Was will ich denn am Bodensee?

kategorie surrealer-AlltagIch träumte, den Zug zu verpassen, obwohl ich schon mal gut drin gesessen hatte. Aus irgendeinem Grund war ich zusammen mit einem Koreaner in Köln ausgestiegen. Plötzlich fuhr der Zug wieder los. Ich sah noch die Türgriffe vorbeiziehen, und wenn der Koreaner nicht zu träge gewesen wäre, hätte ich danach greifen können. Er aber stand mir im Weg, und so zog der Zug immer schneller werdend an uns vorbei, und wir standen machtlos draußen und sahen hinterher. Ich tröstete mich, dass ich zumindest meine Geldbörse bei mir hatte und ging im Geist durch, was noch Unentbehrliches in meinem ohne mich wegfahrenden Gepäck wäre. Davon war alles verzichtbar. Wie aber sollte ich jetzt zum Bodensee kommen, genauer nach Lindau? Warum ich nach Lindau wollte, weiß ich nicht. Zum Bodeseee habe ich gar keinen Bezug. Als ich darüber nachdachte, fiel mir bloß ein, dass ich mal für das Format „Briefe an die Leser“ des satirischen Magazins Titanic an einen deutschen Ingenieur geschrieben habe. Dieser Mann hatte die grandiose Idee gehabt, die gesamte Menschheit im Bodensee zu versenken, und hatte ausgerechnet, dass der Seespiegel kaum ansteigen würde. Es mutet seltsam an, wenn sowas ein deutscher Ingenieur kaltherzig ausrechnet, wo doch die Deutschen die Ermordung von Millionen Menschen in Konzentrationslagern mit ingenieursmäßiger Effizienz betrieben haben. Hier die Kopie aus Titanic, von mir zusammengeschnitten.

JvdL in Titanic Nr.11, November 1998

JvdL in Titanic Nr.11, November 1998

Für das Format „Briefe an die Leser“ habe ich gut zehn Jahre geschrieben. Doch dann war mir zu mühsam geworden, mich mit all dem Mist zu beschäftigen, der einem aus den Medien zufliegt. Hinzu kam ein weiterer Aspekt. Als ich 2005 das Bloggen für mich entdeckte, wurde mir nach und nach die zentrale Schwäche der etablierten Medien klar. Denken in der Buchkultur wird von oben herab mitgeteilt. Massenmedien bestimmen, was gerade öffentlich diskutiert wird und geben die Weise vor, wie man darüber zu denken oder am Beispiel Titanic zu witzeln hat. Daraus hat sich ein grotesker Dünkel ergeben, von dem sich besonders Printjournalisten kaum befreien können. Den Journalisten und Dichter Thomas Gesella, in der Titanic-Redaktion lange Zeit verantwortlich für das Format „Briefe an die Leser“, schätze ich sehr. Nachdem ich angefangen hatte zu bloggen, schrieb er mir abschätzig: „Aber bloggen – wozu die Leute heute Zeit haben.“ Es ist kein Wunder, dass Blogs die schärfste Kritik von Printjournalisten bekommen. Es kränkt sie, dass Blogger sich der geistigen Kontrolle entziehen. Jeder Blogger ist nämlich sein eigener Redakteur. Das bringt eine größere Verantwortung mit sich als manche Blogger denken, Verantwortung für den Sprachstil, für Grammatik und Orthographie sowie für sachliche Richtigkeit und Relevanz der behandelten Inhalte. (Ich gebe zu, den letzten Aspekt muss man in einem privaten Blog nicht unbedingt beachten.)

Welche Relevanz hat schon, dass ich geträumt habe, den Zug nach Lindau zu verpassen? Aber falls dann hier doch ein gewisser Koreaner mitliest: Könnten Sie sich beim nächsten Mal bitte etwas bellen beeilen oder einfach zur Seite treten? Jetzt werde ich nie erfahren, was ich in Lindau wollte.

