Kaiserroute (4) – La Ola vor Paderborn

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4.Tag
Schönes Scheitern

Gegen vier Uhr in der Früh, wurde ich wach. Klar, die Freinacht zum ersten Mai, das Aufregende dieser Nacht habe ich seit den Jugendtagen in mir. Ich war jedoch nicht beschossen worden, sondern aus Berlin war mir in den frühen Nachtstunden eine schöne SMS zugeflogen.

Das Frühstück im Restaurant der zauberischen Frau: Alle anderen Gäste wurden in einen kleinen Frühstücksraum gebeten. Doch Wim und ich, wir hatten den Präsidententisch im Restaurant, denn die Tische an der langen Fensterfront standen erhöht auf einem Podest. Wir konnten nach Belieben hinaus auf die Terrasse und in den Garten schauen. Im frischen Grün des ersten Mais blitzte unter der Morgensonne eine weiß lackierte Pergola, zwischen dem lichten Laubwerk der Sträucher lockte ein blauer Himmel, ein wahrhaft ein angemessener Ausblick für uns beide am Präsidententisch. Ab und zu schlurfte ein Hotelgast herein und weiter durch, und ich hörte mit gewisser Freude, dass es ziemlich laut im Frühstücksraum wurde. Ein fernes Raunen und Plappern. Es war uns die Begleitmusik für unser gesundes Frühstück von der erhöhten Warte.

Die Wirtin sah ich kaum noch, konnte ihr nicht einmal danken, als wir aufbrachen. Deshalb also werden Ihre Wohltaten hier gewürdigt.

Entweder gibt es in dieser Gegend keine mannbaren jungen Frauen oder es ist hier nicht Sitte, Maibäume zu setzen. Jedenfalls sah ich keine. Doch mit den Stunden auf dem schönen Ruhrtalweg, begegneten uns immer häufiger kleine Gruppen von Jugendlichen. Sie zogen jeweils einen Bollerwagen hinter sich, der mit Bier, Grillkohle und Grillgut beladen war. W. dachte zuerst, man habe wohl die Termine verwechselt und begehe am ersten Mai den Vatertagsbrauch. Die Theorie war plausibel, denn die Events des Jahres werden sich immer ähnlicher, alles fließt ineinander.

Später erwies sich jedoch, dass es sich hierbei offenbar um altes Brauchtum handelte. Dann sahen wir auch Erwachsene in dieser Weise herumziehen, ja, es waren alle Altersstufen vertreten. Die Jüngsten hatten statt Bier Cola und Limo bei sich. Insgesamt herrschte unter ihnen eine freundlich-ausgelassene Stimmung.

Wir hatten die Kaiserroute mit einem Mal verloren. Denn ab der Mündung der Möhne verlässt sie die Ruhr und führt das Möhnetal hinauf. Die Ruhr hatte sich an diesem Morgen von ihrer lieblichen Seite gezeigt, und da war es klar, dass wir uns ihr einfach anvertraut hatten und nicht auf die Hinweisschilder achteten.

Wir hielten zu einer Pause und versuchten uns anhand der Karte zu orientieren. Das erwies sich als schwierig, denn wir hatten keine Ahnung, wo wir genau waren. Da sprach ich eine der Bollerwagengruppe an, die albern lachend den Weg hochgekommen war. Sofort wurden die jungen Männer ernst und versuchten uns geduldig zu helfen. War es der Alkohol oder hatten sie ihre kleine Welt noch niemals auf der Karte angeschaut, jedenfalls waren ihre Auskünfte sehr vage. Immerhin zeigten sie uns, wie wir zur Möhne kommen würden. Ungefähr, irgendwie, in etwa.

Da fragte ich in einem Ort eine junge Frau, die uns kompetent einwies. Wim lobte sie, als wir auf den Weg gefunden hatten. Sie habe sofort die Sonnenbrille abgenommen und sei doch insgesamt ungemein höflich gewesen. Vielleicht ist das ja ein Charakterzug der Menschen dieser Region. Dann hätte Karls Gewaltakt am Ende doch etwas Gutes bewirkt, was seine religiöse Raserei jedoch keinesfalls entschuldigt. Es muss die Natur gewesen sein, die das geschundene Volk geheilt hat. Denn der Mensch kann sich soviel Macht anmaßen, wie er will, mit der Zeit siegt die Natur über jede Gewaltherrschaft.

Der einzelne Mensch ist endlich. Die Natur ist es nicht, sei sie ein glühender Ball atomarer Fusionen, ein Schwarzes Loch oder ein blauer Planet namens Erde, auf dem so manches Tierlein Heimrecht hat. Ein bisschen Bescheidenheit stünde dem Menschen gut.

Wir trafen auch ein Unikum, und zwar, nachdem wir über eine schmale Brücke einen Bahnkörper überquert hatten. Dort stand ein älterer Mann im Sonntagsstaat und sagte über die Straße hinweg etwas zu mir. Ich rollte zu ihm hin und sagte: „Ich habe Sie nicht verstanden!.“
Er hatte einen Zigarillostumpen im Mundwinkel, der dort irgendwie angewachsen schien. Jedenfalls wippte er fröhlich auf und ab, während der Mann sprach. Sein Idiom war mir fremd, und der Stumpen tat sein übriges. Es klang einfach toll, wie er, um den Stumpen zu schonen, alle Laute irgendwo hinten im Mund bildete.

Der Mann hatte Geduld. Nachdem er herausbekommen hatte, dass wir auf der Kaiserroute fuhren, erklärte er uns siebenundzwanzig mal, dass wir eine Alternative hätten. Ich übersetze einmal: Wenn Sie hier hochfahren, da geht es steil hinauf. Da müssen Sie nicht fahren, im Tal ist es viel schöner, und da führt die Kaiserroute auch lang.

Nach dem dritten Mal waren wir schon einverstanden, zumal die Karte die Aussage des Mannes bestätigte. Es gab hier zwei Routen. Das hinderte ihn nicht, uns die Schrecken des Anstiegs weiter vor Augen zu führen. Ich wunderte mich, dass er erstens etwas von den Leiden eines Radfahrers wusste und zweitens den genauen Verlauf der Kaiserroute kannte. Denn er sah aus, als hätte er sein Leben zusammen mit seinem Zigarillostumpen in Likörstuben verbracht.

Die Möhne hinauf zum Möhnesee folgt die Kaiserroute eine Weile der Straße. So waren wir ein wenig vorbereitet auf den Trubel, der uns oben erwartete. Motorradgruppen brausten an uns vorbei, aus teuren Cabriolets wehten ondulierte Haare, große Friseurhandwerkskunst bei Männlein wie Weiblein, Radsportler sausten uns entgegen oder zogen an uns vorbei. …

Da oben muss ein Nest sein, sagt man im Rheinland spaßhaft. Oben war jedoch der Möhnesee. Er ist die größte Talsperre im Verband der Sauerländischen Stauseen, die allesamt dazu dienen, das Ruhrgebiet mit Trinkwasser zu versorgen. Der Möhnesee wird zudem intensiv touristisch genutzt. Er hat eine imposante Staumauer von 1910 etwa. Auf ihr wandelten unzählige Menschen, ein Betrieb wie auf der Kölner Hohe Straße. Es war windig und laut, denn der Autoverkehr nahm weiterhin zu. Busse rollten heran, neue Tagestouristen versprühten künstliche Lustigkeit, es war ein ständiges Kommen und Gehen. Immerhin las ich in Ruhe die Hinweistafeln. Seltsam: Da muss ich mit dem Rad an den Möhnessee fahren, um zu erfahren, wer eigentlich Professor Intze war. In Aachen heißt eine Straße nach ihm, es gibt auch ein Intze-Institut, und im Hauptgebäude der Technischen Hochschule hängt seine Ehrentafel. Otto Intze, „ein Pionier des deutschen Talsperrenbaus“ (Wikipedia) hat also diesen Stausee geplant.

Millionen Menschen drehen täglich wie selbstverständlich den Wasserhahn auf und trinken Intze-Wasser. Irgendwie witzig, dass man stets so wenig über die Leute weiß, die einem all die Selbstverständlichkeiten des Alltags ermöglicht haben.

Die braungebrannten Herren in den italienischen Slippern hatten sicher auch keine Idee davon, wer ihnen das Segeln auf einem so schönen See ermöglicht hat. Es gibt eine Reihe von Segelclubs am Ufer des Sees. Einer hatte sein teures Offroad-Auto auf dem Radweg geparkt und hantierte auf dem Hänger an einem eingepackten Segelbaum herum. Er hatte nicht viel Geduld zu warten, bis mein Kopf vorbei war, denn er musste ja sein Boot flott machen.

