Heult doch – alle!

Kategorie zirkusDie Handlungsfähigkeit der EU stünde auf dem Spiel, tönte es gestern im regierungstreuen Verlautbarungsorgan „heute-journal“ (ZDF). Die kanadische Handelsministerin, Chrystia Freeland, sei „unter Tränen“ abgereist, nachdem der Abschluss des unterschriftsreifen Handelsvertrags CETA am Widerstand des wallonischen Regionalparlaments vorerst gescheitert ist. „Wir sind doch Freunde“, bekundete sie ihr Unverständnis der wallonischen Bockigkeit. Dass man in der EU die ablehnende Entscheidung eines demokratisch gewählten Parlaments nicht akzeptieren will, zeigte sich am Statement Angela Merkels: „Bei uns dauert es eben manchmal länger.“ Das enthielt ja die Botschaft: „Wir Konzernfreunde finden schon einen Weg.“ Ähnlich äußerte sich der Premier der belgischen Zentralregierung Charles Michel: „Wir sitzen noch am Verhandlungstisch, und wenn man am Tisch sitzt, dann muss man wild entschlossen sein, alles zu tun, um der Lösung eine Chance zu geben.“ Entsprechend nennt FAZ.net die demokratische zustande gekommene Ablehnung „Proteste“, als ginge es um ein paar aufgebrachte Milchbauern, die wichtige Zufahrten mit ihren Treckern blockieren. Passend hatte man bei heute einen ausgemergelten wallonischen Biobauern gezeigt, der ein paar kümmerliche Feldfrüchte in der Hand hatte, bei dem jeder dachte, den und das kann man getrost vergessen.

Ach, sie halten uns ja für so dumm. Sie glauben, wir sind kleine Mädchen, denen man was vom Pferd erzählen kann. Weniger blumig hatte sich der wallonische Ministerpräsident Paul Magnette, im Zivilberuf Politikwissenschaftler, geäußert, dass man bei der EU glaube, er hätte CETA nicht verstanden. Magnette kritisiert, was auch Hundertausende Bürger der EU als Bedrohung ihrer Demokratien ansehen, die Regeln zum Investorenschutz, die Schiedsgerichtsbarkeit für Investoren und die mögliche Privatisierung von hoheitlichen Aufgaben. Was wir verstanden haben: Unsere Volksvertreter wollen einen Teil ihrer Zuständigkeit aus der Hand geben und dem freien Spiel von Konzerninteressen ausliefern.

Ich war in die heute-Sendung geraten, weil ich die anschließende Heute-Show sehen wollte. Dass den Autoren dieser Satire-Show kein Wort zum CETA-Trauerspiel eingefallen war, ist schwer vorstellbar. Möglicherweise hatte man aber keine Zeit und musste wichtigere Themen behandeln wie die Tatsache, dass die Käufer von VW-Dieselfahrzeugen in den USA entschädigt werden, in Deutschland aber nicht, was wieder mal zeige, dass US-Behörden es mit dem Konsumentenschutz ernster meinen als unsere. Eine interessante Darstellung von Moderator Oliver Welke, weil CETA von Kritikern als trojanisches Pferd angesehen wird für TTIP, den Handelsvertrag mit den USA. Wir lernen, die Verträge können so schlecht nicht sein, zumindest nicht für den, der einen VW-Diesel besitzt und US-Bürger ist.

Blödes Schwenkfutter - Quelle: ZDF-Heute-Show

Blödes Schwenkfutter – Quelle: ZDF-Heute-Show

Schon bei der Heute-Show zuvor, am 14. 10. waren mir Zweifel an der Zielrichtung der ZDF-„Satire“ gekommen. Da setzte man sich mit den Hasstiraden auf Facebook auseinander, deren Löschung Bundesjustizminister Maas verlangt. Dem Zuschauer wurde vermittelt, dass es dem Männlein im Kommunionsanzug nicht gelingt, sich mit seinen Vorstellungen bei Facebook durchzusetzen. Maas gegen Facebook wäre als würde Margot Käsmann gegen beide Klitschkobrüder boxen. So weit, so lustig. Doch zuvor, als die Kamera über das Publikum strich, das bei jeder abgehandelten Ungeheuerlichkeit klatschend und jubelnd auf den Sitzen hüpft, und sich freut, auch mal im Fernsehen zu sein, da fand das ZDF nichts dabei, den facebook-Account der Heute-Show einzublenden.

