Allzeit nach Bielefeld

kategorie surrealer-AlltagUm 17:28 Uhr, also in 11 Minuten soll der ICE 651 von Köln nach Berlin-Gesundbrunnen in Hannover eintreffen, fährt und fährt, aber auf dem Display zu unseren Köpfen wird als nächster Halt immerzu Bielefeld Hbf angezeigt, ein Umstand, der das Präsens geradezu verlangt. Ich schaue bang aus dem Fenster und würde mich nicht wundern, statt der Vororte von Hannover die Außenbezirke von Bielefeld vorbeiziehen zu sehen, was aber vor gut einer Stunde schon gewesen war. Der Zugbegleiter kommt durch den Gang und schenkt der irritierenden Anzeige keine Beachtung, obwohl mein Zeigefinger zaghaft auf den Bildschirm weist. Wie mag die hartnäckig auf Bielefeld stehende Anzeige zu erklären sein? Gewiss hat man an den Bahnhöfen Transponder, die einen durchfahrenden Zug registrieren und an das computergesteuerte Leitsystem melden, so dass ein falscher Bildschirmhinweis eigentlich ausgeschlossen ist. Was wenn der ICE über eine falsch gestellte Weiche in eine Schleife geraten ist und immerzu auf Bielefeld zurast, vorbei und wieder darauf zu? Man hat ja über Bielefeld schon allerhand Verdächtiges gehört. Demnach ist Bielefeld ein schwerer Ausnahmefehler im galaktischen Betriebssystem. Und eben bei unserem Halt hat die dubiose Stadt den ICE infiziert.

film-als-kunst„Paarung wirkt auf die Partner“ sagt der Gestaltpsychologe Rudolf Arnheim. Ich habe ein Buch von ihm im Koffer. „Film als Kunst“. So eine Filmspule dreht sich ja auch immerzu, immerzu – bis der Film abgespult ist. Das Buch kreist auch. Es ist kürzlich noch in Dänemark gewesen, nachdem mein Schwiegersohn, er ist Filmemacher und Kameramann, es als Urlaubslektüre bei mir ausgeliehen, dann zurück mit nach Aachen genommen hat. Jetzt will ich den Klassiker wieder nach Hannover bringen und zurück in mein Bücheregal stellen.

Allzeit nach Bielefeld - (Foto JvdL)

Allzeit nach Bielefeld – (Foto JvdL)

Meine Mitreisenden haben bislang nichts gemerkt, heben nicht mal die Köpfe, als ich mit meinen Smartphone das Beweisfoto schieße, obwohl das blöde Gerät wieder ein unnötiges Objektiv-Verschlussgeräusch simuliert, das die Ruhe im Wagen 34 durchbricht. Ich erwarte, dass alle mich anschauen und sich fragen, was es hier und jetzt zu knipsen gibt. Aber nein, sie sind wie in Trance. Ja, merkt ihr denn nicht, dass der ICE 651 um Bielefeld kreist? In 11 Minuten soll der Zug in Hannover eintreffen. Er fährt und fährt. Mein Blick irrt erneut hoch zum Bildschirm. „17:17 Uhr – Nächster Halt Bielefeld.“ Was für ein Debakel!

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24 Kommentare zu “Allzeit nach Bielefeld

