Warnung vor abstürzenden Enten

Einmal trug sich in den Niederlanden ein seltsamer Jagdunfall zu. Nachdem ein Jäger in den Himmel geschossen hatte, stürzte eine Flugente herab und erschlug nicht den Jäger, sondern einen Vogelschützer.

Die Natur kennt eben keine Moral, sonst hätte sie besser gezielt. Man verzeihe mir die Personifizierung der Natur. Es wirkt nur seltsam, wenn man einen solchen Satz aufschreibt, denn in Wahrheit personifiziert der Mensch ständig.

Der Schriftforscher Jack Goody hat illiterale Kulturen an der Grenze der Schriftbenutzung untersucht, um zu erhellen, wie die Benutzung von Schrift das Denken bedingt. Goody berichtet von einem Missionar, der einen einheimischen Läufer mit fünf Broten und einem Begleitbrief zu einer anderen Missionsstation schickte. Unterwegs bekam der Läufer Hunger, rastete, aß eines der Brote und lief zur Mission. Der Missionar las den Brief und fragte den Läufer nach dem fünften Brot. Da gestand der Bote, dass er das Brot gegessen habe, doch er wollte wissen, wieso der Missionar überhaupt von dem fünften Brot wissen konnte.
„Das hat mir der Brief erzählt“, sagte der Missionar. Als der Bote einige Tage später erneut Lebensmittel in die Mission tragen sollte, verlockte ihn schon wieder ein Brot. Doch bevor er sich darüber hermachte, versteckte er den Brief unter einem Baum, damit der geschwätzige Brief den Mundraub nicht beobachten konnte.

Von dieser Form des magischen Denkens ist der alphabetisierte Mensch nicht weiter entfernt als bis zum Brotkasten in der Küche. Die Vorstellungen, mit denen wir uns die Welt erklären, sind überwiegend so absurd wie die Vermutung, ein Brief könnte sehen. Zum Beispiel schlagen Kinder manchmal nach einem Gegenstand, der sie verletzt hat. Das tun sie nicht mehr, wenn sie die Phase des magischen Denkens hinter sich gelassen haben, etwa mit fünf Jahren, wenn auch ihre Sprachentwicklung abgeschlossen ist.

Jules van der Ley, Kugelschreiberskizze, (2004) Format 14,8 x 21,0 cm, (größer: Klicken)

Jules van der Ley, Kugelschreiberskizze,
(2004) Format 14,8 x 21,0 cm, (größer: Klicken)

Ein belesener Mensch unterscheidet sich stark von einem notorischen Fernsehgucker. Denn das Fernsehen bietet Bilder an, die der Zuschauer nicht prüfen kann, auch wenn sie vermeintliche Realitäten zeigen. Diese Bilder prägen das Denken, ein kurzatmiges Denken, denn beim Betrachten von rasch wechselnden Bildern bildet man keine Begriffe. Daher ist die Grundhaltung solcher Menschen überwiegend magischen Ideen verhaftet. Tatsächlich erlaubt nur die Schrift, dem magischen Denken etwas entgegenzusetzen. Die Schrift siebt aus magischen Bildern überprüfbare Gedankenfolgen und Ideen. Sie macht aus subjektiven Vorstellungen objektivierbare Aussagen, holt also Bilder nach außen und untersucht sie.

Wenn ich schreibe, die Schrift tue dies, dann personifiziere ich die Schrift. Sogleich zeigen sich die Grenzen der Denktechnik, die uns die Schrift ermöglicht. Denn die Personifizierung ist bildhaftes Denken. Auch die Schrift ist also nicht allmächtig. Würde ich nach Schreiben dieses Textes vor die Tür gehen und von einer abgeschossenen Ente erschlagen, dann wäre dieses Geschehen derart magisch, dass alle Schrift der Welt nichts dagegen ausrichten könnte. Doch eigentlich haben wir in jeder Sekunde des Daseins mit Mysterien zu tun, gegen die eine Ente auf meinem Kopf ein Klacks ist. Ich gehe dann mal einkaufen.

