Die Läden meiner Kindheit – Durch das Verschwinden der Stofflichkeit verschwindet auch der Mensch

Kategorie MedienSo ein Erzählprojekt macht Arbeit, meine lieben Damen und Herren. Jedenfalls habe ich in letzter Zeit lange am Rechner sitzen müssen, nicht allein um selber Beiträge zu verfassen und alles zu organisieren, sondern auch um jeden Beitrag zu lesen und zu kommentieren, was nebenher kaum jemand außer mir getan hat. Die Demokratisierung der technischen Schrift und die Möglichkeit der leicht zugänglichen digitalen Publikation hat nämlich einen bedrohlichen Nachteil: Wir nähern uns allmählich dem Zustand, dass es mehr Schreiber gibt als Leser. Die schreckliche Vorstellung droht wahr zu werden, dass jede und jeder in die Welt hinaus schreibt, aber niemand liest. Dazu passt, dass die Schriftsprache immer hermetischer wird, bei vielen digital publizierenden Autoren die Inhalte sich in Andeutungen und unvollständigen Sätzen verlieren. Offenbar wird bei diesem artifiziellen Schreiben kein Leser mehr mitgedacht. Damit wäre das Ende der Schrift erreicht. Der Gedanke liegt nah, dass dieses Ende durch den Verzicht auf Papier, Druck und fehlende Selektionsmechanismen eingeläutet wurde. Ob sich im Abendrot der Schriftkultur wenigstens die Literaturwissenschaft einmal über die digitalen Texte beugen wird und sie auf irgendeine Weise zu fassen versucht, ist dann auch fraglich. Es würde sich hier gewiss lohnen, weil die Beiträge des Erzählprojektes Welten aufscheinen lassen, die noch etwas Handfestes hatten und uns die Stofflichkeit des Menschen als Wert aufzeigen.

Wie überall ist die Abkehr vom Material nämlich nicht nur eine Erleichterung, sondern verdünnt die Welt bis zum Unfassbaren. Was heißt „wie überall?“ Meine Sparkasse schickt mir einen Brief und teilte mir diverse Preiserhöhungen mit. Selbst dieser Brief auf Papier ist ein Abgesang und erklärt das Material zum verzichtbaren Kostenfaktor: hohe-kostenIn der digitalisierten Welt ist der leibhaftig anwesende Mensch eine lästige Erscheinung. Der Kunde, der persönlich erscheint und einen Überweisungsbeleg einreicht, verursacht nur Kosten. Wie wird es weitergehen? Im Supermarkt steht der Kunde nur noch im Weg. „Bitte wählen Sie online – wir liefern.“ Die Bahn schreibt:

Lieber Bahnkunde! Sie haben gerade einen Fahrschein erworben. Ihr Transport von A nach B verursacht hohe Kosten. Unser Tipp: Bitte prüfen Sie, ob Ihre Anwesenheit in B wirklich erforderlich ist und nutzen Sie ggf. die Möglichkeiten der Fernkommunikation.

Teleportieren oder beamen wird nicht kommen, zu aufwändig und zu teuer. Die preiswerte Variante, die Bilokation, ist nur katholischen Heiligen zugänglich. Für uns Heiden reicht, unser Bewusstsein in Hüllen am anderen Ort zu transferieren. Die lebensechte Oma-Puppe hängt schlaff im Schrank und wird hervorgeholt und aktiviert, wenn Oma auf Sendung ist.

Das Teestübchen-Blog hat seit kurzem einen neuen Follower, eine erklärter Maßen fiktive Person. Fraglich ist, ob diese Erscheinung des Digitalen noch eine Person zu nennen ist. Von Geistern verfolgt, da passt es und beruhigt mich, dass meinem Blog neuerdings auch die parapsychologische Beratungsstelle Freiburg folgt.

