Mentalcoach Kaffeemühlchen

InstitutAls er elf Jahr alt war, sei er jeden Morgen mit Herzrasen in die Schule gegangen, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der Technischen Hochschule Aachen. Nein, er habe nicht an Schulangst gelitten. Schuld sei seine Großmutter gewesen. Die habe ihm zum Frühstück einen Kaffee gemacht, worin der Löffel senkrecht hätte stehen können. Daran habe er sich erinnert, als er in der Küche von Freunden so ein hölzernes Kaffeemühlchen entdeckt habe, worin seine Großmutter die Kaffeebohnen immer frisch gemahlen hatte, um aus dem Pulver einen höllisch starken Filterkaffee aufzubrühen. Aber er habe den Sud immer tapfer ausgetrunken, denn mit einem Schuss Dosenmilch und drei gehäuften Löffeln Zucker sei der Kaffee durchaus trinkbar und wohlschmeckend gewesen. Noch im Klassenzimmer habe sein aufgeputschtes Herzchen heftig geklopft. Wenn er sich dann gespannt mit dem Oberkörper an sein Schulpult gelehnt, indem er seine verehrte Lehrerin beobachtet habe, wie sie an der Tafel beidhändig mit der Kreide kämpfte, weil sie doch an einem täglich auftretenden Chirospasmus gelitten, hätte das Holz seiner Schulbank wie ein Resonanzkörper das Pochen seines Herzens verstärkt, so dass die Lehrerin entnervt gerufen habe: „Wer trommelt da hinter meinem Rücken?!“

Einen solchen Kaffee habe er seither nie mehr getrunken. Dieser Geschmack sei nicht mehr in der Welt. Inzwischen stünden ja in den meisten Küchen lärmende Kaffeemaschinen, so teuer in der Anschaffung, dass ihre stolzen Besitzer sich notgedrungen mit dem faden Geschmack ihres Kaffees bescheiden müssten, wollten sie die Anschaffung vor sich und ihrer Geldbörse rechtfertigen. Er selbst habe sogar einen sündteuren Porsche unter den Kaffeemaschinen besessen. Aber das Gerät habe auch nichts anderes ausgespuckt als alle anderen, so dass er es aus der Küche habe verbannen müssen. Dass die Leute den Geschmack von Spülwasser für Kaffee halten würden, sei das Ergebnis einer kollektiven Gehirnwäsche.

„Welche Gehirnwäsche denn, Coster, und gewaschen durch wen?“, fragte ich. Das könne er mir an einem Beispiel erklären, wenn ich endlich damit aufhören würde, seine Aussagen in den Konjunktiv zu setzen. „Upps, ich dachte, der Indikativ wäre Ihnen nicht recht, da er es Ihnen nicht erlaubt, die erforderliche Distanz zu halten.“

„Ausnahmsweise nehme ich den“, sagte Coster, und fuhr fort: „Also mein Beispiel: Im Supermarkt wurde ich Zeuge eines Dialogs zweier Mitarbeiter, der aber eigentlich ein Monolog gewesen ist, denn der angesprochene junge Mann hat mir den Rücken zugekehrt. Wenn er etwas gesagt hat, dann leise gegrummelt. Gesprochen hat eine junge Frau, die mir schon vor längerer Zeit aufgefallen ist, weil sie so ungemein fleißig an tausend Stellen zu Gange ist und immerzu kräftig zupackt. Sie sagte ihrem Kollegen: ‚Die Ruhe von innen nach außen tragen. Wenn du hektisch durch den Markt rennst, werden die Kunden auch hektisch. Auch wenn du Stress hast, lass dir den Stress nicht anmerken. Und nicht vergessen: immer lächeln!‘ Sprachs, drehte sich auf dem Absatz um und eilte weg, vermutlich um zwanzig schwere Gemüsekisten zu stapeln oder eine zehn Meter lange Tiefkühltruhe komplett leerzuräumen, auszuwischen und wieder einzuräumen. Ich stand in der Kassenschlange und hatte staunend zugehört.

