Die Angst der Queen vor den Bullen – Alltagsmythen (2)

kategorie alltagsethnologieSo wetterwendisch wie unser Sommer heuer ist, da nehmen Vorsichtige schon mal den Regenschirm mit. Falls es regnet, bevor man das schützende Haus verlässt, soll man den Regenschirm keinesfalls schon in der Wohnung aufzuspannen. Schlimmste Folgen werden dem Voreiligen angedroht, als wäre der Regenschirm ein Despot, der sich bitter rächt, wenn man ihn unter einem Dach in Anspruch nimmt, weil er keinen Herrn über sich haben will. Vom Verbot, den Regenschirm in der Wohnung aufzuspannen hörte ich erst, als ich noch in Aachen lebte, und zwar von der Frau deretwegen ich im Dezember 2008 nach Hannover gezogen bin. Ich war darüber so erstaunt, (über den Regenschirm-Mythos, nicht über meinen Umzug) dass ich die Aachener Stadtbibliothek aufsuchte, um dazu das zehnbändige „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ des Schweizer Volkskundlers Hanns Bächtold-Stäubli aus den Jahren 1927–1942 zu befragen.

schirm-aufspannenTatsächlich gibt es dazu einen Eintrag, in dem die Autoren sich ebenfalls wundern, „Von einer verhältnismäßig so jungen Erfindung wie es der Regenschirm ist, wird man kaum erwarten, daß sie im Aberglauben eine große Rolle spiele. Dennoch gibt es hierher gehörige abergläubische Vorstellungen (…)“
Anfangs wurden Schirme nur als Sonnenschirm genutzt; die ersten Belege für den Gebrauch als Regenschirm gibt es Ende des 17. Jahrhunderts. Bächtold-Stäublis Bemerkung lässt mich vermuten, dass die abergläubischen Vorstellungen ursprünglich vielleicht mit dem Sonnenschirm verknüpft waren. Jedenfalls fand ich am Samstagmorgen in meinem Bildarchiv ein Gif, das ich damals gemacht habe. Ich hoffe, dass das Schirmaufspannverbot nicht für digitale Schirme gilt.

Jedenfalls lehne ich jede Verantwortung für das Betrachten des Aufspannens ab. Selbst die Queen lässt den Regenschirm erst vor dem Buckingham Palace aufspannen, habe ich bei wdr.de gelesen. Aberglaube sucht sich übrigens immer neue Erscheinungsformen. In einem Skater-Forum las ich: „regenschirm in der wohnung aufspannen, bringt die bullen ins haus.“ Warum die Queen wohl Angst vor den Bullen hat? Zwar sind die Vorfahren der gekrönten Häupter Europas allesamt Raubritter gewesen. Macht und Reichtum verdanken sie Betrug, Urkundenfälschung, Wegelagerei, Raub, Erpressung, Notzucht, Mord und Totschlag, mithin so ziemlich jeder Untat, die sich ein skrupelloser Schurke nur ausdenken kann, aber das alles ist durch die Zeit geadelt.

Aufruf zu einem ethnologischen Forschungsprojekt. In der Gegend von Köln, wo ich herkomme, war der Regenschirm-Mythos unbekannt. Wo kennt man ihn? Wann, wie und von wem wurde er vermittelt? Welche Strafe wird angedroht? Ich bitte um Nachweise. Die werde ich in die Karte eintragen, so dass wir sehen können, wo das Verbot bekannt ist. (Karte ansehen)

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31 Kommentare zu “Die Angst der Queen vor den Bullen – Alltagsmythen (2)

  1. Also, ich hab verschiedene Varianten gelesen. Eine davon behauptet, dass es mit der Spitze des Schirmes zusammenhängt – spitze Gegenstände auf jemanden zu richten gilt als streitfördernd.
    http://deecee.de/mystery/geschichten/aberglaube/

    Dann eine ulkige Idee: Den Schirm nicht in der Wohnung aufspannen und sich drinter stellen, sonst stirbt jemand aus der Familie (wow, das ist mal ein Mord, der schwer zu beweisen sein dürfte. Aber wenn man nur noch den alten Erbonkel HAT, kann man das natürlich mal ausprobieren!)
    http://www.sagen.at/forum/showthread.php?t=448