Nach ziemlich viel Schickimicki zeigte sich erneut eine Metapher, die den Zustand unserer Gesellschaft gut illustriert. In einem weniger schönen Uferstück des Sees sah man das Dach einer düsteren, verfallenen Baracke. Es war das Ruderheim der Arbeiterwohlfahrt.
Die Großväter haben im Talsperrenbau geschuftet, die Enkel sind froh, dass man ihnen einen preiswerten Flecken gelassen hat, wo sie einmal Seeluft schnuppern dürfen, vorausgesetzt, sie kommen dem Herrn mit dem Segelbaum nicht in die Quere. Na gut, wir wollen es nicht anders. Es wird sich irgendwann einmal rächen, dass die Gesellschaft auseinanderfällt.

Im Oberlauf ist die Möhne still. Sie plätscherte meist etwas unterhalb des Weges, der nach einer Weile einer alten Gleistrasse folgt. Wir rollten durch Nadelwald, hübsche Dörfer, an Wiesen vorbei und an alten Bahnhöfen. Überall begegnete man uns mit den Handkarren. Und zuletzt, quasi als Höhepunkt, stand eine große Gruppe von Jugendlichen Spalier und erfreute alle Durchfahrenden mit der Laolawelle.

Wir fuhren nicht zweimal durch das Spalier, weil wir süchtig danach waren. Nein, wir mussten uns eingestehen, dass wir Paderborn erst am Abend erreichen würden, für die Heimfahrt mit dem Zug zu spät. Wim hatte am nächsten Tag einen Termin, also drehten wir und fuhren zurück bis zum Möhnesee. Hier hieß es noch einmal klettern, den Höhenzug hinauf und dann in rasender Fahrt immer geradeaus auf Soest zu. Schade, Soest ist eine schöne Stadt, doch wir mussten sie sogleich verlassen. Im Bahnhof großer Auftrieb vor dem einzigen Fahrschein-Automaten. Wäre da nicht ein kompetenter Mann gewesen, der so ziemlich für jeden die Knöpfe drückte, wir stünden heute noch dort.

So jedoch beförderte uns die Bahn zurück nach Aachen. Paderborn ist also weiterhin ein weißer Fleck auf meiner inneren Landkarte. Macht nichts, denn das Kaff ist rabenschwarz.

Kaiserroute trithemiusNicht fit, aber rauchen – ein Bilddokument der Unvernunft, Foto: Wim

Epilog
Vor einigen Monaten war ich in Aachen und traf den Freund und Kollegen wieder, den ich im Text Wim genannt habe. Wim sagte, dass zwei Menschen prägend für sein Leben gewesen wären, ein Studienfreund, der ihn zum Laufen überredet hätte und ich, der ich ihn zum Radsport gebracht habe. Weil wir in den 80ern und 90ern soviel zusammen traniert hatten, sagte ich: „Ich habe vermutlich mehr Zeit mit dir verbracht als mit meiner Frau.“ Anders als ich hatte er nicht angefangen zu rauchen und brav weiter trainiert, während ich bedingt durch einige Wirren in meinem Leben den Radsport eine Weile nur noch halbherzig betrieben und dann ganz drangegeben hatte. Das erklärt unseren unterschiedlichen Fitnesszustand und mein Jammern über Erschöpfung.

Ich danke allen Leserinnen und Lesern für die aufmerksame Begleitung. Wer mehr lesen möchte, folge dem Link unter „Soest“, da findet sich eine Radtour in Gegenrichtung, Hannover-Aachen. die ich im Jahr 2010 unterrnommen habe und bei der ich die Kaiserroute gestreift habe.

Kaiserroute 3b – Ein glücklicher Abend

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3.Tag
Sonntag an der Ruhr
richtungspfeilWill man ein Hinweisschild gestalten, stehen ökonomische Zwänge, Funktionalität und Ästhetik in einem gewissen Gegensatz. Gute Gestaltung ist ein Ringen um Ausgleich. Eine in dieser Hinsicht schlechte grafische Lösung ist das Kaiserroutenschild. Die Richtungspfeile sind viel zu klein, die Pfeilform ist disfunktional, weil nicht prägnant genug. Eventuell war der Gestalter kein Radfahrer. Das entschuldigt ihn nicht. Richtungsangaben müssen Fernwirkung haben. Es ist lästig, wenn man die Pfeilrichtung erst aus wenigen Metern Entfernung eindeutig erkennen kann. Ich weiß nicht, wie viele zehntausend Menschen die Kaiserroute bereits gefahren sind. Man kann sich eine Unzahl von gefährlichen Situationen denken, die durch die fehlende Fernwirkung der Pfeile hervorgerufen wurden: Plötzliches Bremsen und plötzliche Richtungsänderungen, Auffahren und Ineinanderfahren bei Gruppen. Man stelle sich vor, auf der Autobahn gäbe es solche dezenten Hinweiszeichen. Dem Autoverkehr gegenüber ist man nicht so nachlässig. Ein Autofahrer muss sich auch nicht über ein Schild ärgern, das jeden Radfahrer nervt: „Radfahrer absteigen“ (Foto: Trithemius – zum Vergrößern bitte klicken)

Radfahrer absteigen

Dieses Schild macht mir Pickel. „Autofahrer aussteigen und schieben!“, da würde der ADAC aufheulen. Die freie Fahrt für freie Bürger wäre gefährdet, was noch schlimmer ist als ein Zentralvergehen gegen das Grundgesetz. Bin ich verdammt noch mal kein Bürger? Wieso ist die Straßenverkehrsordnung weiterhin eine Autoverkehrsordnung? Fahre ich etwa nur Rad zum Spaß? Sind meine Erledigungen per Fahrrad müßige Spielereien? Habe ich mein Recht auf körperliche Unversehrtheit verwirkt, wenn ich mich nicht mit Blech umgebe? Na gut, so schlecht war meine Laune nicht. Es begann zwar wieder zu regnen, doch indem wir unter einer Brücke warteten, fand Wim ein Zaubermittel. Er zog eine Regenhose über, und danach hat es keinen Tropfen mehr geregnet.

Du liebe Zeit, wie schön ist es an der Ruhr. Man mag es nicht glauben, denn das Wort „Ruhrgebiet““ hat einfach eine naturferne Konnotation. Die Ruhr vermag zu begeistern. Von Schwerte aufwärts ist sie besonders schön. Hier hat sie etwas Stilles, und sanft ist die Stimmung des Tales. Der Wassersport weicht dem Reitsport. Man sieht viele Reiterhöfe, Pferdekoppeln und hochnäsige junge Damen zu Pferd. Auch Herrenreiter schauten auf mich herab. Manche allerdings grüßten freundlich. Nicht jeder zu Pferd ist ein hochgefürsteter Prolet, dem unangemessener Reichtum die Sinne verwirrt hat.

Durch das Tal zieht sich auch die „Zabelroute“. Sie ist dem erfolgreichen Radsportler Eric Zabel gewidmet, der im nahen Fröndenberg eine zweite Heimat gefunden hat. Er stammt aus Berlin, doch hat mit sicherem Instinkt eine Gegend gewählt, in der er das leichte Rollen und harte Anstiege trainieren kann. Denn rechts in der Ferne drohen die Höhenzüge des Sauerlands. Es gibt ein Foto des Fremdenverkehrsvereins auf dem Kartenblatt der Kaiserroute. Es zeigt den fröhlich lächelnden Zabel inmitten von einfachen Radfahrern. Sie lachen natürlich ebenfalls, denn auf Fotos der Fremdenverkehrsvereine besteht Lachzwang.

Ich dagegen wurde langsam mürrisch. Es wurde Zeit, die Tagesetappe zu beenden. Zuerst mussten wir allerdings noch einmal aus dem Ruhrtal hinaus auf einen Höhenrücken. Man hat die Kaiserroute gewiss so gelegt, damit man das ferne Sauerland besser sehen kann. Karl der Große wird mit seinem Heeresbann unten im Tal entlang gezogen sein.
„Danke für die Aussicht. Es wäre jetzt nicht mehr nötig gewesen!“

Oben in einem nichtssagenden Ort lockte ein Hotel mit „Zimmer frei“. Drinnen eine mürrische Frau und ihr ebenso unerquicklicher Sohn. Man habe nichts frei, beschied man uns. Vielleicht weil wir insgesamt ein wenig mitgenommen wirkten? Der Hotelparkplatz jedenfalls war leer. Später befiel mich tiefe Dankbarkeit gegenüber dem heidnischen Pack. Denn wir fanden unten in Fröndenberg ein Hotel, das großes Lob verdient.