Einiges über das Bebildern der Haut

Ich habe etwas erfunden, aber bevor ich meine Erfindung vorstelle, will ich einiges über Tätowierungen schreiben, denn darum geht es:

Als ich Kind war, hatten wir einen Nachbarn, der war Eisenbieger. Er hieß Herr Kühn. Ich bewunderte ihn, denn wer Eisen biegt, muss ein wahrhaft starker Mann sein. Herr Kühn hatte auf seinem sehnigen, sonnengebräunten rechten Unterarm eine Tätowierung, einen Indianderhäuptling mit prächtigem Kopfschmuck. Wenn Herr Kühn die Hand zur Faust ballte und seine Sehnen spielen ließ, zog der Häuptling finstere Grimassen oder schien zu sprechen. Später sah ich noch andere Tätowierungen, aber nicht eine hat mich so beeindruckt wie der Indianer auf dem Unterarm von Herrn Kühn. Die anderen Tätowierungen sah ich bei Kirmesleuten, bei den wüsten jungen Männern, die hinten auf den Selbstfahrer aufspringen, um während der Fahrt den Fahrchip zu kassieren. Offenbar wird das Stehen auf dem Selbstfahrer aber schnell langweilig, und sie machens nicht lang, denn immerzu klebte am Fenster des Kassenhäuschens das Schild: „Junger Mann zum Mitfahren gesucht.“

Altes Schild sucht jungen Mann – Foto: Trithemius größer: Klicken

Altes Schild sucht jungen Mann – Foto: Trithemius
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Anfang der 1980er Jahre kam in Mode, sich tätowieren zu lassen, auch wenn man weder Kirmesjunge noch Schiffschaukelbremser oder Eisenbieger war. Kurz habe ich erwogen, mir rund um den Oberarm ein keltisches Flechtwerkornament tätowieren zu lassen, da wo das kurzärmelige Radsporttrikot endet. Aber dann dachte ich: „Sich tätowieren zu lassen, ist doch eigentlich Sklavenart.“ Weil ich ein freier ripuarischer Franke bin, habe ich es gelassen.

Derweil ich mittags im Biosupermarkt meine Suppe löffele habe ich die Kundinnen und Kunden vor der Backwarentheke im Blick. Viele sind tätowiert, sogar hinten auf den Waden und in den Kniekehlen. Eine schöne junge Mutter, vermutlich Eisenbiegerin, zwei Kinder an der Hand, hat sich gleich ein ganzes buntes Bilderbuch auf den ranken Körper pieksen lassen, damit den Kindern unterwegs nicht langweilig wird. Jetzt unter der warmen Frühlingssonne sind viele Seiten zu betrachten, enthüllen sich quasi bis an die Grenze des Schicklichen, und was noch bedeckt ist, wird nicht jugendfrei sein. Wie werden die ausufernden Tattoos in 30 Jahren aussehen, wenn das Buch ein bisschen aus dem Leim gegangen ist oder Knicke und Falten hat? Wird es dann Trend unter Jugendlichen: Horrorbilder bei Oma gucken? Ich bin dann glücklich tot.

