Verschüttete Milch und ein kaiserlicher Goldtaler

Kategorie Kopfkino
In vielen Texten zum Erzählprojekt „Die Läden meiner Kindheit“ ist die Rede vom Milchholen, mal beim Milchmann im Laden, mal beim Bauern. Ein etwa zehnjähriges Mädchen erzählte mir einmal im Deutschunterricht eine absolut erstaunliche Geschichte aus dem Leben ihres Großvaters, der Milch holen sollte und einen kaiserlichen Goldtaler bekam. Ich habe sie aus der Erinnerung möglichst getreu nacherzählt.

Dieser Goldtaler befindet sich im Besitz der Familie. Man hat ihn vom Großvater geerbt. Er lebte als kleiner Junge in einem Dorf in den Österreichischen Alpen. Das Elternhaus lag abseits des Dorfes. Jeden Abend musste der Junge ins Dorf laufen, um beim Bauern Milch zu holen.

Einmal hörte er vom Marktplatz her Marschmusik. Er lief hin und staunte die Militärkapelle an. Erst nach einer Weile konnte er sich losreißen und ließ sich beim Bauern die Milchkanne füllen. Jetzt musste er sich beeilen. Auf dem Weg stolperte er und stürzte mit dem Knie in einen rostigen Nagel. Zu Hause schimpfte der Vater, denn der Junge kam viel zu spät zurück und hatte auch noch Milch verschüttet. Deshalb wagte er nicht, von seinem Unglück zu erzählen und legte sich mit seinem wunden Knie ins Bett.

Am nächsten Morgen hatte der Junge hohes Fieber. Das Knie war dick angeschwollen. Man brachte ihn in die Stadt ins Krankenhaus. Dort lag er zusammen mit gut 20 Verwundeten des ersten Weltkriegs in einem Krankensaal. Eines Tages erwartete man Besuch vom Kaiser. Es muss wohl Karl I. gewesen sein. Das Krankenhaus war in heller Aufregung; alles wurde herausgeputzt. Der Direktor des Krankenhauses wollte nicht, dass der Kaiser die vielen Kriegsverletzten zu sehen bekam. So ließ er sie alle in den Keller bringen.

Als der Kaiser mit seinem Gefolge den Krankensaal betrat, fand er nur den Jungen in seinem Bett. Er begrüßte den Jungen, sprach mit ihm, und als er sich abwenden wollte, rief der Junge ihn zurück. Er sagte leise:
„Willst du wissen, wo die anderen sind?“
„Ja, gibt es denn noch andere?“
„Schau einmal im Keller nach.“

Da war der Kaiser so gerührt, dass er dem Jungen einen Goldtaler schenkte. Es ist nicht überliefert, wie der Kaiser auf die Kriegsverletzten im Keller reagiert hat.

Druckerei Eupen – „Sie wollen nicht widersprechen!“

kategorie Mensch & NaturBlogfreund Manfred Voita definiert in seinem Text Fußweg zum Rock’n Roll Kindheit als Freiheit von beruflicher Arbeit. Damit kann ich nicht dienen, denn als ich nach acht Jahren Volksschule meine Lehre begann, war ich in vielerlei Hinsicht noch Kind. Doch es hatte auch den Vorteil, dass ich mit 16 schon Geselle war. Die folgende Szene spielte sich ein Jahr zuvor ab – in meinem 3. Lehrjahr, und ich bin da nicht Kunde, sondern muss Kundschaft bedienen:

Das Haustelefon in der Setzerei klingelte. Ich nahm den Hörer ab. Der Alte war dran.
„Du willst mal herunterkommen!“, sagte er.
Ich legte den Winkelhaken auf den Rand des Setzkastens, wusch mir den Bleidreck von den Fingern und ging die Treppe hinunter in den Laden der Druckerei.
„Ha! Sie wollen mir nicht widersprechen!“, hörte ich den Alten gerade sagen. Dann sah ich, wer diese Ungeheuerlichkeit gewagt hatte. Im Laden standen ein junger Mann und eine junge Frau und schauten sehr unglücklich drein. Die beiden hatten Pech, denn es war kurz nach 14 Uhr, und die freundliche junge Frau, die die Laufkundschaft bediente, war noch nicht aus der Pause zurück, so dass der Alte bedienen musste. Er hatte ein Musterbuch auf den Tisch gelegt, aus dem die beiden sich eine Vermählungsanzeige aussuchen sollten. Offenbar hatten sie sich eine andere Schrift gewünscht als vorgesehen war. Denn Verlobungs- und Vermählungsanzeigen setzen wir aus der Forelle, der „Charme“ oder der „Delphin“. Zu allen waren Beispiele ins Musterbuch eingeklebt.