Grafik & Gifanimation JvdL

Grafik & Gifanimation JvdL

Ihre Ratschläge wirkten spontan vernünftig auf mich, obwohl ich sie selbst noch nie langsam durch den Markt hatte gehen sehen. Nur dass er lächeln sollte, schien mir nicht angemessen, denn der so gebriefte Kollege ist ein hagerer, sauertöpfischer Typ, der statt zu Lächeln höchstens ein gequältes Grinsen aufsetzen kann. Die Erkenntnisse, die seine Kollegin so bereitwillig preisgab, hat sie vermutlich aus einer Mitarbeiterschulung. Den Stress im Arbeitsalltag der Mitarbeiter soll der Kunde nicht mitbekommen. Die Arbeitslast zu verringern, würde den Gewinn schmälern. Also bringt man den Leuten bei, nicht auf die eigenen Wahrnehmungen zu hören und lehrt sie Techniken der Stressvermeidung, bei denen sie das, was noch an Ruhe in ihnen ist, ausbeuten. Das bringt man aber, um Kosten zu sparen, nur einer Mitarbeiterin bei, die dann gehalten ist, die Technik der totalen Selbstausbeutung an ihre Kollegen zu vermitteln. Wenn das keine Gehirnwäsche ist, Trithemius, dann weiß ich es nicht.“

„Gehirnwäsche für Arme“ sagte ich. „Jedenfalls sparsam. Und was ist jetzt mit dem Kaffee aus Kaffeemaschinen?“, fragte ich.

„Wer dauernd gehalten ist, seine eigenen Wahrnehmungen nicht ernst zu nehmen und sich zu belügen, dem schmeckt auch die Brühe aus seiner teuren Kaffeemaschine, der kippt morgens heißes Spülwasser und findets gut. Wie ulkig!“

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20 Kommentare zu “Mentalcoach Kaffeemühlchen

  1. Lanze für Omas Kaffeemühle:
    Meine antike Kaffeemühle ist ein feuerrotes Spielmobil. Die frisch gemöllerten Böhnchen sind perfekt für Bizeps und Befinden. Armwechsel wird empfohlen wegen der muskulären Verhältnissmäßigkeit. Gekocht wird der Muntermacher auf dem Herd ohne Filterpapier, dafür mit jeder Menge Dampf. Kaffeekochen dauert eine Viertelstunde. Ein Kaffeevollautomat braucht etwas weniger Zeit, allerdings nur dann, wenn man nicht gerade irgendwelche lästigen Zusatzpflichten zu erledigen hat, wie gefühlt bei jedem Kaffeekochen mit so einem Wunder der modernen Technik ständig das Wasser nachzufüllen, die Bohnen nachzufüllen, oder das Ding umständlich sauber zu machen oder zu entkalken. Kaffeevollautomaten wollen ständig irgend etwas haben bevor sie etwas anderes dafür zu leisten bereit sind. Eine Kaffemühle hat weit weniger Bedürfnisse und der Kaffee ist viel leckerer und bekömmlicher obendrein auch noch.

    Der arme Junge in Deiner Geschichte mit seinem Kaffeeherzrasen, dem wünsch ich lieber Küsse statt Kaffee. Ist einfach viel gesünder und hat dazu noch den gleichen schnappatmerischen Spannungseffekt.

    Der arme Supermarktmitarbeiter! Lächeln liegt nicht jedem. Man(n) kann auch ernst freundlich kucken…
    Doch die Mitarbeiterin, vom Wesen her anscheinend eher in servil lächelnder Freundlichkeit begünstigt, gibt nur wichtige theoretische Phrasen weiter, wie sie jeder sozialkompetente Manager in Intuitionsschulungen erlernt.
    Der Konsument ist solange König bis er reklamiert und trotzdem macht er die Wirtschaft froh…
    Oder so…

    Einstweilen liebe Grüße aus dem Shangri-La des (Nord)-Westens, dem vielefältigen Bielefeld ✨

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    • Richtig so. Kaffee braucht Zeit, um sein Aroma zu entfalten. Küsse für den Jungen – geht leider nicht rückwirkend. Tatsächlich habe ich mal bei Lidl die schlechte Stimmung unter den Mitarbeitern reklamiert, nachdem ich einmal gesehen habe, wie eine Kassiererin nach einem Anpfiff weinend im Büro verschwand. Wenn die Supermarktmitarbeiter sich allerdings durch Lächeln tarnen, muss man schon genau hingucken.
      Lieben Gruß zurück!

