Postbeförderung im Schneegriesel

kategorie Mensch & NaturIn der Nacht hat sich Schneegriesel auf alles gelegt. Ich lese nach, dass Schneegriesel die nur Millimeter große Form der Graupel ist. Schon vorher ist mir klar, dass Griesel verwandt sein muss mit unserem Farbadjektiv „grau“. Dessen alte Form ist „greis“, was wiederum mit dem rheinischen „gries“ korrespondiert. Ich schaue aus dem Fenster auf die Straße. Die dünne Schicht Schneegriesel auf dem Asphalt sieht schäbig aus, obwohl sie kaum Reifenspuren hat.

Plötzlich kommt von Rechts ein Radfahrer ins Bild. Er rollt rasch auf die Kurve zu, muss also ein geübter Radfahrer sein oder er ist leichtsinnig. Im Kindersitz hinter sich befördert er ein Kind. Nachdem er sicher die Kurve genommen hat, schaue ich auf seinen Rücken und sehe, dass er eine Dienstjacke der deutschen Post trägt. Die ziert ein großes Posthorn. Das Kind hat das Logo genau vor Augen.

posthornEinst wird sich das Kind erinnern, wie es vertrauensvoll hinter dem Vater auf dem Fahrrad gesessen und das Posthorn-Logo vor Augen hatte. Vielleicht wird es im erwachsenen Alter wissen wollen, was da eigentlich symbolisiert war, wenn der Vater längst begraben sein wird und die Briefbeförderung per Sackpost ungebräuchlich geworden ist.

Zugrunde liegt ein Blechblasinstrument, das als Signalhorn diente. Postreiter und später die Postillione der Postkutschen kündigten mit dem Signal den Relaisstationen ihre Ankunft an, damit der Pferdewechsel rasch abgewickelt werden konnte.  Unbefugten war das Blasen ins Posthorn verboten. Ihnen droht die Allgemeine Preußische Postordnung eine Geldbuße von zwölf Talern an. In schweren Fällen drohte eine „Leibesstrafe.“

Die Geschichte des Posthorns lässt sich gut an Darstellungen auf Briefmarken ablesen. Gerade betreibt die privatisierte Deutsche Post AG den Niedergang der Briefpost, indem sie zunehmend auf ansprechend gestaltete Briefmarken verzichtet, hässliche Automatenmarken herausgibt oder mit aufgedruckten Scancodes die Marken ganz überflüssig macht.
posthorn-markenposthorn-wohlfahrt_postreiter

Dieser Niedergang ist natürlich neuen Kommunikationstechniken und -gewohnheiten geschuldet, wird aber von der privatisierten Post offensiv unterstützt, einmal durch Reduzierung der öffentlichen Briefkästen, durch Schließung von Postämtern und Verlagerung der Postdienste in Schreibwarengeschäfte, vorher schon mit der Abschaffung der nächtlichen Postzüge und der Verlagerung der Briefbeförderung auf die Straße. Deshalb wurden die Briefzentren nötig. Mit ihnen kam der Verzicht auf Herkunftsangaben im Poststempel. Da schreibt nicht mehr die Freundin aus München, sondern aus einer namenlosen, nummerierten Briefregion.

post-schreib-mal-wiederAngesichts dieser Nivellierung der Reize des Briefes wirkt dann auch die gestempelte Aufforderung „Schreib mal wieder“ aus dem Jahr 1997  aberwitzig. Zu Zeiten der Bundespost waren Briefmarken amtliche Postwertzeichen. Deren Fälschung war demnach „Geld- und Wertzeichenfälschung“. Briefmarken der privatisierten Deutschen Post AG zu fälschen, ist nur noch einfache Urkundenfälschung, aber die von mir gefälschte Zumwinkel-Sondermarke ist Satire und fällt unter die Kunstfreiheit. (Falls der acht Jahre zurückliegende Fall Zumwinkel (Februar 2009) bereits vergessen ist, bitte Marke anklicken.)

zumwinkelDer künstlerische Aspekt der Briefmarke macht viel aus vom Reiz privater Briefpost. „Schreib mal wieder“ … einen Brief … wird derzeit gerne unter dem Gesichtspunkt „Rettung der Handschrift“ propagiert. Private Briefe zu verschicken und zu empfangen ist freilich so reizvoll, dass es ein kultureller Verlust wäre, wenn wir darauf verzichten würden, weil es viel einfacher ist, eine E-Mail zu schicken.