Der Alte brummte: „Sie wollen den Lehrling fragen“, knurrte mir irgendwas zu und ließ mich mit den beiden allein. Ich fragte höflich nach ihrem Begehr. Sie waren froh, es mit mir zu tun zu haben, obwohl meinen linken Handrücken und meinen grauen Kittel Flower-Power-Motive schmückten, die ich aus Übermut mit dem Kuli draufgemalt hatte. Auch trug ich eine bunte Kugelschreibersammlung aufgereiht in der oberen Kitteltasche. Da klemmten so viele, wie gerade nebeneinander passten.

Ja, sie wollten heiraten, verlobt waren sie schon. Ich sah es an den Ringen. Sie waren sich wegen der Schrift nicht schlüssig. Die formelhafte sprachliche Vorlage akzeptierten sie klaglos. Es war zu jener Zeit nicht schicklich, groß von der Norm abzuweichen. Zudem waren Sonderwünsche teuer. Und ich habe dem Verlobungspaar, glaube ich, die Sonderwünsche auch ausgeredet.

Übrigens leitete der Alte alle seine Anweisungen mit „du willst!“ ein. Er hatte diese Weise, mit Untergebenen zu sprechen, offenbar aus der Kaiserzeit von seinem Vater übernommen und sie in die sechziger Jahre gerettet. Dass er mit den Kunden auch so sprach, fanden wir damals witzig. Doch Ende der sechziger Jahre war das Druckerhandwerk noch in einer unangefochtenen Machtposition. Das änderte sich dann rapide Mitte der 70er, als die Fotosatzgeräte eingeführt wurden.

Zeitsprung
Vor einigen Jahren rief mich die Freundin eines Freundes an. Sie wusste, dass ich mich mit Kalligraphie beschäftigt hatte und auch gelegentlich Layouts gestaltete, weil mich diese Arbeit noch immer fasziniert. Eine ihrer Freundinnen wolle heiraten, und sie wünsche sich für die Vorderseite der Vermählungskarte einen kalligraphischen Spruch. Ob ich das machen könne. Ich sagte zu, denn so hätte ich einen Grund, mich mal wieder in Kalligraphie zu üben.

Dann bekam ich Besuch von zwei jungen Frauen. Zuerst dachte ich mir nichts dabei. Die eine war vielleicht nur mitgekommen. Doch als meine Kundin an meinem Tisch ihr Manuskript entfaltete, sah ich zwei Frauennamen. Da begriff ich endlich, dass diese beiden Frauen bald heiraten würden. Ich ließ mir nichts anmerken und tat, als würde ich alle Tage für gleichgeschlechtliche zukünftige Ehepaare Vermählungsanzeigen gestalten. Ich fand sogar prima, dass die beiden sich trauten, sich trauen zu lassen. Auch war die Besprechung mit ihnen wirklich nett.

Man schaue sich aber einmal den Unterschied der beiden Situationen an, die ich hier geschildert habe. Es liegen nur wenige Jahrzehnte dazwischen. Doch die haben es verdammt in sich.

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Die Jungfrauenhasser oder Warum die Jungfrauen immer seltener wurden

Kategorie MedienZu den schönen Momenten während meiner Arbeit als Schriftsetzerlehrling zählte, von einem fertigen Bleisatz den ersten Korrekturabzug zu machen. So ein Text im Bleisatz ist grau in grau. Die druckenden Teile, Schrift und Linien stehen zwar um weniges erhaben hervor, aber ist Spiegelschrift. Deshalb wird im Kopfstand gesetzt. Der Bequemlichkeit halber steht nicht der Schriftsetzer auf dem Kopf, sondern der Satz. Das hat den Vorteil, dass auch Spiegelschrift von links nach rechts gelesen und gesetzt werden kann. „Ausbinden, Abziehen!“, befahlen mir die Gesellen im Anfang meiner Lehrzeit, als ich noch nicht viel anderes konnte. „Ausgebunden“ wird die fertige Satzform durch Umwickelung mit einer festen Schnur, um zu verhindern, dass alles auseinanderfällt. Die ausgebundene Form lässt sich transportieren und für den Korrekturabzug in die Abzugspresse schieben.