  1. Bielefeld ist mit Sicherheit ein Ausnahmefehler in mehreren galaktischen Betriebssystem. Allerdings wurde Greenpeace Deutschland am 18.11.80 in der Jöllenbecker Straße in Bielefeld gegründet. Wo anders als in Bielefeld, einem derart magischen Ort, hätte ein solch idealistischer Haufen Trotziger auch sonst damit beginnen können die Welt zu retten?
    Täglich grüßt das Murmeltier und Zeitschleifen wie Nexus Sechs oder Twilight Zone sind für magische Orte wie Bielefeld sozusagen endemisch symptomatisch….
    Keine Sorge, Bielefeld hat viel Humor, wie jeder magische Ort. Gruseln ist falsch verstandener Spaß. Es hat Buh! Zu Dir gemacht und Dir eine lange Nase gedreht, weil Du lieber aus Bielefeld wegreist oder daran vorbei statt dort an. Vielleicht fühlte es sich schnöde übergangen und wollte sich Dir auf übernatürliche transzendentale Weise in Dein Betriebssystem hacken?
    Ich werde mal mit meiner Stadt ein ernstes Wörtchen zaubern, versprochen!
    Arme Reisende erschrecken, sowas aber auch…liegt daran, dass Bielefeld sehr jung geblieben ist. Ein ungestümes Kind. Kuck dir mal Hannover dagegen an! Oder,..HaHa Hamburg! Jaaaaa, DAS sind mal erwachsene Städte! Oder Heidelberg! Uralt, sag ich Dir! So alt kann Bielefeld gar nicht mehr werden, wie Heidelberg aussieht! Aber nun…bei Städten ist das Altern ja pittoresk…

    Ich sende Dir herzliche Grüße aus Bielefeld. Denk an den Staunomaten. Sowas findest Du nur in Bielefeld. Oder bei Boris Vian. Oder Stephen King…✨

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    • Ich hatte fast befürchtet, dass mein kleiner Text lokalpatriotische Gefühle in dir wecken würde. Greenpeace und Idealismus aus der Jöllenbecker Straße 😉 Die Liste ließe sich noch erweitern um die Bielefelder Laborschule, von der man auch sonstwo was weiß. Die Chronistenpflicht ließ mich den Text trotzdem schreiben. Denn da war dieses magische Beweisfoto. Mir gefällt sehr, dass du Bielefeld als Ausnahmefehler in MEHREREN galaktischen Betriebssystemen entlarvst. Vor allem, weil ich noch nie über unsere Galaxis hinausgedacht hatte. Die galaktische Bilokation von Bielefeld hat meines Wissens noch niemand beschrieben. Eine gelegentlich scheiternde Bilokation würde aber erklären, warum manche Bielefelds Existenz bestreiten. Diesmal hatte sich Bielefeld erfolgreich materialisiert und ist wohl ein bisschen zu präsent in der Welt gewesen, hat Schwerkraftwellen ausgesandt, dass ein gewaltiger ICE in deren Bann geraten konnte. Dem habe ich jetzt einen magischen Endlostext entgegengesetzt, getreu der Einsicht, dass sich Gleiches am besten mit Ähnlichem bekämpfen lässt. Die Deutsche Bahn kann sich bei mir bedanken. Und ich kann ich dich herzlich aus Hannover grüßen.

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      • Lieber Jules,
        Bis auf insgesamt sieben Jahre lebe ich schon immer in einer Stadt, die sich zwar Großstadt nennen darf, von der ich längst noch nicht alle Ecken und Straßen kenne. Diese Stadt ist dafür, dass sie nur manchmal präsent ist, furchtbar laut. Darum wohne ich ja auch als Vorstadtkrokodil in einem Randbezirk.
        Es gibt Städte die so schön sind, dass sie als Gesamtkunstwerke gelten könnten. Doch Bielefeld hat auch eine Menge Kriegsverletzungen und Bausünden der Neuen Sachlichkeit zwischen vergoldeten Spitzgiebelchen vorzuzeigen. Das Besondere der Neuen Sachlichkeit in Bielefeld ist, dass sie heute wie von vorgestern aussieht zwischen zeitlosem Vormalsstuck an Altbauten.

        In Hannover war ich auch einmal. Es erinnerte mich zeitweise irgendwie an Bielefeld, verfügt allerdings nicht über Bielefelds zweifellos spektakuläre Attraktionen wie dem schmucken Messingschild am Gründungshaus von Greenpeace. Dies große wahrhafte Zeichen selbstloser Magie im Banner des Lichtes besichtigen Tag für Tag ganze Busladungen von Touristen.

        Die Verzauberung eines ICE ist für Bielefelds Großstadtmagie mit ostwestfälisch-provinziell-bourgeoisen Bohémiencharme ein hübsches Amusement, ein feiner Zeitvertreib.
        Allerdings, wie oben schon erwähnt, ist das nicht in Ordnung. Das macht man nicht. Auch nicht als verkannte Stadtschönheit.

