Plausch mit Frau Nettesheim – Instrumentelles Husten

frau-nettesheimichTrithemius – Sie sollten nicht denken, ich wäre untätig, wenn ich nichts Neues veröffentliche, Frau Nettesheim. Manchmal sitze ich stundenlang an einer Gif-Animation oder an einem Text, lade sie sogar hoch ins Blog, um sie am Ende als nicht gut genug zu verwerfen.

Frau Nettesheim – „Nicht gut genug“ für wen?

Trithemius – Für mich. Wenn ich mich nicht selbst an einer Veröffentlichung erfreuen kann, wie kann ich erwarten, dass es andere tun.

Frau Nettesheim – Was missfällt Ihnen?

Trithemius – Ach, hohe Frau, Schreiben und Gestalten geht viel zu leicht. Einst hat man die Tinte selbst anreiben und sich Gänsefedern zurechtschneiden müssen. Und? Konnte man dann loslegen? Nein, da fehlte noch der Beschreibstoff. Zur Not schnitt man sich eben die Ränder aus Büchern aus, um drauf schreiben zu können. Wenn ich keinen Beschreibstoff hätte und ich müsste in öffentlichen Bibliotheken heimlich leere Seiten aus Büchern reißen, dann wüsste ich das Schreiben wieder zu würdigen.

Frau Nettesheim – Wieso reißen Sie die Seiten nicht aus eigenen Büchern? Das wäre weniger kriminell. Stehen doch genug im Regal?

Trithemius – Aber das wäre ja keine Schwierigkeit. Es muss schwierig sein, damit es etwas wert ist. Man wählt ein Buch, schlägt den Schmutztitel auf, schaut sich um, ob keiner in der Nähe ist, hustet und reißt gleichzeitig. Instrumentelles Husten, Sie verstehen, hihi!

Frau Nettesheim – Ich glaube nicht, dass Sie das fertigbringen. Dazu sind Sie doch viel zu brav, Trithemius.

Trithemius – Jetzt bremsen Sie mich nicht aus, Frau Nettesheim. Sonst gibt es bald keine Texte mehr. Übrigens war ich kürzlich nach Jahren wieder mal in einer Bibliothek. Ein Freund, mit dem ich am Lindener Markt essen war, wollte in der Stadtteilbibliothek im Lindener Rathaus ein bestelltes Buch abholen. Also begleitete ich ihn. Im Eingangsbereich saßen drei Damen. Ich dachte, sie wären für die Verbuchung der Ausleihe zuständig. Aber das wars gar nicht. Verbuchung und Rückgabe sind automatisiert. Wie der Freund mir demonstrierte, erledigt der Kunde alles selbst. Im Prinzip bräuchte man keine Bibliotheksangestellten mehr. Vermutlich werden die nur weiter beschäftigt, damit einer wie ich sich nicht traut, Schmutztitel aus Büchern zu reißen.

Frau Nettesheim – Sehen Sie sich vor! Für Typen wie Sie hat man gewiss Überwachungskameras.

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8 Kommentare zu “Plausch mit Frau Nettesheim – Instrumentelles Husten

  1. Wenn Google erstmal die Literatur der Welt digitalisiert hat, ist der instrumentale Dauerhusten zumindest für den beschriebenen Tatbestand völlig überflüssig geworden. Und so geht eine liebe Gewohnheit nach der anderen den Bach hinunter. Außerdem erklärt diese Form des Hustens natürlich auch, warum manche literarischen Werke vollständig verschwunden sind.

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  2. Wie Manfred schon andeutet, mußt Du Dir bald vielleicht die Schmutzseiten ausdrucken – wenn es hilft, darfst Du dabei natürlich auch husten.

    Vor Überwachungskameras in Bibliotheken braucht man keine Angst zu haben, im öffentlich-rechtlichen Bereich muß immer darauf hingewiesen werden, daß gefilmt wird, soviel ich weiß. Fürchten mußt Du nur die Bibliothekare:

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    • Danke fürs Cartoon! Leider hat der erste Kommentar vom achtbaren Herrn Ösi, die Aufmerksamkeit auf einen Aspekt gelenkt, um den es mir gar nicht ging. Ich will demnächst mal testen, ob ein in der Bibliothek erbeutetes leeres Blatt, wenn ich es beschreibe, mir eine höhere Wertschätzung für Text und Schreiben gibt. Vor einer Überwachungskamera muss ich mich ja dank deiner Auskunft nicht fürchten.

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