Die einfachste Handabzugpresse bestand aus einem festen Metalltisch, mit Schienen an den seitlichen Rändern, über die kleine Eisenräder liefen, die wiederum eine Gummiwalze antrieben, wenn die Einrichtung von Hand vor und zurück bewegt wurde. Zum Abziehen wurden die Gesichter der Buchstaben mittels Handwalze satt eingefärbt mit schwarzer Druckfarbe, dann wurde ein Bogen Papier aufgelegt und die Druckwalze einmal darüber gezogen. Den jetzt bedruckten Bogen abzuheben und erstmals einen Druck zu sehen, wie er schwarz auf dem weißen Papier stand, war für mich der schönste Augenblick. Anschließend heftete ich den Abzug mit einer Büroklammer ans Manuskript und trug ihn zum Korrektor.

Die Jungfrauenhasser bei der Arbeit - (aus: Graphisches ABC 1964)

Die Jungfrauenhasser bei der Arbeit – (aus: Graphisches ABC 1964)

„Wie schön, wenns eine Jungfrau wäre“, habe ich oft gedacht und mir gewünscht, der Korrektor werde keinen Fehler finden. Doch meistens bekam ich meinen Korrekturabzug zurück und er war mit roten Korrekturvermerken beschmiert wie die Fahnen chinesischer Räuberbanden. Damals lernte ich: „Deshalb heißt ein fehlerloser Erstabzug ja auch ‚Jungfrau.‘ Weil er so selten wie eine Jungfrau ist!“ Da ich erst 13 Jahre war, als ich meine Schriftsetzerlehre antrat, verstand ich den Zusammenhang nicht zwischen dem Begriff aus der bilderreichen Druckersprache und der alltäglichen Bedeutung von Jungfrau.

Warum waren Jungfrauen so selten? Die meisten Korrektoren waren gelernte Schriftsetzer. Im vorgerückten Alter hatten sie Rückenprobleme, konnten sie die schweren Setzkästen nicht mehr heben und wurden in die Korrektorenstube versetzt. Dort war es ihre Aufgabe, Fehler zu finden. Da wollte der Korrektor seine Nützlichkeit beweisen. Gab es keine Setzfehler und war auch das Manuskript orthografisch einwandfrei gewesen, gab es noch immer die Zweifelsfälle, die nicht im Duden geregelt waren. Beispielsweise war der gesamte Bereich der Zusammen- und Getrenntschreibung im Jahr 1901 in den amtlichen Regeln nicht festgelegt worden, sondern konnte nach Gutdünken gehandhabt werden. Das galt auch für die sogenannten Doppelformen, bei denen verschiedene Schreibweisen erlaubt waren. Für Korrektoren waren nicht geregelte Schreibweisen „Zweifelsfälle.“ Sie waren Meister im Auffinden solcher Zweifelsfälle, teilten sie ihrem Verband mit, und der wandte sich an die Dudenredaktion mit der Bitte um Regelung. Der Duden bedankte sich regelmäßig bei ihnen in den Vorworten. In der Neuauflage des Duden war der Zweifelsfall dann geregelt. Es kamen Spitzfindigkeiten dabei heraus wie „Auto fahren“ aber „radfahren“ und ein immer komplizierteres Regelwerk der Groß- und Kleinschreibung.

