Einiges über Arschlöcher – eine vorsichtige Annäherung

kategorie alltagsethnologie

Zum Einstieg eine Anekdote: Ich war am Bahnhof gewesen, um eine Fahrkarte nach Aachen zu kaufen. Als ich mein Fahrrad aufschloss, freute ich mich, dass ich noch rechtzeitig zum Finale einer Etappe der Vuelta nach Hause kommen würde. „Vorausgesetzt“, dachte es da laut in mir, „vorausgesetzt auf der Fahrradstraße bringt dich kein unachtsamer Fußgänger zu Fall.“ Ich war also vorgewarnt, was ich durchaus fürsorglich von meinem besseren Ich fand, denn mir war schon aufgefallen, dass viele Leute nach dem abrupten Wetterumschwung wie schlafwandlerisch unterwegs waren. Auf besagter Fahrradstraße lief mir ein unachtsam die Fahrbahn querender junger Mann vors Rad. Ich konnte gerade noch bremsen, kam just vor ihm zum Stehen und sagte: „Vorsicht, Mann!“ Da fragte er ganz keck: „Ist das hier ein Fahrradweg?“ „Ja“, sagte ich und deutete auf die Fahrspur. „Nicht um diese Zeit!“, behauptete er fälschlich, und verschwand ohne sich nochmal umzusehen die Treppe runter zur U-Bahn. Mir blieb nichts, als ihm „Arschloch“ hinterher zu denken.

Den Rest meiner Heimfahrt hat mich die Frage beschäftigt, wie es manche schaffen, ihren eigenen Fehler aus dem Stegreif wegzuwischen und dich in einem Atemzug ins Unrecht zu setzen. Es war ja im konkreten Fall völlig unnötig. Eine schlichte Entschuldigung hätte gereicht, die Situation zu bereinigen, denn schließlich konnte er froh sein, dass ich für ihn mit aufgepasst und rechtzeitig gebremst hatte. Ich kam mit mir überein, dass der junge Mann die Kunst beherrschte, sich intuitiv als Arschloch zu behaupten. Metaphorisch: Menschen wie er jubeln dir zwang- wie reflexhaft die Arschkarte unter, ohne auch nur nachdenken zu müssen.

Am Abend habe ich im TV dem omnipräsenten Dieter Nuhr zwei Minuten zugehört, nicht in selbstquälerischer Absicht, sondern um herauszufinden, was mich genau an ihm stört. Aus Nuhrs gesäuseltem Vortrag zwei Aussagen: 1) Wenn Kinder in der Nähe sind, gehe er am Überweg grundsätzlich bei Rot. Kindern müssten lernen, dass die Welt schlecht und gefährlich sei. 2) Er plädiere dafür, dass man als Autofahrer provozierend langsam querende Fußgänger totfahren dürfe, und zwar ihrer drei, nicht mehr. Das würde erzieherisch wirken. Beide Aussagen sind Tabubrüche, die kein vernünftig denkender Mensch akzeptieren kann. Warum finden Menschen das trotzdem komisch? Was treibt die Verantwortlichen in der ARD und bei 3Sat, diesem Mann ständig neue Bühnen zu geben?

öttchesföhler Nuhr mit Eselsohren - (Foto: JvdL)

Föttchesföhler Nuhr mit Eselsohren – (Foto: JvdL)

Dieter Nuhr ist der Proktologe unter den TV-Clowns, er befummelt sein Publikum hinten unten, und die Leute fühlen sich  am Arsch gekitzelt. Er hat erkannt, das darin eine Erfolgsgarantie liegt, denn ein Arschloch hat jeder und wenigstens in der Phantasie will man mal ein Ganzes sein, nicht immer nur ein altruistisches Sozialwesen, das sein Arschloch ständig verleugnen muss.

