Trage auf dem Kopf keinen Trichter – Alltagsmythen (3)

kategorie alltagsethnologieEs regnet in Hannover. Daher will ich nochmal an den Regenschirm-Mythos erinnern, an das Verbot, den Regenschirm in der Wohnung aufzuspannen. Im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens wundern sich die Autoren, dass die relativ junge Erfindung Regenschirm bereits mit Aberglauben verknüpft wird. Das hat mir keine Ruhe gelassen, denn mir war klar, dass ein wesentlich älterer Mythos auf den Schirm übergegangen sein muss. Kollegin Aschenwittchen brachte mich auf eine Spur. Sie schrieb von ihrer Begeisterung für das Triptychon „Der Garten der Lüste“ des niederländischen Malers Hieronymus Bosch (um 1450–1516). Boschs Bilder weisen eine mittelalterliche Symbolik auf, die dem heutigen Betrachter weitgehend verschlossen bleibt. Die Kunstwissenschaft hat allerdings einiges entschlüsselt. Unter anderem bedeutet die Darstellung eines umgekehrten Trichters, wenn er sich auf dem Kopf eines Menschen befindet, „Gemeinheit, betrügerische Absicht (der Träger des Trichters hat sich gegen den Himmel, das Auge Gottes abgeschirmt).“ (Wikipedia) Diese Idee ist nicht ungewöhnlich. Jacob Grimm schreibt in seinem umfassenden Werk „Deutsche Rechtsalterthümer“, dass die Germanen den Schwur unter freiem Himmel ablegten. Noch im Mittelalter musste am offenen Fenster geschworen werden, damit die Götter beziehungsweise Gott davon Kenntnis erhielt. Kollegin Feldlilie teilte mit, dass der Gerichtssaal im Hamburger Rathaus ein zu öffnendes Oberlicht hat, das durch das ganze Gebäude führt, weil auch Recht unter freiem Himmel gesprochen werden musste. Die Allmacht Gottes dringt eben nicht durch Dächer. Man kann sich vor seinen Augen und Ohren verbergen.

Ein aufgespannter Schirm ist dem umgekehrten Trichter formal und in seiner Wirkung vergleichbar. Unter freiem Himmel bei Regen oder starker Sonneneinstrahlung erfüllt er einen Zweck, in Räumen aber nicht und verweist auf „betrügerische Absicht.“ Die christliche Religion, geizt nicht mit Drohungen. Da Aberglaube nur die hässliche Seite der Münze Glauben ist, könnte das Aufspannverbot entstanden sein, um den Menschen daran zu hindern, sich gegen Gott zu wenden.

Leider habe ich nur wenige Meldungen bekommen, wo das Verbot bekannt ist. Die Karte, die ich angelegt habe, ist also noch ziemlich spärlich besetzt. Ich bitte deshalb noch einmal um Mitteilungen, wo man das Verbot kennt.

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EDIT: Kollegin Ann hat eine weitere Idee zur Herkunft des Schirmaufspannverbots mitgeteilt. Passend dazu, dass der Regenschirm ursprünglich ein Sonnenschirm war, verweist Ann auf das alte Ägypten: „Der Ursprung soll im alten Ägypten liegen. Dort wurden Adlige und Reiche mittels Schirm vor der Sonne geschützt. Ihn im Schatten oder in geschlossenen Räumen zu öffnen, würde den Sonnengott erzürnen. Man glaubte, der Himmel sei ein riesiger Sonnenschirm…“

Spätestens seit dem PentAgrion-Projekt weiß ich, dass Ra ein rachsüchtiger Gott ist. Da ließ er nämlich mein Bett einstürzen.

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