Aus dem Vorwort des Dudens, 16. Auflage, 1967 - Scan und Markierung: JvdL (größer: bitte klicken)

Aus dem Vorwort des Dudens, 16. Auflage, 1967 – Scan und Markierung: JvdL (größer: bitte klicken)

Schon in den 1920-er Jahren hatte der Realschullehrer Josef Lammertz mit dem „Testament einer Mutter“, dem berüchtigten „Kosogschen Diktat“ , den Nachweis angetreten, dass niemand diese Regeln beherrschte. Im Jahr 1964 klagt der Germanist Leo Weisgerber:
„Dem Buchdruck (…) von orthographischer Toleranz zu predigen, ist ein aussichtsloses Beginnen. Die Drucker sind noch heute auf die Beseitigung der letzten Doppel- und Zweifelsformen aus.“

Auf diese Weise wurde unsere Rechtschreibung immer komplizierter. Sie hatte sich dem ordnenden Zugriff der Sprachwissenschaft entzogen. Der Dudenverlag hatte kein Interesse, die Regeln einfach zu halten, denn die Unsicherheit der schreibenden Deutschen sicherte Millionenauflagen. Das allein hat die Rechtschreibreform von 1994 nötig gemacht. Letztlich, um den Bestand an Jungfrauen zu sichern. Folgerichtig verlor der Dudenverlag mit der Orthographiereform das Monopol, die amtlichen Richtlinien herauszubringen und mithin das Prädikat „maßgebend in allen Zweifelsfällen.“

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Wie bekomme ich jetzt den Dreh zum Erzählprojekt „Die Läden meiner Kindheit? Sind wieder Beiträge erschienen. Und allesamt jungfräulich. Ich bitte um Beachtung und wünsche viel Vergnügen beim Lesen. Bitte klicke aufs Bild!

BKS, ein Brandstifter und Das Schwarzbrot des Bäckers

Kategorie KopfkinoAls junger Klassenlehrer eines 8. Schuljahrs wollte ich meine Klasse am Tag vor den großen Ferien erfreuen und kündigte zuvor schon an, nach der Zeugnisausgabe aufs Pult springen zu wollen. Tag und Stunde kamen, ich trug zur Feier des Tages Sakko und Krawatte, stellt mich in Positur – und sprang aus dem Stand aufs Pult. Da gingen in der Klasse überall die Kameras hoch und hielten den Augenblick fest. Es war ein kleines Risiko zu scheitern dabei gewesen, denn ich hatte derlei über zehn Jahre nicht mehr getan. Von meinem Pultstand besaß ich mal ein Foto, aber es ist verschollen wie so viele Erinnerungen.

Bereits als junger Mann konnte ich aus dem Stand heraus ziemlich hoch springen, obwohl es keinen Sportverein in unserem Dorf gab, wo ich hätte Hochsprung trainieren können. Geübt hatte ich das in meiner Stammkneipe „Bei Karl“. Dort sprangen wir aus dem Stand auf die Theke oder zumindest auf die etwas niedrigere Thekenstange. Auch krochen wir von der Tischplatte aus unter einem der schweren ovalen Eichentische durch bis zurück auf die Tischplatte, ohne dabei den Boden zu berühren, was zu meinem Bedauern nie olympische Disziplin wurde.

Bei Karl gab es das. Hier trafen sich die Jungmänner des Dorfes zum Saufen, Albern und Wetteifern in skurrilen Disziplinen, auch meine vier Freunde und ich, die gesamte Volkspost-Redaktion, sonst aber eher die Jungbauern und Handwerkergesellen, Maurer, Elektriker, Landmaschinenschlosser, mein älterer Bruder Will und seine Clique, eine reine Männergesellschaft, bis auf die Wirtin und ihre beiden frühreifen Töchter. Karl hatte im vorgerückten Alter in die Weiberwirtschaft eingeheiratet, war mit den pubertierenden Mädchen offenbar überfordert und auch mit der Mutter nicht ganz glücklich, weshalb er nach der Polizeistunde Fensterläden und Haustür schloss und sein eigener bester Kunde wurde, sobald sich seine Frau ins Bett begeben hatte. Wills Freund Kurti stellte sich für Karl an den Zapfhahn, und der gab sich an seiner eigenen Theke die Kante. Es wurde schwer gesoffen bei Karl. BKS, das bekannte Akronym einer Marke für Sicherheitsschlösser, bedeutete uns: „Bei Karl saufen.“ Karls Kneipe war auch die Nachrichtenbörse. Offenbar verfügte er über ein weitreichendes Kommunikations-Netzwerk. Meine damalige Freundin, die spätere Mutter meiner vier Kinder, lebte in einem Ort, gut zehn Kilometer entfernt. Einmal übernachtete ich mit ihr im Stroh einer dortigen Feldscheune. Das war von Dienstag auf Mittwoch. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag brannte die Feldscheune bis auf die Grundmauern nieder. Samstagabend empfing mich Karl mit den Worten: „Na, du Brandstifter!“

