Beschämende Wolken

kategorie Mensch & NaturAls ich noch rauchte, saß ich mal auf dem Aachener Markt vor einem Café. Am Nebentisch nahmen zwei Mütter Platz und parkten die Kinder in ihren Kinderwägen zum Markt hin. Eine Rauchschwade von meiner Zigarette zog zu den Müttern hinüber. Da sahen sie mich missbilligend an, und ich drückte bald meine Kippe aus. Den verkehrsberuhigten Aachener Markt dürfen nur Taxen queren. Just vor uns hielt mit laufendem Motor eines und stieß seine Abgase genau in Höhe der Kinderwagen aus. Ich sah die Mütter nicht protestieren oder etwa ihre Kinder umparken. Dachten sie, eine ordentliche Nase Dieselabgas ist gesund? Dachten Sie überhaupt?

Als ich heute Morgen mit dem Rad zum Rückentraining fuhr, wendete jemand just vor meiner Nase seinen alten Kombi. Er beeilte sich, um mir nicht die Vorfahrt zu nehmen. Weil die Luft diesig war, sah ich noch deutlich die Abgaswolke stehen, die der Auspuff quer über die Straße geschrieben hatte. Da dachte ich, es wird eine Zeit kommen, da sich die Autofahrer schämen werden, die Umwelt mit Abgasen aus Verbrennungsmotoren zu belasten. Heute scheint das noch utopisch. Noch ist meine uneingeschränkte Vorfahrt wichtiger als meine Gesundheit. Der unselige Slogan „Freie Fahrt für freie Bürger!“ verklebt noch immer wichtige Ganglien im Gehirn. Nach den jüngsten Abgasskandalen wissen wir, dass die Autoindustrie ihre Käufer massiv belogen hat und aus Gewinnsucht die schleichende Vergiftung aller Menschen in Kauf nimmt. Die weltweite Sterberate durch Luftverschmutzung und Feinstaubbelastung ist sehr hoch. Allein in Deutschland sterben an den Folgen jährlich 35.000 Menschen (Quelle FAZ).

Bislang nehmen wird das billigend in Kauf. Es gibt auch keinen ARD-Brennpunkt zum Thema. Der Vergleich mit dem Mediengetöse bei terroristischen Anschlägen lässt ernsthaft am Verstand des Menschen zweifeln. Wenn ich vom Mittagstisch nach Hause radele, komme ich an einer Grundschule vorbei. Es ist unfassbar, wie viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto von der Schule abholen, wo doch in den Städten kein Schulweg länger als zwei Kilometer ist. Ganz Schlaue fahren sogar mit dem SUV vor, weil’s sicherer ist für die Kinder, genau so sicher, als würden sie ihren Blagen eine ganze Stange Zigaretten verabreichen, ihnen Dutzende Kippen in alle Körperöffnungen stecken und anzünden.

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20 Kommentare zu “Beschämende Wolken

  1. Du sprichst mir aus der Seele! Die Doppelmoral der Gesellschaft. Viel wäre ja schon gewonnen, wenn einem nicht andauernd erzählt würde, was man zu tun und zu lassen hat. Dass man z. B. nicht Rauchen soll, aber bitteschön Autos kaufen möge mit den von Dir beschriebenen und allseits bekannten Folgen für unser aller Gesundheit und Wohlergehen. Wenn ich mich als Radfahrer im Straßenverkehr bewege und hinter einem Auto auf die Weiterfahrt warten muss frage ich mich oft, ob Autofahrer eigentlich wissen, dass sie hinten rum gewaltig stinken.

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  2. Es ist sicher nur eine Frage der Zeit, dass sich Elektroautos durchsetzen. Ich denke auch oft an die Babies in Kinderwagen, sie sitzen genau in der passenden Hoehe. Rauchen in der direkten Umgebung ist sicher nicht optimal, aber eine Kleinigkeit gegenueber einem Spaziergang entlang einer Schnellstrasse.

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  3. Eine volle Ladung Auspuffabgase in die Lunge inhaliert, ist in der Lage mich loskotzend aus dem Sattel zu holen. Darum fahre ich gern auf Spiegelhöhe, was dem Autofahrer nicht gefällt, weil ich dann in seinen toten Winkel stecke und er mich dort nicht mehr so gut vergiften kann. Dafür kann er mich jedoch zerquetschen wie eine Fliege. Radfahrer, will ich damit sagen, sind dem Auto immer unterlegen und der schwächere Part. Wer oft Autos unfreiwillig am Hintern klebt als Radfahrer, kennt das Elend mit den Abgasen. Babylungen mögen weder Abgase noch Zigarettenqualm, die wollen Natur und frische Luft und kein Stadtgelärme. Als meine Kinder sehr klein waren, reagierten sie auf menschenüberquellendes Großstadtgelärme mit Protest, Sirenengeheule, Überdrehtheit und Stress. Stress macht krank. Sollte man Großstadtmüttern echt mal so sagen, wenn sie sich über Raucher in Ballungsgebieten blicktechnisch echauffieren. Meistens die, die später mit siebzig Sachen durchs Wohngebiet heizen um die Schulbrut einzusacken und die sich sexuell diskriminierend ertappt in ihrer Selbstverwirklichung fühlen, wenn sie wer freundlich anspricht, doch bitte langsamer zu fahren.
    Mir vor ein paar Tagen passiert.
    Nächstes Mal rauche ich während ich laufe wie ein Schlot und blase so etwas Uneinsichtiges mit dicken giftigen Nikotinwolken an.
    Ohne Schadstoff-Aktivkohlefilter. Überhaupt ohne Filter.
    Doch das ist ja der falsche Weg.
    Ich weiß.
    Darum lasse ich das auch lieber…