Aber ich wollte eigentlich über meinen Rücken schreiben. Jedes Mal wenn ich mich nach langem Sitzen erhoben habe, tat er mehr weh. Auf den Rat meines Sohnes holte ich mir in der Apotheke am Lindener Markt so ein Wärmepflaster, und weil ich Invalider nicht zurücklaufen wollte, wartete ich auf den Bus, der nach einer weiten Schleife nah an meiner Wohnung hält. Eigentlich mäandert die Fahrtstrecke durch den hannoverschen Stadtteil Linden. Und in jeder der ungezählten Kurven, fuhr der Schmerz mir heiß ins Kreuz. Der Langbus wurde von einer Frau gefahren. Als Mann wäre sie Verkehrsrowdy geworden. Sie fuhr den Langbus wie andere ihren frisierten Kleinwagen.

Mir ist ja in den letzten Jahren immer deutlicher geworden, wie anfällig der menschliche Körper ist und mit welchen Verschleißerscheinungen er einen überraschen kann. Da wesentliche reichere Menschen als ich ähnliche Probleme haben, auch wenn sie nicht Bus fahren müssen, finanziert irgendein Superreicher gewiss schon ein wissenschaftliches Projekt, um das eigene Bewusstsein in den Klon seiner selbst zu transferieren. Niemand kann wissen, ob es nicht bereits geschieht, und auch dem Klon sollte das besser verborgen bleiben, damit er keine Identitätsprobleme bekommt. Allerdings kann ich dafür garantieren, kein solcher Klon zu sein. Ich hätte beizeiten verlangt, einiges zu optimieren.

Noch immer erscheinen in der Linkliste neue lesenswerte Beiträge. Ich bitte um Beachtung und wünsche viel Vergnügen beim Lesen. Klicke bitte aufs Bild.laeden-alltagskultur

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25 Kommentare zu “Die Läden meiner Kindheit – Durch das Verschwinden der Stofflichkeit verschwindet auch der Mensch

  1. Lieber Jules,
    dass es bald mehr Schreibende als Leser geben könnte, ist eine beunruhigende Vorstellung. Das wäre ja dann vergelichbar mit dem Selbstgesprächeführen. Nur, dass man nicht mit sich spricht, sondern für sich selbst schreibt. Spätestens dann aber würde der Selbstschreiber beim Lesen seiner Texte (wenn er es dann tut) bemerken, ob er beim Schreiben „den Leser mitgedacht“ hat.
    Dass der Kunde bei Unternehmen wie Bahn, Banken und anderswo stets im Mittelpunkt, und somit immer mehr im Weg steht, zeigt, wie die Seelenlosigkeit im Umgang miteinander um sich greift und wächst. Eine Chance für, die, die ihre Kunden noch mit Herzblut und Freundlichkeit bedienen.
    Vor vielen Jahren lauschte ich einem Vortrag von Edgar K Geffroy zu, der ein Buch mit dem tollen Titel „Das Einzige, was stört, ist der Kunde“ schrieb. Der Titel gefiel mir… 😉
    Was Deinen Rücken anbetrifft, so wünsche ich Dir von Herzen eine Spontanheilung.
    Liebe Grüße!
    Lo

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    • Lieber Lo,
      etwa zehn Jahre habe ich Tagebuch geschrieben und dabei das Ziel verfolgt, alles immer so klar und einfach wie möglich zu schreiben. Wenn man das nicht macht, tritt der von dir angeführte Effekt auf – man weiß nach einigen Jahren nicht mehr, wie was gemeint war. Wollte man die Neunerregel des Horaz beachten: „Neun Jahre werde es (das Manuskript) zurückgehalten, um zu prüfen, ob es etwas tauge“ und hätte beim Schreiben den unbefangenen Leser nicht mitgedacht, wäre das offenbar.
      „Das Einzige, was stört, ist der Kunde“, ist ein genialer Titel. Aber du hast das Problem auch in einer schönen Metapher erfasst, dass der Kunde auf seelenlose Weise in den Mittelpunkt gestellt wird, wo er dann ganz konkret im Weg rumsteht. Danke dafür und die Genesungswünsche. Es geht schon besser.
      Viele Grüße,
      Jules

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  2. Danke für deinen geistigen und körperlichen Einsatz. Ich hoffe, Dein Rücken erholt sich von dem Schrecken. Auch ich kann nicht immer alles lesen, was meine Augen gerne noch an mein Hirn weiterleiten würden. Ich für mich habe mir angewöhnt immer wieder Prioritäten zu setzen. Selbst schreiben und zeichnen und dann wieder mich in einzelne Blogs einzulesen, so wie derzeit in dieses Projekt.

