Ist kreuzworträtseln intelligentes Verhalten?

kategorie alltagsethnologieFreund Merzmensch berichtet in seinem Kunstwissenschafts-Blog über den Fall einer Zahnärztin im Ruhestand, die im Neuen Museum Nürnberg das Bild „Reading-work-piece“ des Fluxuskünstlers Arthur Köpcke (1928-1977) beschädigt hat. Das Bild zeigt den Ausschnitt eines Kreuzworträtsels, an dessen oberen Bildrand Köpke die Aufforderung „Insert Words“ („Setze Wörter ein“) platziert hat. Die 91-jährige Rentnerin fühlte sich aufgefordert und füllte das Kreuzworträtsel mit Kugelschreiber aus. Das brachte der alten Dame zu ihrer Überraschung eine Strafanzeige ein. Merzmensch erörtert die Frage, ob die Frau nicht ganz im Sinne des Fluxus gehandelt habe, denn Fluxus sei angelegt auf eine künstlerische Beteiligung, Interaktion, Aneignung und Verschmelzung von Kunst und Leben. Mich interessiert ein anderer Aspekt. Offenbar hat ein Kreuzworträtsel in unserer Kultur eine hohe appellative Kraft. Seine schiere Existenz in Zeitung oder Zeitschrift ruft „Füll mich aus!“ Man muss es nicht ausdrücklich daran schreiben wie Arthur Köpcke. Das fällt besonders auf an Kreuzworträtseln in Lesezirkelheften, wie sie in Wartezimmern herumliegen. Immer hat da schon jemand seine Chiffren hinterlassen. „Wer sein Allgemeinwissen auf die Probe stellen oder erweitern will, für den sind Kreuzworträtsel eine spannende Herausforderung.“, wirbt Focus online für sein digitales Kreuzworträtsel.

Mensch und Kreuzworträtsel ist wie dressiertes Hündchen und Stöckchen. Die Verbreiter von Kreuzworträtseln halten das Stöckchen „Probe dein Allgemeinwissen!“ hin, und der Rätselfreund hupft rüber. Viel von der Lust, ein Kreuzworträtsel zu lösen, hängt sicher mit der intellektuellen Herausforderung durch ein Rätsel zusammen, aber richten wir die Aufmerksamkeit auf die Fragen der Kreuzworträtsels. Was der Focus euphemistisch „Allgemeinwissen“ nennt, ist in Wahrheit Kreuzworträtselwissen und weist systembedingt wiederkehrende Begriffe auf, so dass es sogar Kreuzworträtsellexika mit einer übersichtlichen Zahl von Einträgen geben kann.

Statt Kreuzworträtsel hier ein Bild von sinnlosen Symbolen, die ich mal erfunden habe  - Grafik: Trithemius

Statt Kreuzworträtsel hier ein Bild von sinnlosen Symbolen, die ich mal erfunden habe – Grafik: Trithemius

Abfragbares und aus seinem Kontext herausgelöstes Wissen finden wir alphabetisch geordnet im Lexikon, ebenso im digitalen Lexikon, nur dass der haptische Vorgang des Suchens durch digitale Suchassistenten erledigt wird. Niemand wird einem Lexikon, sei es analog oder digital, Intelligenz zugestehen. Ebenso wenig kann die Fähigkeit, abfragbares Wissen zu reproduzieren als intelligentes Verhalten gelten. Man kann sich allenfalls was auf ein gutes Gedächtnis einbilden. Wer beim Lösen von Kreuzworträtseln reüssiert, etwa bei den Deutschen Meisterschaften im Kreuzworträtseln, benötigt nur, was Adorno als Erscheinungsform der „Halbbildung“ charakterisiert und der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann sogar als Unbildung kennzeichnet. Abfragbares Wissen zu memorieren, ist leider nur das Wühlen in geistigen Schubladen, ohne dass mit den Fundgegenständen etwas Sinnvolles verknüpft würde. Es ist vor allem kein selbstständiges Denken, sondern hindert sogar am Denken, indem es Zeit und Ressourcen frisst. Kreuzworträtseln lebt von der Illusion, es wäre eine geistige Tätigkeit und ist sicher deshalb so beliebt, weil es die allgemeine Denkfaulheit legitimiert. Sie wird auch nicht besser, wenn man sie wie die „Kreuzworträtseldame“ (Merzmensch) zur Kunst erklärt.