In Österreich ist die Verbindung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit Facebook verboten.
Ist ja auch Schleichwerbung für einen Konzern. Doch wenn es um Konzerninteressen geht sind wir alle längst verkauft und nur noch blödes Schwenkfutter – im Zirkus des schlechten Geschmacks.

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18 Kommentare zu “Heult doch – alle!

  1. Ich sehe den Widerspruch des wallonischen Parlaments eher als ein innerbelgisches Problem, sich zu emanzipieren. Ich glaube, das hat nur bedingt mit CETA zu tun..

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  2. Gut zusammengefasst und auf den Punkt gebracht.
    Und unmöglich! Die Sache an sich. Ich persönlich stehe CETA mehr als skeptisch gegenüber. Je mehr ich mich damit befasse umso gruseliger empfinde ich die möglichen Auswirkungen. Mindestens genauso gruslig ist der Umgang mit der Demokrat sicher Entscheidung. Wie bei einem bockigen Kind wird hier unterstellt, man hätte die Vorteile schlicht nicht verstanden…und das könne man schon noch zurecht rücken bzw verhandeln.
    Dir, lieber Jules, ein schönes Wochenende.

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    • Dankeschön, liebe Mitzi! Deine Zustrimmung freut mich. Ein Aspekt meines Textes verdient es, dass ich mich noch einmal näher damit befasse: Die Art der manipulativen Darstellung im Heute-Journal. Just am angesprochenen Beitrag (im Text oben aus der Mediathek verlinkt) lässt sich wunderbar erkennen, welche Techniken der Beeinflussung angewendet werden. Manches ist subtil, manches einfach dreist und schamlos. Leider werde ich kein schönes Wochenende haben, wenn ich mich tatsächlich mit diesem „Glanzstück“ des ZDF-Journalimus beschäftige, aber deine lieben Wünsche werden es erträglich machen.
      Es wünscht dir ein rundum schönes und erholsames Wochenende,
      Jules

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  3. Moin Jules

    Was Paul Magnette und seinen Einspruch in letzter Minute betrifft, versucht man natürlich den Eindruck zu vermeiden, Magnettes Weigerung stände für ein grundsätzliches Unbehagen der Europäer. Damit hält man Chrystia Freeland für genau so naiv wie den Rest der Zeitungsleser (lies: Medien) in der EU. Nein, die Zustimmung für CETA zieht sich eben nicht so einhellig durch die Fraktionen; kann es nicht, weil allein die wirtschaftlichen Strukturen innerhalb Europas zu vielschichtig sind.

    Das Kardinalproblem, an das man dort stößt, liegt in meinen Augen darin, daß man an die Grenzen demokratischer Verfahrensweisen gelangt ist. Das beginnt nicht allein mit der Tatsache, daß z.B. der Vertragsentwurf von TTIP nur über ein Leak an die Öffentlichkeit gelangte – mehr noch: Erst dadurch den darüber entscheidenden Politikern zugänglich wurde. Allein das ist eine Ungeheuerlichkeit ersten Ranges.
    Was Magnette als Politikwissenschaftler weiß, sich aber sonst nur unzureichend herumgesprochen hat, ist, daß sowohl TTIP wie CETA nach ihrer Ratifizierung keine »allgemeinen Geschäftsbedingungen«, sondern völkerrechtlich verbindlich sind.

    Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie am 11.7.2016 (!)

    »Kommission veröffentlicht deutsche Texte zu CETA […]
    Der Text des Abkkommens und die Beschlussvorschläge wurden gemäß den Bestimmungen des Gesetzes über die Zusammenarbeit von Bundesregierung und Deutschem Bundestag in Angelegenheiten der Europäischen Union (EUZBBG) durch das Bundeswirtschaftsministerium an den Bundestag übermittelt (§§ 4, 6 EUZBGG). Die vorgelegten Texte werden jetzt von der Bundesregierung geprüft.«

    Die Eile, mit der man einen so tiefgreifenden Vertrag durchkauen wollte, ist augenfällig. Zum Vergleich: Klagen vor einem Sozialgericht in Deutschland dauern im Schnitt 12 – 14 Monate.
    Rund sechs Wochen später erklärt Sigmar Gabriel, daß sich rund zwei Drittel der Delegierten auf dem SPD-Parteikonvent in Wolfsburg für CETA ausgesprochen hätten – das reicht kaum zum Durchlesen. Die SPD steht nicht alleine so dumm da: Weder die Zustimmung von CDU/CSU noch die Ablehnung von Linke/Grünen stehen als Reaktion qualitativ oberhalb konditionierter Reflexe. Spätestens dann hätte ein grundlegendes Mißtrauen einsetzen müssen, sowohl gegenüber den Befürwortern wie auch den Gegnern. Hätte ein Provinzgericht in dieser Zeit eine Ehescheidung entschieden (durchschnittlich 12 Monate in der BRD) … Nun ja!

