Etwas über penetrante Menschenverschmutzung

Wie sehr mich die um sich greifende Tattoo-Plage nervt, diese visuelle Augenpest, diese penetrante Menschenverschmutzung, die unser Sozialwesen seuchenartig befallen hat, ist mir erst kürzlich aufgefallen. Da sah ich ein Fräulein, angetan mit einem kurzen ärmellosen Kleidchen, das die hübschen Gliedmaßen kaum verhüllte. Sie war eine Augenweide und besonders weil ihre makellose Haut nirgendwo von einem Tattoo verhunzt wurde. Sie stand vor mir an der Supermarktkasse, und weil ich meinen Einkauf ein wenig zu laut aufs Kassenband legte, mehr pfefferte, drehte sich zu mir um und lächelte. Beinah wäre mir entschlüpft, sie zu ihrer Tattoofreiheit zu beglückwünschen, doch gerade rechtzeitig fiel mein Blick auf das Kassenfräulein. Da lugte nämlich eine tätowierte Urwaldlandschaft aus ihrem Kittelärmel hervor, und ich wollte sie nicht vor den Kopf stoßen, weil sie immer so freundlich ist. Aber dieses Nebeneinander von einer nach Sklavenart tätowierten Lohnabhängigen im Kittel und dieser frank und freien Königin, die sich auch durch ihren Einkauf kaum belastete, denn sie kaufte nur ein Schächtelchen Yogurette, führte mir schlagartig vor Augen, was die Tattooplage eigentlich bedeutet: Sie ist Ausdruck der Proletarisierung unserer Gesellschaft, ein orientierungslos durchdrehender Versuch der Selbstoptimierung. Vielleicht besser ein gutes Buch lesen? Oder Teestübchen Trithemius?

Noch was aus dem Zirkus des schlechten Geschmacks

Noch was aus dem Zirkus des schlechten Geschmacks

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27 Kommentare zu “Etwas über penetrante Menschenverschmutzung

  1. Lieber Jules,
    da sind harte Worte in Ihrer Tatto-Betrachtung. Schon die Überschrift und auch die Proletarisierung fiel mir auf. Darüber ließe sich trefflich streiten, wozu ich aber nicht aufgelegt bin. Vielleicht fällt ja jemand mit Tatto auf diese Provokation rein. 😉
    Mich ekeln zum Beispiel kaugummikauende Menschen mehr an, als die mit einem Tattoo.
    Gruß Heinrich

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    • Lieber Heinrich,
      beinah hätte ich geschrieben, dass im Gegensatz zum Tattoo der Kaugummi sich leicht ausspucken lässt, aber ausgespuckte Kaugummis sind ja auch eine Plage der Innenstädte. Ich ekle mich nicht vor Menschen mit Tätowierungen, finde aber diese Form der „Körperverzierung“ in den meisten Fällen abstoßend. Gerade jetzt im Sommer enthüllen sich immer wieder Bilder,, die ich lieber nicht sehen möchte. Von der niedrigen künstlerischen Qualität will ich gar nicht reden. Das meiste ist der reine Kirmeskitsch.
      Beste Grüße!

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  2. Es gibt Tattoos, die ich total schön finde. Leider nicht alle. Eine mir nur von Fotos Bekannte (danke, Internet) trägt auf den Beinen welche, die mal künstlerisch wertvoll waren. Leider sind sie im Laufe der Zeit bläulich geworden, und jedes Mal, wenn ich ein Bild von ihr sehe, denke ich an Krampfadern.
    Meine Nachbarin dagegen trägt ein gar nicht mal besonders hübsches Tattoo im Dekol… Deco… äh, im Halsausschnitt, und ich liebe es, weil ich weiß, warum sie es hat machen lassen. Es verdeckt eine blöde Narbe von einer noch blöderen Krankheit. Sie konnte nichts Besseres machen als da eine Blume drüber wachsen zu lassen.

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  3. Ich denke, Tattoos sind ein Versuch, sich zu individualisieren. Im Grunde wünscht sich jeder Mensch einzigartig zu sein. Vielleicht hilft ein Tattoo so manchem. Übrigens gibt es schon faszinierend gut gemachte Tattoos. Meine Sache wäre es trotzdem nicht, weil ich ein Statement mache, zu dem ich vielleicht in einiger Zeit nicht mehr stehen würde. Außerdem erschließt sich mir nicht so Recht der Sinn. Ich trage ja auch nicht jeden Tag die gleiche Kleidung.
    Aber ich verurteile Menschen nicht, jeder sucht sich seinen Platz auf seine Art und Weise, mehr oder weniger erfolgreich;-)

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    • Ja, einzigartig ist jedes Menschlein von Geburt an. Da braucht es keine blöden Körperbildchen. Eben sah ich einen, dessen Arm so dicht tätowiert war, dass es wirkte, als hätte er unter seinem T-Shirt einen bunten Armling. Den könnte er aber abstreifen. Leider muss er nun jeden Tag die gleiche Kleidung tragen.😉 Ich verurteile übrigens auch nicht. Mir sind sinnlos tätowierte Leute aber suspekt. Meine 2. Freundin in Hannover hatte Tattoos an Stellen, wo ich sie lieber nicht sehen wollte. Aber was sollte sie machen. Zu entfernen sind sie so leicht eben nicht.