Seltsamer Weise hat sich das menschliche Arschloch zum Synonym entwickelt und steht pars pro toto für Menschen, deren hervorstechende Eigenart egomanes und sozialfeindliches Verhalten ist. Sein Gegenbild ist der Altruist. Einem Arschloch kann man argumentativ nicht beikommen, nur mit einem kräftigen Arschtritt, was in unserer Kultur allerdings nicht mehr erlaubt ist. Halten Arschlöcher deshalb alle Schlüsselstellungen in unserer Gesellschaft besetzt, weil das einzige probate Mittel, sie aufzuhalten, ein unerlaubter Tritt ist?

Wie befreiend sind da alte Slapstickfilme, in denen man Probleme damit löste, sich gegenseitig einen ordentlichen Tritt in den Hintern zu verpassen. „Gegenseitig“ zeigt an, dass nur schwer objektivierbar ist, wer ein klassisches Arschloch ist. Aus Sicht eines Arschloch sind vermutlich alle anderen Arschlöcher. Gibt es einen Lackmustest, der hier zu entscheiden hilft? Stellen wir uns eine Essensausgabe vor, etwa in einer Hochschulmensa, vor der die Hungrigen brav in langer Schlange anstehen, in Stoßzeiten bis zur Tür hinaus. Wer es fertigbringt, sich nach vorne durchzudrängen und sich dort einzureihen, mag zwar denken, er habe keine Lust, mit den anderen Arschlöchern anzustehen, verhält sich aber egoman, sozialfeindlich und auch unklug, denn seinen Vorteil kann er nur ausnutzen, weil die anderen sich freiwillig an eine sinnvolle Ordnung halten. Darin scheint aber der evolutionäre Vorteil des Arschlochs zu stecken. Indem es sich über die gültigen Regeln einer Sozialgemeinschaft hinwegsetzt, kann es die Gemeinschaft dominieren. Am erfolgreichsten ist also das Arschloch unter Altruisten. Das heißt, es liegt nicht nur im Interesse des Altruisten, die Entwicklung von Altruismus zu fördern, sondern auch und besonders im Interesse des Egoisten.

Solange Egoismus nur geringe Vorteile verspricht, etwa in einer Schlange nicht anstehen zu müssen, kann sich jemand offen als Arschloch gebärden. Sobald er aber auf Dauer Macht ausüben will, beispielsweise als politischer Entscheidungsträger ist es notwendig, dass der Egoistische sich tarnt und wo man ihn kennt zumindest zeitweise altruistisch aufzutreten. Bei der Partnerwahl ist das fatal. Manche Frauen fallen auf Arschlöcher herein, weil sie auch eine altruistische Seite glauben erkannt zu haben. Sie hoffen dann das Arschloch „heilen“ zu können. Es hülfe hier aber nur eines: der alles beschließende Arschtritt.

In einem Radiointerview über Utopie sagt der Philosoph Theodor W. Adorno folgendes (im Video nachzuhören): „ (…) dass im Innersten alle Menschen, ob sie es sich zugestehen oder nicht, wissen, es wäre möglich, es könnte anders sein. Sie könnten nicht nur ohne Hunger und wahrscheinlich ohne Angst leben, sondern auch als Freie leben. Gleichzeitig hat ihnen gegenüber, und zwar auf der ganzen Erde die gesellschaftliche Apparatur sich so verhärtet, dass das, was als greifbare Möglichkeit als die offenbare Möglichkeit der Erfüllung ihnen vor Augen steht, ihnen sich als radikal unmöglich präsentiert.“

Diese Utopie wäre also eine Welt ohne Arschlöcher in Schlüsselpositionen. Anders als Adorno glaube ich nicht daran, dass alle Menschen darin eine Möglichkeit sehen. Ich glaube, dass es genug Arschlöcher gibt, die die Welt genauso wollen wie sie ist, und ich glaube nicht mal, dass alle Altruisten ein Interesse haben an einer Welt ohne Arschlöcher. Eine wesentliche Komponente der gesellschaftlichen Starbildung würde ihnen fehlen und vor allem würde ihnen der Traum genommen, selbst mal Arschloch sein zu dürfen. Diesen Traum verwirklichen sie nicht, weil ihnen Mut und Macht fehlen und weil sie Angst haben vor dem abschätzigen Urteil der ihnen wichtigen Menschen in ihrem sozialen Umfeld. Vermutlich sind das die Leute, die Dieter Nuhr gut finden. Er spricht aus, was sie sich nicht zu denken trauen.