    Würde man Verfahrensweise und Diskussionen über dieses Thema innerhalb eines Romans verarbeiten, bekäme man vom Lektor den Entwurf mit den Worten »völlig unrealistisch und unlogisch!« auf den Tisch geknallt. Was sich an keinem Bahnhofskiosk verkaufen läßt, scheint aber immer noch gut genug fürs Heute-Journal zu sein, der Türschwelle für die Heute-Show.
    »Ach, sie halten uns ja für so dumm.« Wir sind es doch auch! Alle Jahre wieder geht man still und brav an die Urne, um noch etwas Demokratie zu begraben ein noch kleineres Übel zu wählen und die Wahlprognosen im Fernsehen zu verfolgen. Es hält sich ganz offensichtlich der Irrglaube, mit dem vorhandenen Verwaltungs-Material noch umsteuern zu können.
    Interessanterweise fokussiert sich die Hoffnung auf Erkenntnis und Wahrhaftigkeit mehr bei den berufsmäßigen Clowns als den Presseverlautbarungen der Regierenden. Ein Hagen Rether kann nicht irren: Wo so viele berührte Menschen an den selben Stellen klatschen und niemand widerspricht und wo Pispers stellvertretend brüllt: »… die Kamera über das Publikum strich, das bei jeder abgehandelten Ungeheuerlichkeit klatschend und jubelnd auf den Sitzen hüpft…«. Ja, auf der Flucht vor dem Diskurs und komplexen Antworten. (Warum ist Kabarett eigentlich immer links oder sollte es in der öffentlichen Wahrnehmung sein)? Auf der Flucht vor der Pflicht zum zivilem Ungehorsam.

    Wir müssen uns den Schuh wohl alle ein wenig anziehen. Zum »für dumm halten« gehören immer zwei, während die Werkzeuge der außerparlamentarischen Opposition in den Arsenalen verrosten. Da waren wir schon mal weiter.

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    • Danke für deinen langen Kommentar, werter Pantoufle. Den von dir geschilderten Vorgängen um CETA brauche ich nichts mehr hinzuzufügen, wie ich überhaupt immer dankbar bin, bei dir und in wenigen anderen Blogs Kritisches zu derlei Themen zu lesen. Um nicht depressiv zu werden und zu resignieren, muss ich mich auch noch anderen Lebensbereichen und Themen widmen.
      Trotzdem habe ich mir heute den sonnigen Sonntagmorgen versaut und den oben angesprochenen Beitrag des Heute-Journals verschriftlicht, um im Detail zu sehen und zeigen zu können, was manipulativ war, damit Medienkritik nicht immerzu leichthin als „Verschwörungstheorie“ abgetan werden kann, wie jüngst im Interview wieder von Ingo Zamperoni, dem kommenden Moderator der Tagesthemen.

      Dass wir die kritischsten Töne von Kabarettisten hören, in Sendungen wie der Anstalt Zusammenhänge erfahren, die in den klassischen Medien verschwiegen werden, ist ein Trauerspiel. Du fragst, warum Kabarett immer links sein sollte. Es scheint bei uns links zu sein, weil Kabarett sich meistens gegen die richtet, die die Macht in Händen halten. Der Extra-3-Autor Jesko Friedrich hat in seinem lesenswerten Beitrag: „Was darf Satire?“ schlüssig geschrieben: „Satire tritt nicht nach unten“, drum geht es naturgemäß gegen Erscheinungsformen von Obrigkeit, die nun mal nicht links ist.
      Die APO habe ich als Jugendlicher noch erlebt und bedauert, dass deren Kraft gebrochen war, als ich in den 70ern studierte. Jede außerparlamentarische Opposition konstituiert sich ja als Reaktion auf ein demokratisches Wahlverhalten, das große Koalitionen hervorbringt. Dann ist die parlamentarische Opposition zu schwach und demgemäß wäre heute auch eine APO nötig.
      Dass sich sogar die Bildzeitung anmaßte, APO sein zu wollen, zeigt den maroden Zustand unserer Demokratie. Sind wir dumm, weil wir wählen gehen wie du schreibst? Welche Alternative gibt es dann?