Wie kommt es nur, dass es Menschen gibt, die einem auf den ersten Blick sympathisch sind? Gut, die Wirtin des „Hotels Ruhrblick“ sah exakt aus wie die weibliche Ausführung meines Hausarztes. Ich muss ihn einmal fragen, woher er stammt. Jedenfalls mussten wir am Hoteleingang klingeln. Das hatten uns drei Radfahrer aus Winterberg gesagt, die uns zu Fuß entgegen kamen. „Die hat auch noch Zimmer!“, beruhigte uns die Frau unter ihnen.

Ich fuhr mit der Wirtin die Räder in den Hof, wo sie eine Garage aufschloss. Auf dem Hofpflaster sonnten sich drei Katzen. Ich versuchte eine schwarze zu locken.
„Es sind verwilderte Katzen“, sagte die Frau. „Sie laufen weg, wenn man sich ihnen nähert.“

Habe ich schon gesagt, dass sie etwas Zauberisches hatte? Sie führte uns zuerst ins geschlossene Restaurant, um uns die Schlüssel zu geben. Die Einrichtung war nicht direkt nach meinem Geschmack. Sie war jedoch äußerst geschmackvoll. Es herrschte eine gute Atmosphäre im Raum, und ohne, dass ich es wollte, entfuhr mir: „Schön haben Sie es hier!“
„Danke!“, sagte sie lächelnd.

Man verstehe mich recht: Es ging nicht um körperliche Attraktion. Diese Frau war eine Fröndenberger Ausführung von Frau Nettesheim. Deshalb suchten gewiss auch die wilden Katzen ihre Nähe. Wir hatten Zimmer 17 und 18. Wim ließ mich wählen, und ich nahm natürlich 17. Es war eine gute Wahl, denn ich hatte ein Doppelzimmer zum Preis eines Einzelzimmers. Auch hielt der Hotelname, was er versprach. Tatsächlich konnte ich hinunter auf die gemächlich dahinziehende Ruhr blicken. Welch ein glückliches Ende nahm dieser Tag! Gut, wir trübten ihn uns noch ein bisschen, irrten bei Abendkälte durch Fröndenberg, bis wir uns auf ein Lokal geeinigt hatten.

Wir saßen also bei einem Gelsenkirchener-Barock-Italiener. Man kann sich vorstellen wie das Lokal aussah. Über die Schulter von Wim sah ich auf eine Glasfläche, worin sich ein Fernsehprogramm spiegelte. Die italienische Familie guckte bei der Arbeit Berlusconi-Fernsehen. Entsprechend war der Charme dieser Leute. Auch die Pizza, die ich aß, hatte wenig Apartes. Sie sättigte sehr, obwohl man sie mit großem Kraftaufwand zersäbeln musste, wodurch ich einen Teil der Kraft schon wieder verbrauchte. Später lag sie mir dann wie ein Stein im Bauch.

Am Tisch gegenüber nahm ein junger, großer, wohlbeleibter Mann Platz. Er hatte ein hübsches, energisches Gesicht. Er kam im grünen Parka herein, setzte sich im Parka hin und verließ auch bald im Parka das Lokal. Zwischendurch aß er, was sich leichter schneiden ließ als meines. Oder war er deswegen in der Muckibude gewesen?

Jedenfalls blickte er stumm auf den Tisch, bevor sein Essen kam, und ebenso traurig schob er sich etwas in den Mund, ohne auch nur ein einziges Mal aufzublicken. Welch üble Sache mochte ihn getroffen haben? Er tat mir aufrichtig leid, denn die Nacht zum ersten Mai, die Freinacht, darf man doch nicht so trübsinnig beginnen. Wie soll denn dann der Rest des Jahres werden?

Da hatte ich es besser, denn ich schlief in dieser Nacht wie ein Prinz im Haus einer zauberischen Frau.
Sie hat schon zweimal den “Schlemmer und Schlummerpreis” bekommen. Ich weiß nicht, was das ist, hätte aber am nächsten Morgen gern ein „unterschrieben“ auf die Plakette gekritzelt.

Fortsetzung

Kaiserroute (3a) – Frostbeulen und Sonnenbrand

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3.Tag
Sonntag an der Ruhr

Wir haben durchaus Anlass zu befürchten, das Wetter könnte sich einmal gänzlich gegen die menschliche Natur wenden, und zwar nicht aus Rachsucht, sondern um den Planeten gegen eine schädliche Spezies zu verteidigen. Gut, das ist eine Personifizierung, die nicht jedem schmecken wird. Daran kann ich jetzt nichts ändern, denn so waren gestern meine Gedanken gewesen, während uns der kalte Regen unentwegt duschte und wusch.

Am Morgen hatte die Welt noch freundlicher ausgesehen. Nachdem ich dem tückisch engen Hotelbad entronnen war, ohne mehr blaue Flecken zu erhalten als sanitäre Dienstleistungen, schien sogar kurzzeitig eine blasse Sonne. Wir hätten sie fotografieren sollen, denn so bald sollte sie sich nicht wieder zeigen.

Zu dieser Zeit saßen wir noch im Frühstücksraum bei den flinken Chinesen. Hinter den Fenstern zogen schlichte Menschen im Sonntagsstaat vorbei. Man trug dicke Kommunionskerzen vor sich her und strebte der Hattinger Kirche zu, deren Glocken läuteten. Es ist etwas Sonderbares in der heutigen Zeit, wenn Kirchenglocken an ihre alte Macht erinnern. Freilich sah man den Menschen an, dass sie nur kurzzeitig dem Alltag zu entfliehen im Stande waren, denn Ideen höherer Ordnung sind schwach, gemessen am Druck und Stress des weltlichen Alltags. Kirchliche Rituale verkommen zur Folklore, und bald wissen nur noch Eingeweihte um ihre Bedeutung. Die Kirche selbst sucht ihr Heil im Event. Die Selbstvermarktung des polnischen Papstes, der sein Sterben in der Öffentlichkeit zelebrierte, und der Besuch des deutschen Papstes in Köln zum Weltjugendtag, beides zeigte, wie wenig Kraft die katholische Kirche dem Spirituellen noch zutraut und wie sehr sie auf Spektakel setzt.

Es ist gewiss ein gesamtgesellschaftlicher Verlust. Mein Problem war an diesem Morgen banal, nämlich die schweren Beine zu überreden, die Kurbel meines Fahrrads flüssig zu drehen. Die Ruhr führte Hochwasser. Stellenweise schwappte ihr Wasser auf den Ruhrtalweg. An manchen Stellen war die Überschwemmung unwägbar tief. Wir mussten beim Durchfahren die Füße hochnehmen, um Schuhe und Socken trocken zu halten. Die Ruhr wollte offenbar mehr, denn bald zog sie neuen Regen an. Dass es so kalt war, hatte auch etwas Gutes, denn ich trug inzwischen, was an Kleidung in den Packtaschen gewesen war, wie Zwiebelschalen am Leib.

Das Rad war daher leichter. Je leichter ein Rad ist, desto leichter rollt es. Die Gewichtverteilung vom Rad auf den Körper bringt also Vorteile. Wie es sich physikalisch begründen lässt, ist mir egal. Jedenfalls befand sich der englische Lexikograph Dr. Samuel Johnson im Irrtum, als er über die Erfindung einer Vorform des Fahrrads höhnte: „Jetzt hat der Mensch die Wahl, ob er sich selbst bewegen will oder sich selbst und ein Fahrzeug dazu.“

Das Fahrrad ist hinsichtlich der Kraftausnutzung der menschlichen Körperkraft ideal. Man sollte es häufiger loben und noch häufiger damit fahren. Vielleicht versöhnt sich dann auch die Natur wieder mit dem Menschen. Was freilich ein einziger Urlaubsjumbojet in die Umwelt pestet, macht den Autoverzicht aller Fahrradenthusiasten zur lächerlichen Tätigkeit. Es reicht da allenfalls zur Besänftigung des eigenen schlechten Gewissens.