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25 Kommentare zu “Ist kreuzworträtseln intelligentes Verhalten?

  1. Besser kreuzwort-rätseln als den Kopf gar nicht benutzen, oder? Natürlich sind Kreuzworträtsel nichts anderes als das Abfragen von angelernten Wissen, aber meine Abiprüfung war auch nichts anderes, und trotzdem schien die irgendwie wichtig zu sein (wenn ich auch nie herausgefunden habe, warum).
    Manchmal grübel ich in einem Gespräch über ein einzelnes Wort nach, das mir einfach nicht einfallen will. Es ist nicht so, dass ich das Wort nicht kenne, sondern dass der Weg zu der Schublade in meinem Kopf, in der ich es aufbewahre, eben mal kurzfristig versperrt zu sein scheint. Mein Nachbar ist fast doppelt so alt wie ich und löst genau deshalb Kreuzworträtsel – weil es die Wege im Kopf freiräumt, nicht, weil er nicht wüsste, wie die Stadt an der Newa heißt.
    Und ich habe eben mal das Focus-Kreuzworträtsel ausprobiert; bestimmt mein erstes Kreuzworträtsel seit 15 Jahren oder so. Und stellte fest, dass es doof ist. Wenn man falsche Buchstaben eingibt, werden die rot; die richtigen werden grün. DAS ist die sinnlose Abfrage des Alphabetes, solange, bis ein Buchstabe passt. Obwohl… man kann auch üben, sich an alle 26 Buchstaben zu erinnern…

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    • Wer weiß schon noch, was er alles für die Abiturprüfung hat wissen müssen. Ähnlich die Examina. Als Referendar wurde man Jahrzehnte lang empfangen mit dem Spruch: „Vergessen Sie alles, was Sie im Studium gelernt haben“, womit dann wohl gemeint war, dass Theorie und Praxis verschiedenen Welten angehören und dass eine Anhäufung von Wissen noch lange nicht zum erfolgreichen Handeln befähigt. Trotzdem entwickeln sich Schule und Universität immer mehr zu Einrichtungen, die erst mal die Hürden schaffen, die man im Leben erfolgreich überspringen soll. Selbstständiges Denken, die Fähigkeit, Probleme zu lösen, neue Denkansätze zu finden, schöpferisch zu sein, das lässt sich nicht einfach einpauken und schlecht durch Abfragen messen. Also hält man es für verzichtbar, in einer Welt, in der man alles auf drei Stellen hinterm Komma messen und ausrechnen will und sogar tut, ohne zu fragen, ob die Messmethoden etwas taugen oder von den falschen Prämissen ausgehen.

      Dass man nicht immer alles präsent hat, ist der Organisation unseres Denkens geschuldet. Wir sind eben keine Computer, deren Speicher sich von Suchroutinen durchforschen lassen, obwohl Wendungen wie „sich was auf die Festplatte schaffen“ das nahelegen. Da zeigt sich vielmehr ein entfremdeter Umgang mit sich und dem Wissen , wie er den meisten in der Schule vermittelt wird. Ich finde, eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiches Denken und Handeln ist, vergessen zu können. Ich bin beispielsweise wirklich froh über meine Vergesslichkeit, denn sie ist eine der Voraussetzungen meiner Kreativität. Früher habe ich vor dem Schreiben herrlich gekifft, was all die Denkhemmungen beseitigte und mir assoziatives Schreiben ermöglichte, wie ich es bei dir manchmal finde und worum ich dich dann beneide. Wissen präsent zu haben ernüchtert, und so sind meine Texte heute viel nüchterner als früher. Natürlich kann man bestimmte Denkfunktionen trainieren, indem man Rätsel löst. Aber wozu soll das gut sein außer zum Zeitvertreib?

      Wie Focus das online-Rätsel organisiert hat, was du dankenswerter Weise getestet hast, zeigt, wie die ihre Leser einschätzen, nämlich so blöd wie sie selbst sind.