Viele Jahre später hatte der Fernsehkoch Horst Lichter nebenan im ehemaligen Sälchen der Kneipe sein erstes Restaurant. Aber da war ich lange schon weg, und Karls Kneipe war zu. Die folgende Szene aus Karls Kneipe hat sich Anfang der 1970-er Jahre zugetragen oder ich habe sie im Geist dieser Zeit erfunden. Jedenfalls diese wahre Erinnerung: Weiterlesen

Teestübchens Sprachberatung – jetzt auch ohne Huhn!

Kategorie MedienLeute, deren Hobby es ist, sich über sprachliche Fehler aufzuregen, sind mir schon immer suspekt gewesen. Ich frage mich dann, wieso die kein ordentliches Hobby haben, etwa eine Modelleisenbahn betreiben oder einen Kleingarten pflegen. Da haben sie eine überschaubare Welt vor Augen, in der sie ihre Vorstellungen von Ordnung durchsetzen können, ohne dass ihnen einer widerspricht. Denn die Sprache gehört allen, und niemand hat das Recht, sich vor anderen als Schulmeister aufzuführen. Manche Zeitgenossen müssen sich aber beruflich mit sprachlicher Richtigkeit befassen, etwa Schriftsetzer (heute Mediengestalter), Korrektoren, Lektoren, Redakteure, Deutschlehrer, Germanisten und einige Linguisten (man möge sich die weiblichen Formen dazudenken). Deren Arbeit ist konservativ, denn sie bremsen den Sprachwandel, der für eine lebendige Sprache typisch ist, achten aber auch darauf, dass die Schriftsprache als Kommunikationsmittel weiterhin funktioniert, ohne dass es beim Lesen knirscht im Gebälk.

Sreenshot und Gif-Animation: JvdL

Sreenshot und Gif-Animation: JvdL

Geknirscht hat es im Januar 2016 auch noch auf der Korrekturseite für Kommentare bei WordPress. Ich habe in der Redaktion des Teestübchens ein Huhn halten müssen. Denn immer wenn ich einen meiner Kommentare korrigieren wollte, wurde mir vom System befohlen: „Im Papierkorb legen“ Damals habe ich um Korrektur gebeten, damit ich das Korrekturhuhn endlich zur Ruhe legen kann. Wohin? In den Papierkorb natürlich. Der Grammatikfehler ist wohl vor geraumer Zeit korrigiert worden, was ich hier mit Freude feststelle und lobend erwähnen möchte. Nicht alles wird immer schlechter in der Welt. Manches wird auch besser. So, und wo ist jetzt meine Modelleisenbahn? Für den Schrebergarten ist es mir eindeutig zu kalt, und außerdem habe ich überhaupt keinen Schrebergarten.

in-den-papierkorbSpaß beiseite, indem Blogger und Bloggerinnen ihre eigenen Setzer und Redakteure sind und in einem Medium publizieren, gehören sie natürlich zum Kreis der Menschen, die verantwortlich mit Sprache umgehen sollten, auch wenn Bloggen keine berufliche Tätigkeit ist.