Die jüngst gestiegenen Temperaturen gewähren wieder Blicke auf immer mehr nackte Haut, namentlich der Frauen. Ich hätte beinah „blanke Haut“ geschrieben, doch blanke Haut wird selten. Tätowierungen jeglicher Art verbreiten sich auf Körperflächen wie eine Sorte Fleckfieber mit Betonung auf Fleck. Wer verschandelt all die jungen Frauen? Wer beispielsweise bringt es über sich, ein entzückendes Dekolleté mit einem Verhau aus dreckigblauer Tinte zu versauen? Wenn ich früher ein weißes Blatt Zeichenkarton vor mir hatte, habe ich gedacht, dass kaum eine Zeichnung mithalten kann mit der makellosen Weiße des Blattes. Um zu rechtfertigen, diese Makellosigkeit zu verändern, musst du schon gute Gründe haben und dich sehr anstrengen. Will sagen: Ich könnte das nicht. Ein schönes Dekolleté mit einem Flechtwerkornament zu überziehen, brächte ich nicht übers Herz. Du musst doch das Gemüt eines Fleischerhunds haben, um das zu können. So einen habe ich mal getroffen. Er sah ganz harmlos aus, wirkte nur ein bisschen unbedarft. Ich hatte ihn nach dem Weg gefragt, und er lief leer wie ein angestochenes Fass. Er käme von einem Photoshop-Kursus, denn er wolle im nahen Barsinghausen ein Tattoo-Studio eröffnen. Ich fragte zweifelnd, ob es denn in Barsinghausen genug potentielle Kunden gäbe, dachte an entwurzelte, orientierungslose Menschen, die man doch eher in den Städten antrifft, aber er war zuversichtlich. Er teilte mit, dass wir übrigens am Anwesen der von Knigges stünden. Die alte Baronin wäre schon hundert und lebe noch. Auch lebe der Ex-Pornostar Theresa Orlowski im Ort. So wie die Zeit dieser Damen lange schon vorbei ist, dachte ich, dass auch das Interesse an Tätowierungen dabei wäre abzuebben und sah schwarz für seine Zukunft. Offensichtlich hatte ich mich vertan, denn der Zenit war noch lange nicht erreicht. Die Tattooflut hat durch die Pornofizierung der Alltagskultur erst richtig an Kraft gewonnen, sich inzwischen zum Tsunami aufgetürmt und überschwemmt gnadenlos alles, was an junger Haut nachwächst.

Letztens dachte ich, dass manche Körper inzwischen so bebildert sind, dass man anbauen müsste, um noch weitere Bilder hinzuzufügen. Aber der Platz auf menschlichen Körpern ist nun mal endlich, zumal nicht alles in der Öffentlichkeit gezeigt werden darf. Jetzt zu meiner Erfindung:

Die Lösung wären animierte Gifs. Das wäre quasi der letzte Schrei. Der Gif-Interpreter-Chip könnte in ein Armband eingebaut sein. Die Herzschläge gäben den Takt, wobei der Bildwechsel beliebig nach 3, 5, 8 , 13 oder 21 Herzschlägen erfolgen würde. Die Fibonacci-Folge wäre nicht erforderlich, sondern soll nur ein bisschen verschleiern, dass es sich bei den tätowierten Gifs um die irrwitzigsten Zuckungen der Prollkultur handelt. Der Takt könnte natürlich auch frei programmiert, also unabhängig von eventuellen Körperfunktionen sein. Also: Photoshop beherrschen die Tätowierer schon, jetzt müssten nur noch Pigmente her, die ihre Farbe wechseln können. Da würden sich am besten winzige Leuchtdioden (LED) eignen. Die, direkt unter die Haut platziert, sollten die Dekolletés der Damen ordentlich zum Flackern bringen. Das werden wir bald zu sehen kriegen. Aber ich habe es als erster beschrieben und ins Bild gesetzt. Solange die kleinsten Leuchtdioden etwa den Durchmesser von einen halben Millimeter habe, sind nur relativ grobe Darstellungen wie im Gif möglich.

Teestübchen-Erfindung:  Tätowierungen als Gif-Animation

Teestübchen-Erfindung: Tätowierungen als Gif-Animation

Schöner Nebeneffekt: Leichtdioden haben nur eine begrenzte Lebensdauer, so das die Tattoos irgendwann verlöschen. Am besten noch vor dem Ableben der Tattooträger. Denn es wäre doch zu makaber, eine blinkende Leiche zu begraben.