Warum hier so wenig vom Fahren und soviel über das Fahren steht? Na, ich musste mich doch gedanklich etwas ablenken. Auch summte ich ein Liedchen, um Kälte und Regen zu trotzen, doch selbst das verging mir bald. Je weiter wir das Ruhrtal hinauf fuhren, desto mehr Trubel fanden wir. Irgendwas hatte an diesem Sonntag die Menschen in Scharen an die Ruhr gelockt. Das Teilstück eines neuen Wanderwegs sei eröffnet worden, hörten wir später, doch das allein kann nicht der Grund gewesen sein. Man hatte offenbar grundsätzlich Lust, den Sonntag an der Ruhr zu verbringen, auf dem Wasser, neben dem Wasser – ob unter Wasser auch welche waren, habe ich nicht gesehen. Allerdings gab es auch viele Kanufahrer, und an einem breiten Wehr patrouillierte ein Schlauchboot der DLRG. Am Ufer saßen weitere Rettungsschwimmer, sie waren in Ostfriesennerze gehüllt, und ich fragte mich, wo sie es wohl angenehmer finden würden, im eisigen Regen oder in der Ruhr. Sollte am Ende keines davon erbaulich sein?

Wenn viele Menschen sich gleichzeitig besseres Wetter wünschen, besinnt sich das Wetter manchmal. Denn gegen Mittag kam die Sonne und tat, was sich alle wünschten – sie wärmte.
„Mein Körper will nicht mehr“, sagte ich bald. Da ließ sich auch der bärenstarke Wim erweichen, denn er wusste, dass er zwar mit mir diskutieren konnte, doch der Natur kann man nichts befehlen. So saßen wir schön an der Ruhr in der Sonne. Hinter uns im dicht bewachsenen Hang barst schlagartig der Frühling los, Bienen summten, Liebespaare bummelten vorbei, Familienväter erklärten Frau und Kind die Welt.

Wir räumten die Bank für ein Paar. Sie kamen aus dem Sauerland, man hörte es an dem schwer gerollten R. Schon wieder wurde uns von Schnee berichtet. Die beiden waren ihm glücklich entflohen. Im Ruhrtal dagegen hielt sich das Wetter, und die Sonne besorgte mir unmerklich einen Sonnenbrand auf der Nase. Das wäre jetzt nicht nötig gewesen. Denn sich innerhalb von zwei Tagen eine befrorene Fingerkuppe und einen Sonnenbrand einzuhandeln, das finde ich ehrlich gesagt irgendwie extravagant.

Fortsetzung

Die Kaiserroute (2b) – Bei den wundersamen Chinesen

Vor ziemlich genau 10 Jahren fuhr ich mit meinem Freund Wim einen heute aufgegebenen und bald vergessenen Fernradweg, die Kaiserroute von Aachen nach Paderborn. Für die 480 Kilometer lange Strecke hatten wir vier Tage vorgesehen, was wir locker hätten schaffen können, wenn mein Trainingszustand besser gewesen wäre. Für einen solchen Weg wünscht man sich ein Wetter wie dieser Tage, aber so prächtig schien die Frühlingssonne nur bei unserem Aufbruch. Den Fahrtbericht habe ich ziemlich bald nach der Tour verfasst, so dass die Eindrücke noch frisch waren. Da ich nicht weiß, wie es um den Trainingszustand der Teestübchenbesucher und – besucherinnen bestellt ist, veröffentliche ich den Text in je zwei Tagesetappen und hoffe, dass wir Montag ans Ziel gelangen.

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2.Tag
Nachmittag und Abend

Natürlich regnete es bald wieder. In den Vororten von Essen bekam ich den Zweiten Atem. Ich bolzte Tempo, um Wim mein Missfallen zu zeigen. Eine Weile fuhr es sich leicht, denn ich wähnte unser Ziel vor Augen. Doch es gab nirgendwo eine Übernachtungsmöglichkeit, und man sagte uns, es sei am Besten, bis Hattingen zu fahren.

Als wir auf der Höhe des Baldeneysees ins Ruhrtal kamen, verröchelte mein Zweiter Atem. Ruhr und Regen waren eins. Das Ruhrtal ist weit und wirklich schön, doch ich war einfach zu platt, um die Schönheit dauerhaft zu würdigen. Wim hat einen Höhenmesser an der Armbanduhr, der jedoch am Luftdruck geeicht werden muss, damit er ordentliche Werte zeigt. Im Ruhrtal zeigte die Uhr 80 Meter unter dem Meeresspiegel an. Das entsprach zwar einerseits meiner Wahrnehmung, andererseits dachte ich, dass 80 Meter unter Null auch die zutreffende Beschreibung meiner Verfassung war.

Wim hat den langen Winter über im Fitnessstudio an seiner Kondition gearbeitet, ich dagegen habe am Rechner gesessen. Das rächte sich jetzt.

Das Ruhrtal scheint den Hang zum Sport enorm zu fördern. Auf dem Wasser Menschen in Booten und Kanus, die noch Lust hatten, uns durch den Regen zuzuwinken, auf dem Ruhrtalweg viele Jogger, von denen mich einige beeindruckten, weil sie trotz der Kälte mit nackten Beinen liefen. Überhaupt scheint der Ruhrgebietler recht wetterfest zu sein. Die auf unserem Weg herumstreunenden Hundebesitzer sind grundsätzlich barhäuptig gewesen.
Na, egal, wenn man einmal nass ist, tut zusätzlicher Regen auch nichts. Im Gegenteil, er massiert ja ein wenig den Kreislauf.

Wo zum Teufel ist Hattingen? Da, nach einer Flussbiegung tauchen die ersten Schilder auf. Wir verließen den Ruhrtalweg und rollten über nasses Kopfsteinpflaster ins Stadtzentrum. Da war ein ansehnlicher alter Hotelbau, wo Wim nach Zimmern fragte. Er kam mit der glücklichen Nachricht zurück, dass man uns zwei Einzelzimmer sogar billiger lassen würde.

Habe ich je so etwas wie eine Aura besessen, so war sie jetzt in jedem Fall vom Regen abgewaschen. Ich wollte eigentlich nur noch unter die heiße Dusche und dann in ein Bett kriechen. Leider muss der Bericht weiter gehen.

Das Hotel wurde geführt von sehr freundlichen, flinken Chinesen. Chinesen können sich offenbar sehr gut arrangieren. Sie hatten die Einrichtung der Restauranträume belassen, zum Beispiel ein schrecklich überladenes eichenes Monster einer Thekenlandschaft. Doch wo Platz gewesen war, hatten sie schier beliebigen chinesischen Kitsch platziert. Zum Glück war ich zu Beginn des Aufenthalts nur noch dankbar. Die Frau des Hoteliers war deutlich breiter und runder als er und trug stets lächelnd ein kleines Kind im linken Arm. Mit der freien Hand arbeitete sie.

Das Einzelzimmer habe ich zunächst kaum wahrgenommen. Es war eine lange schmale Hundehütte, und ich kroch einfach hinein. Doch schon beim Duschen überkam mich das große Staunen. Das perfekt geflieste Bad war derart eng und klein, dass man sich nur nach gezielter Überlegung drehen oder wenden konnte. Das war die große chinesische Improvisationskunst. Ich war sicher, dass die chinesische Wirtin, obschon dicker als ich, dieses Bad bis in den letzten Winkel putzen würde, und dabei hätte sie natürlich im linken Arm das kleine Kind. Ich jedoch eckte überall an und zwängte mich hinfort nur nach gründlicher Planung in dieses Bad. Auch hätte ich gerne den Installateur gesehen, der in dieser Enge alles sauber angebracht hatte. Diesem Mann hätte ich gern einmal die Hand geschüttelt.

Wir haben chinesisch gegessen, bekamen unsere Töpfchen und Näpfchen, als wir gerade erst fertig bestellt hatten. Ich war maulfaul, voller Demut, bzw. Dankbarkeit, dass die flinken Chinesen mir Nahrung gewährten.

Eine kleine Situation bevor ich in meine Hundehütte krieche, um wie tot zu schlafen:
Als wir unsere Essen bezahlen wollten, saß ein Einheimischer an der Theke. Er war angetrunken und redete wirres Zeug. Plötzlich stand er auf und sagte: „Sayonara!“
Ich dachte, hier stimmt was nicht. Bevor ich mich gedanklich gekramt hatte und gerade bei: „Japanisch“ angelangt war, sagte der Wirt lachend: „Aber wir sind Chinesen, keine Japaner!“
Donnerwetter, bei den flinken Chinesen ist es schwer mitzuhalten. Besonders, wenn man sich gerade wie 80 Meter unter dem Meeresspiegel fühlt. Morgen dann wieder fit.