    Bin gespannt wie es sich entwickeln wird.

    Es grüßt
    San

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    • Danke, es geht mir schon besser, liebe San. Inzwischen finde ich Kommentare von dir unter vielen Beiträgen des Projektes. Das freut mich sehr. Mit Mitzi sind wir schon drei, die durch Kommentare die Querverbindungen des bislang noch losen Autoren-Netzwerks herstellen.
      Schöne Abendgrüße,
      Jules

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      • Das freut mich Jules und nur mal so am Rande, ich freue mich sehr, dass mir das Projekt im wahrsten Sinne des Wortes entgegen gesprungen ist. Es macht mir immer mehr Freude. Und sicher werde ich auch Morgen wieder die ein oder andere Geschichte lesen.

        Dir und an dieser Stelle auch Dir liebe Mitzi ebenfalls einen schönen Abend
        San

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  3. Lieber Jules, das Engagement mit dem du schreibst, liest und kommentierst, sucht seines gleichen. Vor allem das Kommentieren ist eine Kunst und alles andere als selbstverständlich. Ich hinke selbst oft hinterher, trotzdem ist mir die Vorstellung von lauter Schreibern ein Graus. Klar, dann müsste ich ja wieder Tagebuch schreiben. Auch schön, aber anders.
    Mit großen Dienstleistungsunternehmen, die davon leben, dass ich ihre Leistungen in Anspruch nehme fühle ich mich meistens nicht wohl. Ich hab da immer das Gefühl zu stören.

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    • Danke für das Lob, liebe Mitzi. Was Schreiben und Kommentieren angeht, stehst du nicht zurück. Besonders freut mich, dass du bereits bei so vielen Teilnehmern des Projekts kommentiert hast.
      Die Textsorte Tagebucheintrag richtet sich ja ausdrücklich nur an einen selbst. Traurig wird es erst, wenn jemand sich schreibend offenbart, aber von allen ignoriert wird.
      Das Gefühl, in Großeinrichtungen zu stören als Kunde haben sicher viele. Freund Lo hat das oben schön ausgedrückt: Der Kunde steht bei Großunternehmen im Mittelpunkt, aber dort ist er im Weg.

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  4. Lieber Herr TT, mit Freude beobachte ich dieses dein Projekt, aber ich sage dir ja nichts Neues, wenn ich hier mein diesbezügliches Unvermögen vorschiebe, aber eines kann ich beitragen, nämlich dass der „Laden der Jugend meiner Tochter“ das Tüpfelchen auf dem i war, welches sie aus dem Haus und aus der Kleinstadt vertrieben und hinein in die anonyme Großstadt getrieben hat.

    Sie, unsere Tochter, kommt in das Fleischereifachgeschäft um die Ecke, weil sie eine Kleinigkeit für mich „einholen sollen möchte“, und stolpert sozusagen in den üblicherweise vor der Verkaufstheke stattfindenden Klatsch und Tratsch hinein, der unglücklicher Weise just um die Tochter von Dingsbums geht: „Hab’n se schon gehört. …“ Sie, unsere Tochter, hört fasziniert der nicht unbedingt wohlwollenden Ausführung erstaunt zu, die Fleischersfrau windet sich, weil sie die hereinstolpernde junge Dame ja kennt, aber die Tratschtante labert und labert und lässt sich nicht stoppen über die Tochter von Dingsbums dummes Zeug zu erzählen, just die junge Dame, die neben ihr steht und die sie offensichtlich gar nicht kennt.

    So kann’s kommen im Laden der Kindheit. Gruß von Frau Dingsbums.
    🙂

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    • Liebe Marana,
      danke für deinen Kurzbericht vom Schlüsselerlebnis deiner Tochter. Das ist ja eine kuriose Geschichte! Ich habe Fleischereifachgeschäfte immer gehasst und schon als Kind den Geruch dort nicht ertragen, und mein Onkel, der Metzger war und sich auch roh über sein Geschäft äußerte, tat sein Übriges. Kurioser Weise stammte meine zweite Freundin hier in Hannover aus einem Metzgerhaushalt. Sie selbst war zwar Vegetarierin, konnte mich aber nicht dazu bewegen, ihr Elternhaus zu besuchen, ein Grund fürs Scheitern der Beziehung.
      Von Fleischereitrauma zu Fleischereiflop – viele Grüße, auch unbekannterweise an die Tochter,
      Jules

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  5. Ich versuche auch immer zu kommentieren, aber manchmal sind es einfach zu viele Texte, denn ich lese sie eigentlich immer recht genau und das dauert seine Zeit….

    und auch ich hinke oft hinterher, weil ich viel unterwegs bin. Und zu Deinem Rücken, viel bewegen, auch wenn’s weh tut, zur Entlastung auf den Boden legen und Beine im rechten Winkel gegen die Wand……das hat mir immer geholfen und meine Bandscheiben hat man mir mit 20 schon angedroht! Alles Gute und wie ist mein Lieblings-Mir-selbst-Mut-mach-Spruch „Altwerden ist nichts für Schwächlinge“..in diesem Sinne, da müssen wir durch….hoffentlich wird es schnell besser! Liebe Grüße, Ann

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    • Liebe Ann,
      herzlichen Dank für deinen Kommentar, von wo er mich auch immer erreicht oder mich eben manchmal nicht erreicht. Dann vermisse ich deine aufmerksame Begleitung. Wir kommen offenbar nicht nur aus demselben Ort, sondern haben auch noch einen gemeinsamen zweiten Vornamen, nämlich „Rückenschmerz.“
      Danke für deinen Lieblings-Mut-mach-Spruch. Er hilft wirklich, sich zu arrangieren. Ich habe viel Schönes erlebt und sage mir in weniger guten Zeiten: „Es muss nicht immer schön sein“, weil man das Gegenteil dann nicht mehr zu schätzen weiß. Danke auch für die Besserungswünsche. „Da müssen wir durch“, ließ mich schmunzeln – und schon gehts besser.
      Viele Grüße und schönen Sonntag,
      Jules

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      • Lieber Jules, ich bin froh, dass Du es richtig verstanden hast. Nach dem Tippen hatte ich für einen Moment Zweifel. Du hast ja schon Dein Paket an unangenehmen medizinischen Erlebnissen bereits.
        Aber ich finde einfach, es ist schlecht, wenn man sich nicht realistisch damit auseinandersetzt, dass Schmerz zum Alter gehört….trotzdem ist es schön, finde ich…einfach anders, erwachsener schön ;-)…….liebe Grüße zurück und schön Rücken entlasten (geht auch mit Stuhl, auf den Boden legen, Beine im rechten WInkel über Stuhlsitzfläche ablegen;-) Ann

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  6. Sehr geehrter Herr Trithemius, wir mussten feststellen, dass Sie weiterhin mit Bargeld zahlen. Wir werden daher bei jeder Bezahlung ab morgen 20% Bezahlungsentgeld bei Ihnen abrechnen. Wir verweisen auf unsere günstigen Kreditkarten. Hier zahlen Sie einen Unkostenbeitrag von nur 15% pro Zahlung. Nebenbei, auch dieser Kommentar verursacht Kosten (sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen),weswegen wir Ihnen leider demnächst 5% Ihres EInkommens als Aufwandentschädigung in Rechnung stellen müssen.
    Sehr geehrte Grüße

    Dieser Kommentar ist auch ohne personifizierte Unterschrift gültig
    (wurde geschrieben von einem habilitierten Diplom-Physiker mit Leiharbeitsvertrag auf 400 Euro-Basis, welcher uns leider nicht unerhebliche Nebenkosten verursacht)

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    • Sehr geehrter Herr Careca,

      Ihr Kommentar hat mich sehr erheitert. Ich werde deshalb aber keine Vergnügungssteuer entrichten. Doch einen digitalen Unkostenbeitrag von unfassbaren Geldmengen, für die die selige Frau Dr. Erika Fuchs erst ein Wort hat erfinden müssen, nämlich 15 Prozent von Phantastilliarden meines monatlichen Einkommens als unbezahlter Blogger will ich leisten, damit Sie meinen guten Willen sehen und Ihrem überqualifizierten Leiharbeiter mal ein Zubrot zustecken können.