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      • Als ich ein ganz kleines Kind war, keine drei Jahre alt, stellte ich zu meinem Entzücken fest, dass ich denken konnte. Und nicht nur das – ich konnte mir Sachen merken! Die Vergangenheit war gar nicht vorbei, nur weil die Zeit eben vergangen war, nein, ich konnte sie lebendig behalten, indem ich sie nicht vergaß! Ich nahm mir fest vor, nie wieder etwas zu vergessen.
        Natürlich klappte das nicht. Ich habe keine Ahnung mehr, was es an meinem dritten Geburtstag zu essen gab. Aber ich kann mich tatsächlich an einen großen Teil meines Lebens erinnern, auch und besonders an Zeiten, von denen andere sagen: „Da war ich zu klein, daran erinnere ich mich nicht mehr“.
        Vermutlich kann ich mich deshalb auch noch an meine Abiturprüfung erinnern, lediglich an die Matheaufgaben nicht mehr. Ich liebe Mathematik, die Klarheit und die Eindeutigkeit dahinter, die mir sonst im Leben leider ziemlich fehlt, aber seien wir ehrlich – wenn man die Aufgabe richtig gelöst hat, bietet sie keinen Anreiz mehr. Sie ist dann vorbei, und man muss sich keine Gedanken mehr um sie machen.
        Vielleicht ist es das, was Dich an Kreuzworträtseln stört – wenn Du die Stadt an der Newa richtig eingetragen hast, brauchst Du keinen Gedanken mehr daran zu verschwenden. Brauchst Du nicht. Aber Du kannst… wenn ICH die Stadt an der Newa eintippe, fällt mir ein, dass ich Smetanas „Moldau“ mal wieder hören könnte, und während ich das tue, denke ich, dass „Peter und der Wolf“ auch toll ist, aber am besten in der Version von Loriot, und den hätte ich gerne mal „Live“ erlebt, und Mensch, ich habe noch einen 60 Euro-Gutschein der Konzertkasse, vielleicht sollte ich in ein Konzert von Herman van Veen gehen… und dann fülle ich ein paar weitere Wörter aus und denke an meine liebste Freundin, die in zwei Jahren hundert geworden wäre (aber vermutlich froh ist, dass sie das nicht mehr erleben muss) und wie sie in ihrem rosa Morgenmantel an Omas Tisch saß und Kreuzworträtsel löste und dabei ihre Meinung zu unserem damaligen Bundeskanzler kundtat, den sie schon als Kind gekannt hatte, und der schon damals…
        Du hast Recht, diese Art von Rätseln löst keine Probleme, sie erschafft keine Welten, sie ändert nichts. Aber das tut der Befehl: „Mache die Welt besser!“ auch nicht. Denn das sind auch nur Buchstaben, aneinandergereiht und in einem Imperativ gequetscht. Was man selber daraus macht, das ist es doch, worauf es ankommt. Ob man Socken strickt, Kreuzworträtsel löst oder im stillen Kämmerlein nach der Formel für den Weltfrieden sucht, eigentlich ist da gar kein Unterschied.
        Und nein, ich erinnere mich nciht mehr an alles. Das hat so mit Mitte zwanzig aufgehört. Inzwischen weiß ich meistens nicht mal mehr, wo mein Haustürschlüssel ist…

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        • Danke für deinen ausführlichen Kommentar. In einem bin ich nicht deiner Meinung: Wer Kreuzworträtsel löst, denkt in den Spuren dessen, der ihm etwas vorgedacht hat. Es ist etwas ganz anderes als etwa selbst ein Kreuzworträtsel zu gestalten.

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          • Warum solltest Du Dich davon beschränken lassen? Wenn ich ein Buch lese, denke ich auch die Geschichte, die jemand anders geschrieben hat. Aber das heißt doch nicht, dass ich nicht noch viele andere Gedanken denken kann, die alle ihren Ursprung in dieser Geschichte haben können.
            Kreuzworträtsel zu lösen ist nun wirklich nicht meine liebste Beschäftigung, sonst wäre ich nicht 15 Jahre lang ohne ausgekommen. Aber wenn ich aus irgendeinem Grund gezwungen wäre, jeden Tag ein Kreuzworträtsel zu lösen, dann würde ich das daraus machen, was mir am besten gefällt. Soviel Phantasie habe ich.

