Über die zwei Richtungen einer Hand

kategorie Mensch & NaturKeine Hand dem Patienten! Mit einer ähnlich lautenden Empfehlung seiner Standesorganisation begründete letztens ein mir bis dato unbekannter Orthopäde, dass er mir den Handschlag verweigerte. Ich war so befremdet, dass ich beim Abschied nachfragte, weil ich nicht mehr wusste, ob er die Ärztekammer oder die Kassenärztliche Vereinigung als Quelle genannt hatte. „Ja, ja, lieber keine Hand geben“, wiederholte er. Gestern erzählte ich das meiner Hausärztin, nachdem sie mir wie gewohnt die Hand gereicht hatte. Sie sagte: „Die Hand des Arztes ist natürlich das perfekte Übertragungsmedium, aber nicht, wenn man sie regelmäßig desinfiziert.“

Sie hatte noch nichts von der Empfehlung gehört, würde sich auch nicht daran halten wollen, denn am Händedruck des Patienten könne sie einiges ablesen, sei er schwach oder fest, sei die Hand heiß oder kalt, feucht oder trocken. Für mich könnte die Hand meiner Ärztin ebenfalls ein nonverbales Kommunikationsmittel sein, aber erstens könnte ich sie nicht deuten und zweitens geht es mir primär um die vertrauliche Geste. Die Rollen sind in dieser Situation klar verteilt. Wenn ein Patient zum Arzt kommt, geht es um sein Befinden. Demgemäß fragte die Ärztin mich: „Wie geht’s Ihnen?“, aber ich fragte nicht zurück: „Und selbst?“ Derweil wir über mögliche Schmerzmittel gegen meinen Hexenschuss sprachen, stellte ich hingegen fest, dass sie diesmal einen überaus feschen Kittel trug, und es drängte mich, es ihr zu sagen, bevor ich ging. Dass ich wieder Lust hatte, meine attraktive Ärztin ein bisschen anzuflirten, sagte ebenfalls etwas über meine Befindlichkeit, dass ich nämlich auf dem Weg der Besserung bin. Ganz sicher hat sie das auch so verstanden, als sie sich fürs Kompliment bedankte. Es lag quasi auf der Hand.

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12 Kommentare zu “Über die zwei Richtungen einer Hand

  1. Eine mir entgegengestreckte Hand habe ich noch nie zurückgewiesen. Es ist Vertrauenssache. Meine attraktive Zahnärztin reicht mir von sich aus die Hand zur Begrüssung und Verabschiedung, was ich als persönliches Vertrauen empfinde. Nach einem Handschlag mit einem Fremden, von dem ich nicht weiss, wo er seine Finger kurz davor noch gehabt hat, wasche ich mir allerdings möglichst schnell die Hände.

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    • Ein Hand zurückzuweisen ist schon eine heftig ablehnende Geste. Die Empfehlung kam dem Orthopäden vermutlich recht. Diese Leute legen ja keine Hand mehr an, vertrauen nur noch auf ihre Apparate und deligieren alles Manuelle an Helferinnen bzw. an Physiotherapeuten. Die von dir genannte „Vertrauenssache“ bleibt auf der Strecke.. Man fühlt sich als Mensch nicht angenommen. Dazu passt die Eile des Gesprächs, bei dem es nicht mehr darum geht, den Patienten durch Einsicht zum Mitwirkenden an seiner Heilung zu machen.

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  2. Flirten ist etwas Heisames. Gibt es gratis ohne Rezept und ist keine Kassenleistung. Attraktivität sollte unter Ärzten ein ethisches Ziel sein, das im besten Verständnis der Heilung des Patienten dient. Ein Hoch auf Deine Ärztin. Ihre Attraktivität ist geradezu selbstlos gemeinnützig. Rein fachlich betrachtet.

    Morgengruß aus dem Teuto✨

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    • Attraktivität als „ethisches Ziel“ gefällt mir gut, nicht nur bei Ärzten. Es geht da um kulturelle Verfeinerung, die allen mit viel Kontakt zu Menschen eine Verpflichtung sein sollte, nicht als äußere Schminke, sondern als innere Haltung, die nach außen strahlt. Das beschreibt in etwa meine Ärztin, die du aus „fachlicher Sicht“ mit Recht gepriesen hast.

      Liebe Morgengrüße aus Hannover

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      • Wahre Schönheit kommt eben doch von innen und ist wesentlich seltener anzutreffen als kosmetische Eitelkeit. Ich halte bei passender Gelegenheit sehr gern Händchen. Aber ich schüttele nicht gern Hände, weil am anderen Ende des Arms ein Mensch dranhängt. Den will ich ja auch nicht schütteln. Guten Morgen.☺️

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  3. Es ist ein paar Jahre her, und ich weiß nicht mehr, ob gerade BSE, Vogelgrippe oder sonst eine Seuche weite Teile der deutschen Bevölkerung hinwegraffte. Jedenfalls haben wir uns in der Kirche in Berlin beim Friedensgruß weiterhin die Hand gegeben. Als ich das in der Christmette in Trier bei den Worten „Gebt Euch ein Zeichen des Friedens“ auch tun wollte, erntete ich ringsum empörte Blicke. Die Leute hier gaben sich – vorübergehend – nicht mehr die Hand, sondern nickten einander lächelnd zu. Es wirkte irgendwie grotesk: Ich wünsche Dir Frieden, aber steck mich um Himmelswillen nicht an!

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  4. Tja, die Realität drängt sich immer in den Vordergrund und setzt die Themen. Wobei… Hexenschuss und Vordergrund, da wäre ja eher der Hintergrund das Thema, aber egal. Schön, das ‚Und selbst?‘ Müsste man mal ausprobieren. Meine Zahnärztin hat glaube ich den richtigen Humor dafür – oder ist einfach freundlich genug, das dann wegzulächeln.

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    • Das hat ja auch was Gutes. Schmerz erweitert den Horizont. Man sucht neue, ungewohnte Menschen, Situationen und Gebäude (!) auf. Gerade letzteres ist mir immer eine Offenbarung, wenn ich ein Gebäude und seine Räumlichkeiten betrete, deren Fronten ich bislang nur kannte. Die Gegenfrage stellen wir nicht, weil die Rollenverteilung nur dem Arzt das Fragerecht einräumt. Solche Konventionen aufzubrechen, ist hübsch, trägt einem aber bald den Ruf ein, ein sonderbarer Mensch zu sein.

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