Sonntagstour – Unterwegs in sozialen Brachen

An manchen Tagen, am liebsten sonntags, fahre ich mit dem Rad durch Gegenden inmitten der Stadt, die nur lose mit der Zivilisation verbunden sind. Da fahre ich beispielsweise durch eine Straße beim Lindener Hafen, die mal und mal abknickt, und nach jedem Knick ist man weiter eingedrungen in eine durch Verlassenheit und Videoüberwachung gezeichnete Welt, wo zwischen leeren Bürogebäuden, Lagerhallen, Schuppen und Drahtzaun bewehrten Brachgeländen, entlang von Reklametafeln, für die es kaum Betrachter gibt, am Straßenrand die Sattelzüge parken, manchmal nur die Zugmaschinen, deren Fenster mit reflektierenden Folien verhängt sind, um Sonne und Welt fernzuhalten von der Schlafkabine hinter den Sitzen. Einen aus der Welt gerutschten LKW-Fahrer sehe ich die Straße entlang gehen mit einer Brötchentüte in der Hand, und weil ich in eine Sackgasse geraten bin, drehen muss und zurückfahren, begegne ich ihm erneut. Tatsächlich höre ich einen Guten-Morgen-Gruß, wodurch schlagartig für kurze Zeit menschliches Miteinander in die soziale Brache einzieht, sich einer mit hauchzartem Faden an das soziale Netz anknüpft. Doch der Spinnwebfaden verweht wie meine Antwort, falls ich zurück gegrüßt habe. Ich frage mich, wo der Mann die Brötchen her hat. Die nächste Bäckerei ist gut vier Kilometer weg. Er könnte natürlich mit der in der Ferne stoisch vorbeiziehenden Straßenbahn in die Zivilisation gefahren sein. Aber das ist nicht nötig, wie ich später sehe. Eine Freie Tankstelle am Rande des Gewerbegebiets bietet Brötchen an.

Auf einem Firmengelände sind Hunderte Euro-Paletten gestapelt. Was hat es auf sich mit den Euro-Paletten? Ich weiß es mal wieder nicht, nehme mir aber vor nachzuschlagen. Schließlich begegnen einem die Dinger überall. Kein Wunder, denn im Umlauf sind etwa 400 Millionen, abgesehen von den Exemplaren, aus denen sich sehr witzige Leute Möbel gebaut haben, was gewiss nicht im Sinne eines Tauschsystems ist. Inzwischen weiß ich: Die Austauschpaletten sind genormt, haben eine Grundfläche von 0,96 Quadratmetern, die Maße 1200 × 800 × 144 mm und wiegen 20 bis 24 kg. Die Europalette wird von 78 Spezialnägeln zusammengehalten. Ihr Marktwert beträgt 8,50 Euro. Macht Europaletten für 3, 4 Milliarden. Man glaubt es nicht, welcher Wert in diesem System steckt.

Glücksuche in der sozialen Brache - Foto: Trithemius (größer: Klicken)

Glücksuche in der sozialen Brache – Foto: Trithemius (größer: Klicken)

Ich wähle verlassene Nebenstraßen mitten durch Betriebsgelände, wo werktags sicher ein Kommen und Gehen, ein Vorfahren, Laden und Entladen ist, rolle neugierig durch diese eigenartigen Biotope, in denen immer wieder vergessene Menschen krumm und schief in die Welt ragen wie der Mann in seinem Auto, der unter einer Brücke beim Güterbahnhof geparkt hat, wo die befestigte Straße endet. Von weit her radelt mir jemand entgegen. Es gibt also ein Durchkommen, vermute ich und fahre an dem Gewirr von Bahngleisen mit seinem Übermaß an Weichen entlang. Verfallene Bahngebäude machen mich traurig wie auch ein im Hang zwischen Brombeerranken verrottender Küchenschrank aus Pressspan, den man vermutlich von der Straße oben entsorgt hat. Irgendwann ist ja alles neu gewesen, wurde hoffnungsvoll erworben oder aufgebaut. Irgendwann ist Licht in die Stube gefallen, deren Fenster jetzt zugemauert sind, wie um einen Grund für ein hingehunztes Graffito zu schaffen. Irgendwann hatte ein Lagerist sein Auskommen in dem aufgelassenen Büro, wo er in einem Lagerverwaltungssystem mit Karteikästen und farbigen Reitern sorgfältig den Bestand diverser Bauteile überwacht und Nachbestellungen veranlasst hat. Überflüssig er wie die Räume, in denen früher Karteischränke stunden.

