Wenn die Maus schläft

Würde meine Großmutter lesen, dass ich jeden Morgen eine Maus wecke, wäre sie überrascht. Aber nur ein bisschen, schließlich hatte ihre Tochter, also meine Mutter, immer gesagt: „Unser Julius hat Ideen wie ein Windvogel.“ Mäuse gab es in der Scheune meiner Großeltern, und man sah sie nie schlafen, sondern immer nur umher huschen. Eigentlich sah man die Mäuse nicht genau, man sah nur ihr Huschen, denn sie waren zu schnell. Außerdem war es so gut wie stockdunkel in der Scheune, und Licht fiel bloß durch die Tür, durch die man reingekommen war. Betrachten konnte man eine Maus also nur, wenn sie mausetot in der Mausefalle lag, die mein Großvater manchmal aufstellte. Wenn der Bügel der Mausefalle einer ins Genick geschlagen war und ihr Genick gebrochen hatte, wusste man, dass eine Maus gelebt hatte in der Scheune, und niemand in der Welt meiner Großeltern hätte den Wunsch verspürt, sie wiederzubeleben.

Genau das mache ich allmorgendlich. Ich wecke zwei Mäuse auf, die über Nacht ins Koma gefallen sind. Sie gehören zur Gattung der Schwanzlosen. Ihre Vorfahren hatten noch Schwänze gehabt, weshalb sie noch näher am Mausartigen waren. Aber indem meine beiden Mäuse alles quasi telepathisch machen, brauchen sie kein Kabel mehr. Sie sind Funkmäuse. Sie kommunizieren aber nicht miteinander, betreiben keinen Rundfunk. jedenfalls nicht wie das russische Bruderpaar, das Radio hören konnte, indem die beiden ihre Ohren aneinanderlegten.

RadiohörenSowas machen meine Funkmäuse nicht. Sie sind nur die Mittler der Mensch-Maschine-Interaktion. Mit diesem Begriff hätte meine Großmutter ebenso nichts anfangen können, obwohl sie eine weltoffene Frau war, denn sie kam aus Köln. Die Erweiterung der menschlichen Sinne durch Maschinen, Auto, Eisenbahn, Radio, Fernsehen, Telefon hat sie noch erlebt, aber mit diesen Gerätschaften interagieren zu wollen, wäre ihr nicht eingefallen. Nicht wie mein Jugendfreund Föppes, der das Tastenfeld von Fußgängerampeln anzusprechen pflegte mit: „Bitte grün!“ Mensch-Maschine-Interaktion: Der Mensch bin in diesem Fall ich, die Maschine ist ein Klapprechner. Eine der Funkmäuse funkt den Rechner an und veranlasst entsprechend meiner Handbewegungen diverse Operationen in den Schaltkreisen der Maschine, die als für mich nachvollziehbare Aktionen auf dem Bildschirm der Maschine dargestellt werden.

Die Funkmaus ist also die Erweiterung meiner Hand. Sie verbindet meine analoge mit der digitalen Welt. Ist das nicht niedlich? Diese Maus ist glücklicherweise stumm. Dass die Verlängerung meiner Hand eine Maus ist, finde ich absurd genug. Was, wenn sie auch noch piepsen würde? Doch es gibt eine Sphäre, in der meine Funkmaus piepst. Zum Glück habe ich keine dieser speziellen Zahnplomben, die das Piepsen in hörbare Töne umwandeln.

Meine Funkmaus für den Klapprechner ist ein Nützling. Ich weiß allerdings nicht, ob sie eine Fehlkonstruktion ist. Jedenfalls fällt sie dauernd ins Koma, und ist manchmal nicht durch eine Bewegung, kein Anschubsen aufzuwecken, sondern ich muss, verdammt noch mal!  das Batteriefach öffnen (Ja, es gibt ein Batteriefach!), die Batterien entfernen und wieder einsetzen, manchmal auch austauschen, verflucht, damit ich sie wieder ansprechen kann, was nur metaphorisch zu verstehen ist, denn könnte sie mich hören, würde ich sie anbrüllen! Aber anbrüllen tu ich nur meinen Kaffee. Da muss mans, damit er schmeckt. (Eine liebe Frau hat mir mal gesteckt: es heiße nicht anbrüllen, sondern anbrühen. Aber vermutlich wollte sie nur kein Geschrei in der Küche.)

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19 Kommentare zu “Wenn die Maus schläft

  1. Mit der Mensch-Maschinen-Interaktion habe ich auch nicht selten erhebliche Schwierigkeiten und eine energielose Funkmaus hatte mich tatsächlich auch schon mal ins Grübeln gebracht. Erfreulicher Weise bin ich dann doch noch selbst darauf gekommen, sonst hätte ich mich wieder einmal hochnotpeinlich blamiert.

    😀

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    • Die Mensch-Maschine-Interaktion treibt seltsame Blüten. Wenn ich beispielsweise auf dem Smartphone-Display mit dem Finger etwas markiere und kopiere, um es anderswo wieder einzufügen, habe ich immer die Illusion, der Inhalt wäre in meinem Finger gespeichert.

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  2. In meinem Büro habe ich auch solche Funkmäuse. Eigentlich sinde es Funkspringmäuse oder Springfunkmäuse, denn sobald die Batterien schwächer werden, springt der Mauszeiger auf den Bildschirmen überall dorthin, wo man ihn nicht haben will: ein Zeichen, dass wieder einmal neue Energie gewünscht ist.
    Was das Brüllen oder Brühen anbetrifft:da gab es einmal eine Sängerin, die die Nationalhymne mit:…“BRÜH´im LICHTE dieses Glü-hückes, brühe-he Deu-heutsche-hes Vate-herrland“ einem sehr großen Publikum darbrachte.