Hallo? Hallo! Hier kommt Blabla aus der Zukunft

Für den 1. Juni war mir ein Techniker angekündigt. Dann klingelts bei mir, ich mache auf, und die Treppe herauf kommt eine junge Frau, mit kurzer schwarzer Kargo-Hose, schwarzem T-Shirt, die nackten Beine und Arme über und über tätowiert, lange schwarze Haare bis fast auf den Hintern, aber an den Schläfen rasiert. Am Gürtel hatte sie eine Werkzeugtasche, in der Hand eine Schachtel mit Gerätschaften. Ich blieb trotzdem in der Tür stehen, nicht aus Trotz, weils am Telefon geheißen hat, es käme ein Techniker, sondern aus nichts als lauter Verwunderung. Sie stellte sich vor, ich verstehe irgendwie „Vodafone“ und sage: „Guten Tag, Frau Vodafone! Sie müssen meine Verwunderung entschuldigen, aber wenn einem ein Techniker angekündigt wird, erwartet man keine Technikerin. Ich hatte gedacht, da kommt ein müder Mittvierziger im grauen Kittel, der furchtbar sächselt, sobald er den Mund aufmacht. Niemals hingegen hätte ich eine wie Sie erwartet. Aber es ist mir lieber. Kommen Sie nur herein! Vor Ihnen schäme ich mich nicht, dass ich ein technischer Analphabet bin, wohingegen so ein Sachse im grauen Kittel angesichts meines Unwissens garantiert nur verächtlich geschnaubt hätte – in meinem eigenen Schlafzimmer, denn sehen Sie, dort in der Ecke beim Fenster ist die Kabeldose. Und wer lässt schon gerne zu, dass ein müder Sachse im grauen Kittel verächtlich in die Ecke des eigenen Schlafzimmers schnaubt?“

Sie ging vor meiner Kabeldose in die Knie und begann zu schrauben und zu prüfen. Ich habe ihr einen Kaffee angeboten, aber sie lehnte dankend ab. Nachdem sie die Kabeldose ans Glasfaser-Kabelnetz angeschlossen hatte, eine Kabelbox aufgestellt hatte, quasi eine Anfahrt zur Datenautobahn, gab ich ihr fünf Euro Trinkgeld, denn dass ich mit ihrer Hilfe einen technologischen Quantensprung in die Zukunft machen durfte, ist ja reine Science-Fiction.

Einfach die Zukunft verlegt - Foto: Trithemius

Einfach die Zukunft verlegt – Foto: Trithemius

Im Sommer 2011 hatte nämlich die Telekom in meiner Straße die Zukunft verlegt. Aber wohin? Man könnte denken „verlegt ist verlegt“, aber die Technikerin hat sie in unserem Keller gefunden. Sie hat da ziemlich lange suchen müssen wie ich, wenn ich meine Brille verlegt habe. Und jetzt? In dieser unterirdischen Zukunft ist die Fernkommunikation eine einzige Raserei. Mein Blabla saust jetzt atemberaubend schnell um die Welt. Ich sende es an die Kabelbox in meinem Schlafzimmer, die schickt es in meinen Keller und dort fädelt es sich in die Datenautobahn. Da gibt es noch viel mehr Blabla, Aufregung, Hektik, Stress, wie es halt zugeht auf Autobahnen.

Viele wie auch meine Technikerin verdienen ihr täglich Brot mit enorm beschleunigtem Blabla. Sie wissen nicht einmal, dass es auch ein Leben ohne Fernkommunikation gibt, denn sie sind von klein auf darauf gedrillt, Blabla zu konsumieren und zu erzeugen. Wer aber von der Arbeitswelt nicht gebraucht wird, kann trotzdem ans Blabla ran, kann im Internet in Echtzeit gegen schier übermächtige Endgegner kämpfen, kann mitteilen, was er gerade isst, kann ein Tutorial ins Netz stellen und zeigen, wie man sich am besten die Fußnägel lackiert, oder andere wichtige Sachen machen, die ihm die Illusion der gesellschaftlichen Teilhabe geben.

Vielleicht werden in ferner Zukunft sich welche über die Glasfaserkabel hermachen, sie freibuddeln und zerhacken, weil sie ihrer Sogkraft entkommen wollen und den Freiheit verheißenden Strand suchen. Vielleicht wird die ferne Zukunft aber ganz wunderbar toll werden. Doch das kann ich mir grad nicht ausmalen. Die Zukunft ist leider unterirdisch. Aber oberirdisch und beinahe noch gegenwärtig scheint heute ganz prächtig die Sonne.

Schönes Wochenende!

Den passende Musiktipp anzuklicken lohnt sich wirklich: