In meinem Bügeleisen ist beinahe Vollmond

Einmal saß ich mit Coster in einem hannöverschen Altstadtcafé. Da hörte ich am Nebentisch einen jungen Mann sagen: „Die Kapazität meines Portemonnaies ist bald überschritten.“ Sein Begleiter nickte mitfühlend. Aber ich sagte zu Coster: „Dass mein Portemonnaie überquillt, hätte ich auch mal gerne.“ Die Sprache des Alltags ist oft ungenau, Kontext und Situation helfen, dass man sich trotzdem versteht. So hatte auch der junge Mann seine beinah leere Geldbörse vorgezeigt, als er sagte, es sei an der Kapazitätsgrenze. Das Geld war weg oder, wie es in einem TV-Werbespot heißt: „100 Prozent unsichtbar!“

Dass sprachliche Äußerungen oft ungenau sind, liegt auch an den Wörtern. Einige von ihnen sind viel zu grob, manche haben sogar ungereimte Doppelbedeutungen. Eine Untiefe kann eine Sandbank dicht unter der Wasseroberfläche sein oder ein Tiefseegraben. Man nimmt Medikamente für oder gegen eine Krankheit. Der Sprachphilosoph Fritz Mauthner vergleicht die Wörter mit Uniformierten, die man in oder aus der Ferne betrachtet. So schön gleichmäßig sie auch aussähen, aus der Nähe erweise sich jeder der Kerls als schlecht angezogen.

"Schnuppertauchen" - Foto: Trithemius (größer: klicken)

„Schnuppertauchen“ – Foto: Trithemius (größer: klicken)

Wir denken uns die Welt zurecht mit Hilfe von Wörtern, die, aus der Nähe betrachtet, nicht gut passen, das heißt, wir bilden die Welt nicht objektiv ab, sondern interpretieren sie schon durch unsere Wortwahl. Es kommt bei der Interpretation immer nur auf den Erfolg an. Letzte Wahrheiten sind nicht nötig. Darum sagt der Deutsche auch, wenn er etwas nicht genau weiß: „Ich glaube, …“ und nicht „I think“ wie der Engländer. Übrigens ist „Ich denke“ eine Lehnübersetzung aus dem Englischen, also endlich mal ein echter Anglizismus. Die meisten Leute hingegen glauben, ein Anglizismus wäre ein englisches Fremdwort. Wen stört’s? Höchstens mich.

Als Coster und ich aufbrachen, erhoben sich an einem anderen Tisch vier Frauen und strebten an der Theke vorbei dem Ausgang zu. Der Kellner küsste jede auf die Wange und sagte: „Tschüs Mädels!“ Coster und ich bekamen keinen Kuss. Der aufgedrehte Kellner drückte uns nur seine Fehlinterpretation auf und rief uns freundlich hinterher: „Tschüs, ihr Süßen!!“ Coster war leicht irritiert, doch vor der Tür mussten wir lachen. Verständnis ist Missverständnis, Wahrnehmung ist Falschnehmung. Meistens ist sowieso alles ganz anders. Ach so, die Überschrift. Das sah nur so aus, als ich das Bügeleisen mal auf den Schrank gestellt hatte. Vom Bett aus besehen, guckte der Drehschalter wie ein beinahe Vollmond unter dem Griff hervor. Ich habe meinen Irrtum schon nach fünfzehn Minuten bemerkt.

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14 Kommentare zu “In meinem Bügeleisen ist beinahe Vollmond

  1. „Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück.“ hat schon Karl Kraus gesagt. Schön beobachtet, wie wir da im Alltag mit der Sprache schludern und trotzdem fast immer verstanden werden. Sprichwörter und Redensarten werden gern mal völlig verquer gebraucht, aber alle wissen ja, was gemeint ist – oder glauben es zu wissen. Das reicht.

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    • Danke fürs Lob und das passende Zitat. Kraus meint vielleicht auch den Bedeutungsverlust, den ein Wort erfährt, wenn man es oft hintereinander ausspricht. Mit Sprache zu schludern, geht leider nur gut, solange man sich grundsätzlich versteht und nicht die Haare in der Suppe auslöffeln muss 😉

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  2. Einen Vollmond im Bügeleisen zu besitzen ist fein, lieber Jules. Ein Drehschalter dagegen langweilig. Ich muss gestehen, der Titel hat mich gleich neugierig gemacht. Wie gewohnt, waren deine Gedanken im Text dann auch alles andere als langweilig. Gruselig finde ich es immer dann, wenn Worte oder Redensarten schlicht falsch gebraucht werden. Mit etwas Glück, bringen sie mich in der ubahn dann aber wenigstens zum schmunzeln.

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