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24 Kommentare zu “Was will ich denn am Bodensee?

  1. Und gerade Lindau, die einzige bayerische Stadt am Bodensee. Das hat doch System, da wolltest du doch etwas auf den Grund gehen – und sei es dem See. Was bringt Menschen zu so abstrusen Einfällen wie der Versenkung im See? Oder ein, besser nicht darüber nachdenken, sonst fällt einem noch was dazu ein. Manchmal muss man schon Stellung nehmen zu all dem, was da so kommt. Manchmal reicht es nicht, die Zeitung laut zu kommentieren oder die Nachrichtensprecherin zu unterbrechen. Auch wenn es nur der eigenen Psychohygiene dient. Mindestens das kann ein Blog leisten. Wenn er sich dann noch so gut liest, wie das bei dir immer der Fall ist….

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    • Dankeschön für das Lob und die nahezu tiefenpsychologische Deutung meines Traums. Dass ich einer Sache auf den Grund gehen will, klingt plausibel, aber warum Lindau? Ich wusste noch nicht mal, dass diese Stadt zu Bayern gehört. Psychohygiene ist ein gutes Motiv, sich zu äußern. Ich habe dazu ja die Rubrik „Zirkus des schlechten Geschmacks“, aber wenn du dir den im letzten Beitrag zur Rubrik den verlinkte Text TV-Kritik ansiehst, zeigt sich das Problem der Methode. Um das schreiben zu können, musste ich mir ín der Mediathek noch mal die ganze Sendung anschauen. Das ist, als würde man in einen Hundehaufen treten, den Schuh ausziehen und die Bescherung genau betrachten und beriechen.

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  2. Was für eine unangenehme und verstörende Vorstellung. Manches Rechenwerk muss nicht berechnet und nicht laut gedacht werden.
    Besuch den Bodensee lieber ohne den Gedanken, dich darin versenken zu lassen lieber Jules. Wie kommt man auf ein Gewicht von 20 Kilo?
    Weit besser gefallen mir deine Gedanken zum bloggen. Mittlerweile bloggen so viele, dass es oft belächelt wird. Lustiger Weise meist von denen, die noch kaum einen gelesen haben.

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    • Über die 20 Kilogramm mag man gar nicht nachdenken. Säuglinge und Kinder senken wohl den Schnitt. In meiner Jugend war ich tatsächlich schon mal am Bodensee, liebe Mitzi – mit dem Fahrrad, aber das war gefühlt noch vor der letzten Eiszeit. Thema bloggen: Wer in der Bleizeit im Printmedium publiziert hat, dem stand ein Heer von Spezialisten zur Seite, Redakteure/Lektoren, Setzer, Grafik-Designer und Korrektoren. Deren Funktionen vereinen Bloggerinnen/Blogger auf sich wie zu Zeiten, als Bücher noch mit der Hand geschrieben wurden. Das verlangt uns Spezialistenwissen ab. Mittlerweile wirken viele Blogs schon wesentlich gekonnter als zu Beginn. Selten lese ich wirklich schlechten Stil, vielmehr ich lese ihn nicht, sondern klicke das Blog weg. Orthographie dürfte in Zeiten von Rechtschreibkorrekturprogrammen auch kein Problem sein. Die meisten Felhler bei mir sind Tippfehler, wenn ich nachträglich etwas im Blogeditor geändert habe. Auch Grammatikfehler entstehen so. Man ändert eine Textstelle, und plötzlich stimmt der Satz nicht mehr, ist grammatisch nicht mehr kongruent. Jedenfalls sitze ich noch mindestens eine Stunde vor einem bereits veröffentlichten Text und redigiere. Ich bin dankbar, wenn mich jemand auf eine Unstimmigkeit hinweist, denn die Hilfe des Vier-Augen-Prinzips in Redaktionen fehlt uns ja. Das geringe Ansehen von Blogs ist wirklich nicht gerechtfertigt.

