschaftlich erforscht ist das Verhältnis Mensch zu Pflanze. Die Theorien dazu sind esoterischer Natur und für mich nicht von Interesse. Ich werde mich hüten, mir eine Theorie auszudenken, denn es ist der Sache selbst gar nicht zuträglich. Warum soll das Leben nicht einige seiner Geheimnisse für sich behalten? Daher will ich nur von persönlichen Erfahrungen berichten.

Josie - Foto: Jvdl - größer: Bitte klicken

Josie – Foto: Jvdl – größer: Bitte klicken

Vor einigen Jahren schenkte Lisette mir eine Zimmerpalme. Zimmerpalmen gefielen mir schon immer gut. Ihr Blattwerk ist elegant geschwungen und bildet mit seinen Überschneidungen sehenswerte grafische Strukturen. Meine Zimmerpalme taufte ich Josie. Nach kurzer Zeit kümmerte Josie, obwohl sie einen hellen Platz hatte und regelmäßig gegossen wurde. Josie schien meinen eigenen Seelenzustand zu spiegeln. Eines Morgens hatte sie sich komplett zum Fenster hin geneigt, als wollte sie sich davon machen. Sie hatte allen Grund dazu, denn mir ging es von Tag zu Tag schlechter. Als sich Josie derart von mir abwandte, beschloss ich, etwa gegen mein Leid zu tun und eröffnete ein Blog. Anfangs hieß es Wolfsburggeschichten und war insgesamt so düster wie der Name verspricht. Josie hing weiterhin schräg zum Fenster und ließ einige ihrer Wedel austrocknen.

Nach etwa zwei Wochen Blogschreiben begriff ich endlich, welch ein vielfältiges künstlerisches Ausdrucks- und Kommunikationsmittel ein Blog ist, machte einen Ausverkauf der schlechten Gefühle und eröffnete das frisch renovierte Teppichhaus. Inzwischen hatte ich in Jim Krauses wunderbarem Büchlein “Creative sparks” (dt. “Funkenflug“) gelesen, man solle zur Steigerung der Kreativität ab und zu einen Baum umarmen. So stieg ich manchmal auf den Aachener Lousberg, wartete, bis keiner zusah, und umarmte mal eine Eiche, mal eine der hoch aufragenden Buchen. Zur Not tue es auch eine Zimmerpflanze, schreibt Krause. Das tat ich mit Josie. Es schien ihr zu gefallen, denn mit den Wochen richtete sie sich langsam wieder auf. Mir ging es ähnlich. Und ich fand, dass meine Texte stets  rund und schlüssig gerieten, wenn ich zuvor Josie angefasst und mit ihr geredet hatte. Aus dieser Zeit rührt meine Beziehung zu einer Zimmerpalme.

Was geschieht, wenn man sich für einen Moment einer Pflanze zuwendet? Du greifst nach einem Wesen, das zwar den Raum mit dir teilt und trotzdem in einer in sich schlüssigen Welt lebt, die völlig verschieden von deiner ist. Das klärt den Blick. Meist ist der Mensch geneigt, seine Wirklichkeit als die einzige Wirklichkeit anzusehen. Damit bestreitet er der Welt ihre Vielfalt und Tiefendimension. Sich als der Nabel der Welt zu betrachten, ist ein Anschlag auf die eigene seelische Gesundheit, denn diese Haltung macht Denken und Fühlen oberflächlich und insgesamt unzufrieden und unglücklich. Dagegen hilft ein Augenblick der Besinnung auf die stille Welt der Pflanzen. „Man kann nicht nicht kommunizieren“, sagt Paul Watzlawick in seiner Untersuchung “Menschliche Kommunikation”, denn auch Schweigen ist eine Form der Kommunikation. In diesem Sinne findet eine Interaktion zwischen dir und der Pflanze statt. Diese Interaktion ist wie ein Eintauchen in eine Zwischenwelt, die nicht ganz pflanzlich ist, nicht ganz menschlich. Das verändert beider Leben in den jeweiligen Wirklichkeiten. Denn auch die Pflanze spürt die Berührung und reagiert durch Wohlgefallen oder nicht.

Wenn ich ein Unternehmen zu leiten hätte, bekäme jeder Mitarbeiter eine Pflanze. Die Pflanze seiner Wahl würde ihm hingestellt, und er hätte sich während seiner Arbeitszeit um ihr Wohlergehen zu kümmern. Denn ich glaube, dass man am Zustand seiner Pflanze ablesen könnte, wie es um ihn bestellt ist. Würde die Pflanze dahinkümmern oder gar vertrocknen, wäre das ein Grund für ein vertrauliches Gespräch, um zu klären, ob den Mitarbeiter etwas bedrückt und ob er Hilfe benötigt. Wenn wir uns nämlich fragen, woher der derzeit desolate Zustand unserer Gesellschaft stammt, dann müssen wir auf die Unternehmen schauen, deren Schalten und Walten die Geschicke der Gesellschaft bestimmt. Viele, wenn nicht die meisten Unternehmen werden nicht ordentlich geführt. Man behandelt die Menschen wie Hochleistungsrindviecher, die keinen Namen haben, sondern eine Nummer am Ohr. Das gilt es zu ändern.

