Vorsicht vor Pausenlauten

Kategorie Medien Eine Weile kannte ich einen Mann gut, der war von einer Plage heimgesucht, die ihn wie einen Deppen aussehen ließ. Das war besonders tragisch, weil der Mann hochgradig gebildet war und über viel Verstand verfügte. Seine Plage zeigte sich an der eigentlich harmlosen nebenordnenden Konjunktion „und.“ Mit ihr lassen sich Wörter, Satzteile oder ganze Sätze aneinander leimen. Doch die Konjunktion „und“ lässt sich auch zweckentfremden, nämlich um einen Redefluss aufrecht zu erhalten und anzudeuten, dass auch nach Atempausen die Rede weitergehen wird. Dann verliert das Wort seine lexikalische Bedeutung, wird zum Stabilisator des Redeflusses und nimmt den Charakter eines Empfindungswortes an, auch Pausenlaut genannt. Im Fall des Mannes wurde dann aus „und“ „und-e“, wobei das „e“ im Auslaut durch das Öffnen des Mundes erzeugt wurde, was wiederum anzeigte, dass es nach dem Einatmen weitergehen würde. Dieses „Und-e“ übernahm quasi die Macht über die Sprechhandlung, und da ein Sprecher im Reden ganz er selbst ist, übernahm der freche Laut die Macht über den ganzen Mann. Das zeigte sich, wenn ich einmal eine seiner Atempausen nutzte, um auch etwas zu sagen. Dann wurde ich irgendwann später, wenn der Redefluss versiegt war, gerügt: „Dass du mich eben unterbrochen hast, Jules, war nicht nett. Was ich sagen wollte, war mir wirklich wichtig.

Kürzlich in der Kneipe wurde ich Zeuge, wie der Pausenlaut „ähm“ die Macht über die Rede eines Mannes an sich riss und gleich einer hochviralen Seuche seine gesamten Lautäußerungen okkupierte, sich dehnte zum „Äääähem“, immer länger wurde und bald frecherweise die bedeutungstragenden Wörter verdrängte, ja, den Sprecher blamierte, denn wenn einer, grad nachdem er drei Wörter hintereinander gesagt hat, schon mit äääähem anfängt, dann fragt man sich, ob er einen an der Waffel hat. Als es nun besonders schlimm wurde, hörte ich zwischen den „Ähems“ die peinliche Mitteilung, der Sprecher habe in einem bestimmten Abiturfach mit „ääähem – sehr gut“ abgeschlossen. Ob nun dieser freche Pausenlaut die eitle Selbstbespiegelung erzeugt hatte oder ob der Pausenlaut einem tiefsitzenden Geltungsbedürfnis Bahn brach, ist eine müßige Spekulation, denn wie schon oben gesagt, im Reden ist der Mensch ganz bei sich.

Um Ansteckung zu vermeiden, bin ich gemeinhin recht vorsichtig. Ich hörte nach der sehr guten Abiturnote einfach weg, schrieb etwas in mein Moleskinebüchlein, denn ich wollte mir keinesfalls diesen Virus des gedehnten „Ääähem“ einfangen, der Ausdruck der Eitelkeit dessen ist, der sich zu gerne reden hört und vor lauter Begeisterung über sich selbst nicht bemerkt, wie er andere entgeistert. Bevor man mir vorwirft, das wäre unhöflich geurteilt – man kann dem nur boshaft begegnen.

Ach so, fast vergessen: „Frohes neues Jahr allerseits!“

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15 Kommentare zu “Vorsicht vor Pausenlauten

  1. Ähh… und..mmh, ja, ach so: Frohes neues Jahr, lieber Jules. Dieses ‚und‘ als gesprochener Bindestrich oder als Pausenzeichen ist zum Glück weitgehend der gesprochenen Sprache zugehörig. Du hast ganz sicher Recht damit, dass es auch verhindern soll, dass da jemand einfach das Rederecht an sich reißt. Ansteckungsgefahr, ich weiß nicht, oder doch, möglicherweise schon. Ich kenne jedenfalls Situationen, in denen jemand hartnäckig immer wieder ein bestimmtes Wort verwendet, das ich dann sozusagen als Fremdwort mitnehme und ganz gegen meine Absicht locker in meine Gesprächsbeiträge einstreue. Meistens ist das aber nach einem Tag abgeklungen.

