Von Männern, die im Weg rumstehen

kategorie surrealer-AlltagSeit langem habe ich einen Buchtitel im Kopf. Möglicherweise wäre es auch ein guter Bandname: „Männer, die im Weg rumstehen.“ Achtlos Laufwege zuzustellen ist Männersache. Gestern stand einer an der Straßenbahnbaustelle am Küchengarten und gaffte, stand mitten in der Engstelle eines viel benutzten Überwegs. Linke Spur für Radfahrer, rechte für Fußgänger. Er stand uns Radfahrern im Weg und tappte dann plötzlich los, natürlich weiter auf dem Fahrradweg. Ich konnte ihn gerade noch umkurven, ohne eine Radfahrerin anzurempeln und schimpfte: „Guck, wo du läufst, Tünnes!“ Ja, das war sehr ungehalten.

Leider bekam er ab, was der Summe aller im Weg stehenden Männer gilt. Sowieso hätte ich besser rechtzeitig geklingelt. Aber jetzt schon länger her, da ist hoch von einer Fensterbank des Nebenhauses ein Blumenkasten herab gedonnert und zerschellt. Überall im Hof lagen hellbraune Plastiksplitter, Erde und kümmerliche Pflanzen. Der Kasten hatte vermutlich meinen Fahrradlenker getroffen und mir die Klingel von der Halterung gerissen. Ich fand sie in der Blumenerde, hob sie auf und bevor ich sie wegwarf, betrauerte ich sie, das heißt, ich widmete ihr einige Gedanken. Wenn man im Zirkus vorführen wollte, mit einem Blumenkasten aus großer Höhe eine Fahrradklingel vom Lenker zu schmettern, müsste man sehr lange üben. Ob das aber einer sehen, sogar Eintritt dafür bezahlen wollte? Ich jedenfalls nicht.

Das Wort „Klingel“ ist übrigens onomatopoetisch, auf Deutsch lautmalend. Das Wort ahmt den Klang nach. In dem Suffix –el hört man förmlich die in der Klingel anschlagenden beiden Klöppel. Meine Klingel machte allerdings nur „Ping“, ähnlich wie die Schreibmaschinenzeilenendeglocke, nur war der Klang meiner Klingel reiner. Eigentlich war sie demnach keine Klingel, sondern eine Pinge. So eine Pinge hatte ich mal am Fahrrad, bevor der Sturm den nachbarlichen Blumenkasten in unseren Hof fegte. Gefegt wurde der Hof danach nicht. Nachfolgender Regen hat die Blumenerde zum Teil fortgeschwemmt. Ein Rest liegt noch da wie ein kleiner Wall. Auf seiner Kuppe sprießen schon die Birken. Wenn ich mein Fahrrad vom Hof hole, muss ich es bald durch einen Birkenhain schieben. Ich würde mich nicht wundern, wenn dann so ein gaffender Tünnes im Weg stünde. Und ich hab‘ keine Klingel.

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23 Kommentare zu “Von Männern, die im Weg rumstehen

  1. Der Buchtitel könnte mir gefallen. Immerhin enthält er die Option auf eine Fortsetzung: „Frauen, die im Weg rumstehen”. Interessant ist allerdings, daß es immer die anderen sind, bei denen das Im-Weg-stehen auffällt. Hat schon jeh jemand daran gedacht, ein „ich, wie ich im Weg herumstehe”-Buch zu schreiben? 😉

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  2. Ist die Birke erstmal größer, könntest du einen Ast absägen und peitschenknallend – wie ein Dompteur im Zirkus – Männer, die im Weg rumstehen, wenn schon nicht züchtigend, so wenigstens akustisch, auf dein Erscheinen aufmerksam machen … 🙂

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  3. Das wäre ein feiner Buchtitel, lieber Jules. Und ich bin sicher, dass sich darin herrliche Geschichten verbergen würden. Solche wie die, von der abgeschlagenen Fahrradklingel…oder Pinge. Geschichten die ähnlich der Gedanken springen und wandern und kein bisschen langweilig werden. So wie die, von Männern die im Weg rumstehen.

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  4. Tatsächlich gäbe »Männer [Frauen], die [.. dies oder jenes tun ad lib.]« ein geeignetes Thema her als Anregung für ein Blogtext-Mitmachprojekt. (fällt mir übrigens grad einer dazu ein: »Männer, die wie Tunten grüßen« – glaub, ich setz mich gleich mal hin und schreib was darüber ..)

    (was den Film »Männer, die auf Ziegen starren« angeht, so erhielt der freilich durchaus kontroverse Kritiken. Hab ihn gemeinsam mit meinem Mädel [die übrigens hier darüber berichtet*] gesehen – wir waren aber beide, obwohl bekennende Clooney-Fans, davon recht enttäuscht & gelangweilt. Das originellste an dem ganzen Film ist eigentlich bloß der Titel, tut mir leid das sagen zu müssen.)

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    • Gute Idee! Ich mache mit. Auf »Männer, die wie Tunten grüßen« bin ich gespannt.
      Ich habe bislang nur den Filmtitel „Männer, die auf Ziegen starren“ gekannt. Die Inhaltsangabe liest sich vielversprechend. Danke für die Kurzrezension und den Link!

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  5. Meine lieben Damen und Herren!
    Heute Morgen habe ich obigen Text versehentlich in den Papierkorb verschoben. Nachdem ich ihn da wieder hervorgeholt hatte, fehlten eine ganze Reihe von Kommentaren und meine Antworten. Die Kommentare wurden bei mir in der Kommentarleiste rechts noch angezeigt, aber es gelang mir nicht, die Kommentarbäume wieder sichtbar zu machen. Jetzt sind sie ganz verschwunden.

    Das bedauert sehr und entschuldigt sich für sein Versehen,
    Jules

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  6. Pingback: Von einem Text, der mir verloren ging

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