Kafka, die Schlamperei und Straße der Kindheit (9)

Franz Kafkas Brief - zum Betrachten bitte anklicken

Franz Kafkas Brief – zum Betrachten bitte anklicken – (Quelle: Tagebuch JvdL)

„Darauf dass die Schlamperei Ihnen langweilig werden sollte, darauf vertraue ich nicht; wer die Schlamperei einmal hat, dem wird sie nicht langweilig, das weiss ich aus eigener Erfahrung“,

schrieb Franz Kafka im November 1912 an seinen Literatur-Agenten Willy Haas“, und unterstellte dabei, dass mit „Schlamperei“ einiges an Kurzweil zu erleben wäre, eine Idee, auf die man erst mal kommen muss. Die von Kafka gemeinte „Schlamperei“ heißt neudeutsch Prokrastination oder ungeschickt eingedeutscht „Aufschieberitis.“ Langweilig wird sie nie, denn Aufgeschobenes pflegt sich ja nicht zu verflüchtigen, sondern weckt einen kleinen Kobold, der als ungebetener Gast in den Hinterkopf einzieht und einen Tag für Tag lauter piesackt, man müsse jetzt aber endlich zur Tat schreiten. Der die „Schlamperei hat“ wird jetzt bockig, denn je länger er aufschiebt, je lauter der Kobold randaliert, desto schwerer fällt der Angang.

An solchen Tagen spazieren tausend Gedanken an unerledigte Dinge über die innere Bühne, aber ein richtiges Stück wird nicht aufgeführt. Es bleibt nichts als den Gedanken zuzusehen, wie sie auf der einen Seite aus der Dekoration kommen, um auf der anderen hinter dem Vorhang zu verschwinden. Ja, und die nervigste Figur, die immer wieder auf der Bühne tritt und alle vor sich hertreibt, ist der Kobold. Man kann ihn kaum noch ansehen, denn er wird mit jedem Durchlauf lästiger.

Ab mit dem Pack! Wir rufen Szenen aus alten Slapstick-Filmen auf. Konflikte werden da mit einem kräftigen Arschtritt gelöst. Was ist?  Ich hätte „Arsch“ geschrieben? Auf der inneren Bühne gibt es keine Sprachpolizei. „Herr Inspizient, Sie dürfen den Kobold jetzt wieder auf die Bühne lassen.“ Mentale Arschtritte können auch befreien.

Den eigenen Kardinalfehler solle man kennen, rät Balthasar Gracian in „Die Kunst der Weltklugheit“. Sei der Kardinalfehler erkannt und erfolgreich bekämpft, würden die anderen Fehler wie Dominosteine fallen. Dann ist man endlich der Mensch, der man schon immer mal sein wollte. Der hat gut reden, wenn sich doch soviel aufgestaut hat, was zu erledigen wäre. Also eins nach dem anderen abarbeiten. Nebenan im Teppichhaus ist endlich die 9. Folge von „Straße meiner Kindheit“ erschienen. Ich glaube, es regnet da.

Hübsche Kulturtechnik: Frottieren ohne Handtuch

kategorie Mensch & NaturWir Alltags-Ethnologen hatten ja früher nichts außer Papier und Bleistift und mussten alles mit der Hand machen. Morgens in aller früh bei jedem Wetter raus auf die Straße, und dann wurde man auch noch scheel angeguckt, wenn man auf den Knien über einem Kanaldeckel lag. So sehen die Sachen dann aus: Flüchtig hingeskribbelt. Diese Abreibtechnik heißt Frottage. Sie diente einst dokumentarischen Zwecken, hatte jedoch immer einen grafischen Eigenwert.

Frottage: JvdL, zum Vergrößern bitte klicken

Alle Frottagen: JvdL, zum Vergrößern bitte klicken

Unter Kindern war das Frottieren von Münzen beliebt, Künstler nutzten die Frottage, um in Oberflächenstrukturen mannigfaltige Bilder zu finden. Der Kölner Surrealist Max Ernst hat diese Technik zur Meisterschaft entwickelt. Die Frottage zur Dokumentation wurde durch die allgegenwärtige Digitalfotografie verdrängt und gehört mit Doodeln und Handschrift in die Reihe der verschwindenden Kulturtechniken. Als ich in den 1990-er Jahren noch Tagebuch schrieb, frottierte ich einiges:

- hier die Sohle meines neuen Schuhs ...

– hier die Sohle meines neuen Schuhs …

Das A einer Inschrift auf dem Kalvarienberg im Klauser Wäldchen, Kornelimünster ...

Das A einer Inschrift auf dem Kalvarienberg im Klauser Wäldchen, Kornelimünster …

Frottieren ohne Handtuch geht kinderleicht. Man braucht nur eine strukturierte Oberfläche, Papier, einen weichen Bleistift und ein klein bisschen Geduld. Versuchen Sie es mal und zeigen Sie das Ergebnis!

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Vor allem Münzen sollten noch rechtzeitig vor ihrer Abschaffung frottiert werden, denn die Anschläge auf das gute alte Bargeld sind Legion.