Aquarell

kategorie surrealer-AlltagMan kann ja tausend Sachen haben und Schubladen, die sich vor Zeug kaum noch bewegen lassen. Das schützt nicht davor, dass man just das nicht hat, was man gerade braucht. Ich will eine Straßenszene aquarellieren und habe kein kürschnerrot mehr. Glücklicher Weise bin ich vor acht Jahren, als ich mal einen Radiergummi gebraucht habe, da bin ich Mitglied in einem exklusiven Fachgeschäft für Künstlerbedarf geworden. In diesem sündteuren Geschäft residiert eine aparte Dame von ätherischer Schönheit an einem beinah quadratischen Infostand hinter der Theke und lächelt mich erwartungsvoll an.

„Wo finde ich denn kürschnerrot?“
Kunstvoll lackierte Fingernägel, jeder Fingernagel eine Miniaturlandschaft, eilen über eine Computertastatur. Mit Blick auf den Computerbildschirm verzieht sie ihren sorgsam geschminkten Mund zur Schnute.
„Hm, kürschnerrot fehlt! Seltsam, wir haben erst vorige Woche eine neue Charge bekommen.“
„Charge? Wie groß ist denn so eine Charge?“
„Fünfundzwanzig Näpfchen!“
„Nur fünfundzwanzig Näpfchen?! Warum bestellen Sie nicht mehr?”
„Sie hören mich seufzen. Kürschnerrot ist in letzter Zeit immer schwerer zu bekommen.“
„Warum?“
„Dieser wunderschöne Rot-Ton wird ja aus überfahrenen Kürschnern gewonnen. Die werden halt immer seltener.“
„Die Kürschner oder überfahren?“
„Kürschner! Ach, diesen ehrbaren Handwerkern wird ja von fanatischen Tierschützern so das Leben schwer gemacht!“
„Wir brauchen sie ja auch tot.“
„Ein aussterbendes Handwerk, zweifellos.“
„Bei den jährlich gut 4.000 Verkehrstoten sollten doch ein paar Kürschner sein.“
„Offenbar nicht oft genug.“
„Warum ausgerechnet Kürschner? Marderhaarpinsel gibt es ja inzwischen auch als Kunstmarderhaar.“
„Nur Kürschner haben den speziellen Unterhautton. Er lässt sich nicht künstlich synthetisieren.“
„Unterhautton?“
„Wenn die Haut abgezogen ist.“
„Was ist mit überfahrenen Bankstern oder Finanzmaklern?“
„Unter der Haut kotzgrün.“
„Politikern?“
„Kackbraun.“
„Journalisten?“
„Rotzwichsgelb.“
„Dass so schöne Lippen derart hässliche Wörter formen können, hätte ich nie gedacht.“
„O, ich kenne noch andere! Was halten Sie von ‚Geschlechtsorgananomalien’? Darüber haben wir uns gestern noch in der Sauna unterhalten, als ein wirklich bizarrer Kerl vorbeikam.“
„Brrr! Ach, wissen Sie was? Lassen wir das mit kürschnerrot. Ich will dann lieber doch keinen Verkehrsunfall aquarellieren. Mir ist grad ein bisschen schlecht.“

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18 Kommentare zu “Aquarell

  1. Kotzgrün und kackbraun sind die bevorzugten Farben des Landschafts-Aquarellisten, ohne die eine halbwegs brauchbare Gegend nur unzureichend abgebildet werden kann.
    Die ab 1869 auftretende Tendenz zu unnatürlicher Farbgebung in der Landschaftsgestaltung ist ein Hinweis darauf, dass Bankster und Politiker es ab da satt hatten, sich für künstlerische Belange von anrollenden Postkutschen überfahren zu lassen.
    Wir hingegen wünschen uns eine Rückbesinnung der Kunst in die Epoche eines Botticellis oder Michelangelos … 🙂

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  2. Eben dachte ich, déjà-vu? War ich bei diesem Verkaufsgespräch zufällig dabei?
    (ich lasse in dem Geschäft immer mein Spiegelbild rahmen und restaurieren)
    Aber vermutlich habe ich nur wieder bei Vollmond gebügelt. Da kommen schon mal solche Gedanken hoch.