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  2. Bleibt zu hoffen, dass es nicht ansteckend ist. Oft ist es ja amüsant, wenn einem seltsame Dinge auffallen. Wenn einer zum Beispiel ständig ein Wort benutzt, dass so gar nich passen will und dann in zehn Sätzen fünf mal „regelrecht“ unterbringt.
    Manchen kann man aber gar nicht zuhören, ich schieße mich dann so auf diese Pausenlaute ein, dass es mich ganz nervös macht weiter zuzuhören.
    Ohne Pausenlaut… Frohes Neues auch dir!

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    • Fünfmal „regelrecht“ verweist auf ein interessantes Phänomen, dass nämlich Wörter sich in der Rede einnisten, ohne dass es dem Sprecher bewusst wird. Gut, wenn man nicht der einzige Ansprechpartner ist. Im beschriebenen Fall saßen wir zu viert am Tisch und ich konnte mich zurückziehen. Ein verwandtes Problem in der Schriftsprache, ist die „auch-Plage“, über die ich mal geschrieben habe, nachdem ich einen Mann getroffen hatte, der die Plage im Mündlichen hatte. Wenn du mal Zeit hast, liebe Mitzi, eine kleine Zeitreise zu einem lauen Sommerabend: http://trithemius.twoday.net/stories/auf-der-dornroeschenbruecke-kann-es-auch-schoen-sein/

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      • Lieber Jules, die Verlockung einer Zeitreise ist groß. Sie mit dir und zu einem so hübschen Ort wie der „Dornröschenbrücke“ anzutreten so reizvoll, dass ich ihr natürlich gefolgt bin.
        Ein harmloses Wort, dass ich sicher viel zu oft benutze und mir bis eben noch nicht einmal Gedanken darüber gemacht habe. Es lohnt sich vermutlich einmal darüber nachzudenken. 🙂
        Ich erinnere mich, dass du schon einmal von Hakenläufern geschrieben hast. Damals probierte ich (bei geschlossenen Vorhängen) gleich aus, wie ich selbst denn laufe. Ich glaube und hoffe die Brücke würde bei mir nicht allzu sehr schwanken.

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  3. Oft merken die Leute, deren stete Worterzeugung unendlich zu sein scheint, gar nicht, ob noch jemand zuhört, und es ist ihnen meist auch egal, hauptsache, sie reden. „Wer redet, ist nicht tot“ heißt es in einem Gedicht von Benn, ich habe die Vielredner in Verdacht, daß es genau darum geht: Selbstvergewisserung. Die Zuhörer müssen bloß da sein und können sich ansonsten verhalten, wie sie wollen, auch unhöflich, das macht gar nichts. Nur reinreden dürfen sie nicht.

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    • Ich vermute, diese Form der „Selbstvergewisserung“ ist besonders effektiv, wenn es Zuhörer gibt,besonders solche, die sich mit der Rolle abgefunden haben. Wenn einer das Wort ergreift, um es nicht mehr abzugeben, maßt er sich die akustische Oberhoheit an – und befriedigt Machtgelüste.

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  4. Und ja du hast ja so recht, ähem, und was wollt ich noch sagen?

    Ach ja, das mit frohen neuen Jahr ist ja schon voll im Gange und-e wie lange im neuen Jahr darf man üblicher Weise dieses frohgemute Wünschen eigentlich noch übermitteln? Meiner Meinung nach sicher noch am dritten Tag im neuen Jahr.

    Ein Frohes.

    🙂

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  5. Pingback: Nichts ist schwerer zu ertragen … | Schwemmland

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