Fortsetzung

Die Kaiserroute (2a) – Neandertaler lieben Gelsenkirchener Barock

Vor ziemlich genau 10 Jahren fuhr ich mit meinem Freund Wim einen heute aufgegebenen und bald vergessenen Fernradweg, die Kaiserroute von Aachen nach Paderborn. Für die 480 Kilometer lange Strecke hatten wir vier Tage vorgesehen, was wir locker hätten schaffen können, wenn mein Trainingszustand besser gewesen wäre. Für einen solchen Weg wünscht man sich ein Wetter wie dieser Tage, aber so prächtig schien die Frühlingssonne nur bei unserem Aufbruch. Den Fahrtbericht habe ich ziemlich bald nach der Tour verfasst, so dass die Eindrücke noch frisch waren. Da ich nicht weiß, wie es um den Trainingszustand der Teestübchenbesucher und – besucherinnen bestellt ist, veröffentliche ich den Text in je zwei Tagesetappen und hoffe, dass wir Montag ans Ziel gelangen.

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2.Tag
Morgen und Mittag

Wäre es mir auferlegt, die heftigen Gefühle dieses Tages zu vermitteln, müsste ich das eine oder andere Unwetter niedergehen lassen. Ein bisschen Eisregen, ein Graupelschauer, sogar Hagel wäre dabei, aber es kämen auch verstreute Aufhellungen. Die erste Aufhellung hatten wir am Morgen, und während wir um einige Orte nahe bei Düsseldorf herumgeführt wurden, schien es eine Weile, als wollte sich das Wetter stabil halten. Doch schon als wir ins Neandertal abtauchten, schwand die Sonne und es wurde lausig kalt.

Man hat vor dem futuristischen Gebäude des Neandertalmuseums einen Vertreter seiner Spezies in Beton dargestellt. Der Schöpfer dieser Plastik hatte einen grobschlächtigen, affenartigen Mann vor Augen, – vielleicht stellte er auch nur sein inneres Wesen dar, – doch in Wahrheit war der Neandertaler durchaus eine kultivierte Sorte Mensch. Er lebte halt in eisigen Zeiten, da war es gut, ein bisschen zottelig zu sein. Wir gingen in das Café links neben dem Museum. Hier wurde mir der erste ästhetische Schock zuteil. Denn die Einrichtung erinnerte schon stark an Gelsenkirchener Barock, worauf ich innerlich noch gar nicht eingestellt war. Jedenfalls gehört zu der Atmosphäre solcher Lokale, dass es nur „Kännchen“ gibt, wenn du Kaffee willst.

Diese Lokale haben jedoch auch etwas sehr Schönes: das Aufatmen in dir, wenn du sie wieder verlässt. Es ist, als hätte man die Absolution erfahren. Man muss sich dieses Erlebnis aber eigentlich nicht antun. Wim ermahnte mich später einmal, es wäre unschicklich, in ein Lokal nur hinein zu riechen, um ihm dann sofort den Rücken zu kehren. Bist du also einmal darin, hast du dein unbeschwertes Fühlen und Denken erst einmal verwirkt. Und dafür musst du auch noch ein “Kännchen” bezahlen! Bitte, wir waren so lange in diesem beengenden Restaurant, um zu verschnaufen, denn jetzt wird es anstrengend. Ach, mein Gott, es geht auf und ab ins Bergische Land, meistens jedoch auf. Hatten wir glücklich eine Kuppe erreicht, winkte auch schon die nächste Abfahrt und ein neuerlicher Anstieg schloss sich an. Jetzt erklärt sich, warum ich mich über den Biker auf der Fähre so machtlos hatte ärgern müssen. Der Mann hatte ja Recht, als er sagte, mein Rad sei gut für flache Strecken. Mir ist kürzlich das Bike gestohlen worden, und mein Stadtrad hatte beileibe nicht die richtigen Übersetzungen für die steilen Wege. Da stand ich in so manchen Berg „geparkert“, wie die niederländischen Radsportreporter sagen. Auf Deutsch hört es sich noch schlimmer an: In einigen Steilstücken parkte ich mein Rad beinah. Da hatte ich Sorge, die Kette würde reißen. Dazu fiel unentwegt der Regen. Er hüllte das Bergische Land ganz einfach ein. Und launisch war er auch, denn er kam manchmal eisig daher und stach wie Nadeln im Gesicht.

Kaiserroute06 (17)Plötzlich ein Wolkenloch, dann reißt der Himmel auf und die Sonne lacht. Die gepflügten Felder zu unserer Linken beginnen zu dampfen. Es weht ein kräftiger Wind. Er schiebt den hellleuchtenden Dunst in kleinen Wolken vor sich her, treibt die Wolken wieder zusammen und dann weiter übers Land. Unentwegt steigt neuer Dampf auf. Die Erde atmet aus.

Wenn man sie saufen kann, ist viel Sauerstoff in der Luft. Das macht das Fahren leichter, und man frisst ein paar Kilometer mehr als sonst. Leider übersahen wir eine Abzweigung der Kaiserroute und fraßen wohlgemut Kilometer, die wir nachher zurückzahlen mussten. Das war bei Wuppertal, wovon wir die oberen Häuser sahen. Die Kaiserroute wieder zu finden kostete uns eine Stunde.

Gegen Mittag waren wir nass und durchgefroren. Da lockte in einem Tal ein einsames Lokal als „Radlertreff“. Auf der Ecke war geschickter Weise ein Fahrrad an ein Verkehrsschild gekettet. Es hatte zwei Plattfüße und war auch ein wenig krumm. Doch auf seine Fernwirkung kam es an, denn hat man erst einmal gehalten und die Füße auf dem Boden, mag man nicht mehr weiter. Ich hatte mein Mittagstief, da war ich froh, ins Warme zu kommen. Man muss vorausschicken, dass es ein gutbürgerliches Lokal war. Es hatte nicht die Spur von einem „Radlertreff“. Um uns herum wurde gutbürgerlich gegessen, ein dicklicher schnellfüßiger Kellner eilte geschäftig umher. Seine raschen Füße waren sein Kapital, denn in seinem Kopf konnte er sich nicht viel merken. Er trug die Bestellungen orientierungslos durch die drei Räume, in dessen mittlerem wir saßen. Es war auch verständlich, dass er so gut wie niemals aufsah, es wäre ein Wahrnehmungsreiz zuviel gewesen. Gut, unsere Bestellung konnte warten, denn ich musste gucken.

Wim ist ein weltläufiger Mann, und er beendete mein Staunen, indem er die Sache benannte: „Das ist Gelsenkirchener Barock, und du darfst nicht vergessen, die Menschen aus dem Ruhrgebiet stammen aus aller Herren Länder, doch was sie eint: Sie waren Kleine Leute.“

So gerüstet trieb ich meine ethnologischen Studien. Neben uns saß ein mittelaltes Paar. Wir kamen ins Gespräch, denn das Warten auf unsere Bestellung einte uns. Natürlich war das Wetter unser Thema. Die Frau sagte, oben in Remscheid sei Schnee gefallen. Sie hätten im Radlertreff einen Tisch bestellt, doch die Bekannten aus Remscheid hätten abgesagt, weil sie wohl eingeschneit waren. Das hielt ich für eine Übertreibung. Ich konnte mir viel eher vorstellen, dass von den Remscheidern drei Schneeflocken herbeigefleht worden waren, damit sie nicht die weite Fahrt durchs Bergische Land antreten mussten, um im Radlertreff Riesenportionen ungesunder Dinge zu essen. Na ja, wir saßen auch da, trockneten ein wenig, um dann erneut in den Regen hinauszugehen.

Es wird jetzt etwas langweilig, man kann getrost die nächsten Zeilen überlesen. Neviges zum Beispiel kann man vergessen. Es ist ein Wallfahrtsort, glaube ich, doch er hat keine gute Atmosphäre. Wir näherten uns Langenberg, wo auf der Höhe ein berühmter WDR-Sendemast steht. Tief taucht die Straße zum Ortskern hinab. Man wird schnell, das hebt die Laune, und die Abfahrt ist lang. Ich hatte die leise Hoffnung, Wim zu überreden, die Etappe am schönen Hotel im alten Stadtzentrum zu beenden. Doch just als wir hielten, kam die Sonne wieder heraus.

Deshalb geht es am Nachmittag weiter im Text. Tut mir leid, es ist nicht meine Schuld.

