Leckere Champignoncremesuppe mit Gewäsch

Kategorie MedienSich auf eine höfliche Frage einen kalten, abweisenden Blick einzufangen, beleidigte sein Rechtsempfinden. Dabei sah sie aus wie die zehn Jahre ältere Schwester seiner Exfreundin Tina, was ihr schon mal grundsätzlich seine Sympathie eingetragen hatte. Von so einer zurückgestoßen zu werden, war doppelt übel. Es hätte durch umsichtige Planung verhindert werden können. Er hatte nicht bedacht, dass dienstags Markt ist. Dann ist auch das Lokal überlaufen. Im hinteren Raum gibt es hinter einer Säule einen langen Tisch, an dem sechs Personen bequem sitzen können.

Er war von drei Frauen besetzt. Er fragte aus reiner Platznot, ob er sich hinzusetzen dürfe. Die am Kopfende hätte sagen können, dass noch eine Freundin erwartet werde. Das tat sie nicht, denn ein anderer Gedanke hatte sich störend in ihr Bewusstsein geschoben, dass man keinen Zuhörer würde haben wollen, der vielleicht albern finden könnte, was man zu reden beabsichtigt. Vermutlich waren ihre Bedenken nicht ausformuliert, blockierten aber trotzdem oder genau deshalb ihr Sprachzentrum. So starrte Tinas Schwester den Frager nur starr an. Ihm blieb keine Wahl, diesen Akt der Unhöflichkeit zu ignorieren. Er hielt genügend Abstand und setzte sich einfach, aber der unerquicklichen Vorgang zog ihm einiges an Energie ab. Da war er froh, als Alexa, die junge Serviererin, ihm die köstliche Champignoncremesuppe brachte mit den Worten: „Ach, hier sind Sie! Ich habe Sie zuerst gar nicht gefunden.“ Es schwang darin „Dass Sie es wagen, sich mitten in den Hühnerhof zu setzen, hätte ich nicht gedacht.“ „Hm!“, sagte er und meinte „das kostet mich mehr Energie als ich mir mit der Suppe an Energie zuführen kann.“

Foto: Teestübchen Archiv

Foto: Teestübchen Archiv

Und was hatten die zu erzählen! Er versuchte einfach wegzuhören, doch gemäß einer vertrackten Fehlfunktion seines Gehirns wurde er immer aufmerksamer, je weniger er wollte. Es ging um kleine häusliche Konflikte, um Ehemänner. Die erwartete Freundin traf ein und brachte Berichte von ihrem Sebastian mit. Stefan, Andreas, Martin und natürlich auch Sebastian waren beruflich so gestresst, dass ihnen nach eigener Einschätzung nicht zugemutet werden konnte, sich um häusliche Angelegenheiten zu kümmern, etwa die Spülmaschine ein- oder auszuräumen, was zweimal am Tag fällig war. Hier versicherte man einander, dass es notwendig und normal sei, die Spülmaschine zweimal täglich einzuschalten, und dass es nicht zuviel verlangt wäre, wenn Stefan, Andreas, Martin und natürlich Sebastian sie auch mal ausräumen würde. Stattdessen hatte Martin seiner Frau gesagt, wenn er am Abend heimkomme, erwarte er, dass sie die Spülmaschine repariert habe. „Wieso du?“, fragte Tinas Schwester. „Ich würde einfach einen Monteur kommen lassen.“ „Oder kaufe eine neue und lass die alte mitnehmen“, schlug eine andere vor, die genauer zu spezifizieren leider unmöglich ist, weil der Beobachter nicht gut hingeguckt hat. „Meinst du, dass er das nicht merkt?“ „Ich würde wetten, dass nicht“, sagte Tinas ältere Schwester.

Sie hatte ganz andere Probleme. Ihr eigensinniger Andreas wolle unbedingt vor Weihnachten in allen Schlafzimmern noch neuen Teppichboden verlegen. Das wäre so ein Aufwand. Alle Betten müssten abgebaut werden. Das würde ja Christopher machen. Andreas wäre gar nicht begeistert. Für einen Moment versank der unerwünschte Tischgast in Spekulationen, wer wohl der ominöse Christopher wäre. Ein Hausfreund, Liebhaber gar, und schon überrollte ihn eine Woge des Mitgefühls für Andreas. Naja, besser der Liebhaber zerlegt alle Betten und nutzt sie nicht für andere Zwecke. Und die neue Auslegeware liegt ja noch nicht, obwohl … wo ein Wille ist, tut es eine Besenkammer. Doch jetzt fuhr sie fort: „Zwar freut sich Noel, dass sein Patenonkel mal etwas länger da ist, aber Andreas wird ja im Büro gebraucht.“

