Fußball-Europameisterschaft 2016 mit ohne Senf dazu

Die deutsche Nationalmannschaft hat noch gar nicht gespielt und ich bin schwer enttäuscht von der Fußball-Europameisterschaft 2016. Was ich 2012 schon bitterlich vermisst habe, fehlt auch 2016: Senftuben in den Nationalfarben, also Schland-Senf. So eine skurrile Tube hatte ich mir damals aus ethnologischen Gründen gekauft. Sie war das beste an der EM 2008. Das zeigt sich schon daran, dass ich mich an nichts anderes erinnere. Ich müsste jetzt nachsehen, wo sie stattfand, wer Welt äh Europameister wurde, wie weit die Mannschaft kam und wer Bundstrainer war. Das alles ist mir Senf.

Leider ging es dem Schland-Senf wie meiner Zuckertütchensammlung, die ich auch immer mal wieder auflösen muss, weil ich vergessen habe, Zucker für meinen Morgenkaffee zu kaufen. Nein, den Schlandsenf habe ich nicht in Kaffee aufgelöst, aber irgendwann habe ich den jungfräulichen Tubenverschluss mit dem Dorn von der Oberseite des Schraubdeckels durchstoßen, um ein wenig Senf zu entnehmen. Dabei habe ich mich getröstet, die Tube wäre ja trotzdem noch prallvoll, doch mir war klar, dass ich mir was in die Tasche lüge. Einmal geöffnet würde der Schlandsenf irgendwann aufgebraucht sein. Irgendwann würde ich jede Hemmung fahren lassen, achtlos an der Tube herumdrücken, sie plattmachen, denn eine einmal offene Senftube muss aufgebraucht werden, damit der Senf nicht verkrustet, am Ende gar versteinert.

Ein bisschen Tuben-Psychologie gefällig? An der Weise wie Menschen mit Tuben umgehen, lässt sich eine Typologie festmachen, habe ich mal gelesen. Man kann eine Tube ja sorgfältig von hinten falten oder aufrollen, einfach von hinten nach vorne plattmachen, sie zerquetschen und was weiß ich. Behalten habe ich nämlich nur, dass die Menschen, die ihre Tuben unordentlich zusammendrücken, besonders kreativ sein sollen. So mache ich es nämlich. Ich kann mich bemühen wie ich will. Am Ende sehen meine Tuben aus als wären sie durch tausend Chaotenhände gegangen. Dabei war da nur ein Chaot am Werk gewesen. –

Wo hast du denn die schöne Fahne her? Vom Saufen! - Foto: Trithemius - (größer: Klicken)

Wo hast du denn die schöne Fahne her? Vom Saufen! – Foto: Trithemius – (größer: Klicken)

Schade um den Schlandsenf, um dieses prägnante Zeugnis der Fußball-Nationalismus-Narretei. Die speist sich naturgemäß aus Nationalstolz. Aber wenn du fragst, woher kommt die Begeisterung für die Nationalflagge? Sind wir alle plötzlich Nationalisten? Nein! Diese Begeisterung wird zu einem Gutteil vom sogenannten „Ambush-Marketing“ (Schmarotzer-Marketing) angeheizt. Schmarotzermarketing wird nötig, weil die Mafia UEFA bestimmte Produkte gegen teuer Geld lizensiert. Nur lizensierte Werbepartner wie Coca Cola, Carlsberg oder McDonalds dürfen mit dem EM-Logo werben. Da aber Nationalfahnen noch nicht der UEFA gehören, übergießen die Hersteller für den deutschen Markt vieles mit den Farben Schwarz-Rot-Gold. Zwar sind Hoheitszeichen wie die deutsche Nationalflagge geschützte Symbole, deren unbefugte Verwendung nach § 145 I MarkenG, 124 OWiG verboten ist. Aber die Bundesfarben sind nach einer Entscheidung des Bundespatentgerichts nicht Teil des Hoheitszeichens. Mit ihnen dürfen eigene Produkte ausgestaltet und beworben werden. Die Verbindung zur EM stellt der Kunde dann selbst her. Auch heuer hat sich der Handel mächtig ins Zeug gelegt und die Regale mit schwarz-rot-goldenen Fan-Artikeln geflutet. Wer aber jetzt schon mit zwei Schlandfähnchen am Auto herumfährt und mit kondomisierten Rückspiegeln in Schwarz-Rot-Gold oder sich einen blöden Fußballhut aufsetzt, bevor die Nationalmannschaft überhaupt anständig gespielt hat, outet sich als Volldepp.

Für diese Volldeppen bietet ein Discounter auch Kulinarisches an: “Kabeljaubällchen”, „Fußballbier“ im 20-Literfass, „Stürmer-Pizza Bacon & Ziegenkäse“. Wir lernen daraus, dass der Kabeljau Bällchen hat. Aber was soll der besoffene Fan mit Stürmer-Pizza assoziieren? Ist es eine Mittelstürmer-Pizza oder kommt die mehr über außen? Und was ist mit den „Fußball-Nuggets?“ Fehlt da nicht eines, nämlich Senf? Immerhin ist für Fußballfans Nachspiel gesorgt. Die Lidl-Eigenmarke Floralys bietet „3-lagiges Toilettenpapier mit Fußballmotiven“, 10 x 200-Blatt. Damit keiner mit der Schlandfahne wischt.

Nebenbei: Kollegin Ohneeinander hat in ihrem Blog gefragt, was denn wohl die armen Holländer machen, weil Oranjes voetbalelftal sich bekanntlich nicht für die EM qualifizieren konnte. Wie de redactie.be berichtet hat ein niederländischer Cafébesitzer in Wolder, einem Stadtteil von Maastricht, direkt an der Grenze zu Belgien gelegen, die Grenze kurzerhand 100 Metern nach Osten verlegt und zumindest sein Café nach Belgien eingemeindet. Die merkantilen Niederländer finden nichts dabei, wenn einer der ihren einen Weg gefunden hat, vom Geschäft mit der Europameisterschaft zu profitieren. Schon vorher war zu hören gewesen, dass niederländische Fußballfans ersatzweise für die belgischen rode duivels supporteren wollen. Entsprechend bietet der flämische Sender Studio Brussel orangenfarbene Teufelshörner an. Im Bild: u.a. Linde Merckpoel – im Teestübchen bekannt als grandiose Witzerzählerin.


Der Oranje-duivels-Kopfschmuck

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