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      • Ich möchte behaupten, dass ich die Rechtschreibfehler trotz Korrekturprogramm hinbekomme. Letztendlich – so geht es mir beim Lesen anderer Blogs – sind mir diese bei anderen meist egal und ich lese einfach darüber. Wichtiger ist ein schönes Sprachgefühl und ein interessanter Inhalt. Den bekommen wir, wie du sagst, auch an vielen Stellen geboten. Was nicht gefällt muss nicht gelesen werden.

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  3. Laut „Das große Handbuch des kleinen Traumdeuters“, Kapitel 1337, steht ein im Weg stehender Koreaner außer im Weg auch noch für das tief in Dir verborgene Koreanische in Dir, wie zum Beispiel Dein heimlicher Wunsch, einen Meter siebzehn groß zu sein und auf langen Stangen herumzuspringen oder alternativ auch gebratene Kimchi (auf Wunsch auch vegetarisch).
    Lindau allerdings kann ich gar nicht verstehen; Meersburg ist doch viel schöner. Andererseits, wenn Du es nicht nach Meersburg geschafft hättest, wäre das natürlich viel schlimmer, also geht Lindau vermutlich in Ordnung.

    Bloggen… warum um Himmels Willen macht man sowas?

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    • Dein Hinweis auf „Das große Handbuch des kleinen Traumdeuters“ ließ mich mein Traumlexikon befragen. Koreaner stehen nicht drin. Zu dem „heimlichen Wunsch“ fällt mir Robert Walsers wunderbarer Text „Stellengesuch“ ein. „Ich bin, um es offen zu sagen, ein Chinese, will sagen, ein Mensch, den alles, was klein und bescheiden ist, schön und lieblich anmutet (…).“ Kimchi habe ich wissentlich noch nicht gegessen. Aus dem Zug aussteigen interpretiert mein Traumdeutungsbuch als „Man wird sein Ziel erreichen.“ Also ist mein Ziel der Kölner Hauptbahnhof und Lindau steht für das unerreichbar Schöne. Ich blogge übrigens, weil ich mir das Medium passt wie ein Handschuh und ich die intelligente und inspirierende Interaktion in den Kommentaren schätze.

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          • Koreanerinnen sind aufregend? Ich überlege gerade, welche Nationalität am langweiligsten ist und Dir gefallen könnte.

            Diese drei Punkte deuten eine intensive Recherche im Internet an. Pro Minute ein Punkt.
            Es wird Dich freuen, zu hören (und das glaube ich wirklich), dass Du mit einer süßen Niederländerin am glücklichsten sein würdest. Nicht, dass die kein Theater veranstalten, aber laut einer Studie der University of Michigan schlafen Niederländer am längsten, was vermuten lässt, dass sie weniger Zeit haben, um Chaos zu verbreiten.
            Japanerinnen schlafen nachts am wenigsten, also sei mit denen bloß vorsichtig…

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  4. »Die Menschheit hat (..) ein Volumen von etwa hundert Millionen Kubikmetern« – was solche Typen wie Herrn Prof. Runge umtreiben mag, derlei sinnbefreite Rechnungen anzustellen & der Öffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen, erschließt sich dem Rezipienten nicht.
    Die gesamte Weltbevölkerung hat ein Gewicht von 287 Millionen Tonnen« erfährt man ebenfalls aus einer Studie*, mit welcher ein etwa vergleichbar nutzreicher Erkenntnisgewinn einhergeht wie mit der Volumenberechnung der Bodensee-Wasserleichen.)

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    • Vielleicht trieb den Mann eine schwere Misanthropie gepaart mit Mordlust. In Herbert Rosendorfers kleiner Erzählung „Das letzte Beben“, in „Das selbstfahrende Bett“, München 2004 führen gleichtzeitig hochspringende Chinesen den Weltuntergang herbei. Er greift damit ein Gedankenexperiment auf, zu dessen Berechnung man sicher wissen müsste, wieviel Tonnen alle Chinesen zusammen wiegen.