Über den Bildungsstand der vier Grazien ist leider nichts bekannt. Aber was die redeten, war nicht elaboriert zu nennen, genau betrachtet war es ein klassischer restringierter Code, wie ihn Kinder benutzen, die sich noch keine Gedanken machen über den Kenntnisstand ihres Gegenübers. Nach Ansicht des Soziolinguisten Basil Bernstein charakterisiert der restringierte Code den Sprachgebrauch bildungsferner Schichten. Er ist aber auch in Gruppen nützlich, deren Mitglieder über einen gemeinsamen Wissenshorizont verfügen.

‚Alle Achtung‘, dachte der Beobachter und hatte noch mehr zu denken. Die vier Damen mussten über ein weitverzweigtes Modell der Gruppe verfügen, dessen Ankerpunkte sie selbst waren und welches sich auffächerte in vier Ehemänner, eine Schar Kínder, die Patenonkel, und ggf. die jeweiligen Liebhaber – mit all ihren Namen, Eigenarten und Tätigkeiten. Jede Sprecherin stand geistig in der eigenen Haustür, hatte aber das komplette Modell vor Augen. Dieser gemeinsame Wissensbestand ermöglicht dieses nachbarschaftliche Geschratel übers Allgemeine, ohne dass die jeweiligen Sozialbezüge aufgezeigt werden müssten. Bei jeder Zusammenkunft der vier bewegt sich das Gespräch kundig durch das Modell. Der Aufmerksamkeitsfluss wird mal hierhin, mal dorthin verlagert. In der einen Wohnung steht die defekte Spülmaschine, in der anderen zerlegt ein Patenonkel die Betten und ein gestresster Ehemann grämt sich, dass er das Zerlegen nicht überwachen kann, sondern wieder ins Büro muss. Äch, übrigens, der Betrachter fand nicht blöd, was gesprochen worden war, nur außerordentlich befremdlich. Und wenn er ehrlich sein sollte, dann hatte er in dieser Tischgruppe wirklich nichts verloren.

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10 Kommentare zu “Leckere Champignoncremesuppe mit Gewäsch

  1. Geschratel kannte ich noch nicht. Weißt du wo das Wort herkommt? Steckt da der Schrat drin?

    Diese Art der Konversation ist das, was mein Vater Fellpflege zu nennen pflegt. Die Affen tun es auch dann, wenn keiner von ihnen Läuse im Pelz hat. Es dient einfach nur dem Wohlbefinden und der Stärkung des sozialen Gefüges.

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    • Schrateln ist im landkölschen Raum verbreitet für schwatzen, quatschen, klatschen oder wie dein kluger Vater sagte „Fellpflege“, also eigentlich kraulen. Ich glaube, dass hierin ein Ursprung der Sprache zu finden ist. Wenn eine Gruppe wächst und gedeiht, müssen die Mitglieder viel Zeit für das gegenseitige Kraulen aufbringen. Sprachlaute sind eine Sorte Fernkraulen, mit denen ein Einzelner eine ganze Gruppe bedienen kann.

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  2. Es ist vielleicht auch eine psychohygienische Übung, der hier beigewohnt wurde. Geteiltes Leid und so weiter… Und ja, ich kann sehr gut nachempfinden, was es bedeutet, in einer Runde gelandet zu sein, deren Gespräch man nicht folgen kann. Ich erlebe sowas auch bei Familienbesuchen, wenn Informationen über Bekannte und Verwandte aktualisiert werden, die ich nicht kenne, ja nicht einmal zu kennen wünsche.

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      • Ja. Als Zugreisender habe ich das lange ertragen müssen. Völlig uninteressantes Zeug muss, auch das scheint per Naturgesetz geregelt, immer besonders laut besprochen werden. Unter anderem deshalb ist das Hörbuch eine gute Lösung für den ÖPNV.

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    • Wie sich dein Geschlecht hier unterhält, erfordert eine rein weibliche Fähigkeit, sich nämlich Daten aus Sozialbezügen zu merken. Meine Schwägerin konnte beispielsweise die Geburtstage meiner Kinder aufzählen, obwohl sie kaum Kontakt hatte. Ich hingegen habe mir mal eine Karteikarte mit Namen und Geburtstagen angelegt und kann sie immer noch nicht auswendig. Auch kann ich nur eine einzige Telefonnummer auswendig.

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