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  4. Jules! So lang war der Kommentar gar nicht! Nur 40 Worte mehr als Dein Text; also noch im Rahmen.

    Es ist ja eine beliebte Unsitte und Zeichen mangelnder Manieren, Zitate berühmter Leute unter seine eigenen Elaborate zu mischen. Ich mache es aber trotzdem einmal.

    »Es gilt erst mal, ein Bewußtsein des Mißstandes zu schaffen. Jetzt nicht gleich zu fragen: Gib doch die Antwort! Ein Dutschke will keine Antwort geben. Denn was soll es bedeuten, als einzelner Antworten zu geben, wenn die gesamtgesellschaftliche Bewußtlosigkeit bestehen bleibt? Die muß durchbrochen werden – dann können Antworten gegeben werden.«

    Rudi Dutschke im Interview mit Günter Gauss Dezember 67

    Und weil’s so schön war, gleich noch ein zweites, etwas zeitgemäßeres:

    »Die Machttechnik des neoliberalen Regimes nimmt eine subtile Form an. Es bemächtigt sich nicht direkt des Individuums. Vielmehr sorgt es dafür, daß das Individuum von sich aus auf sich selbst so einwirkt, daß es den Herrschaftszusammenhang in sich abbildet, wobei es ihn als Freiheit empfindet.«

    Byung-Chul Han, Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken

    Nimmt man das zustimmend zur Kenntnis, kommt man zwangsläufig zur Einsicht, daß wir innerhalb eines gesellschaftlichen Diskurses weit hinter die achtundsechsziger Jahre zurückgefallen sind. Irgendwo zwischen Konrad Adenauer und Ludwig Erhard. Vielleicht mit dem entscheidenden Unterschied, daß nicht einmal ein Wölkchen am Horizont auf eine kritische Studentenbewegung o.Ä. schließen läßt. Im Gegenteil: Es ist ja gerade die weit verbreitete Sehnsucht nach konservativen Werten im besten Falle, wenn nicht gleich ein faschistoider Freicorps-Geist auf den Straßen pöbelt.
    Das ist die Neuauflage von Dutschke so genannte »gesamtgesellschaftliche Bewußtlosigkeit«.

    »Dass sich sogar die Bildzeitung anmaßte, APO sein zu wollen, zeigt den maroden Zustand unserer Demokratie.
    Nein, daß zeigt, daß sich der Gegner von einst den Begriffen bemächtigt hat, sie entstellt und ganz ohne Hohn benutzt. Sie glauben es tatsächlich, so wie Grünenwähler glauben, Kriege und Gewalt zu verhindern, indem sie Biogemüse essen und Yogakurse besuchen. Das ist die naive Wahrheit.

    »Sind wir dumm, weil wir wählen gehen wie du schreibst?«
    Nein, das habe ich nicht geschrieben. Wir sind dumm, wenn wir uns einbilden, daß die endlose Wiederwahl der selben Seilschaften auch nur den Hauch einer Chance auf Veränderung in sich trägt. Gegen Wahlen an sich habe ich nichts – jedenfalls nicht, solange ich eine habe.

    »Welche Alternative gibt es dann?«
    Na ja… die läuft im Moment ja sprichwörtlich auf der Straße, brüllt Parolen aus den Gruselseiten der Geschichtsbücher und findet sich in losen, wenngleich höchst effektiven Organisationen zusammen.
    Sie haben gegenüber »uns« den unschlagbaren Vorteil, über ein gemeinsames – wenngleich auch sehr begrenztes – Vokabular zu verfügen. Das Schindluder, was die Linke in den vergangenen Jahrzehnten mit Werten und Begriffen getrieben hat, rächt sich dadurch, in dem es in seiner Beliebigkeit den scheinbar starken, allgemein bekannten Dinglichkeiten aus der Mottenkiste des Imperialismus nichts entgegenzusetzen hat. Der Streit um eine Neubesetzung des Begriffes »völkisch« zeigt doch nur die Phantomschmerzen, die dann auftreten, wenn den Gegnern dieser Ungeheuerlichkeit die Argumente ausgehen. Einer Partei, die einen Sarrazin in ihren Reihen hat, fehlt das entscheidende Quentchen Glaubwürdigkeit, als Sieger aus so einer Debatte hervorzugehen. Andere Fraktionen haben ihre eigenen Leichen im Keller.