Es zieht mich in verlassene Gegenden, wo sich Einrichtungen der sozialen Deprivation angesiedelt haben. Hier der Saunaclub in einer kitschigen Gründerzeit-Villa, passend gelegen in einer Sackgasse, dort ein McDonald’s Drive-In. Eine Großfamilie, Vater, Mutter, Kinder hat ihren sonntäglichen Ausflug hinter sich. Kinder tragen noch fröhlich Fast-Food-Verpackungen wie Trophäen, die an ihr Sonntagsmahl erinnern.

Wie kommt es, dass ich lieber hier bin als auf sonntäglich belebten Straßen mit launigen Leuten vor Cafés und Pärchen, die Hand in Hand an Schaufenstern entlangbummeln? Ich glaube, es ist so: Wo mir das soziale Miteinander, die traute Zweisamkeit, so ausdrücklich vorgeführt wird, da fühle ich mich einsam. Nicht so in den sozialen Brachen mit ihren leeren Gebäuden, Straßen und Gassen. Da habe ich ja wenigstens mich. Bin hier nicht gestrandet, hause nicht in einem bemoosten Wohnwagen, der seit Jahren nicht mehr bewegt wurde und langsam mit der Umgebung verschmilzt, sondern bin freiwillig hier und kann aus eigener Kraft wieder weg.

An manchen Tage, am liebsten sonntags, ziehe ich durch die nur unscharf berechenbaren Randzonen unserer Gesellschaft, hole mir ein wenig Abenteuer und Inspiration in sozialen Brachen und komme mir vor wie der Ethnologe im Busch. Doch der Urwald ist weit weg. Die nächste soziale Brache liegt bei uns allen nur die Ecke rum.

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7 Kommentare zu “Sonntagstour – Unterwegs in sozialen Brachen

  1. Die Innenstädte mit ihren Aldis, Lidls, Nettos, Normas, DMs, Rossmanns, C&As, H&Ms, Starbucks, Fast-Food-Ketten und und und sind längst zu einem Einheitsbrei verkommen und beliebig austauschbar, ganz wie ihre Kunden, die mit den Smartphones geschäftig daddeln.
    Die Brache hingegen vermittelt was von vergangener Kindheit, damals, als die Zeit noch irgendwie still stand, quasi Erinnerung.

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    • Durch die Ketten werden sich die Innenstädte ja immer ähnlicher; dagegen haben die Brachen tatsächlich etwas Unverwechselbares, aber auch da zieht die Gleichförmigkeit ein, zumindest wo die Funktionalität die Architektur bestimmt.. Freilich findet man auch in Hannover noch hervorragende Beispiele alter Industriearchitektur.

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  2. Ein schöner Text, dessen Inhalt nach dem Lesen noch in der Luft hängt. Nirgends kann man sich einsamer fühlen, als mitten unter Menschen. Als ich frisch nach Italien zog, ging es mir sehr ähnlich. Lieber alleine und abseits. Da war ich nicht so alleine, wie zwischen all den Paaren und Freunden. Auch heute bin ich manchmal lieber auf den von dir beschrieben Pfaden unterwegs.
    Schön geschrieben, lieber Jules.

    Gefällt 3 Personen

      • Das ist wohl so. 40 Stunden erzwungene Nähe, ergeben zwangsläufig das man Teil von etwas ist. Obs gefällt, ist eine andere Frage, aber der Kontakt mit anderen führt schneller dazu den einen oder anderen zu finden mit dem man sich versteht und austauscht.
        Schöne Sonntagsgrüße nach…Hannover?
        Mitzi

        Gefällt 2 Personen

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