Advertisements

4 Kommentare zu “Einiges über Arschlöcher – eine vorsichtige Annäherung

  1. Lieber Jules,
    ich hatte in letzter Zeit viel mit Arschlöchern zu tun und habe deshalb auch darüber nachgedacht, wie ich mit ihnen umgehe.
    Sie haben diese Spezies sehr gut beschrieben und ich stimme Ihnen zu!

    Zu D.Nuhr kann ich nichts sagen, ich kenne seine Auftritte so gut wie nicht.

    Vom Traum, selbst auch mal Arschloch sein zu dürfen, distanziere ich mich. Somit habe ich bei Nuhr wohl auch nichts verpasst.

    [zitat]Aus Sicht eines Arschloch sind vermutlich alle anderen Arschlöcher[/zitat]

    Da habe ich andere Erfahrungen. Die Arschlöcher, die ich kenne, halten die Nichtarschlöcher für Weicheier und unwissende, willensschwache Laien. Sie benutzten den Begriff Arschloch gar nicht, weil sie schon mal jemand so tituliert hat, und sie ja davon überzeugt sind, einfach nur intelligent, allwissend, perfekt und in Notsituationen auch mal durchtrieben zu sein.

    Leider haben Altruisten nicht so ein gnadenloses Selbstbewußtsein, zu sich und ihrer Denkweise zu stehen. Sonst könnten sie Arschlöcher komplett ignorieren, was diese auf Dauer zum Aussterben brächte. Leider geben die Altruisten den Arschlöchern aber immer wieder gewollt oder ungewollt Nahrung! Immer wieder starten sie den zaghaften Versuch, die Arschlöcher mit Argumenten von ihrem Tun abzubringen, oder gar sie zu „heilen“.

    Das ist selbstverständlich komplett zum Scheitern verurteilt. Wie man auch in den neuen, virtuellen Welten immer wieder predigt: „Füttere die Trolle nicht“. Aber es sich immer und immer wieder jemand findet, der sie füttert. Aus Naivität, Mitleid, oder um „Recht zu behalten“, um nicht nachzugeben oder dem Troll zu „beweisen“ dass er Unrecht hat. Was nicht klappen kann, weil ja alle Internet-Trolle auch Arschlöcher sind! 😉