    Das Pendel des Unbehagens an Kultur und Herrschaft kann in beide Richtungen ausschlagen. Unklarheit über den bestehenden Vektor gibt es nicht. Welche Alternative? Es gibt keine. Es gibt im militärischen Sprachgebrauch den Begriff des hinhaltenden Widerstandes. »Flexible Response« steht im Moment nicht zur Diskussion.

    Nichts liegt mir ferner als Dir das Wochenende zu versauen! Ich weiß auch nicht weiter. Was mich betrifft, so versuche ich nach Kräften nicht gar so dumm zu sterben und das gelernte an meine Kinder weiterzugeben. Ein Beruf, den ich für mich immer abgelehnt habe, erscheint mir in den letzten Jahren doch wieder sympathischer: Der des Lehrers. Nach etwas mehr als 30 Jahren sind alle gesellschaftlich relevanten Errungenschaften der Studentenrevolte sinnlos verspielt. Es wird dauern, deren Wert unseren Kindern wieder nahezubringen. Ich und Du werden es nicht mehr erleben. Damit muß man sich wohl abfinden.

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    • Uff Pantoufle, immer die apodiktischen Töne. Da wir im Wesentlichen übereinstimmen, gehe ich nicht auf alles ein, zumal ich nach einem Schlaganfall mit einem Finger tippe und daher bei der Produktion von Textmengen unterlegen bin. Die von dir letztgenannten Werte habe ich zumindest an meine Kinder weitergegeben und bin froh, bei ihnen eine humanistische Werthaltung zu erleben. Als Lehrer habe ich zudem gesehen, dass der Einfluss der Schule eher gering ist. Wesentlich stärker sind die Prägungen aus dem Elternhaus, sei es in Übereinstimmung oder in Opposition zum elterlichen Weltbild. Du schreibst: “ Nach etwas mehr als 30 Jahren sind alle gesellschaftlich relevanten Errungenschaften der Studentenrevolte sinnlos verspielt.“ Nicht alle, zum Glück. Institutionen wie die studentische Selbstverwaltung, Studierendenparlament und AStA, Schülerrat, Schulkonferenz und Elterpflegschaften, alles Einrichtungen der demokratischen Mitwirkung, die es vorher in der Form nicht gegeben hatte, alles auch demokratische Übungsfelder, sind noch da, und es hängt von den Personen ab, wie stark sie in Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Dass da wenig vom Elan der 68-Bewegung zu spüren ist, der gesellschaftliche Diskurs insgesamt auf erschreckend niedrigem Niveau angekommen ist, hängt sicher mit gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen, die du benannt hast, vor allem mit der Dominanz des Neoliberalismus heutzutage und der geballten Macht seiner Verblödungsinstrumente. Letztlich haben wir mit dem Medium Blog die Möglichkeit, ein wenig gegenzuwirken. Da mache ich mir allerdings keine Illusionen. Gesellschaftliche Strömungen sind nur schwer zu beeinflussen, denn wie Gracian sagt: „Alles Große ist schwer zu bewegen.“

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  5. Ich lese und stolpere über die Passage „Doch zuvor, als die Kamera über das Publikum strich, das bei jeder abgehandelten Ungeheuerlichkeit klatschend und jubelnd auf den Sitzen hüpft, und sich freut, auch mal im Fernsehen zu sein,“ und merke, wie sehr doch der Zuschauer die Bilder als real nimmt und sich kaum anderer eigener Perspektiven bedient. Jeder, der schon mal Bestandteil eines Publikums war, weiß was wirklich abgeht und kennt die Macht des Schnittpults. Selbst von 24 Stunden auf 40 Minuten destillierte Lager-Koller-Sendungen leben von der Schnittttechnik wie bereits zuvor Hitchkocks „Psycho“s Duschszene. Da nehmen sich auch solche MAZ-Sendungen nichts. Nur live geht so etwas nicht. Da bleibt live live. So wie Luise Kinseher letztens beim Derblecken am Nockherberg. Und weil keiner Schenkelklopfer-Erwartungshaltung erfüllt wurde, wurde über ihren Vortrag gelästert. Und damit so etwas nicht bei MAZ-Sendungen passiert, gibt es Animateure, deren Ergebnisse reingeschnitten werden, ohne dass es der Zuschauer am TV direkt bemerkt. Wie so etwas vorbereitet wird, hatte ich bereits bei Störsender.tv erlebt (ein Programm, welches nach dem Tode von DH elendig verreckte trotz Crowdfunding …)