    Liebe Grüße!

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    • Letztens war meine fragliche Maus auch eine Springmaus. Ich fürchtete schon, ein Unbefugter hätte sie okkupiert, aber vermutlich war ihr nur zu warm.
      Hihi, ich erinnere mich an den peinlichen Auftritt und predige immer „Textsicherheit!“ Dabei weiß doch jeder, dass es vor Fußballspielen heißt: „Brüll im Glanze dieses Glückes, brülle, deutsches Vaterland!“

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  3. Ich bin Städter, habe also große Schwierigkeiten damit, ein Säugetier zu töten, während Insekten, nein, da habe ich auch Schwierigkeiten. Eine Maus reanimieren? Klingt nach einer Tätigkeit, bei der ich gern zuschauen möchte. Eine Funkmaus wiederzubeleben, nein, obwohl sie zu den Nützlingen zählt, das gibt nichts her für RTL2. Sehr schön übrigens ist deine Idee, den Inhalt im Finger zu speichern, das solltest du patentieren lassen.

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    • Du hast Recht. Auf dem Land ist man gegenüber Tieren nicht zimperlich. Ich sah als Kind nicht nur tote Mäuse in der Mausefalle, sondern auch, wie mein Großvater den Maulwürfen mit dem Spaten auflauerte, wie Hühner, Kaninchen, Schweine, sogar Kühe geschlachtet wurden. Vielleicht wurde ich deshalb schon früh Vegetarier.

      Maus – Funkmaus, dabei gings mir um die Wortwahl, wie wir täglich eine Computermaus in der Hand haben, ohne an das Tier zu denken, das ungewollt Pate stand. Die vermeintliche Speicherfähigkeit meiner Fingerkuppe steht ja leider nicht im Text, sondern im Kommentar an Marana. Diese emotionale Verschmelzung mit einer Maschine finde ich bedenklich. Die Anthropomorphisierung des Computers wäre aber noch ein eigenes Thema.

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  4. Ein beunruhigender Text, lieber Jules. Beunruhigend ist er, weil es jemanden gibt der meine Maus am Leben erhält. Noch nie habe ich die Batterie gewechselt und vermute, dass es jemand für mich getan haben muss. Aber wer oder was? Ich habe eben das erste Mal nach einem Batteriefach gesehen. Es ist da. Muss seit Jahren da sein und doch habe ich es noch nie geöffnet. Womöglich bekommt meine Maus ihre Energie aus anderen Quellen….ich werde dem nachgehen.

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    • Oh! Ich wollte dich keinesfalls beunruhigen, liebe Mitzi. Aber du hast Recht. Da stimmt was nicht. Du solltest mal überprüfen, was die Maus nachts tut. Vielleicht zapft sie die Energie aber auch bei dir ab, wandelt deine Handwärme in Strom um, was, wenn es noch nicht erfunden ist, mal dringend einer erfinden könnte.

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    • Das ist bestimmt eine neue Mausgeneration, Mitzi. Eine mit kontaktlosem Laden, so wie bei Smartphones. Muss man nur an die richtige Stelle legen, zum Beispiel über Nacht.

      Und an Jules: Das Foto der siamesischen Radiorussen habe ich tatsächlich nicht beachtet. Das liegt aber daran, dass es vorgestern noch nicht da war. Also jedenfalls nicht auf meinem Bildschirm sichtbar. Es muss sich also gestern auf unerklärliche Weise da oben materialisiert haben. So ähnlich wie die Energie in Mitzis Maus.

      (Informatiefes für Neugierige: Meine Maus hat keine Batterie, aber einen Schwanz.)

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  5. Pingback: Brüder gesucht – Karl-Hermann gefunden

  6. Lieber Jules,
    Sie haben mich sehr nachdenklich gemacht!
    Als ich meine erste Maus bekam, war ich noch sehr unsicher, wie ich mit ihr umgehen soll. Sicherheitshalber habe ich sie wie einen jungen Hund erst einmal an die Leine gelegt. Da sie kein Batteriefach hatte, wollte sie auch nicht huschen. Kaum angeleint hat sie dann ihren Dienst aufgenommen. Nun überlege ich, ob ich dadurch ihre Freiheit beschnitten habe. Ist das vielleicht der Grund, warum sie schweigt? Ist sie entäuscht von mir?
    Vielleicht bringe ich das ja nun endlich in Erfahrung und werde drüber berichten!
    Gruß Heinrich

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    • Lieber Heinrich,
      “Je enger meine Grenzen, desto größer meine Freiheit”, sagte mir einst ein Kunstprofessor. Das habe ich für mich als Mensch nicht wirklich akzeptieren können, scheint mir hingegen bei Ihrer Maus zu passen. Sie kann ja alles machen, was in ihrem Aufgabenbereich liegt, ist dabei eben nur per Kabel mit Ihrem Computer verbunden. Lästig ist das Kabel nur für Sie, falls es Ihre Bewegungsfreiheit stört.
      Immerhin bezieht sie auch ihre Energie über Kabel, braucht also kein Batteriefach.

      Viele Grüße,
      Jules

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  7. Meine Maus, eine Schwanzmaus, hat kein Batteriefach sondern ein knallig rotes Licht auf der Unterseite, mit dem man, hebt man sie an, die Maus, sogar den Nachbarn von gegenüber blenden kann … 🙂

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