Ein Sommer auf der Insel Texel und ein seltsames Zusammentreffen von Ereignissen

Die Geschichte beginnt auf den Tag genau heute vor zehn Jahren. Der 25. Juni 2006 war ein Sonntag. An diesem Tag besuchte der „europaweit gefürchtete Kunst-Attentäter Hans-Joachim Bohlmann“ (der Spiegel) das Amsterdamer Rijksmuseum. Er spritzte Feuerzeugbenzin auf das 2,3 x 5,5 Meter große Gemälde „Schützenmahlzeit zur Feier des Friedens von Münster“ (1648) von Bartholomeus van der Helst und zündete das an. Der Anschlag wurde rasch entdeckt, der Brand gelöscht, so dass er nur geringe Schäden anrichtete. Dieses Attentat sollte mir ein besonderes Erlebnis bescheren.

Der folgende Montag war in Aachen sehr heiß. Um der brütenden Hitze zu entfliehen, setzte ich mich auf mein Rad und fuhr in die nahen Niederlande. Dort folgte ich einer ausgeschilderten Fahrradstrecke durch das schöne Mergelland, The Dutch Mountains. Bald hatte mich die Hitze ausgelaugt, und ich beschloss, mich in einen schattigen Park zu setzen. Ich ging in einen Supermarkt, kaufte mir einen Nachschub an Getränken und etwas zu lesen. In Ermangelung einer deutschsprachigen Publikation wählte ich die Tageszeitung „De Volkskrant.“ Die hatte ich in meiner Jugend, wenn ich in Holland Urlaub machte, zuletzt gelesen hatte. Im Kulturteil fand ich einen großen Bildbericht über Bohlmanns Attentat. Auf dem dreispaltigen Foto war eine Frau mit einem Lupen-Gestell auf der Nase zu sehen, die den Schaden betrachtete. Die Bildunterzeile lautete sinngemäß: „Hauptrestauratorin des Rijksmuseums M. Z. begutachtet den Schaden an der „Schuttersmaltijd.“

"Liebeskummer kurz vor Amsterdam - Foto: Franz" width="300" height="294" /> Liebeskummer kurz vor Amsterdam - Foto: Franz

Liebeskummer nahe Amsterdam – Foto: Franz

„Holla“, dachte ich, „die kenne ich. Das ist doch Manja, meine Jugendliebe!“ Wir hatten uns im Sommer 1967 auf der holländischen Nordseeinsel Texel getroffen. Ich erinnerte mich an eine glockenhelle Stimme, mit der sie zum weiblichen Chorpart von„Death of a Clown“ sang. Ach, wie waren wir verliebt gewesen, sind aus mehreren Lokalen rausgeflogen, weil wir zu innig geküsst hatten. Von ihr lernte ich in der kurzen Zeit Niederländisch. Der Abschied war uns schwer gefallen. Sie hatte schon eher als ich zurück gemusst. Ich erinnere mich noch, dass ich sie zur Fähre nach Den Helder begleitete und zusah, wie sie ihr viel zu großes Hollandrad in den Bauch der Fähre schob. Den Duft ihrer Haare im Seewind hatte ich noch viele Jahre in der Nase. Das obige Foto entstand auf der Rückfahrt von Texel. Da hatte ich meine Freunde überredet, einen Umweg durch ihren Heimatort nahe Amsterdam zu machen und sie tatsächlich noch einmal gesehen. Sie war im Auto ihrer Mutter sitzend vorbeigekommen und kurz ausgestiegen. Später schrieb sie, ihre Mutter habe gesagt, ich sei ein höflicher Junge, weil ich den Hut abgenommen hatte. Wir blieben noch gut zwei Jahre brieflich in Kontakt. Ich hatte nach ihr noch eine ganze Reihe holländischer Freundinnen, aber sie war mir die Liebste von allen geblieben. Seither waren 39 Jahre vergangen.

Ich schrieb eine E-Mail ans Amsterdamer Rijksmuseum und bat darum, den Kontakt zu vermitteln. Kurz darauf antwortete sie mir und lud mich bald nach Amsterdam ein, wo sie ein großes Stadthaus hatte, dessen zweite Hälfte ihr erwachsener Sohn bewohnte. Ihr Mann war Jahre zuvor bereits verstorben. Ich verbrachte zwei schöne Tage in Amsterdam, sie lehrte mich, Ihren Porsche von Kaffeemaschine zu bedienen, dann am Abend – in Gesellschaft eines Kollegen aus dem Rijksmuseum, der leider ein Gipsbein hatte, diesen Kinderreim:

„Amsterdam, die groote stad,
Die staat op honderd palen,
En als die stad eens ommevalt,
Wie zal dat betalen?“

Amsterdam die große Stadt,
Die steht auf hundert Pfählen.
Wenn die Stadt einst niederfällt,
Wer soll das bezahlen?

der mir eine Ahnung gab, dass es bei den merkantilen Niederländern immer auch ums Geld geht. Doch diese unerwartete Wendung ins Materielle hat etwas Tröstliches, verweist nämlich darauf, dass es nach der größten Katastrophe, bei der eine ganze Großstadt umfällt, der große Jammer zurücktreten muss vor der Frage, wer am Ende die Zeche bezahlen muss. Demnach geht es irgendwie geordnet weiter. Tröstlich für ein Kind und gleichzeitig die Botschaft, dass mit Geld alles zu richten ist.