Die Läden meiner Kindheit – Pesche Tünn und Jimmy, das aufblasbare Gummipferd

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Im Seiteneingang der katholischen Kirche meines Heimatdorfes hing bis in die 1960er Jahre am Schwarzen Brett ein Zeitschriften-Index. Da waren aktuelle Zeitschriften aufgelistet und in sechs Kategorien eingeteilt von „empfehlenswert“ bis „abzulehnen“. In der Kategorie fünf, die glaube ich „Abzuraten“ hieß, stand beispielsweise die Programmzeitschrift Hör zu. „Abzulehnen“, Kategorie sechs, waren durchweg alle Illustrierten, weshalb sie in katholischen Haushalten auch nicht zu finden waren. All die verbotenen Zeitschriften lagen aber aus im Friseurladen von Toni Pesch, der rheinländischen Sitte nach mit vorangestelltem Familiennamen, nur Pesche Tünn genannt. Er hatte den Laden von seinem Vater übernommen. Über der Tür hing noch das Zunftzeichen der Barbiere, der silberglänzende Teller. Meine frühesten Erinnerungen an den alten Pesch sind etwas schmerzhaft, weil er in meinem Nacken so einen handbetriebenen Haarschneider einsetzte, der gerade an den feinen Nackenhärchen empfindlich ziepte. Als ich dann schon größer war, hatte Pesche Tünn den Laden übernommen, einiges modernisiert und unter anderem auch elektrische Haarschneider angeschafft. Pesche Tünn arbeitete langsam, weil er sich beim Haarschneiden gern verquatschte. Dann stand er manchmal, Kamm und Schere in der Hand und vergaß über dem Dorfklatsch ganz sein Handwerk. Über den beiden Waschbecken und den großen Spiegeln war eine schmale Reihe Oberlichter, durch die man herumhüpfende Kanarienvögel sehen konnte. Pesche Tünn hatte sich nämlich zwischen sein Privathaus und den Laden eine große Voliere gebaut, denn er liebte Vögel und pfiff manchmal mit ihnen um die Wette, während er mit Kamm und Schere hantierte.

Ich wartete gern bei Pesche Tünn, denn das war Zeit, in all den verbotenen Illustrierten zu blättern und sich zu wundern, dass keine erwarteten Verstöße gegen das sechste Gebot, keine Unkeuschheit darin zu finden war. Dann schon eher die Kinderseiten des Stern, das „Sternchen“ mit dem skurrilen Comic „Jimmy und das Gummipferd“, eine Geschichte vom wohlbeleibten Goucho Julio und seinem aufblasbaren Gummipferd Jimmy. Die phantastischen Geschichten habe ich geliebt und mochte auch den Stern, eigentlich über die Jahre noch, bis er sich durch die doofen Hitlertagebücher selbst verbrannt hat.

Pesche Tünn verpasste mir immer einen Cäsarschnitt, und ich war ziemlich erstaunt, als es hieß, ich hätte eine Beatlesfrisur, als ich einmal schon lange nicht bei Tünn gewesen war. Zur Zeit, als die Neuß-Grevenbroicher Zeitung (NGZ) erstmals in der Wochenendbeilage über die Beatles berichtete, trommelte ich schon im Tambourkorps Amicitia. Da trat ich aber um 1967 herum ziemlich wütend aus, nachdem Pesche Tünn mir zwischen Kamm und Schere gesteckt hatte, ältere Mitglieder des Tambourkorps hätten gesagt, ich würde rausfliegen, wenn ich mir nicht die Haare abschneiden ließe. Später brachten Freunde und ich eine eigene Dorfzeitung heraus, die „Volkspost“ hieß. Sie lag bei Pesche Tünn und in den vier Kneipen aus. Leider habe ich kein Exemplar mehr, aber Tünn soll noch alle Ausgaben aufbewahrt haben, hörte ich mal.

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Die Läden meiner Kindheit – Durch das Verschwinden der Stofflichkeit verschwindet auch der Mensch

Kategorie MedienSo ein Erzählprojekt macht Arbeit, meine lieben Damen und Herren. Jedenfalls habe ich in letzter Zeit lange am Rechner sitzen müssen, nicht allein um selber Beiträge zu verfassen und alles zu organisieren, sondern auch um jeden Beitrag zu lesen und zu kommentieren, was nebenher kaum jemand außer mir getan hat. Die Demokratisierung der technischen Schrift und die Möglichkeit der leicht zugänglichen digitalen Publikation hat nämlich einen bedrohlichen Nachteil: Wir nähern uns allmählich dem Zustand, dass es mehr Schreiber gibt als Leser. Die schreckliche Vorstellung droht wahr zu werden, dass jede und jeder in die Welt hinaus schreibt, aber niemand liest. Dazu passt, dass die Schriftsprache immer hermetischer wird, bei vielen digital publizierenden Autoren die Inhalte sich in Andeutungen und unvollständigen Sätzen verlieren. Offenbar wird bei diesem artifiziellen Schreiben kein Leser mehr mitgedacht. Damit wäre das Ende der Schrift erreicht. Der Gedanke liegt nah, dass dieses Ende durch den Verzicht auf Papier, Druck und fehlende Selektionsmechanismen eingeläutet wurde. Ob sich im Abendrot der Schriftkultur wenigstens die Literaturwissenschaft einmal über die digitalen Texte beugen wird und sie auf irgendeine Weise zu fassen versucht, ist dann auch fraglich. Es würde sich hier gewiss lohnen, weil die Beiträge des Erzählprojektes Welten aufscheinen lassen, die noch etwas Handfestes hatten und uns die Stofflichkeit des Menschen als Wert aufzeigen.