Fortsetzung

Die Kaiserroute – Auf einem alten Fernweg (1b)

Vor ziemlich genau 10 Jahren fuhr ich mit meinem Freund Wim einen heute aufgegebenen und bald vergessenen Fernradweg, die Kaiserroute von Aachen nach Paderborn. Für die 480 Kilometer lange Strecke hatten wir drei Tage vorgesehen, was wir locker hätten schaffen können, wenn mein Trainingszustand besser gewesen wäre. Für einen solchen Weg wünscht man sich ein Wetter wie dieser Tage, aber so prächtig schien die Frühlingssonne nur bei unserem Aufbruch. Den Fahrtbericht habe ich ziemlich bald nach der Tour verfasst, so dass die Eindrücke noch frisch waren. Da ich nicht weiß, wie es um den Trainingszustand der Teestübchenbesucher und – besucherinnen bestellt ist, veröffentliche ich den Text in je zwei Tagesetappen und hoffe, dass wir Sonntag ans Ziel gelangen.

Teil 1a hier

Kaiserroute rhein

1. Tag Nachmittag und Abend
Vorbei an Meuters Fluch

Von Nettesheim nach Frixheim ist’s nur ein Steinwurf weit. Der Flecken war mir nie ganz geheuer. Die Frixheimer haben keine Kirche und kamen mir immer ein bisschen finster vor. Ihre Kneipe hieß „Zum dreckigen Löffel“, und es verkehrte dort übles Volk. Später ist der Saal nebenan abgebrannt. Das war „Meuters Fluch“, sagten wir. Von Meuters Fluch habe ich bei anderer Gelegenheit erzählt. Du kannst die gruselige Geschichte hier nachlesen. Ich habe jedenfalls gelesen, dass Frixheim eventuell früher Friggasheim geheißen hat. Frigga ist eine heidnische Göttin, das wäre die Erklärung. Übrigens sind die Dörfer auf „heim“ die ältesten im Land. In manchen Ortsnamen erkennt man das „heim“ nicht mehr, weil es zu „em“ oder „um“ geschrumpft ist. Oberaußem, Niederaußem, Eckum, Selikum, Elvekum, dahinter verbirgt sich auch ein Heim.

Wir rollen durch Anstel, das eine Wasserburg hat, von der es einen Geheimgang bis zum Kloster Knechtsteden gegeben haben soll, in dem der Sage nach neugierige Jugendliche verschüttet worden sind. Das Kloster mitten im Wald hatte einst ein Afrika-Museum, das die Exponate enthielt, die von den Missionaren des Klosters über die Jahrzehnte hinweg geraubt worden waren. Ich fand, es war ein „Bimbo-Museum“, wo der gaffende Rheinländer sich ansehen konnte, was die „dummen Heiden“ für Kunst und Kultus hielten. Man hatte auch ein „Negermännchen“ dort, eine sitzende Figur, in deren Schoß ein Geldschlitz eingelassen war. Wenn man Geld hineinwarf, dann nickte das „Negermännchen“. Ja, das hat der Europäer gern.

sammyDer Wald ist ein Reststreifen Auwaldes, der in einem alten Rheinarm gewachsen ist. Wir fuhren hindurch bis Straberg. Nach diesem Ort hat mein Freund M. die Hauptfigur unseres Krimis genannt, denn ich bin aus familiären Gründen häufig dort. Weiter an dem Baggersee vorbei, wo einst ein kleines Krokodil gesichtet worden war, das von Bild dann Sammy getauft wurde. Wagemutige waren trotzdem ins Wasser gesprungen und konnten anschließend ein T-Shirt kaufen mit dem Aufdruck „Ich hab mit Sammy gebadet“ Im März 2006 hatte die Bildzeitung Sammy wieder aufleben lassen.

Wir nähern uns Zons, wo wir übernachten wollten. Ich hatte einmal erwogen, in Zons zu leben. Diese mittelalterliche Zollfeste am Rhein hat mich schon immer angezogen. Doch am späten Abend dachte ich plötzlich anders darüber. Zunächst einmal war ich heilfroh, dass Wim ein Zimmer vorbestellt hatte. Die Adresse war ein Lokal an der Stadtmauer, dem Rhein zugewandt. Die Wirtin stand hinter dem Tresen und hatte vor sich nur einen Gast. Den musste sie nun allein lassen, um uns das Zimmer zu zeigen. Es lag in einem Privathaus außerhalb der Stadtmauern. Sie kam uns mit dem Auto hinterher, und als sie uns die Garage für die Räder aufschloss, erklärte sie, ihr Mann sei noch nicht zurück. „Keine Ahnung , wo der wieder aushängt!“ Als Wim sie am nächsten Morgen fragte, ob ihr Mann inzwischen wieder eingetrudelt sei, grummelte sie etwas Unverständliches. Eventuell war ihr Mann vor Jahren einmal aus dem Haus gegangen, um Zigaretten zu holen. Man weiß ja von solchen Fällen.

Doch zurück zum Abend. Die Wirtin mit oder ohne Mann vermietete uns ein ganzes Appartement, sogar eine kleine Küche, zu 50 Euro. Zum Essen gingen wir in die Altstadt zu einem italienischen Lokal, das jedoch von Einheimischen geführt wird. Es bediente uns eine ausnehmend freundliche und hübsche Inderin. Na ja, sie lernte noch. Wenn Sie etwas abräumte, fragte sie nicht, ob es geschmeckt habe, sondern: „Sind sie fertig?“ Ja und nein, dachte ich jedes Mal.

Vorher hatte ich ihr gesagt, dass ich Vegetarier sei. Und sie nickte wissend: „Aha, keine Eier!“
Ich sah einmal Olli Kahn im Fernsehen nach einem verlorenen Spiel der Bayern, und als er nach dem Grund für die Niederlage gefragt wurde, sagte er auch „Keine Eier!“
Deshalb sagte ich rasch: „Eier ja, ich esse kein Fleisch.“
„Ach so“, sagte sie und hatte schon wieder etwas dazu gelernt. Es war an diesem Abend noch zu kalt für Touristen. Deshalb saßen wir früh allein im Lokal. Und bald wurden wir von der Wirtin sehr unsanft und unfreundlich zum Gehen genötigt, schließlich waren wir doch schon eine Weile „fertig.“

Da dachte ich, vielleicht sind ja alle Zonser so. Sie sind schließlich Abkömmlinge von Zöllnern, was ja nur eine legalisierte Form der Wegelagerei ist. Es ist vielleicht mit den Zonsern ähnlich wie mit den Ureinwohnern einiger friesischer Inseln, die dem Vernehmen nach von Strandräubern abstammen. Die behandeln ihre Gäste auch gern ruppig. Du sollst dein Geld da lassen, am besten dann aber gleich wieder gehen.

Kaiserroute Fähre ZonsDer Morgen empfing uns mit kalter Sonne. Der Rhein hatte lindes Hochwasser. Wir kamen gerade rechtzeitig für die Fähre. Man zieht morgens Socken an, trinkt Kaffee, fragt die Wirtin nach ihrem verschollenen Mann und vieles mehr. Irgendwo in einem anderen Haus zieht ein Mann auch die Socken an, trinkt Kaffee, redet nicht mit seiner Frau, schwingt sich auf sein teures Bike und fährt los. Komisch, dass all die Imponderabilien so zusammen passen, dass wir ausgerechnet gemeinsam auf der Zonser Fähre standen.

Ich mochte noch gar nicht reden, wollte auch die Überfahrt über den kabbeligen Rhein genießen. Doch unglücklicher Weise fing Wim ein Gespräch mit dem jungen Mann an. Sie redeten über sein Bike, und dann begann er einen Vortrag zu halten, – über Fahrräder, für welches meins gut sei, für welches seins gut sei, was man bei Fahrrädern beachten müsse und so fort. Ich war völlig überwältigt, dass ich nach 20 Jahren Radsport endlich einmal erfuhr, was ein Fahrrad auszeichnet. Hätte der Kerl doch beim Frühstück seine Frau einmal geküsst. Dann hätte er vielleicht die Fähre verpasst. Ich hab auf der anderen Rheinseite einmal gefühlt, ob mein Ohr noch dran war. Er wollte übrigens zum Segelfliegen. Später sahen wir ihn in der Luft. Zum Glück hatte er kein Megaphon bei sich.