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  5. „Es kommt sehr auf Ihren persönlichen Standpunkt an, welche Symbolik sich in einem Asiaten-Traum verbirgt. Vielleicht sind Sie in den 50er Jahren aufgewachsen, in denen oft von „der gelben Gefahr“ die Rede war. Möglich, daß Ihr Unterbewußtsein dieses Bild gespeichert hielt und Sie zutiefst Angst vor dem Verlust Ihrer Lebensqualität haben, wenn asiatische Massenprodukte den Markt überschwemmen und eine Vielzahl asiatischer Einwanderer soziale Hilfe und Arbeit benötigt.“
    „Wird im Traum ein Zug verpasst, ist dies als entgangene Chance zu interpretieren, während ein Erwischen des Zuges für einen Erfolg steht. “

    Ich denke aber auch, dass man manchmal unterbewusst einen Asiaten wahrgenommen hat oder gesehen und sich das später im Traum widerspiegelt bzw. eingearbeitet wird….

    Ich mag Mathe, aber das Beispiel ist nicht mal diskussionswürdig!

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    • Danke für diesen Auszug aus dem „Lexikon für Traumdeutung“, liebe Ann. Ich dachte schon immer, dass man so einem Unterbewusstsein nicht trauen kann, in dem Ideen von der „gelben Gefahr“ herumschwirren. So eins möchte ich lieber nicht haben. 😉 Möglicherweise gehört es einem Berliner. Und der hat sich von den vietnamesischen Zigarettenhändlern genervt gefühlt. Im Rheinland, wo ich herkomme, kennt man keine asiatischen Einwanderer. Die japanische Kolonie im Raum Neuss-Düsseldorf habe ich jedenfalls nie als derlei angesehen, kenne ich auch nur vom Hörensagen. Der einzige Koreaner, mit dem ich je zu tun hatte, kam zu mir in die AStA-Druckerei, um eine Broschüre auf koreanisch drucken zu lassen. Das war 1976.

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      • Ich glaube auch nicht daran, eher, dass Dein Unterbewusstsein Dinge aufgenommen haben, die Du nie bewusst miterlebt hast und dann nachts verarbeitet(ich habe einmal ein Experiment gesehen, dass so Verhalten und Entscheidungen bewusst manipuliert werden können. Werbung steckt dagegen noch in den Kinderschuhen.
        Und bezüglich Japanern. Ich sehe es aber als etwas anderes an, was gerade passiert. Die Chinesen kaufen vermehrt den deutschen Mittelstand auf und das ist schon etwas beunruhigend.

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  6. Vielleicht wolltest du dich mit Herrn Professor Runge in Lindau treffen?

    Nehmen wir an, er wäre im Selbstversuch in Konstanz ins Wasser gegangen, dann hätte ihn, ein bisschen Glück vorausgesetzt, die Strömung bis Lindau getrieben. Mit noch mehr Glück wäre er in Bregenz an der Seebühne gestrandet und wäre zur Attraktion des Opernsommers geworden … 🙂

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  7. Kölner Hbf … (Silvester!) … sicherlich irgendwas mit Flüchtlingsproblematik. Und der Koreaner war eigentlich der Chinese, der versehentlich einen Asylantrag gestellt hat. Der wollte ja auch nach Süddeutschland (Heidelberg = „Lindau“) und ist ungewollt in NRW gelandet.
    Die Briefe an die Leser fand ich fast immer das Beste an der Titanic.

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    • Da ich mal in Köln gelebt habe und oft im Kölner HBf gewesen bin, ist der Bezug nicht wahrscheinlich, und der Koreaner war kein Chinese. Aber netter Deutungsversuch. Ja, die „Briefe“ fand ich von Anfang an gut. Titanic hat das Format als erste gehabt. Inzwischen gibt es ja viele Nachahmer bis hin zum unsäglichen Franz Josef Wagner (BILD).

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