Hallo? Hallo! Hier kommt Blabla aus der Zukunft

Für den 1. Juni war mir ein Techniker angekündigt. Dann klingelts bei mir, ich mache auf, und die Treppe herauf kommt eine junge Frau, mit kurzer schwarzer Kargo-Hose, schwarzem T-Shirt, die nackten Beine und Arme über und über tätowiert, lange schwarze Haare bis fast auf den Hintern, aber an den Schläfen rasiert. Am Gürtel hatte sie eine Werkzeugtasche, in der Hand eine Schachtel mit Gerätschaften. Ich blieb trotzdem in der Tür stehen, nicht aus Trotz, weils am Telefon geheißen hat, es käme ein Techniker, sondern aus nichts als lauter Verwunderung. Sie stellte sich vor, ich verstehe irgendwie „Vodafone“ und sage: „Guten Tag, Frau Vodafone! Sie müssen meine Verwunderung entschuldigen, aber wenn einem ein Techniker angekündigt wird, erwartet man keine Technikerin. Ich hatte gedacht, da kommt ein müder Mittvierziger im grauen Kittel, der furchtbar sächselt, sobald er den Mund aufmacht. Niemals hingegen hätte ich eine wie Sie erwartet. Aber es ist mir lieber. Kommen Sie nur herein! Vor Ihnen schäme ich mich nicht, dass ich ein technischer Analphabet bin, wohingegen so ein Sachse im grauen Kittel angesichts meines Unwissens garantiert nur verächtlich geschnaubt hätte – in meinem eigenen Schlafzimmer, denn sehen Sie, dort in der Ecke beim Fenster ist die Kabeldose. Und wer lässt schon gerne zu, dass ein müder Sachse im grauen Kittel verächtlich in die Ecke des eigenen Schlafzimmers schnaubt?“

Sie ging vor meiner Kabeldose in die Knie und begann zu schrauben und zu prüfen. Ich habe ihr einen Kaffee angeboten, aber sie lehnte dankend ab. Nachdem sie die Kabeldose ans Glasfaser-Kabelnetz angeschlossen hatte, eine Kabelbox aufgestellt hatte, quasi eine Anfahrt zur Datenautobahn, gab ich ihr fünf Euro Trinkgeld, denn dass ich mit ihrer Hilfe einen technologischen Quantensprung in die Zukunft machen durfte, ist ja reine Science-Fiction.

Einfach die Zukunft verlegt - Foto: Trithemius

Einfach die Zukunft verlegt – Foto: Trithemius

Im Sommer 2011 hatte nämlich die Telekom in meiner Straße die Zukunft verlegt. Aber wohin? Man könnte denken „verlegt ist verlegt“, aber die Technikerin hat sie in unserem Keller gefunden. Sie hat da ziemlich lange suchen müssen wie ich, wenn ich meine Brille verlegt habe. Und jetzt? In dieser unterirdischen Zukunft ist die Fernkommunikation eine einzige Raserei. Mein Blabla saust jetzt atemberaubend schnell um die Welt. Ich sende es an die Kabelbox in meinem Schlafzimmer, die schickt es in meinen Keller und dort fädelt es sich in die Datenautobahn. Da gibt es noch viel mehr Blabla, Aufregung, Hektik, Stress, wie es halt zugeht auf Autobahnen.

Viele wie auch meine Technikerin verdienen ihr täglich Brot mit enorm beschleunigtem Blabla. Sie wissen nicht einmal, dass es auch ein Leben ohne Fernkommunikation gibt, denn sie sind von klein auf darauf gedrillt, Blabla zu konsumieren und zu erzeugen. Wer aber von der Arbeitswelt nicht gebraucht wird, kann trotzdem ans Blabla ran, kann im Internet in Echtzeit gegen schier übermächtige Endgegner kämpfen, kann mitteilen, was er gerade isst, kann ein Tutorial ins Netz stellen und zeigen, wie man sich am besten die Fußnägel lackiert, oder andere wichtige Sachen machen, die ihm die Illusion der gesellschaftlichen Teilhabe geben.

Vielleicht werden in ferner Zukunft sich welche über die Glasfaserkabel hermachen, sie freibuddeln und zerhacken, weil sie ihrer Sogkraft entkommen wollen und den Freiheit verheißenden Strand suchen. Vielleicht wird die ferne Zukunft aber ganz wunderbar toll werden. Doch das kann ich mir grad nicht ausmalen. Die Zukunft ist leider unterirdisch. Aber oberirdisch und beinahe noch gegenwärtig scheint heute ganz prächtig die Sonne.

Schönes Wochenende!

Den passende Musiktipp anzuklicken lohnt sich wirklich: