Mensch im Mantel – Etwas über drinnen und draußen

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Cartoon: JvdL, abgedruckt in Aachener Prisma 1978

Diesen Strip von mir aus grauer Vorzeit, der mal Saturday Night Fever hieß, habe ich letztens wiedergefunden. Ich nahm mir vor, dazu eine Textcollage zu verfassen über den Kontrast, in der warmen Stube zu sitzen und unterwegs sein bei Eiskälte, und die Einzelbilder des Strips als Vignetten zu nutzen. Frostknackende Kälte vermissen wir derzeit noch, aber ich  wollte die Collage nicht länger zurückhalten.

mensch-im-mantel1„Hyggelig“ ist das dänische Wort für Gemütlichkeit. Die Entsprechung im Deutschen wäre „heimelig“, aber anders als heimelig ist hyggelig ein nationales Stereotyp der Dänen. Man möchte die Nordleute fast beneiden, denn hyggelig lebt vom Kontrast zwischen warmen Stuben und einer ungestüm kalten Natur. Man muss sich beeilen, die Tagesgeschäfte zu erledigen, denn derzeit geht die Sonne noch früh unter. Wenn die Dämmerung aufzieht, mache ich es mir hyggelig, hülle mich in eine bequeme Hose, schlüpfe in eine flauschige Hausjacke, entzünde freundliche Lichter, schaue an den Heizkörper gelehnt schaudernd aus dem Fenster und freue mich am Kontrast zwischen drinnen und draußen. Zwischen den beiden Umständen steht grammatisch nur die Konjunktion „und“ und physikalisch eine Fensterscheibe aus Isolierglas. Unsere germanischen Vorfahren nannten das Fenster „Windauge“, was noch weiterlebt im engl. „Window“. Das Fenster war also die erste Erweiterung des menschlichen Auges. Doch wenn der Wind kalt wurde, kam Zug auf das Auge und es musste verhängt und durch Läden verschlossen werden. Die Sitte, den eisigen Wind mit transparentem Glas fernzuhalten, kannten schon die Römer, kam aber nördlich der Alpen erst im Mittelalter auf.

mensch-im-mantel2Fast war noch Nacht. Der Sturm heulte im Schornstein, tobte und pfiff, bog die schlanken Masten der Laternen, trieb den glitzernden Schnee durch ihre Lichtkegel, ließ die kahlen Äste der Straßenbäume erzittern und fegte die Vögel von den Dächern. Im Fallen sind sie schon steif gefroren, polterten wie steinerne Kugeln über die Dachziegel und zerbarsten auf dem Bürgersteig. Einige Leute hasteten geduckt vorbei, schwangen eilends die Hufe, soweit es die Glätte zuließ. Wo alles Leben erstarrt, durften sie nicht lange sein. Und in dem Sausen und Brausen ist ganz stoisch die erste Straßenbahn vorüber gezogen und hat ein paar Leute zum Erfrieren stadtauswärts gebracht. Draußen vor der Stadt war nichts, was dem Schneesturm Einhalt bieten konnte. Da geriet er in Raserei, peitschte die nackten Rücken der Felder und drosch die Hasen aus ihren Mulden. Und als wäre er wundgeprügelt, zeigte sich am Horizont ein blutroter Streif. Wohl dem, der irgendwo hin gehört, ein Dach überm Kopf hat und ein Feuer im Kamin, wo man ihn erwartet und sitzen lässt.

Am Mount Everest, K2 und an anderen hohen Gipfeln nimmt der Bergtourismus zu. Banker, Finanzjongleure, Investoren, solche, die neuerdings zu Geld gekommen sind, suchen dort oben sich selbst, wollen ihre Grenzbereiche erkunden, außerhalb der alltäglichen Erfahrung. Sie mieten Ausrüstung, Sherpas, Bergführer und steigen in Seilschaften hinauf ins ewige Eis, ohne es je geübt zu haben, außer an Klimmwänden in Fitnesscentern. Im Berg sind die Grenzbereiche rasch durchdrungen, und sie erfahren, dass ihre Allmacht nur unter schwachen Menschen besteht, nicht aber in der eisigen Natur, stürzen in Felsspalten, erstarren in ihren Schlafsäcken, sinken stumm in den Schnee und vereisen. Gehts noch kälter?