      (Bitte aus dem Bildschirm aussägen lassen)

      Noch geehrtere Grüße

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  7. Moin Jules

    [hoffentlich wird das nicht wieder zu lang! KISS! Der Säzzer]

    Is ja schon gut! Hast Du auch so einen penetranten Kerl im Hintergrund, der Dir dauernd reinquatscht beim Schreiben, Jules? Gelegentlich ist er ja ganz nützlich; beim editieren von Leserbriefen und so… intellektuelles TipEx sozusagen. Egal! Spielt jetzt keine Rolle.

    Gelobt haben die anderen schon – ich schließe mich dem einfach mal an. Wobei: TipEx; gar nicht so weit daneben. Das war das mit Papier und meiner alten Adler, die ich erst in den Ruhestand schickte, als es keine Bänder mehr gab. Und bei Lichte betrachtet, schrieb ich auch erheblich weniger als jetzt, was sowohl am Prozeß an sich wie auch dem Mangel an potentiellen Lesern lag.

    Die technischen Möglichkeiten wie Rechtschreibkurrektut (ah, hat er gefunden) oder einfache Archivierbarkeit mal außen vor: Ich habe es als Gewinn empfunden, Texte bei Bedarf ausdrucken zu können, auch wenn Seitenperforation und Geräusch des 9-Nadel-Druckers am Anfang etwas nervtötend war.
    Der Zeitsprung, als Blogbetreiber nun Produktionsmittel und Vertrieb im Fenster eines Programms zur Verfügung zu haben, ist bemerkenswert und natürlich verführerisch.
    Bemerkenswert finde ich zudem die Tatsache, daß nun so viele Menschen schreiben. Es ist wohl ein tiefes Bedürfnis, bei dem ich mich selbstverständlich nicht ausnehme.

    Zum Lesen – und darin liegt eine gewisse Paradoxie – bevorzuge ich nach wie vor Papier, was stark mit Haptik und Konzentrationsfähigkeit zu tun hat. Ich lese dort anders, kann auf Papier überhaupt erst analytisch lesen. Für meine »Arbeit « am Bildschirm stelle ich einen der Monitore (im alten 4:3 Format) senkrecht, um wenigstens die Illusion eines Blattes Papier zu bekommen.
    Es ist mir ein vollkommenes Rätsel, wie Menschen ein E-Book lesen können. In mehrfacher Hinsicht, wobei ich als Politblogger natürlich etwas anders gewichte als Du. Allein die Möglichkeit, unerwünschte Bücher im wahrsten Sinne auf Knopfdruck verschwinden zu lassen, macht mir unbeschreibliche Angst. Alte Zeitungsartikel, Bücher, Flugblätter – alles ist weg, ist nie gewesen, wurde nie gesagt, apokryph.

    »Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten.«

    Weg!
    Kein verborgenes Exemplar mehr unter dem Bett, im Versteck eines unbewohnten Dachbodens oder Inhalt einer Amphore in der Wüste, die 3.000 Jahre später wieder das Licht erblickt. Die absolute Auslöschung eines Gedankens. Das ist das Ende der Kultur, und zwar nicht nur der des Schreibens. Es ist im metaphorischen Sinne wie der endgültige Verlust der Fähigkeit, Töne zu hören.
    Lesen im digitalen Zeitalter? Ich glaube, daß sich insgeheim das Wissen um die physischen Vergänglichkeit des Informationsträgers auf die Wertschätzung des Inhalts überträgt.
    Ein Teil des Problems – nicht der Lösung.