Fortsetzung

Die Kaiserroute – Unterwegs auf einem alten Fernweg (1)

Vor ziemlich genau 10 Jahren fuhr ich mit meinem Freund Wim einen heute aufgegebenen und bald vergessenen Fernradweg, die Kaiserroute von Aachen nach Paderborn. Für die 480 Kilometer lange Strecke hatten wir drei Tage vorgesehen, was wir locker hätten schaffen können, wenn mein Trainingszustand besser gewesen wäre. Für einen solchen Weg wünscht man sich ein Wetter wie dieser Tage, aber so prächtig schien die Frühlingssonne nur bei unserem Aufbruch. Den Fahrtbericht habe ich ziemlich bald nach der Tour verfasst, so dass die Eindrücke noch frisch waren. Da ich nicht weiß, wie es um den Trainingszustand der Teestübchenbesucher und – besucherinnen bestellt ist, veröffentliche ich den Text in je zwei Tagesetappen und hoffe, dass wir Sonntag ans Ziel gelangen.

logo Kaiserroute
1. Tag Morgen
Durch die Alte Heimat

Oben im frühlingshaften Wald bei Süssendell nahe Aachen wurde mir zum ersten Mal bewusst, auf welcher Route Wim und ich fuhren. Die Kaiserroute Aachen-Paderborn, das zeigten die sechseckigen Hinweisschilder mit den Richtungspfeilen. Doch was heißt es, auf den Spuren Karls des Großen zu fahren? Hat er etwa eine Pilgerfahrt nach Paderborn unternommen, und lagerte er in freudiger Erwartung unter den ergrünenden Bäumen, umringt von ein paar frommen Männern? Eher nicht, sagte Wim – Karl war unterwegs mit seinem Heeresbann, um die Sachsen zu strafen, die nicht von ihren heidnischen Göttern lassen wollten. Und während Karl im Jahre 782 noch bei Süssendell lagerte, sind da bei Verden 4500 Sachsen, die ihrem Tagwerk nachgehen und nicht ahnen, dass sich einer aufgemacht hat, ihnen den Kopf abzuschlagen.

Mir fiel das Wort von Kafka ein:
kafkas-jagdhunde Kalligraphie: Trithemius (zum Vergrößern bitte klicken)

Natürlich ist nicht nachvollziehbar, wo Karls Heeresbann tatsächlich entlang gezogen ist. Es gibt keine archäologischen Funde, die seinen Weg belegen, und gar die Enthauptung der 4500 Sachsen ist nicht bewiesen. Sollten wir auf unserer Tour Nachkommen von heidnischen Sachsen finden, würde es jedenfalls bei einem „Guten Tag“ bleiben. Ich wüsste nämlich im Moment nicht, welche Religion man ihnen „freundlich empfehlen“ sollte. Übrigens empfing uns kurz vor Paderborn junges Volk mit der Laola-Welle, doch davon viel später.

Wir folgten am ersten Tag nicht ganz der Kaiserroute, denn wir wollten ein wenig abkürzen. Es ging in Richtung meiner Heimat. Vorher jedoch, bei Bergheim, war die Welt ein wenig in Unordnung. Hier hat man wegen der Braunkohle die Straßen derart verlegt, dass es schwer war, sich zurechtzufinden. Der fromme Rheinländer hat ja eigentlich Bodenhaftung. Bei ihm werden die Verstorbenen noch „In die Ewigkeit abberufen“, wie ich im Aushangkasten einer Kirche sah, die gleich zwei Heiligen gewidmet war. Doch ökonomische Zwänge und ein bisschen Gier haben dazu geführt, dass dieser fromme bodenständige Rheinländer seine Heimat ans RWE verkauft hat.

Der Ort Niederaußem ist ein bedrückendes Beispiel. Im Vordergrund eine schöne alte Kirche. Mausklein wirkt sie vor den riesigen Kühltürmen dahinter. Wenn du eine bildhafte Metapher haben willst für den Bedeutungsschwund der Religion in einer technisierten Welt, dann findest du sie hier. Neben den Kühltürmen hat das RWE ein gewaltiges neues Kraftwerkgebäude errichten lassen. Man sieht ein fünfstöckiges Bürogebäude an der Seite, das in normaler Umgebung gewiss als großes Haus gelten könnte. An dem Koloss aber ist es wie ein winziges Schwalbennest, das zu Boden gerutscht ist.

In Rommerskirchen trafen wir wieder auf die Kaiserroute. Wir fuhren auch an dem Haus vorbei, von dessen Balkon ich einmal in der Nacht zum ersten Mai mit dem Luftgewehr beschossen worden bin. Das Versteigern von Dorfschönheiten als Maibräute ist eher in der Gegend um Düren üblich. Wir sahen unterwegs Plakate, wo es angedroht wurde. In meiner Heimat ist die Nacht zum ersten Mai eine Freinacht. Man darf dann allerhand Dinge, die man üblicherweise nicht darf, zum Beispiel Fensterläden und Hoftüren aushängen und natürlich Maibäume setzen.

Uns war gegen Morgen eingefallen, dass wir einem Mädchen in Rommerskirchen noch einen Maibaum setzen mussten. Den versuchte ich im Vorgarten dieses Hauses zu besorgen. Der Baum war hartnäckig, ich bekam ihn nicht ab, da ich nur eine kleine Axt hatte. Da trat der Hausbesitzer im Schlafanzug auf den Balkon, in der Hand eine Flobert. Er legte wortlos sein Luftgewehr an und beschoss mich. Zum Glück dämmerte es gerade erst, da hat er nicht getroffen. Das Mädchen bekam dann leider keinen Maibaum. Das Setzen von Maibäumen ist ein altes Fruchtbarkeitsritual. Sie wird wohl kinderlos geblieben sein.

Vor Nettesheim hatte ich endlich das richtige Heimatgefühl. Man kann dort bis zum Horizont sehen. Es gibt nur Felder und Pappelreihen. Diesen weiten Horizont liebe ich, denn er lässt Platz für eigene Gedanken. Hinter dem dicht bewaldeten strategischen Bahndamm, auf dem niemals Gleise gelegen haben, endlich die Sicht auf das Dorf. Es hat einmal den dritten Preis im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ gewonnen. Allerdings hat das nichts mit meinen Gefühlen zu tun, wenn ich über den Kastanien des Gutshofes den Kirchturm von St. Martinus sehe. Auf der Ecke ein altes Transformatorenhaus, aus dunkelroten Klinkern erbaut. Dort habe ich in meiner Jugend trommeln geübt. Freitagabends trommelten wir am Trafohaus „Alte Kameraden“ oder den „Lockmarsch“; ich spielte im Tambourkorps. Später spielte ich Schlagzeug und übte im Dachgeschoss der Schule drüben hinterm Bach, wo wir auf zwei Etagen wohnten. Da klingelte einmal eine Schülerin bei uns. Die Lehrerin bitte darum, ich solle eine Pause machen, denn die Kinder würden im Unterricht den Rhythmus mittrommeln.

Im Ort erkannte ich niemanden. Ich bin einfach schon zu lange weg. Doch manchmal war ich zum Schützenfest noch hier. Vor ein paar Jahren stand ich neben meinem alten Schulkameraden Juppi am Denkmal und schaute mir die Parade an. Er ist der Dachdecker des Ortes und nie weg gewesen. Für ihn war die Parade eine fachmännisch zu beurteilende Angelegenheit. „Dieses Tambourkorps hat zu früh eingeschwenkt“, sagte er, und jenes habe „keinen Zack.“ Die aus Anstel dagegen hätten ihre Sache gut gemacht. Ja, die Ansteler waren schon zu meiner Zeit beneidenswert zackig gewesen. Interessant, wie sich auch derlei Traditionen über die Generationen hinweg erhalten.  Ich erinnere mich noch gut an den samstäglichen Fackelzug zum Schützenfest. Der alte Bürgermeister hielt am Kriegerdenkmal jedes Jahr die gleiche Rede, worin er „die Gefallenen der beiden Weltkriege“ gedachte. Mit den Fällen nahm er es nicht so genau. Er war Bauer, kein Grammatikexperte.