Wie überall ist die Abkehr vom Material nämlich nicht nur eine Erleichterung, sondern verdünnt die Welt bis zum Unfassbaren. Was heißt „wie überall?“ Meine Sparkasse schickt mir einen Brief und teilte mir diverse Preiserhöhungen mit. Selbst dieser Brief auf Papier ist ein Abgesang und erklärt das Material zum verzichtbaren Kostenfaktor: hohe-kostenIn der digitalisierten Welt ist der leibhaftig anwesende Mensch eine lästige Erscheinung. Der Kunde, der persönlich erscheint und einen Überweisungsbeleg einreicht, verursacht nur Kosten. Wie wird es weitergehen? Im Supermarkt steht der Kunde nur noch im Weg. „Bitte wählen Sie online – wir liefern.“ Die Bahn schreibt:

Lieber Bahnkunde! Sie haben gerade einen Fahrschein erworben. Ihr Transport von A nach B verursacht hohe Kosten. Unser Tipp: Bitte prüfen Sie, ob Ihre Anwesenheit in B wirklich erforderlich ist und nutzen Sie ggf. die Möglichkeiten der Fernkommunikation.

Teleportieren oder beamen wird nicht kommen, zu aufwändig und zu teuer. Die preiswerte Variante, die Bilokation, ist nur katholischen Heiligen zugänglich. Für uns Heiden reicht, unser Bewusstsein in Hüllen am anderen Ort zu transferieren. Die lebensechte Oma-Puppe hängt schlaff im Schrank und wird hervorgeholt und aktiviert, wenn Oma auf Sendung ist.

Das Teestübchen-Blog hat seit kurzem einen neuen Follower, eine erklärter Maßen fiktive Person. Fraglich ist, ob diese Erscheinung des Digitalen noch eine Person zu nennen ist. Von Geistern verfolgt, da passt es und beruhigt mich, dass meinem Blog neuerdings auch die parapsychologische Beratungsstelle Freiburg folgt.

Aber ich wollte eigentlich über meinen Rücken schreiben. Jedes Mal wenn ich mich nach langem Sitzen erhoben habe, tat er mehr weh. Auf den Rat meines Sohnes holte ich mir in der Apotheke am Lindener Markt so ein Wärmepflaster, und weil ich Invalider nicht zurücklaufen wollte, wartete ich auf den Bus, der nach einer weiten Schleife nah an meiner Wohnung hält. Eigentlich mäandert die Fahrtstrecke durch den hannoverschen Stadtteil Linden. Und in jeder der ungezählten Kurven, fuhr der Schmerz mir heiß ins Kreuz. Der Langbus wurde von einer Frau gefahren. Als Mann wäre sie Verkehrsrowdy geworden. Sie fuhr den Langbus wie andere ihren frisierten Kleinwagen.

Mir ist ja in den letzten Jahren immer deutlicher geworden, wie anfällig der menschliche Körper ist und mit welchen Verschleißerscheinungen er einen überraschen kann. Da wesentliche reichere Menschen als ich ähnliche Probleme haben, auch wenn sie nicht Bus fahren müssen, finanziert irgendein Superreicher gewiss schon ein wissenschaftliches Projekt, um das eigene Bewusstsein in den Klon seiner selbst zu transferieren. Niemand kann wissen, ob es nicht bereits geschieht, und auch dem Klon sollte das besser verborgen bleiben, damit er keine Identitätsprobleme bekommt. Allerdings kann ich dafür garantieren, kein solcher Klon zu sein. Ich hätte beizeiten verlangt, einiges zu optimieren.

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