Kurz erörterten wir, wie es wäre, wenn ich in Amsterdam leben würde. Ich sagte, da würde ich wohl immer ein Fremder bleiben. Es würden ja auch andere Ausländer in Amsterdam gut leben, Engländer und Amerikaner, wandte sie ein. „Aber ich bin Deutscher“, sagte ich, „das ist etwas anderes.“ Damals auf Texel hatte der Jugendherbergsvater alle deutschen Jugendlichen auf den Russenfriedhof geführt und uns die Gräber russischer Zwangsarbeiter gezeigt, die von den Nazis ermordet worden waren, nachdem sie den Kriegshafen Den Helder ausgebaut hatten. Er sagte: „Das haben eure Väter gemacht.“ Da hatte ich mich schuldig gefühlt. Dieses Gefühl ist die Kehrseite des Nationalstolzes, wie er dieser Tage durch die EM wiederaufblüht.

Bei strahlendem Sonnenschein fuhr sie mit mir nach Friesland. Ich verbrachte zwei weitere Tage in einem Dörflein am Ijsselmeer in einem winzigen Haus, das sie von den Großeltern geerbt hatte. Die Attraktion der Jugend war beiderseits verflogen. Am stärksten schreckte mich ihre tiefe Stimme, die an die der Staatsanwältin im Münsteraner-Tatort erinnerte. Aber insgesamt war es doch eine schöne Verknüpfung der bis dahin offen baumelnden Enden in unseren Biographien. Es musste dazu viele Dinge zusammenkommen, Richter mussten Hans-Joachim Bohlmann aus dem Maßregelvollzug entlassen, damit er nach Amsterdam fahren konnte, um Feuerzeugbenzin auf die Schuttersmaltijd zu kippen und anzünden, ich musste völlig unmotiviert die Volkskrant kaufen, die just an diesem Tag einen Fotobericht abgedruckt hatte.

Eine Weile dachte ich bedauernd, ich hätte meine Jugenderinnerung durch die neue Begegnung zerstört, aber als ich eben alles aufschrieb, erstrahlte sie wieder im alten Glanz dieses wunderbaren Sommers auf Texel.

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20 Kommentare zu “Ein Sommer auf der Insel Texel und ein seltsames Zusammentreffen von Ereignissen

  1. Manchmal fällt mir zu Deinen Texten soviel zu schreiben ein, dass der Kommentär länger wäre als der Original-Text.
    Hier also nur eine kleine Auswahl:
    -Ja!
    -Ganz bestimmt!
    -Tatsächlich waren die Niederländer die einzigen, die uns „Deutsche“ auf unserer Mal-gucken-wo-wir-mit-dem-Wohnmobil-landen-Tour richtig mies behandelt haben. Selbst die Franzosen tauten irgendwann auf, einmal wegen der kleinen Kinder, dann wegen des verrückten Hundes und nicht zuletzt wegen zweier malerisch eingegipster Finger (Neugier beliegt alle Ressentiments, und die Geschichte dahinter erzählte sich auch auf Französisch ziemlich komisch!). Aber die Niederländer? No way. Die haben den zweiten Weltkrieg einfach mit anderen Waffen weitergeführt, als da wären: Tor, Seitenlinie, Abseits, Grätsche, Schwalbe…

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    • Ich bin in Holland immer gut aufgenommen worden. Allerdings pflegen holländische Intellektuelle weiterhin Ressentiments gegen Deutsche. Das kann ich nachvollziehen angesichts der Kriegsgräuel durch die deutsche Besatzung. Als die holländische Elftal noch etwas vorstellte und in Konkurrenz zu unserer Nationalmannschaft stand, brachen hier in Deutschland Hass und Häme gegen Holländer aus, deren ich mich geschämt habe. Hup Holland!

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  2. Wer wird denn gleich so kleinlich sein?
    Auf etwa 130 Millionen Euro wird der Schaden geschätzt, den Herr Bohlmann im Verlauf seiner Karriere an über 50 Kunstwerken anrichtete.
    Das vorliegende Beispiel veranschaulicht deutlich die positive Wirkung einer Kunstzerstörung auf den Gemütszustand zweier Menschen. 🙂

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  3. Ich liebe die Nederland und ganz besonders Amsterdam, ich spuere aber auch immer noch Ressentiments….mein Sohn wiederum erlebt in seiner Generation ganz anders, vielleicht ist es tatsaechlich ein Problem unserer Generation…..

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    • Nach 71 Jahren sollte auch langsam vergessen und verziehen sein. Aber 1967 war die Erinnerung an den Überfall und die Besatzung noch frisch. Ein Mädchen aus Rotterdam, das ich besuchen wollte, musste die Beziehung zu einem Deutschen vor ihren Eltern verheimlichen und brachte mich bei einer Freundin unter. Deren Eltern behandelten mich wie einen lieben Gast. Wer jüdische Verwandte hatte, die von den Nazis ermordet worden waren, konnte sicher nicht so unbefangen sein.

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          • nein, nur einmal angedeutet. Es ist schon ein Unterschied, ob man Geschichtsbuecher liest oder einer Frau gegenuebersteht, deren gesamte Familie in KZs ausgeloescht wurde. Ich bin immer noch beeindruckt, wie selbstverstaendlich sie eine Oma Funktion fuer meine Kinder angenommen hat.Ich koennte ein Buch ueber meine Erfahrungen schreiben😃

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    • Ich bin sicher: Das verliert sich. Ich hatte Mitte der 80er eine holländische Freundin, die mir klipp und klar sagte, Ihr Vater würde mich umbringen und sie gleich mit, wenn er wüsste, dass seine Tochter mit einem Deutschen angebandelt hatte.
      Sowas würde heute bestimmt nicht mehr passieren.

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  4. Pingback: 20 Jahre Warten auf die 16. Elfstedentocht

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