Fortsetzung

Costers Asche – #Kramladengeschichten

Die Biographie der Dinge

Beim Frühjahrsputz am vergangenen Wochenende ist ein schwarzes Filmdöschen hinter meine Kommode gefallen. „Ist das schlimm?“ „Ach du liebe Zeit! Ja! Im Döschen ist doch die Asche von Thomas.“ Jetzt steht das Döschen wieder prominent auf der kleinen Installation von Erinnerungsstücken, deren zentrales Element ein Versal-A aus Beton ist. (Teestübchen-Hausaltar – Foto: Trithemius, zum Vergrößern bitte klicken)

Tom AscheEs ist nunmehr zwei Jahre her, da ich das Filmdöschen bekam. Emile, ein holländischer Freund, hatte sich nach dem Tod von Thomas um dessen Einäscherung gekümmert. In den Niederlanden wird einem die Asche nach einem Monat zur freien Verfügung ausgehändigt. Im Mai 2014 lud Emile den engeren Freundeskreis zu sich zu einem kleinen Leichenschmaus ein, wozu er eine köstliche Ananas-Curry-Suppe gekocht hatte, die wir auf einer hübsch von Blüten umrankten Terrasse einnahmen. Anschließend fuhren wir zu Hollands höchstem Berg, dem Drielandenpunt, auch Vaalser Berg, der sich im Dreiländereck, Deutschland, Holland, Belgien auf 322,7 Meter erhebt, um die Asche von Thomas zu verstreuen. Vorher öffnete Emile die Urne und bot an, jedem etwas in ein Filmdöschen abzufüllen. Schon dabei wunderte ich mich, wie schwer die Asche eines Menschen ist. Noch mehr, als wir auf dem Drielandenpunt waren. Es gibt dort eine große Wiese mit vereinzelt stehenden Bäumen. Wir streuten die Asche von Thomas mit unseren Händen rund um den Stamm einer Eiche. Das war schöner als einen Sarg in ein Erdloch hinabzulassen.

Ich bin froh, noch etwas von meinem guten Freund Coster bei mir zu haben. Gelegentlich, wenn ich Wein oder Sekt trinke, proste ich ihm zu, denn er hat im Leben auch gerne einen gehoben.

Ein Beitrag zum Erzählprojekt #Kramladengeschichten

Die flämische Radiomoderatorin Linde Merckpoel erzählt einen rührenden Witz vom kranken Pferdchen. Die Pointe haut dich um und du verstehst auf Anhieb Niederländisch

Linde Merckpoel
Zum Anhören bitte Bild klicken! (Lies simultan in einem zweiten Fenster meine fast wörtliche Übersetzung)

Eines Tages im Stall eines Bauernhofes ist das Pferdchen krank. Das Pferdchen ist schon alt, ist schon eine zeitlang nicht in Ordnung, aber nun ist es sehr krank. Es liegt schon einige Tage platt auf der Erde, auf etwas Stroh, lustlos vor sich her starrend, und die Tiere, die rundum in ihren Verschlägen hocken, machen sich große Sorgen ums Pferdchen, vor allen anderen: das Ferkel. Denn das Pferdchen und das Ferkel sind schon jahrelang treue Freunde. Sie haben eine intensive Verbindung, und das Ferkel sieht die Situation mitleidig an.

Der Bauer, der eigentlich auch nicht recht weiß, was er mit dem Pferdchen tun soll, hat den Tierarzt geholt, und der Tierarzt untersucht das Pferdchen. Er guckt nach den Hufen, unter den Schwanz, leuchtet ihm mit einer Taschenlampe in die Augen und sagt zum Bauern: „Ich will ehrlich zu dir sein, es sieht nicht gut aus. Das Pferdchen ist sehr krank. Ich muss ihm ein starkes Medikament spritzen, dann warten wir zwei Tage, aber wenn es dann nichts geholfen hat, wenn das Pferdchen nicht auf die Beine kommt, muss ich es einschläfern.

Der Bauer seufzt. Er ist niedergeschlagen, denn er liebt sein Pferdchen sehr und verlässt mit gebeugtem Rücken zusammen mit dem Tierarzt den Stall. Die Atmosphäre ist nicht gut. Und das Ferkel, das alles verfolgt hat, springt, sobald die beiden Männer weg sind, auf und rennt auf seinen kurzen dicken Beinchen zu seinem Freund, dem Pferdchen, und sagt: „Pferdchen, du hast gehört, was sie gesagt haben. Du musst aufstehen, sonst werden sie dich einschläfern!

Das Ferkel hat den Ernst der Lage erkannt, aber das Pferdchen schnaubt nur und reagiert nicht. Es bleibt liegen – bis zum folgenden Tag. Aber das Ferkel ist ein treuer Freund, ein echter Freund, und ein echter Freund gibt nicht auf. Am folgenden Morgen steht es schon wieder bei seinem Freund und ruft: „Pferdchen, komm, los, Pferdchen, du musst aufstehen! Morgen kommt der Tierarzt, und dann geben sie dir eine Spritze, wenn du nicht aufstehst. Ich will dich nicht verlieren! Komm, Freund, tu es für mich!“
Aber das Pferd bewegt sich nicht.

Am folgenden Morgen geht die Sonne auf und scheint dem Ferkel in die Augen, das wach wird und weiß: Heute entscheidet es sich. Heute heißt es alles oder nichts. Und es stapft auf seinen kleinen dicken Beinchen zum Pferdchen, guckt ihm direkt in die Augen und sagt „Pferd! Pferd, nun höre mir gut zu. Ich bin schon jahrelang dein bester Freund. Ich habe dich noch nie um was gebeten. Aber nun tue ich es . Pferd, du musst aufstehen! Komm, du kannst es! Ich will dich nicht verlieren. Bitte steh auf!!“

Und ein Wunder geschieht. Das Pferdchen guckt seinem besten Freund in die bangen Augen und es richtet sich mit zitternden Beinen sehr langsam auf. „Qieck, Quieck!, ruft das Ferkel, denn es ist sehr glücklich. Und in diesem Augenblick kommt auch der Bauer in den Stall, begleitet vom Tierarzt und sieht, was da geschieht, sieht das Pferdchen wieder auf den Beinen und ruft: „Hurra! Hurra! Ein Festtag! Das Pferdchen hat sich aufgerichtet! Es ist genesen. Wir müssen das feiern! Los!“, ruft der Bauer, (…)

(Pointe bei 4:18)

Dieser schockierende Text über die Hinterlassenschaft der Hunde lässt dich am Ende schmunzeln

Ich kannte einen Mann, der hieß Hund. Zu dieser Zeit arbeitete ich als studentische Hilfskraft für den Pressesprecher der Technischen Hochschule Aachen (RWTH), genauer ich entwarf alle Drucksachen der Pressestelle. Es war eine neue Informationsbroschüre für Besucher der Hochschule zu machen, und Herr Hund vertrat die Druckerei, die den Zuschlag bekommen hatte. Als er zu einer Vorbesprechung eintraf, saß ich bereits mit dem Pressesprecher im Konferenzraum. Herr Hund trat ein, und sofort verbreitete sich ein enormer Gestank. Wir sahen uns an, und aus Höflichkeit sagten wir nichts dazu. Herr Hund schaute sich das Layout an, fragte dies und das, und erläuterte, wie er sich den zeitlichen Ablauf der Drucklegung dachte. Inzwischen hatte der Gestank den Raum völlig vereinnahmt und sich schwer auf unsere Gemüter gelegt. Ich dachte, dass jemand durchaus Hund heißen darf, er hat es sich schließlich nicht ausgesucht. Doch schlimmer als ein Hund zu stinken, fand ich ein wenig extravagant. Auch Herr Hund und der Pressesprecher waren irgendwie nicht bei der Sache. Das Gespräch lief nur stockend, und zwischendurch war die allgemeine Irritation groß. Man konnte sich einfach durch den Gestank hindurch nicht auf mein Layout konzentrieren. Mit einem Mal beugte Hund sich nieder, zog einen Schuh vom Fuß und holte ihn triumphierend unter dem Tisch hervor.
„Ich bin das!“, rief er erleichtert. „Ich dachte schon die ganze Zeit, was stinkt das hier so, und jetzt haben wir den Übeltäter!“

Unter der Sohle klebte ein großer hellbrauner Flatsch aus Hundekot. Herr Hund war nun so erleichtert, dass er den Schuh gar nicht mehr wegnehmen wollte, sondern er hielt das Corpus delikti abwechselnd dem Pressesprecher und mir unter die Nase. Wir schluckten und nickten ergeben, und der Pressesprecher rang sich ein paar beschwichtigende Worte ab, um Herrn Hund zu bestätigen, dass nicht er, sondern nur sein Schuh so bestialisch stank. Darauf endlich entfernte sich Herr Hund zur Toilette, um den Kot von seinem Schuh zu waschen.

Noch unter Eindruck habe ich einige Tage darauf dieses Cartoon gezeichnet:

hund