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    • Lieber Pantoufle,
      „Geistiges Tipp-Ex“ 😉 Dein dir reinschreibender Säzzer erinnert an die alten Sponti-Zeiten der Endsiebziger, als die TAZ just gegründet war und mit Zwischenbemerkungen des Säzzers zumindest optisch einen leider museal gewordenen Berufsstand präsent sein ließ, der durch die digitale Datenerfassung, (damals noch Fotosatz) überflüssig geworden war und durch ungelernte Schreibkräfte ersetzt wurde. Ich habe das Handwerk des Schriftsetzers in der ausklingenden Bleizeit noch erlernt und kann sagen, was es heißt, dass Texte Gewicht hatten. Mein Interesse an medialen Entwicklungen und allen Phänomenen der Schriftkultur rührt daher.

      Dem gelehrten Setzer in der Frühzeit des Buchdrucks verdanken wir die Herausbildung der deutschen Schriftsprache, und nicht selten standen Autoren und Setzer in den Jahrhunderten nach Gutenberg miteinander auf Kriegsfuß, weil Setzer es beim Absetzen der Texte oft besser wussten oder nur vermeintlich besser (verschlimmbessern – „verballhornen“ nach dem Buchdrucker Johann Ballhorn) oder einfach nur Fehler in den Text fummelten, die sie dann dem Druckfehlerteufel zuschrieben. Falls dich ein Streifzug durch das zuweilen kuriose Wirken des Druckfehlerteufels interessiert, lies:
      https://trittenheim.wordpress.com/2015/12/10/adventskalender-10-tuerchen-warum-herr-gottschalck-naechtens-ueber-meinen-flur-schleicht/
      – wäre auch ein Fall für die parapsychologische Beratungsstelle😉

      Der Buchdruck brachte die Aufspaltung Autor und Setzer, mit Computer und dem digitalen Publizieren sind sie wieder eins.Was das bedeutet: https://trittenheim.wordpress.com/2015/12/18/adventskalender-nachtrag-zum-19-tuerchen-eynes-meysters-hant-schreiben-abseits-der-millionen-trotzdem-unbezahlbar/
      Darin liegt die große Chance der geistigen Befreiung, solange sie nicht im kurzatmigen Microbloggin verspielt wird. Die Nachteile des Verschwindens des Originals hast du anschaulich benannt. Du als Politikblogger weißt die Chance zu schätzen, deine von Redaktionen ungefilterte Meinung verbreiten zu können. Für uns alle liegt darin die Verantwortung für die Sprache, weil jetzt eben kein Redakteur, kein Lektor über die Texte schauen und sie auf stilistische und sachliche Richtigkeit überprüfen, kein Setzer, kein Korrektor für die Orthographie sorgen, kein Typograf durch angemessene Gestaltung auf Leserfreundlichkeit achtet und verhindert, dass mit den Kanonen der Form nach den Spatzen des Inhalts geschossen wird.

      Vor Jahren haben die bezahlten Schreiber des Printmediums in Blogs einen Anschlag auf ihre Deutungshoheit gesehen und sie mit Schimpf und Häme übergossen. Inzwischen trennt sich die Spreu vom Weizen. Die geistigen Dünnbrettbohrer wandern zum Microbloggin ab und bilden dort die laut krähende Mehrheit, die von den Leitmedien gern zitierten „Sozialen Medien.“ Gern zitiert, weil diese Form der geistigen Kurzatmigkeit als Kuriosum abgetan werden kann und lediglich für den Soziologen interessant ist, soweit sie zum Gradmesser sozialer Stimmungen taugt.

      Wir Blogger gleich welcher Coleur bilden die intellektuelle Gegenöffentlichkeit und sind im wahrsten Sinne auch Kulturschaffende, wie der Blick in dieses sich entfaltende Netzwerk von Bloggern und Blogs zeigt. Trotz der Flüchtigkeit unseres Mediums können wir gedankliche Verbindungen herstellen, durch Vernetzung etwas in den Köpfen anregen, denn gedankliche Prozesse sind unabhängig von Material. Das ist nichts für die Ewigkeit und doch mehr als nichts.

