Mentalcoach Kaffeemühlchen

InstitutAls er elf Jahr alt war, sei er jeden Morgen mit Herzrasen in die Schule gegangen, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der Technischen Hochschule Aachen. Nein, er habe nicht an Schulangst gelitten. Schuld sei seine Großmutter gewesen. Die habe ihm zum Frühstück einen Kaffee gemacht, worin der Löffel senkrecht hätte stehen können. Daran habe er sich erinnert, als er in der Küche von Freunden so ein hölzernes Kaffeemühlchen entdeckt habe, worin seine Großmutter die Kaffeebohnen immer frisch gemahlen hatte, um aus dem Pulver einen höllisch starken Filterkaffee aufzubrühen. Aber er habe den Sud immer tapfer ausgetrunken, denn mit einem Schuss Dosenmilch und drei gehäuften Löffeln Zucker sei der Kaffee durchaus trinkbar und wohlschmeckend gewesen. Noch im Klassenzimmer habe sein aufgeputschtes Herzchen heftig geklopft. Wenn er sich dann gespannt mit dem Oberkörper an sein Schulpult gelehnt, indem er seine verehrte Lehrerin beobachtet habe, wie sie an der Tafel beidhändig mit der Kreide kämpfte, weil sie doch an einem täglich auftretenden Chirospasmus gelitten, hätte das Holz seiner Schulbank wie ein Resonanzkörper das Pochen seines Herzens verstärkt, so dass die Lehrerin entnervt gerufen habe: „Wer trommelt da hinter meinem Rücken?!“
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Allzeit nach Bielefeld

kategorie surrealer-AlltagUm 17:28 Uhr, also in 11 Minuten soll der ICE 651 von Köln nach Berlin-Gesundbrunnen in Hannover eintreffen, fährt und fährt, aber auf dem Display zu unseren Köpfen wird als nächster Halt immerzu Bielefeld Hbf angezeigt, ein Umstand, der das Präsens geradezu verlangt. Ich schaue bang aus dem Fenster und würde mich nicht wundern, statt der Vororte von Hannover die Außenbezirke von Bielefeld vorbeiziehen zu sehen, was aber vor gut einer Stunde schon gewesen war. Der Zugbegleiter kommt durch den Gang und schenkt der irritierenden Anzeige keine Beachtung, obwohl mein Zeigefinger zaghaft auf den Bildschirm weist. Wie mag die hartnäckig auf Bielefeld stehende Anzeige zu erklären sein? Gewiss hat man an den Bahnhöfen Transponder, die einen durchfahrenden Zug registrieren und an das computergesteuerte Leitsystem melden, so dass ein falscher Bildschirmhinweis eigentlich ausgeschlossen ist. Was wenn der ICE über eine falsch gestellte Weiche in eine Schleife geraten ist und immerzu auf Bielefeld zurast, vorbei und wieder darauf zu? Man hat ja über Bielefeld schon allerhand Verdächtiges gehört. Demnach ist Bielefeld ein schwerer Ausnahmefehler im galaktischen Betriebssystem. Und eben bei unserem Halt hat die dubiose Stadt den ICE infiziert.

film-als-kunst„Paarung wirkt auf die Partner“ sagt der Gestaltpsychologe Rudolf Arnheim. Ich habe ein Buch von ihm im Koffer. „Film als Kunst“. So eine Filmspule dreht sich ja auch immerzu, immerzu – bis der Film abgespult ist. Das Buch kreist auch. Es ist kürzlich noch in Dänemark gewesen, nachdem mein Schwiegersohn, er ist Filmemacher und Kameramann, es als Urlaubslektüre bei mir ausgeliehen, dann zurück mit nach Aachen genommen hat. Jetzt will ich den Klassiker wieder nach Hannover bringen und zurück in mein Bücheregal stellen.

Allzeit nach Bielefeld - (Foto JvdL)

Allzeit nach Bielefeld – (Foto JvdL)

Meine Mitreisenden haben bislang nichts gemerkt, heben nicht mal die Köpfe, als ich mit meinen Smartphone das Beweisfoto schieße, obwohl das blöde Gerät wieder ein unnötiges Objektiv-Verschlussgeräusch simuliert, das die Ruhe im Wagen 34 durchbricht. Ich erwarte, dass alle mich anschauen und sich fragen, was es hier und jetzt zu knipsen gibt. Aber nein, sie sind wie in Trance. Ja, merkt ihr denn nicht, dass der ICE 651 um Bielefeld kreist? In 11 Minuten soll der Zug in Hannover eintreffen. Er fährt und fährt. Mein Blick irrt erneut hoch zum Bildschirm. „17:17 Uhr – Nächster Halt Bielefeld.“ Was für ein Debakel!

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Neulich in meinem Schlafzimmer

kategorie surrealer-AlltagWeil ich keine Läden an den Fenstern habe, ist es in meinem Schlafzimmer nicht stockdunkel, sondern die Dunkelheit hüllt mich in ein sanftes Tuch, leicht, duftig und transparent, so dass immer noch schemenhaft etwas zu sehen ist, solange ich die Augen offen halte. Neulich sah ich einen Schatten an der Zimmerdecke.
Ich dachte: „Hören Sie mal, Herr Nachbar, das geht aber nicht, dass Sie Ihren Schatten durch meine Decke hängen lassen.“
„Ja, was kann ich denn dafür? Der ist eben so schwer. Kommen Sie mal in meine Situation, dann ist ihr Schatten auch schwer. Die werden nämlich immer schwerer und sacken dann durch.“
„Ach, und Sie sind ihn los? Auf meine Kosten verunzieren Sie meine makellose Zimmerdecke. Diese fatalistische Haltung ziemt sich nicht. Was würden Sie sagen, wenn Ihr Obernachbar seinen Müll einfach vor Ihre Wohnungstür stellen würde?“
„Meine schweren Gedanken sind kein Müll.“
„Aber es sind Ihre schweren Gedanken. Und die haben nicht durch meine Zimmerdecke zu hängen.“
„Bitte schimpfen Sie nicht mit mir. Das macht mir großen Kummer. Ich habe doch schon genug davon. Erst heute hat mich einer nicht richtig zurück gegrüßt, sondern hat gesagt, er würde mich gar nicht kennen. Mehrmals habe ich ihn wieder gesehen, und jedes Mal hat er so komisch gegrinst, als würde er denken, da kommt wieder der Idiot, der mich zu kennen glaubt.“
„Sie sind nicht aufrichtig und nennen mir nicht die wahre Ursache Ihres schweren Schattens. An guten Tagen würden Sie über den Vorfall schmunzeln.“
„Gute Tage?“
„Ja, die hat jeder. Manchen stehen sie gar nicht zu, aber man hat sie ab und zu. Seneca würde sagen, dass Ihre Bilanz nicht stimmt. Sie erwarten zuviel, achten nicht, was da ist, sondern blicken neidvoll auf das, was Sie nicht bekommen können. Damit machen Sie sich den Tag kaputt. Und bei mir hängt mitten in der Nacht Ihr Schatten an der Decke. Holen Sie ihn rauf. Sie werden spüren, er ist ganz leicht. Denn das ist die ganze Kunst: das Schwere leicht und das Leichte schwer zu nehmen.“
„Das Leichte schwer?“
„Ja, legen Sie Ihr Augenmerk auf das Leichte. Geben Sie den kleinen, erfreulichen, zuweilen ulkigen Dingen Bedeutung.“
„Hallo, Herr Unternachbar!“
„Ja?“
„Ich glaube, Sie reden im Schlaf.“