    Gruß Heinrich

    Gefällt 1 Person

  2. Dieter Nuhr … hm … ich habe mich mit ihm im Aachener Jakobshof nach seinem ersten Programm unterhalten. Das Buch zu seinem Programm steht in meinem Regal. Auch das zu seinem zweiten Programm. Beide Programme fand ich damals geil und heute noch gut. Aber danach? Ich hatte ihn noch verteidigt. Ich war irritiert, als er in Dieter Hildebrandts „Scheibenwischer“ von Dieter Hildebrandt lediglich als Videozuspielung (vulgo „MAZ“) auftrat. Na gut, seine beiden „Scheibenwischer“-Einspielungen waren nun wirklich nicht gut. Aber nicht immer haben Auftretende einen guten Tag. Ich hatte ihn noch verteidigt. Und dann – etwas viel später – hörte ich ihm mal wirklich richtig zu und es gruselte mich. Dass er den ehemaligen „Scheibenwischer“ zum „Satiregipfel“ umgestaltete, dass war nur die Fortsetzung seiner Einstellung mit anderen Mitteln. Ein rotes Gesöff wird auch dann nicht besser, wenn es in einer Flasche „Bordeaux Superior“ umgefüllt wird. Ich kann Dieter Nuhr unter der wertfreien Prämisse akzeptieren, dass es „linkes Kabarett“, „gesellschaftkritisches Kabarett“, „Comedy“ und „rechtshirnfreies Comedy“ gibt. Er hatte damals lediglich einen Teil der zweiteren Kategorie okkupiert gehabt. Aber jetzt hat er es für die unterste Stufe im Sinne einer neoliberalen Comedy (also der untersten Stufe überhaupt) aufgegeben.
    Aber es drängt sich mir noch ein anderer Verdacht auf: Beim Durchschreiten des Altersbereichs 30 bis 50 reifen Einstellungen, welche nachher den Speis ergeben, welche jene dann um die Füße ihrer gedanklichen Feinde gießen, um sie in den Untiefen ihrer eigenen Phantasie zu versenken.
    Zum letzten Geburtstag erhielt ich eine Nuhr-CD von jemandem, der wusste, dass ich Kabarett mag und dachte Nuhr wäre jemand, der „Kabarett“ repräsentieren würde. Ich war höflich. Die CD verschwand ungehört ins Archiv der ungeliebten CDs.
    Zurück zu den Golfspielern unter uns, den A-Loch-Vertretern: Ein Hotel wurde gebaut und verkehrsplanerisch bezeichnend wurden Fahrradweg und Fussgängerweg zusammen gelegt, maximal 1,50 m breit. Ich hatte eine Begegnung mit einem von hinten kommenden Fahrradfahrer, der der absoluten Überzeugung war, dass ich (Betitelung: „A-Loch“) permanent den Weg für die schnelleren – die Fahrradfahrer – auch hinter mir abzusichern und freizuhalten hätte. Er bezeichnete mich als egomaischen Fußgänger. Meine Aufforderung stehen zu bleiben, damit wir das Ganze inklusive seiner Beleidigungen mal polizeilich klären könnten, stimmte er nicht zu. Aber zumindest kassierte ich noch ein W-Wort (okay, er hat recht, ich wixe; aber kann ich etwas dafür, dass das bei ihm nicht mehr funktioniert und er das Wort somit versucht im Sinne einer Beleidigung zu nutzen?). Manchmal wünschte ich mir, dass gewissenlose Verkehrsplaner, welche Situationen schaffen, die Menschen aufeinander hetzen, beim nächsten Weissbier in aller Öffentlichkeit sichtbar für alle für alle ihre Fehlentscheidungen Durchfall bekämen …

    Gefällt 2 Personen

    • Ich habe ja schon öfter über Nuhr geschrieben. Du hast in einem Kommentar schon mal über dein Zusammentreffen mit Nuhr im Aachener Jakobsahof berichtet. http://trithemius.de/2015/07/19/nuhr-am-heulen-im-zirkus-des-schlechten-geschmacks/#comments
      Eigentlkich hate ich vor, mich auf deine Erfahrungen zu beziehen, habe es dann aber verworfen, weil der Text sowieso zu lang war. Schade, dass Nuhr so auf den Hund gekommen ist und inzwischen „rechtshirnfreie Comedy“ macht. Danke für deinen Erfahrungsbericht und den guten Hinweis auf dumme Verkehrsplanung, die Konflikte schafft. Deinem Wunsch schließe ich mich an.

      Gefällt mir

      • Hm. Kann es sein, dass mein Hirn nach einem Jahr immer schlechter wird und mit meiner Vergangenheit schludert? Ich hab meinen Kommentar nochmals durchgelesen und es stimmt: es war nicht das erste Programm, sondern das zweite, welches ich im Jakobshof sah. Allerdings stimmt wiederum die zwei MAZ-Abspielungen bei Hildebrandts „Scheibenwischer“ (es war nicht nur eine). Und heute würde ich inzwischen den Nuhr auch nicht mehr bei den Grünen verorten sondern eher bei den beiden Parteien, die den Buchstaben „F“ in ihren Namen führen. Aber eigentlich ist das egal, denn Nuhr ist nur problematisch anzuhören … wie die Zeit binnen eines Jahres vergeht … werde ich älter?!?

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s