      In diesem Sinne,
      beste Grüße

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  8. Bist Du zuhause? Ich komm kurz vorbei und bringe Dir meinen Kommentar auf einem Post-It-Zettel mit. Klar verursacht das Kosten (so ein Post-it-Block hat 400 Seiten, kostet, 3,95 €, das sind… grübel… pro Seite…) aber dafür hängt dann an Deinem Kühlschrank ein Zettel, den man nicht erst hochfahren muss, mit Passwörtern bestechen, um ihn lesen zu können, und mittels Mauslick wieder löschen kann. Wenn Du ihn loswerden willst, kostet das was – Müllgebühr – das solltest Du Dir zweimal überlegen! Mein Kommentar wird penetrant sein in seiner Unmöglichkeit, ihn einfach als Kommentar zu sehen. Stattdessen wird er eine Erinnerung an frühere Zeiten sein, ein Fanal für den Kapitalismus und ein Beispiel dafür, was passiert, wenn man sich der Geiz-ist-Geil-Mentalität widersetzt.

    Nur was ich schreiben will weiß ich noch nicht…

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    • Dann mal zu. Ich mag Notizzettel, schreibe meine Einkaufszettel darauf, die ich dann meistens vergesse, aber schon das händische Aufschreiben hilft. Handgeschriebene Kommentare hatte ich nocht nicht, wüsste sie aber zu schätzen. Ich würde ihn rahmen und aufhängen. 😉 Das wäre überhaupt mal ein Projekt, die Briefkultur wiederzubeleben. Damit gehe ich schon länger schwanger.

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      • Ich habe einen Notizblock hier von meinem Opa (der 1975 gestorben ist). Da stehen total wichtige Sachen drin; was es wann mit wem zu essen gab und dass er zur Reinigung muss und so. Und ein paar Adressen aus einer Zeit, als es noch vierstellige Postleitzahlen gab, die man aber nicht brauchte, weil jeder auch so wusste, was „Flensburg“ war.
        Notizen sind allgemein toll. Nachwelt-Notizen sind am allerbesten. Sind übrigns auch schon aus dem alten Ägypten überliefert. Woah… ich sollte einen Blogeintrag drüber schreiben. Mach ich. 🙂

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  9. Pingback: Kneipengespräch: Wer schreibt, der bleibt … | Notizen aus der Provinz

  10. »tägliche« enthält das gesuchte »e«.

    Guten Morgen Jules

    Soll ich weitermachen? Die digitalen Kopien der Museen und Archive, deren Betriebssysteme, Datenträger und Formate schon wieder ein Fall für den Historiker sind? Ach, lassen wir das.
    (P.S. Pro-Tip: Für die Tausend-Euro-Note ist es nicht nötig zur Säge zu greifen! Ein einfacher Screenshot tut das selbe! Um die Feinheiten des Druckes zu erhalten, wähle man das *.ps oder *.tiff-Format)

    Das Fehlen von Korrektoren ist mir schmerzlich bewußt. Sei es meine kreative Zeichensetzung oder die leidige Rechtschreibung, triffst Du in mir einen reuigen Sünder. Na ja: Wenigstens reuig-renitent.

    An dieser Stelle aber einen Dank für Deine ausführlichen und informativen Antworten. Ich weiß die Mühe zu schätzen.

    Einen schönen Sonntag,
    Pantoufle

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  11. Lieber Jules,
    bei Rückenschmerzen, auch ich bin leider davon betroffen, empfehle ich Wirbelsäulengymnastik – am besten in einer kleinen Gruppe, weil es wohltuend ist, zu sehen, wie auch die anderen bei den oft anstrengenden Übungen „leiden“ – und ausgedehnte Spaziergänge.
    Wärmepflaster und Massagen sind gut und schön, ich bin aber davon überzeugt, dass man selbst dafür was tun muss.
    Gute Besserung.

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    • Lieber Herr Ösi,
      danke für die guten Tipps von dir als Leidensgenossen. Ich glaube, dass dergl. nötig ist, obwohl ich mich gerne davor drücken würde, da ich nach dem Schlaganfall vor nun dreieinhalb Jahren mit wöchentlich vier verschiedenen Terminen über die Jahre therapiemüde geworden bin.
      Dankeschön und viele Grüße!

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