    Oder: Offene Regenschirme im Haus schütten Unglück aus. Also, ich weiß von früher, dass man Leute damit ärgern kann, dass man Konfetti in geschlossene Schirme packt – wenn jemand den Schirm dann im Haus aufspannt, könnte es sein, dass man Ärger bekommt, oder? Hm… vielleicht, wenn Du dringend mit zehn Kilo Konfetti in den Haaren zu einem Vorstellungsgespräch musst, gibt das auch Unglück? Quelle… keine. Also keine nachvollziehbare… ich glaube, dass den Leuten einfach nur der Spruch so gut gefiel. 😉

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    • Danke für deine Recherche. Das mit der Spitze erscheint mir nicht plausibel. Wenn du mein Gif betrachtest, siehst du beim Schirm überhaupt keine Spitze. Beim Stockschirm bleibt sich die Spitze aufgespannt oder zusamengeklappt gleich. Zum Stechen eignet sich der zusammengeklappte besser. Die „ulkige Idee“ machen sich nach Bächtold-Stäubli auch die Vodoo-Magier von Louisiana zunutze, um Streit in die Familie zu bringen (letzte Zeilen im Eintrag). Warum schütten offene Regenschirm nur im Haus Unglück aus?

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      • Draußen wird es weg geweht. Drinnen kann es nicht raus, das Unglück.
        Wenn jemand gestorben ist, macht man in vielen Gegenden auch ein Fenster auf, damit der Verstorbene nicht drinnen bleiben muss, und man verhängt die Spiegel. Vielleicht ist es mit dem Unglück so ähnlich. Vielleicht KANN man den Schirm drinnen aufspannen, wenn man gleich danach ein Fenster aufreißt? Sollte man mal ausprobieren. Obwohl es dann natürlich reinregnet.

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        • Die Sitte, das Fenster zu öffnen, wenn jemand gestorben ist, geht auf eine alte Idee zurück, dass die Seele raus will. Umgekehrt sollte man beim Gähnen die Hand vor den Mund halten, damit die Seele nicht versehentlich rausflutscht. Das alles sind sehr materielle Vorstellungen von Seele. Da ich grundsätzlich nichts glauben kann, ficht mich das nicht an.

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  2. Meine Großmutter – aus Merseburg an der Saale stammend -brachte das strikte Verbot, den Regenschirm im Hause aufzuspannen mit. Laut ihrer raunenden Prophezeihung könne ansonsten jemand im kommenden Jahr sterben. Sie spezifizierte nie genauer wer das sein könnte, so dass sie IMMER Recht hatte. Irgendwer im Dorf starb im Laufe des Jahres ziemlich sicher. Als Kind habe ich das Regenschirmaufspannverbot ein einziges Mal übertreten und prompt starb mein Lieblingsnachbar, der mir immer Dörrbirnen schenkte. Viel zu früh im Alter von 96 Jahren – vermutlich an Altersschwäche. UND ICH WAR SCHULD! Mittlerweile gehe ich entspannter mit aufgespannten Schirmen in geschlossenen Räumen um. Es sterben zum Glück im Durchschnitt nicht mehr Leute im Dorf als sonst auch.

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    • Vielen Dank für den Nachweis und den persönlichen Kurzbericht. Ich habe den Nachweis in die Karte eingetragen. Der Klick auf den Regenschirm öffnet (d)eine Beschreibung. In der Legende links steht sie auch beim Herkunftsort.

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  3. Auch in München kennt man den Aberglauben. Meine Mutter murmelte jedes Mal: “ Bringt Unglück.“ Dann spannte sie ihn zum trocknen über der Badewanne auf. Sie wollte wohl testen ob es stimmt. Wir haben wenig familiäres Unglück zu verzeichnen und keinerlei Bullen im Haus.
    Eine schöne Idee, lieber Jules, hier noch etwas nachzuforschen.

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  4. Ich weiß nicht, ob du mit oder ohne Schirm nach Hannover gekommen bist. Tatsache aber scheint zu sein, dass eine Frau Verursacherin des Ortswechsels war. War hier schon mehrfach zu lesen. Mehr aber nicht. Oder gibt es doch irgendwo alte Geschichten dazu?

    (Ich frage einfach mal, weil ich neugierig darauf wäre.)

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  5. Pingback: Trage auf dem Kopf nie einen Trichter – Alltagsmythen (3)

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