    Hast es auf den Punkt gebracht.
    Zustimmend und Dank von der Fee

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    • Zuerst habe ich gerätselt, wie man auf Spiegelhöhe fahren kann, wenn man keine Fee ist. Aber verstehe jetzt, was du meinst. Sich neben den Autos einzureihen, ist dann, wie du anschaulich machst, auch nicht zu empfehlen. Was du über die Auto fahrenden Frauen schreibst, kannst du als Geschlechtsgenossin wohl sagen. Ich hätte mich nicht getraut. 😉
      Danke für deine klaren Worte und liebe Grüße,
      Jules

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      • „Proletenpanzer“ ist ja lustig! Danke für den Nachweis. Zitat aus der Berliner Zeitung „Wolfgang Atzler, Geschäftsführer der Unfallkasse Berlin, empfiehlt Eltern, ihre Kinder – wenn möglich – zu Fuß zur Schule gehen zu lassen. ‚Schüler atmen frische Luft, werden wach und lernen auf diese Art leichter verkehrsangemessenes Verhalten‘, sagte Atzler.“
        „…atmen frische Luft“, hehe. Man sieht den Dreck, den die Stadtbewohner einatmen, leider nur bei diesigem Wetter. Daum lässt er sich trefflich verdängen, und die Wolfgangs dieser Welt können von frischer Luft schwadronieren.

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  4. …ich kann noch etwas sagen, weil ich den Heranschießenden stets rechtzeitig vorm Kühlergrill gerade eben noch vorherspringen konnte. Zur besten Abholzeit zwischen zwölf und eins vor der Grundschule vis-à-vis dröhnt hier der Asphalt wie der Jahnplatz zur Hauptverkehrszeit. 90 % davon sind Mütter. 98 % der Mütter sind freundlich. Ca. 70 % davon fahren Vollstoff (auch Väter!) in einer Tempo-30-Zone. Gegen Berliner Kissen und andere Auspuffquäler helfen Esjuwies. ersatzweise kommen auch Kleinbusse zum Einsatz.
    Ich sage zwar etwas als Geschlechtsgenossin, doch bin für Gegenargumente offen und gesprächsbereit. Und was mich stört spreche ich an und aus, im schönsten Fall erreiche ich ein friedliches Einsehen, im schlimmsten Fall Angriffslust bis der Arzt kommt. Und dann muss ich die Strategie eben ändern…

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  5. Ich hatte nie einen Proletenpanzer, und ich vermisse ihn fast nie. Die knapp 4 km bis zum Kindergarten bzw. bis zur Schule bin ich mit den Kindern meistens mit dem Rad gefahren. Irgendwann stand in der FAZ ein Artikel, in dem der Autor gejammert hat, es sei das Trauma seiner Kindheit gewesen, daß seine Mutter ihn jeden Morgen mit dem Auto zur Schule gebracht habe. Wie ein Baby sei er sich vorgekommen. Da fühlte ich mich bestätigt und konnte aus der Not eine Tugend machen …

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  6. Warnhinweise auf Autos? Auf den Tür vielleicht, oder auf der Motorhaube: Autofahren fügt Ihnen und Ihrer Umwelt…. Umlackieren unter Strafe stellen! Und die tatsächlich gemessenen Werte des Fahrzeugs mit einer LED- Anzeige gleich über dem Nummernschild für jeden lesbar machen.

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    • Gute Ideen! Gerade der Vorschlag einer Diigitalanzeige mit den aktuell gemessenen Werten ist genial.Natürlich müsse der Wert auch auf dem Armaturenbrett aufleuchten, so dass Autofahrer ständig vor Augen hätten, was sie gerade für Schäden anrichten. Warum nur kann man sich nicht vorstellen, dass derlei Kennzeichnung mal kommen würde? Der Mensch ist ja in vielen Bereichen Meister der Verdrängung. Wenn wir überall vor Augen geführt bekämen, was unser gedankenloser Konsum für Unheil anrichtet in der Welt, könnten wir nicht weiterleben wie bisher.

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