Im Kunstunterricht der 10. Klasse habe ich einmal Briefumschläge gestalten lassen, mit der Auflage, die Briefmarke in die Gestaltung einzubeziehen und mir die Briefe nach Hause zu schicken. Hier zu sehen zwei zusammengehörende Briefe zweier Schülerinnen. So geht: „Schreib mal wieder“, und ich hätte große Lust, eine derartige Aktion im Teestübchen zu starten. Vielleicht demnächst, wenn es allgemein interessiert.
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Vorder- und Rückseiten der Briefe von

Vorder- und Rückseiten der Briefe von „Moni“ und „Petra“ (größer: Bitte klicken)

Jedenfalls wartet auf das Kind hinterm Posthorn eine reiche Geschichte der Beförderung, wenn es dereinst der Bedeutung des Logos nachgeht, das der Vater im Februar 2017  stolz auf dem Rücken getragen hat.

Postsäcke im Postzug - gesehen im Deutschen Museum München - Foto: JvdL (größer: Bitte klicken)

Postsäcke im Postzug – gesehen im Deutschen Museum München – Foto: JvdL (größer: Bitte klicken)

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17 Kommentare zu “Postbeförderung im Schneegriesel

  1. Aha, auch ein gewesener Kunstlehrer! Das kann heiter werden, nein, ist es schon! Die Umschläge sehen kostbar toll collagennah aus, klasse! Bei einer Teestübchenaktion würde ich gern mitmachen, bei Postcrossing bin ich schon lange nicht mehr dabei. Wo befindet sich besagtes Stübchen?
    Gruß von Sonja

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  2. Ein wundervoller Beitrag über die Post.

    Tatsächlich glaubte ich auf den ersten Blick, ohne freilich den Text zu lesen, die Zumwinkel-Marke wäre echt. Sich mit einer eigenen Marke ein Denkmal zu setzen, hätte ich dem Herren durchaus zugetraut.

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  3. Und ich hatte das Wort „Griesel“ einfach für eine süddeutsch verkürzte Form von „Geriesel“ gehalten! Was durchaus möglich wäre, denn „Geriesel“ könnte nach meinem Verständnis nicht nur den Vorgang des Rieselns vom Himmel bezeichnen, sondern auch das, was vom Himmel gerieselt ist, also das auf der Erde angekommene Endprodukt des Rieselvorgangs. Allerdings kann man das Wort dann nicht mehr von greis=gries=grau herleiten. Denn das Wort „rieseln“ dürfte damit kaum zusammenhängen, oder etwa doch? (Das wäre mal eine gute Frage an die Duden-Redaktion.)

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      • Die Verbindung zu gries/grau scheint doch etwas hergeholt, insonders Schneegriesel eben nicht grau, sondern weiß ist. Die naheliegendste Herleitung ist freilich von Grieß, mhd. griez, ahd. grioz („Sand, grobgemahlenes Mehl“) wegen der optischen Ähnlichkeit. Als Ableitung dazu das Verb grießeln („körnig werden, rieseln“) – [DUDEN Herkunftswörterbuch]