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              • Okay, ich kann Schopenhauer nicht ausstehen. Er war ein knurriger, egozentrischer Misanthrop.
                Ich glaube, nicht jedem ist es gegeben, mit dem EIGENEN Kopf eine Geschichte wie die Buddenbrooks zu denken oder Harry Potter oder meinetwegen Winnetou. Bevor ich Harry Potter las, hatte ich keine Ahnung, dass es einen Ort wie Hogwarts geben könnte (von Lübeck und Amerika hatte ich allerdings schon mal gehört), daher bin ich dankbar, dass da jemand für mich gedacht und mich informiert hat.
                Allerdings, sollte Herr Schopenhauer da mal ausnahmsweise nicht knurrig, egozentrisch und misanthropisch gewesen sein, sondern einfach nur ein Faktum ausgesprochen haben, will ich ihm das durchgehen lassen… 😉

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                • Er dachte dabei eher nicht an Romane und an sinnfreie Phantasiewelten, Thomas Mann konnte er noch nicht kennen, aber sonst ist deine persönliche Aversion kein Argument und unser Urteil hängt nicht von seiner vermuteten Verfassheit ab.

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                  • Ach, ich suchte doch keine Argumente, weder für noch gegen ihn. Ich nehme nur Aussagen, die mir unbekannt sind, nicht einfach unnachgedacht hin. Bei einigen Aussagen habe ich keine Chance – wenn mir jemand erzählt, Kiwis haben 45 mg VItamin C pro hundert Gramm, habe ich schlechte Karten, dagegen etwas einzuwenden. Wenn mir aber jemand, der die Menschheit allgemein für einen Fehler hielt, erzählt, was die Menschheit alles falsch macht, ziehe ich, die ich die Menschheit ziemlich spannend finde, es vor, nach Wurmlöchern in seiner Aussage zu suchen. Ich will mich einfach davon überzeugen, dass die Menschheit eigentlich ganz klasse ist. Wobei ich den Gedanken, leise vor mich hinschimpfend mit meinem Pudel Gassi zu gehen, auch nicht schlecht finde. Also, wenn Du darauf bestehst, Schopenhauer unwidersprochen hinzunehmen, werde ich mal gucken, wo die Leine ist…

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  2. Einspruch! Ein paar Kästchen füllt man immer aus, egal wie dämlich man ist.
    Es gibt auch Tests, wo man geometrische Figuren fortsetzen muss oder gar der Rechenkünste mächtig sein sollte, also purer Frust. Hier ist für die meisten nix zu holen.
    So ein Rätsel macht ja nur Spaß, wenn es zumindest ein bisschen von Erfolg gekrönt ist. Im und außerhalb vom Museum … 🙂

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  3. Ich möchte zum Thema Kreuzworträtsel noch ergänzen, dass es Kreuzworträtsel gibt, die nur oberflächliches Wissen abfragen, aber auch anspruchsvolle Kreuzworträtsel, wie die „Um die Ecke gedacht“ Rätsel von Eckstein oder die, die ein Bekannter von mir selbst herstellt. http://querdenker.vinckensteiner.com/ Es wird einige Menschen geben, die solche Rätsel nicht mögen, eben weil sie nicht nur „Wissen abfragen“ sondern eine besondere Kombinationsgabe und Phantasie voraussetzen.
    Also ist es wie in vielen Lebensbereichen, dass man m.E. kein pauschales Urteil fällen kann.

    Gruß Heinrich

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  4. Kreuzwortausfülldrang als ein psychologisches Phänomen kann sogar psychiatrisch werden, wenn es zu einer Sucht wird. Ist jedoch eine harmlose Sucht, denn die Passivkreuzwortausfüller gewinnen – im Gegenteil zu den Passivrauchern – an einer intellektuellen Mittäterschaft („Fluss im St. Petersburg, 4 Buchstaben“). Und gegen Alzheimer hilft dies bekanntlich ebenso.

    Aber an sich ist es doch nichts anders als eine intellektuelle Selbstbefriedigung. Jetzt neutral definiert.

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  5. Es ist ja nicht das Kreuzworträtsel, das uns über- oder unterfordert. Wir sind es, die das Kreuzworträtsellexikon in die Hand nehmen und damit zufrieden sind, den Fluss in St. Petersburg, 4 Buchstaben, gefunden zu haben. Oder dann neugierig geworden St. Petersburg googeln und etwas über die Geschichte oder Gegenwart dieser Stadt erfahren.

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