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  6. Ich lese und überschlage mich stolperend über die Passage „Doch zuvor, als die Kamera über das Publikum strich, das bei jeder abgehandelten Ungeheuerlichkeit klatschend und jubelnd auf den Sitzen hüpft, und sich freut, auch mal im Fernsehen zu sein,“ und merke, wie sehr doch der Zuschauer die Bilder als real nimmt und sich kaum anderer eigener kreativen Perspektiven bedient.
    Jeder, der schon mal Bestandteil eines Publikums war, weiß was wirklich abgeht und kennt die Macht des Schnittpults. Dazu muss man im Grunde noch nicht mal den warm-up solcher Sendungen erlebt haben. Es reicht, wenn man als wacher Zuschauer selbst die 1440 Minuten auf 40 Minuten destillierte Lager-Koller-Leben-Sendungen zur Kenntnis nimmt, bei denen von der Schnittttechnik wie bereits zuvor Hitchkocks „Psycho“s Duschszene auf Suspense gestutzt wird. Da nehmen sich auch solche MAZ-Sendungen nichts. Ich gestehe zu, dass man solche Sendungen nicht sehen muss, um es zu wissen. Aber wer es nicht weiß, dem könnte es helfen.
    Nur live geht so etwas nicht. Da bleibt live live. So wie Luise Kinseher letztens beim Derblecken am Nockherberg. Und weil keine Schenkelklopfer-Erwartungshaltung erfüllt wurden, wurde über ihren Vortrag von allen Seiten gelästert. Hatte überhaupt wer dabei zugehört? Kommentiert wird nur, was einem Wert erscheint zu kommentieren. Alles andere wird mit herablassender Nichtbeachtung unkommentiert gelassen. Also war Luise Kinsehers Derblecken wohl doch ein Erfolg, oder? Zumindest das Wort „Erfolg“ als Erfolg der Sprache der Juristischen und nicht der anderen.
    Und damit so etwas – also unerwünschte Reaktion – nicht bei MAZ-Sendungen passiert, gibt es Animateure, deren Ergebnisse reingeschnitten werden, ohne dass es der Zuschauer am TV direkt bemerkt. Wie so etwas vorbereitet wird, hatte ich bereits bei Störsender.tv erlebt (ein Programm, welches nach dem Tode von DH elendig verreckte, trotz Crowdfunding …).
    Vordergründig hatte jeder Zuschauer sich gefreut, auch mal im Fernsehen zu sein. Das ist, was man meinen könnte. Die Zuschauer können sich dagegen nicht wehren. Es trifft definitiv die Falschen, denn deren Geschmack kennt man nicht. Aber das ist schon immer so gewesen, dass eine Gruppe über den Kamm der eigenen Meinung geschoren wird, um etwas zu verreißen. Von so einem Verhalten schließe ich mich nicht aus, sondern ex pressis verbis ein. Leider. Ich bin auch nur ein Mensch. Mitwirkender im Zirkus des schlechten Geschmacks. Aber ich plädiere für mich individuell auf Freispruch, weil ich maximal ohne Vorsatz und Nachdenken durchs Leben wandle, wenn ich solche TV-Programme anschaue.

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    • Klar ist in Film und TV alles ausschnitthaft. Ich weiß auch, dass das Publikum von Animateuren angestachelt wird und auf Kommando reagiert. „Schwenkfutter“ heißt es im Jargon. Wer in ein Fernsehstudio geht, um Schwenkfutter zu sein, muss sich bewusst sein, welche Rolle ihm/ihr zugedacht ist. Im Falle von satirischen Formaten Extra3, Heute-Show etc. muss einem klar sein, dass da gesellschaftliche Fehlentwicklungen aufgezeigt werden, und dass man blöd aussieht, wenn man dazu lacht und freudig lachend auf dem Sitz hüpft. Denn das ist die Botschaft, die in alle Wohnstuben gesendet wird. Alles halb so wild. Man kann noch ablachen.

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