      Gefällt 1 Person

  2. Die Wahrheit ist allerdings, dass auch „richtiger“ Kaffee überhaupt nicht schmeckt. Ich mochte den nie und hab auch nie verstanden, warum andere Leute ihn trinken. Zu glauben, dass man Kaffee trinken muss, weil alle anderen das auch tun, scheint mir weitaus gehirnwäschiger…

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  3. Eine Fachfrau hat mal in einer TV-Doku erzählt, daß Tschibo und Eduscho über Jahre ganz systematisch den Kaffegeschmack der Leute quasi heruntertrainiert haben – damit sie im Konkurrenzkampf den Preis halten konnten, nahmen sie immer schlechtere und billigere Bohnen, um ihre vakuumverpackten Produkte billig verkaufen zu können. Inzwischen gibt es zumindest in den großen Städten kleine Kaffeerösterein, in denen die Qualität des Kaffees erheblich besser ist. Aber vielleicht ist das auch nur ein Modetrend, der bald wieder abebbt.

    Ich befürchte, daß die Gehirnwäsche hin zu einem Sichzufriedengeben mit schlechter Qualität nicht nur mit Kaffee funktioniert: Brot, Bier, Obst, Tomaten sind nur die ersten Waren, die mir spontan einfallen.

    Das Gif ist übrigens nicht „untergegangen“, ich bewundere es – der Verkäufer sollte eine Weile daraufschauen, es beruhigt. Je nachdem, wie man guckt, drehen sich die Würfel nach rechts unten oder nach links oben – wunderbar!

    Gefällt 1 Person

    • Was du da mitteilst, erklärt natürlich einiges. Ich dachte, es liegt an mir, dass ich an bestimmte Geschmackserinnerungen nicht mehr herankomme. Wenn man ehrlich mit sich ist, schmecken die meisten Lebensmittel irgendwie fad. Steckt dahinter tatsächlich Methode? Ich erinnere mich an ein erstaunliches Erlebnis, von vor etwa zehn Jahren. Bei einer Trainingsfahrt geriet ich in die Voreifel. Da standen Apfelbäume. Ich hielt und stahl einen Apfel, weil ich nichts mehr zu essen bei mir hatte. Dieser Apfel schmeckte so köstlich, dass ich mich fragte, warum man einen derartigen Apfel nirgendwo kaufen kann. Käme ein solcher Apfel in den Handel, würde niemand mehr das andere Zeug kaufen wollen. Es lohnt sich, der Sache einmal nachzugehen: Auf der Suche nach dem verlorenen Geschmack.

      Eine kleine Kaffeerösterei hält sich seit Generationen in Aachen, die älteste Deutschlands, gegründet 1820, Plums Kaffee. In Hannover habe ich noch keine entdeckt.
      https://de.wikipedia.org/wiki/Plum%E2%80%99s_Kaffee

      Ich danke dir für die erhellende Information und für die Würdigung der Gif-Animation.

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  4. Natürlich ist es bei mir nur die Faulheit, die mich zur Kaffeemaschine greifen lässt, es gibt nichts besseres als frisch aufgebrühter Kaffee, nicht gefiltert und nichts anderes, und dann musste sich der Kaffee setzen, und dann musste das Entweichen des Aromas beim Setzprozess verhindert werden, dadurch dass man die Tülle mit Papier zustöpselte, und dann brauchte der erste Abguss noch ein Kaffeesieb, aber nur der erste, ansonsten galten die wenig verbliebenen schwebenden Kaffeeteilchen als Geschmacksverstärker, und wenn du das alles so machst wie anno dunnemal und noch die angemessene Kaffeedosierung kennst, dann schmeckt der Kaffee noch genau so gut, wie eh und je.
    Aber … ich bin zu faul und es ist mir heute nicht mehr so wichtig, da ich mehr Tee trinke und wenn dann Milchkaffee.

    🙂

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