Ein Holzsschild fährt den Bus

Kategorie Medien“Man kann natürlich akademisch über Sprache und Orthographie reden, wenn man grad mal nichts anderes zu tun hat”, sagt Professor Jeremias Coster und zündet sich sein Zigarillo mit einem Sturmfeuerzeug an. Dass er sich trotz der heftigen Böen Feuer geben kann, scheint ihn zu freuen. “Schreiben im Alltag ist oft ganz entfernt von derartigen Überlegungen”, fährt er fort und biegt sich auf seinem Stuhl zur Seite, um aus der Innentasche seiner Jacke einen Zettel zu ziehen, den er, wie er versichert, soeben in einem Einkaufswagen gefunden habe.

1-clopapier“Sechs von acht Wörtern falsch zu schreiben, ist schon eine Kunst”, sage ich.
„Wenn du den fehlenden i-Punkt bei ‘Eier’ und die fehlenden Striche über dem a von ‘Käse’ mitzählst“, sagt er streng. Bei „Kase“ würde er mir folgen und ebenso einen Fehler ankreiden, denn die fehlenden Striche über dem „a“ entsprächen ja dem Buchstaben „e“, der einst über die umlautenden Vokale geschrieben wurde. Es fehle also eigentlich ein ganzer Buchstabe. Der i-Punkt jedoch sei lediglich eine spätere diakritische Hinzufügung. In der karolingischen Minuskel, die ja die Vorlage unserer Kleinbuchstaben geliefert habe, sei der i-Punkt nicht vorhanden gewesen. Folglich dürfe ich hier keinen Fehler anrechnen. Somit sei der Fehlerquotient 5:8, nicht 6:8. “Überdies ist die kommunikative Funktion eines Textes entscheidend. Wer wollte an einen Einkaufszettel die gleichen Anforderungen stellen wie an ein Bewerbungsschreiben?”, fragt Coster. “Bewerbungsschreiben sind der traurige Höhepunkt der Orthographiefixierung. Die Forderung, originell zu sein und sich trotzdem streng formelhaft auszudrücken, – ein Widerspruch in sich. Andererseits und überhaupt sind natürlich enge Grenzen für die Entwicklung der Kreativität von Vorteil, wenn man Kreativität als die menschliche Fähigkeit der Problemlösung ansieht.”

Eine Windböe fegt über den Platz und lässt nicht nach, wie es in unseren Breiten üblich ist, sondern schwillt an und an, als wollte sie den Gemüsestand vom Platz fegen. Überhaupt, fährt Coster gleichgültig fort, obwohl der Kaffee unter seiner Nase Wellen schlägt, überhaupt sei die Fixierung auf Richtigkeit der Sprache ein Phänomen der Schrift. Wäre unsere Sprache nicht aufgeschrieben, könnte man sie nur schwer beschreiben und mithin auch nicht analysieren. Ein Sprecher könnte dann in seiner Sprache keinen Fehler machen. Denn er sei sein ureigenster Sprachbesitzer, und deshalb könne er mit ihr machen, was er wolle. Alle Kraft der Sprache komme daher, und es sei kein Wunder, wenn die Sprache verflache, da sie doch von allen Seiten geknebelt würde.

Wir gehen noch ein Stück des Wegs zusammen. Man dürfe natürlich nicht idealisieren, sagt er, mangelnde Beherrschung der Schriftsprache gehe oft mit schwachem Abstraktionsvermögen einher, was es wiederum schwer mache, einem Außenstehenden einen Sachverhalt zu erklären. Er habe einmal einen Busfahrer gefragt, ob es ein System gebe, nach dem den Busfahrern die verschiedenen Fahrten zugeteilt würden. Der Busfahrer habe gesagt: „Sehen Sie, wir haben die Busse und die Fahrer. Die Fahrer haben alle Namen. Die stehen auf einem Holzschild …“

Ich sage: „Ja, und dann haben die Fahrer noch Ausweise. Zum Einteilen werden Fahrer, Ausweis, Holzschild und Bus abgeglichen. Dabei muss man natürlich aufpassen, dass man nicht versehentlich das Holzschild ans Steuer setzt.“

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11 Kommentare zu “Ein Holzsschild fährt den Bus

  1. Mich persönlich stören meine eigenen Tippfehler(besonders mit dem Telefon, das nachträglich gern etwas besser zu wisssen scheint). Ich empfinde, richtig geschriebene Worte, eigentlich Wörter auch eine Augenweide. Bei mir selbst stört mich, dass, je älter ich werde, desto mehr mische ich Sprachen. Das liegt wohl u.a. auch an den falschen Freunden 😉 Ich mag an Deinen Texten übrigens immer besonders, dass Du einen Bogen zu einem andern Thema spannst! Möglichst tipp- und fehlerfreie Grüße, Ann

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    • Google feiert ja heute den Geburtstag von László József Bíró, dem Erfinder des Kugelschreibers. Man stelle sich einen Kugelschreiber vor, der immer alles besser wissen will als der Schreiber und seine Wörter verschlimmbessert, vergleichbar der T9-Funktion im Smartphone.
      Von der von dir benannten Sprachvermischung als Effekt des Älterwerdens hatte ich noch nie was gehört. Ich kann mir vorstellen, dass es bei zunehmender Vertrautheit mit einer Fremdsprache auftritt. Auf falsche Freunde fällt doch eher der fremdsprachlich Unkundige herein. Für dein Kompliment danke ich dir und grüße herzlich zurück, Jules

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  2. Das Phänomen, dass mit zunehmendem Alter Sprachen durcheinander geraten, habe ich im weiteren familiären Umfeld erlebt. Eine alte Dame, geborene Deutsche, die ihr halbes Leben in den Niederlanden verbracht hatte, brachte im hohen Alter Hoch- und Plattdeutsch mit dem Niederländischen durcheinander, wechselte unbeabsichtigt zwischen den Sprachen und das sowohl mündlich wie auf schriftlich.
    Die Fixierung auf die richtige Schreibweise… ja, im Deutschen ist das wohl so, ich weiß nicht recht, ob alle Sprachen da so streng sind. Ich weiß aber, dass grammatische Fehler mich als Hörer bei einem Vortrag völlig aus der Bahn werfen.

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