Es gibt da oben im Himalaja einen tibetanischen Mönchsorden, der sich auf eine wundersame Übung versteht in eiskalter Nacht. Sie führen einen der ihren nackt hinaus, er hockt sich in den Schnee, und sie behängen ihn mit Decken. Andere eilen mit Wassereimern herbei und leeren sie über seinem Kopf. Augenblicklich frieren die Decken ein und erstarren zum Eispanzer. Dann lassen sie ihn allein, und der im Eis wird die Nacht über versuchen, die Decken an seinem Körper aufzutauen und zu trocknen.

mensch-im-mantel3An einem frostigen Sonntag traf ich im Weiler Mamelis ein. Die letzten zwei Kilometer hatte ich rollend bewältigt, ohne selbst treten zu müssen, denn ich kam vom niederländischen Grenzort Vaals herunter und fuhr in die Niederlande Richtung Maastricht. Dabei war mir im Fahrtwind schon lausig kalt geworden. Auf der Höhe von Mamelis bog ich von der Maastrichter Laan ab und rollte hinunter zum Gehöft am Selzerbeek. Dort schloss ich mein Rad an ein Eisengitter, was ich später bereuen sollte. Vom Dorfe Orsbach kam Freund Erlenberger herunter und suchte sich einen Weg über den zugefrorenen Selzerbeek, der hier Grenzbach ist. Wir waren für eine Winterwanderung durchs schöne Mergelland verabredet. Es schien ganz prächtig die Sonne, doch wo unser Weg durch sanfte Täler, über Hügel und Höhenrücken der weithin mit Reif bedeckten Landschaft führte, blies ein eisiger Ostwind. Eisiger Wind zehrt an den Kräften. Jedenfalls war ich erschöpft und müde, als wir das Dorf Mechelen am Kehrpunkt unserer Wanderung erreichten. Die niederländischen Dörfer im Mergelland mit ihren restaurierten Fachwerkhäusern sind allesamt touristisch herausgeputzt. Ich sagte: „Wenn der liebe Gott völlig verkitscht ist, dann ist hier sein Vorgärtlein.“ Erlenberger nickte, denn anders als ich war er noch nicht vom Glauben abgefallen. Wir beschlossen, uns in einem Café aufzuwärmen. Als wir eintraten, fanden wir das halbe Dorf, Oma, Opa, Mama, Papa und Kinder allen Alters in drangvoller Enge versammelt. Das Stimmengewirr wurde übertönt von Schnulzen aus den 60er Jahren. Gerade lief Little Green Bag von der George Baker Selection. Es war wirklich hyggelig, obwohl das Wort nicht ganz die spezielle Form der holländischen Gemütlichkeit trifft. Auch der Fremde ist rasch vereinnahmt. Wir tranken heißen Kaffee, aßen appeltaart met slagroom genossen, dass wir nicht fragen mussten, ob man deutsches Geld nehmen würde, sondern zahlten erstmals mit Euro-Münzen. Es wird also im Winter 2002 gewesen sein. Auf unserem Rückweg mussten wir gegen den Wind an. Die Dämmerung fiel herab und als wir wieder in Mamelis eintrafen, war es bereits stockfinster.

mensch-im-mantel4Mein Fahrradschloss war eingefroren. Als ich den Schlüssel zu heftig drehte, brach er im Schloss ab. Wir gingen durchs Tor ins Gehöft und fanden nur Licht im Kuhstall, wo die Bäuerin bei der Arbeit war. Sie fühlte sich gestört und war mürrisch, fast so finster wie das ganze Gehöft. Widerwillig holte sie einen Werkzeugkasten und gab mir eine Eisensäge. Wenn Erlenberger ihr nicht bekannt gewesen wäre, hätte sie mir nicht geholfen. Als Fahrtraddieb bin ich eine Niete, hab sicher eine halbe Stunde am Schlosskabel gesägt. Nachdem wir mein Fahrrad befreit hatten, begleitete ich Erlenberger nach Hause. Schon vom Schieben bergauf war mir wieder warm geworden. Doch so richtig hyggelig war es an Erlenbergers Kaminofen, in dem die Holzscheite knackten und loderten und auf dessen Herdplatte zwischen dicken Kieselsteinen der Wasserkessel zischte. Für kurze Zeit war die unwirtliche Natur ausgesperrt.