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      • Es war auch ein Modetrend, den viele mitgegangen sind. Jetzt verdienen Hautärzte daran. Ich glaube nicht, dass jedem Menschen bewusst ist, dass er einzigartig ist, manchmal ist es auch eine Form sich von seiner Familie zu trennen, einfach anders zu sein. Ich habe einmal auf einer Frauenschulter einen tätowierten 3 D Schmetterling gesehen, der sah so natürlich aus, man musste fasziniert hinschauen. Trotzdem wäre das nix für mich. Und Intimtattoos….bei Frauen sind für mich das Pendant zu Männern mit Porsche 😉

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  4. Jules‘ „Kassen-Treffen aus dem menschlichen Alltag“! Erst die Zierliche, nun das Frollein und dann die Tätowierte. Da könnte mehr draus werden 🙂 Ich glaube, >kinder unlimited< trifft es ganz gut. Es gibt Tattoos die mir gefallen, aber selten. Meist wirkt das auch auf mich nur "billig" (gemacht).

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  5. Wie gern würde ich mich als tolerant und „für alles offen“ sehen, doch ich gebe zu, dass Menschen mit Tätowierungen auch in mir ein leises, ablehnendes Gefühl erzeugen und ich diese Hautkunst, und sei sie noch so kunstvoll ausgeführt, in die Proll-Schublade stecke.
    Isso.

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  6. Wie schon der Hype um das Pokemon Gedaddel auf den Smartphones zeigt, neigt ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung zu Schwachsinn und geistiger Verwahrlosung.
    Je scheußlicher desto geiler, dürfte auch das Motto all jener lauten, die, einem Herdentrieb folgend, vor den Verhunzungen des eigenen Körpers nicht zurückschrecken. Wenn schon in den Gehirnen die völlige Leere herrscht, will man wenigstens optisch ein wenig Aufsehen erregen, meint Herr Ösi.

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    • Gut gebrüllt, Herr Ösi! Zur geistigen Verwahlosung möchte ich noch die emotionale Verwahrlosung gesellen. Zwischen Tattoos, die sich schon Jugendliche stechen lassen, und dem pathologischen Ritzen ist kein so großer Unterschied, nur dass es eben Tattoostudios gibt und keine offiziellen Ritzstudios. Wie ich mal von einem jungen Arbeitslosen gehört habe, zahlte ihm das Arbeitsamt die Umschulung zum Tätowierer. Unfassbar!

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      • also da muss ich vehement widersprechen. Ritzen ist ein Symptom einer schweren psychischen Krankheit……es kann natürlich sein, dass übertriebenes Tätowieren auch eine ist 😉

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        • Ist schon klar, liebe Ann, das war ziemlich polemisch von mir. Abgesehen vom Gruppenzwang unter Jugendlichen, Tattoos betreffend, gibt es allerdings eine pathologische Ähnlichkeit – den Drang, sich Schmerzen zuzufügen und zu verletzen, nur dass nachher ein mehr oder weniger hübsches Bild rauskommt.

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  7. Selbst Optimierung oder Menschenverschmutzung? Dabei fällt mir ein, dass ich zum letzten Geburtstag von einer Horde Freunden einen Gutschein eines Tattostudios geschenkt bekommen habe. Was nun? Ich glaube, ich schreib da mal was dazu. Danke für die Inspiration!

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  8. So wie ich in der U-Bahn sitze, stehst du an der Supermarktkasse, lieber Jules. Was für herrliche Orte sind das, die uns auf kleinem Raum all das beobachten lassen. Du weißt, dass ich es mag, wenn du schreibend lospolterst und ungefiltert schimpfst. Es ist eine ehrliche Art zu schreiben und ich würde gerne einmal hinter dir an der Kasse stehen. Nur um zu sehen ob sich die Gedanken in deinem Gesicht spiegeln. Ich fürchte mir sieht man überdeutlich an was ich denke. Wahrscheinlich auch bei Tattoos, die ich zum großen Teil überflüssig finde, weil blanke Haut für mich noch immer am schönsten ist. Es gibt Ausnahmen, aber die sind selten. Und das mit der Individualitäts-Unterstreichung meistens ein Witz.
    Danke für einen Text, dessen Tonfall mit neben dem Inhalt heute Abend besonders gut gefällt.

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    • Mit der U-Bahn fahre ich einfach zu selten, so konzentriere ich mich auf den kleinen Lebensraum, in dem ich mich täglich bewege. Mir war übrigens kaum bewusst, dass ich geschimpft und gepoltert hätte.Ich dachte eher, noch deutlichere Worte hätte finden müssen. Erst Heinrichs Reaktion hat mir gezeigt, wie der Text wirkt. Ein Problem ist gewiss die unterschiedliche Betroffenheit. Wer ein Tattoo hat, fühlt sich vielleicht herabgesetzt und kann sich meiner Bewertung nur schwer anschließen, weil ein Tattoo so leicht nicht zu entfernen ist. Manche sind ja auch stolz drauf, und dann komme ich und sage, dass es Kirmeskitsch ist. Ich bin froh, dass dir Inhalt und Diktion des Textes gefallen.

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  9. Pingback: Tattoo -Wozu? – seelenfunkeln

  10. Pingback: Genadelt – Aschenputtel & Schneewittchen

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