        Herzliche Grüße ins schöne Hannover ✨

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    • Es ist keine Vermutung, werter Herr Voita. Bielefeld ist reine Spekulation, ein Shangri-La des Westens. Schon Hunderte, ach wo…Tausende machten sich auf es zu finden. Auch Varus…er…überlebte als Einziger das Massaker des furchtbaren Arminius…
      Auch später verschwanden immer wieder wahllos Menschen, die die genauen Koordinaten von Bielefeld an die Welt verraten wollten…
      Von einigen meiner Freunde aus anderen Städten hörte ich plötzlich nie wieder was! Sie fuhren weg und sie blieben weg! Verschwunden…was ich sage…
      Bielefeld ist biparalleluniversal.
      Jetzt hält es sich grad in der Nähe von Gütersloh auf….
      Pst…sonst erschrickt es und türmt…😎

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        • …es ist anstrengend sich für andere zu materialisieren und ans Telefon zu beamen …darum sind Bielefelder am liebsten unsichtbar und kleiden sich dezent in gedeckt-praktischen Farben bis auf wenn Sommer ist.
          (Oh, ein Westfälisch-Anflug…Weiche, böser Dialekt!)
          Es freut mich sehr, dass Sie nun endlich auch wissen, warum die Dame aus Bielefeld öfters mal abwesend bzw. entmaterialisiert erscheint…

          Sagt sie, sie wohnt angeblich in Bielefeld? Drückte sie sich eher vage oder gar nicht aus? Wirkte sie verkrampft dabei?
          Dies alles würde darauf schließen lassen, dass sie ziemlich sicher in Bielefeld wohnt und Angst hat zu verschwinden wenn sie es offen zugeben würde. Der Bielefeld-Fluch…Sie wissen schon…✨

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          • Da wir hier an der Schmerzgrenze zu Ostwestfalen leben, sind uns westfälische Laute durchaus nicht fremd. Eigentlich sogar lieb. Aber in dieser ostwestfälischen Landschaft ist so viel Raum, so viel Leere, auch Trostlosigkeit, dass es nicht verwundern kann, wenn es nicht gelingen kann, eine Stadt dauerhaft zu binden. Mit anderen Worten: Es gibt zwar Boden – aber keinen Grund.

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      • Ich habe schon häufiger den Eindruck gewonnen, dass auf Youtube gern kommentiert wird. Dabei gewinnen die Kommentare eine ziemliche Eigendynamik, es beginnt langsam, dann brodelt es, kocht, kocht über… und dann ist die Luft raus. Aus. Das ist das sprachliche Äquivalent zu einer Wirtshausrauferei.

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  2. Ups – jetzt bin ich fahrlässigerweise zugestiegen – und komme nicht mehr raus aus dem Eintrag, auf ewig hier gefangen. Was passiert, wenn ich einfach wegklicke, kollabiert dann das Raum-Zeitkontinuum? Provoziere ich ein weiteres Paralleluniversum, in dem Bielefeld doch existiert?

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  3. Sollte Ihr Zug tatsächlich an jenem Phantom-Halt »Bielefeld« stehenbleiben: steigen Sie keinesfalls aus! Er ist bloße Schimäre. (Ich gemahne an einen Eintrag in Ihrem seinerzeitigen Teppichhaus, wo der sogenannte »Hauptbahnhof Bielefeld« als Trugbild und lediglich Potemkinsche Fassade* entlarvt wurde.)

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  4. Da Bielefeld, wie wir alle wissen, nicht existiert, sondern sich bloß in den Köpfen einiger unverbesserlicher Optimisten eingeschlichen hat, erlaubte sich die Bahn mit der Einblendung eines Bielefeld-Halts wohl einen kleinen Scherz, um die Aufmerksamkeit der Fahrgäste zu überprüfen … 🙂

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  5. Pingback: Auf ewig ohne Halt

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