Mein surrealer Alltag – Was hören

Ich öffne das Fenster und schnuppere in den jungen Sonntagmorgen. Noch ist niemand unterwegs, und was jetzt schon herumfliegt an vorwitzigen Geräuschen, wird leise übertönt durch ein digital erzeugtes Piepen. „Fiep, fiep, fiep, Pause. Fiep, fiep fiep, Pause.“ Ich lehne mich aus dem Fenster, um die Herkunft näher zu bestimmen. Des Menschen Richtungshören ist ja so schlecht entwickelt! Das weiß ich gut. Manchmal habe ich mein Smartphone in der Jacke vergessen. Von der Garderobe her pingt es, wenn eine E-Mail eingetroffen ist. Um den Rechner nicht hochfahren zu müssen, hole ich das Smartphone zu mir und schaue mir die E-Mail an. Aber im Laufe der nächsten Stunden, pingt es noch immer von der Garderobe her. So ein konservatives Pingen! Es liegt bestimmt nicht an der Jacke. Oder ist sie etwa aus einem Material, aus einem von der anerkannten Wissenschaft noch nicht beschriebenen Stoff, den man heimlich eingeführt hat, einem Stoff, der sich erinnert, dass mal ein Smartphone in ihm gepingt hat? Man weiß es nicht. Eher liegt es an mir. Vielleicht höre ich etwas aus einer Richtung, aus der ich es gestern schon gehört habe?

Einmal erlebte ich das: Da war ein Paket, das ich beim Öffnen abfilmen wollte. Gerade lief die Aufnahme, da klingelte vom Flur her mein Mobiltelefon. Ich stoppte die Kamera, ging raus, nahm das Mobiltelefon aus der Jackentasche und sagte Hallo in den Apparat. Es meldete sich ein Handwerker, um einen Termin zu vereinbaren. Später schaute ich mir die gedrehten Filmsequenzen an, plötzlich klingelt mein Mobiltelefon. Ich stand auf, ging in den Flur, da hatte es gerade aufgehört. Gut so, dachte ich, denn mit dem Handwerker hatte ich ja schon gesprochen. Da erst merkte ich, dass ich eine interdimensionale Zeitschleife durchlebt hatte, denn das zweite Klingeln war gar nicht aus dem Flur aus der Jacke gekommen, sondern aus dem Film-Off.

Weiter Sonntag: Ich öffne das östliche Fenster. Jetzt tönt das Fiepen lauter. Fiept die ganze leere Straße hinauf. Sollte das etwa ein Weckalarm sein? Einen, den keiner hört? Irgendwann hat ein Mensch diesen Weckalarm eingestellt. Dann ist er versehentlich verstorben. Jetzt fiept der Weckalarm ganz sinnlos – bis ans Ende aller Tage. Ab und zu betritt eine schwarz gekleidete Frau das Zimmer und hängt das fiepende Ding ans Ladegerät.

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7 Kommentare zu “Mein surrealer Alltag – Was hören

  1. Ich trage mein Handy oft in der hinteren Hosentasche. Wenn jemand anruft, dann läutet es nicht nur, sondern es vibriert auch. Nun ist es mir schon mehrfach passiert, dass es am Hintern vibriert … obwohl ich das Handy gar nicht dabei hab …

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  2. Das Bild des monoton und sinnlos vor sich fiependen Handys, ist traurig. Als ich klein war und meine Großeltern starben, rief ich einige Tage immer wieder an und stellte mir vor, dass das Telefon läutet und niemand es hörte. Ich weiß noch, dass mich diese Vorstellung trauriger machte als die bevorstehende Beerdigung meines Großvaters. Technische Dinge, die noch funktionieren, wenn ihr Besitzer nicht mehr da sind, rufen bei mir einen seltsamen Grusel hervor.
    In deinem Fall, lieber Jules, ist es bestimmt eher so, dass jemand den Wecker eingestellt hat, ihn aber nicht ausschalten kann, weil er täglich um diese Zeit eine Runde joggen ist. Kommt er zurück, hat der Wecker aufgegeben. Sein Telefon treibt die Nachbarn in den Wahnsinn und er weiß es nicht einmal. So ist es bestimmt.

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  3. Die kleine Mitzi war offenbar schon groß darin, sich in tiefe Traurigkeit zu manövrieren. Mir kommt das vor wie das Ausloten der eigenen Psyche, um festzustellen, was an Traurigkeit möglich ist. Das ist zwar anstrengend und vielleicht gefährlich, aber eine Übung für grundsätzlich tiefes Erleben. Deine Texte, liebe Mitzi, spiegeln diese Eigenart, und das macht sie faszinierend.

    Deine Erklärung des anhaltenden Weckerfiepen klingt plausibel. Ich wollte es aber ein bisschen surrealer, damit der Text in die Rubrik passt. 😉

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