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35 Kommentare zu “Mensch im Mantel – Etwas über drinnen und draußen

  1. Wärme ist ein Luxus,der einem erst bewusst wird, wenn man ihn nicht mehr hat. Dein Beitrag erinnert mich gerade an ein Erlebnis, als ich die Wichtigkeit der Windtemperatur noch nicht ernstgenommen habe…der Wind war noch mal 10 grad kaelter als die Aussentemperatur von minus 20 , selbst das Atmen fiel schwer….und selten habe ich mich mehr nach Wärme gesehnt….Liebe wärmende Gruesse, Ann

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  2. Sehr schön zu lesen, wunderbar erzählt.
    Weißt Du, weshalb die das gemacht haben, die tibetanischen Mönche? Vermutlich eine von diesen religiösen „Mutproben“? Da muß es doch auch welche gegeben haben, die das nicht geschafft haben und jämmerlich erfroren sind.

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  3. Seit zwanzig Jahren als mir mein TI-Raleigh-Rennrad (mein ganzer Stolz meiner ersparten schülerischen Barschaft in einem Kuhkaff im Münsterland von einem kalkulierendem, münsterländischen Bauerntrottel) gestohlen worden war, habe ich mir vor 300 km ein Pedelec gekauft und ich fühle mich stolz wie ein Auto-Käufer (allerdings, es ist mein allererstes motorgetriebenes Vehikel seit 50 Jahren; bislang hatte ich noch ein Auto).
    „hyggelig“ sagt mir etwas, obwohl ich münsterländisch bin. Gelesen und ausgesprochen sagte es mir genau das, was du beschrieben hast.
    Auch wenn es nichts mit deinem Post zu tun hat (und dir Frazenbuch ein Greuel ist; was ich absolut gut verstehe) erstlle ich hier ein Link, der dir ein wenig Heiterkeit und Zynismus ins Leben bringen könnte: https :/ /www. facebook. com/mitternachtsspitzen/videos/1055538547908430/
    Ich musste bei dem Video an dich und deinem eigenem Status und eigenem Humor denken. Ich hoffe, ich untertreffe deine dir nicht (und generiere mich zum Smog).

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  4. Wärme! Ihre Erzählung hat Erinnerungen geweckt an die Winter meine Kindheit. Oft hatte ich im Winter eiskalte Füße, wenn ich von der Schule heimkam und meine Großmutter steckte sie in eine Schüssel mit kühlem Wasser. Es durfte kein allzu warmes Wasser sein, das wäre lebensgefährlich, hieß es. Erst viel später wurde mir klar, oft steckte ich in Schuhen, die mir zu klein gewesen waren und meine Füße einzwängten.

    Von meinem Vater weiß ich, dass er (und seine Brüder) von Frühling bis zum Winter barfuß und mit der kurzen Lederhose zur Schule gegangen war. Im Alpenland. Nur ab dem Spätherbst, in der Winterkälte gab es ein Paar Schuhe zum Anziehen. Ein einziges Paar – Wer könnte sich das in der heutigen Zeit noch vorstellen.

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    • Danke für den Kurzericht über die rauen Sitten in den Alpen. Es erinnert mich an die Zeichentrickserie Heidi, die darin auch mit nackten Füßen dargestellt war. Ich habe das als falsche Darstellung empfunden, aber Ihr Bericht macht das authentisch. Diese Form der Abhärtung ist heutzutage tatsächlich kaum noch vorstellbar. In der Stadt sah ich im Bekleidungsgeschäft sogar zwei Punker, die ihre bemalten Lederjacken gegen dick gefütterte Wintermäntel tauschten, um sich besser gegen die Witterung zu schützen.

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  5. Was mir wieder einmal sehr gut gefällt, ist deine spezielle Mischung. Da gibt es die persönlichen Momente, in denen wir mit dir am Fenster stehen oder mit der Eisensäge vor dem Fahrrad und dann trittst du ein Stück zurück, holst so nebenbei die tibetanischen Mönche und die Manager im Eis hervor, lässt und staunen und den Kopf schütteln. Und deine Zeichnungen sind sehr gelungen!

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    • Das freut mich, lieber Manfred. Wenn man das Fenster als Erweiterung des menschlichen Auges ansieht, dann ist das digitale Fenster des Computerbildschirms die Erweiterung über das eigene analoge Blickfeld hinaus und erlaubt die thhematische Erweiterung. Zu den Zeichnungen: Als ich damals Tuschstrukturen gestrichelt und gepunktet habe, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass die Zeichnungen 38 Jahre später in einem digitalen Medium erneut aufscheinen würden als visuelle Anregung für eine Text über winterlicher Kälte. Damals machte gerade der Film Saturday Night Fever Furore, und der Strip war mein Kommentar dazu.

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