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  3. Wieder was gelernt. Und allen Kühen Indiens sei hiermit zugerufen, was für jämmerliche Weicheier ihre Vorfahren waren, als sie durch ihre Protestiererei ein Verbot der traditionellen Herstellung des berühmten Indisch Gelb herbeiführten. Schließlich mussten sie lediglich schlechte Ernährung dulden, damit ihr Urin das köstliche Gelb gab, anstatt dass man sie dafür hätte gänzlich abschlachten oder gar überfahren müssen.

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    • Ja, die tierquälerische Gewinnung von „Indischgelb“ aus Kuhurin wurde vermutlich erst verboten, als man Gelb synthetisch herstellen konnte. Wusstest du, dass Gelb als Druckfarbe erst ab Ende des 19.Jh. herstellbar war? Die Einführung gelber Druckfarbe führte zum ersten regelmäßig in einer Zeitung veröffentlichten Comicstrip. Der Strip „The Yellow Kid“ erschien in der Zeitung New York World. Der Zeichner Richard Felton Outcault war ausdrücklich beauftragt worden, eine Figur mit gelber Kleidung zu gestalten. Zu sehen hier: https://de.wikipedia.org/wiki/The_Yellow_Kid

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  4. Für einen schönen Unfall braucht es doch bestimmt auch ein wenig Leichenblass. Und falls du, was sich heute erledigen ließe, doch lieber verschieben möchtest, ginge auch noch Morgenrot. Vielen Dank für das Kürschnerrot, eine Farbe, die ich, obwohl ich sie noch nie gesehen habe, künftig immer vermissen werde.

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    • Ja, „leichenblass“ auch. Beim Aquarell kommt Blässe ja vom Weiß des Papiers. Da würde sich eine Pinselspitze Kürschnerrot in einer gut gewässerten Partie gut machen. Schon vermisse ich diesen speziellen Rotton wieder. 😉
      Im Roman “ Der Meister des Jüngsten Tages“ von Leo Perutz kommt die bedrohliche Farbe „Drommetenrot“ vor: „Das ist die Farbe Drommetenrot, in der die Sonne leuchtet am Tage des Gerichts.“ Giovansimone Chigi, ein florentinischer Maler hat sie gesehen und gemischt, nachdem er ein dubioses Kraut geraucht hat und darüber wahnsinnig geworden ist. Dagegen ist „Kürschnerrot“ noch eine zahme Farbe.

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  5. Vielleicht lässt du das Unfallopfer außen vor und färbst nur den Verursacher.
    Der war bestimmt blau.
    Indigo kannst du nämlich ganz einfach selbst herstellen. Färberwaid kann ich dir schicken. Rinn in de Bottich, als Gär- und Lösungsmittel draufpinkeln und den Alkohol nicht vergessen! Je mehr Alkohol du trinkst, desto mehr Farbstoff. Für zwei Wochen, so lange braucht die Gärung, weißt du nun was du zu tun hast.

    Hihi, Jule

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    • Saufen für die Kunst, liebe Juleika? Was die Volksstämme südlich des Mains doch für skuriles Wissen haben, etwa dass man blau sein muss, um Blau zu bekommen. Und hackebreit, wenn man nur einen feinen Pinsel hat? Den Januar über habe ich meinen Alkoholkonsum deutlich reduziert, und weils so gut geklappt hat, mache ich im Februar weiter. Aber die Bildidee ist gut: „Porträt eines Unfallverursachers“ ganz in Blau.

      Danke für die Anregung und schöne Grüße in den Odenwald,
      Jules

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        • Wie konnte ich mich so vertun? Bei Wikipedia steht „Der Odenwald bildet in geologischer und geomorphologischer Hinsicht zusammen mit dem Spessart sowie mit den von diesem noch einmal durch Talungen getrennten Landschaften Büdinger Wald und Südrhön eine Einheit, die naturräumlich als Großregion 3. [zum] Odenwald, Spessart und Südrhön zusammengefasst wird.“ In Großregionen denke ich aber nicht. Zum Hochspessart besteht ein Unterschied. Hast dich vermutlich zu lange rar gemacht bei mir, Juleika.

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