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        • Griesel zu Grau ist spekulativ wie Griesel zu Grieß. Optische Ähnlichkeit ist in beiden Fällen gegeben. Die dünne Schicht Schneegriesel auf der Straße wirkte nämlich tatsächlich mehr grau als weiß. Die Beobachtung ließ mich sicher sein, aber es ist wohl doch Volksetymologie. Da das Wort vermutlich älter ist als Makadam oder Kopfsteinpflaster, ist es vielleicht eine neuzeitliche Beobachtung. Andererseits sind Schneegrieselschichten nie besonders dick, so dass der Boden darunter meistens durchscheinen mag. Und wenn Sie berücksichtigen, dass die alte Wortbedeutung von Grau „glänzend, schimmernd“ ist …
          Wenns mit Grieß zusammenhängt, könnten wir sogar die Deutung von Kollegin iGing hinzunehmen, denn grießeln ist, wie Sie schon schreiben, „körnig werden, bröckeln, rieseln.“

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          • Dagegen ist nun aber einzuwenden, dass das im bairischen Sprachraum sehr geläufige Schneegrießeln (abgeleitet von grießeln*) als griaßeln ausgesprochen wird – im Unterschied zum (Schnee/Regen/Sand-)rieseln, welches man so spricht wie man es schreibt. Das rheinische gries für grau ist indessen im Bairischen ganz unbekannt, darum vermute ich eher dass es damit nicht zusammenhängt.
            (Hoffe, dass Wetter hat sich droben bei Ihnen mittlerweile gebessert 😉

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    • Dann gefallen die Marke und das Erstagsblatt dir? Freut mich, denn als Satiriker macht man sich oft unbeliebt 😉 sagt auch Michail Sostschenko:
      ” Der Beruf des Satirikers ist eigentlich ziemlich grob,
      schreierisch und unsympathisch. Dauernd muss man seiner
      Umwelt spöttische Bemerkungen machen, muss derbe Wörter
      gebrauchen wie ‘Dummbart’, ‘Taugenichts’, ‘Speichellecker’,
      ‘zerfleischen’ und so weiter.
      Wirklich, dieser Beruf ist manchesmal geeignet, die Zeitgenossen
      regelrecht zu vergrätzen. Manche denken sich: Was soll das?
      Darf der denn das? Muss das eigentlich sein?”
      (Michail Sostschenko, Das Himmelblaubuch)

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      • Wenn man mit dem Finger in eine Wunde herumstochert und es geschickt und gekonnt verpackt, dann gefällt es mir. Satire ist eine hohe Kunst und mir gefällt längst nicht alles, vielleicht liegt es auch am fehlendes Verständnis!

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  4. Mittlerweile geben einige private Briefdienstleister eigene Briefmarken heraus. Der Reiz der Briefmarke ist aber verschwunden, vielleicht, weil, wie du sagst, die Betrachtung mit der Lupe nichts mehr hergibt. Eine in Berlin abgestempelte Marke hatte doch einen anderen Reiz als eine, die aus Bochum kam. Über das Posthorn habe ich mir nie zuvor Gedanken gemacht! Und Herr Zumwinkel hat ein so schönes und so böses Ersttagsblatt nicht verdient. Wirklich schön, wie du da auch die Details beachtest.

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    • Private Postdienstleister sind ein ärgerliches und erbärmliches Geschäftsmodell, das nur funktioniert, weil es den regierungsamtlich geförderten Billiglohnsektor gibt, auch ein Zeichen des Niedergangs der einst so prächtigen Post. Deren Briefmarken mag man gar nicht anfassen, weniger noch hinten belecken. Das wollte man auch nicht mit der Zumwinkelmarke tun. Zum Glück gibts die nicht. Merci fürs Lob.

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      • Da weder Bundesregierung noch EU Steuerhinterziehung im großen Stil unterbinden, sondern sogar fördern, wie heute über das Steuerparadies Madeira bekannt wurde, erhebt sich die Frage, wieso es Zumwinkel damals so medienwirksam an den Kragen ging. Er muss hochrangige Politiker verärgert haben. Vor seiner Verhaftung in den frühen Morgenstunden hatte wer die Medien informiert. Weil wir nicht wissen, welches Intrigenspiel hinter den Kulissen abläuft, würde ich so eine Satire heute nicht mehr machen.

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