Wissenswertes und Unterhaltsames vom Dienstag

Gleipnir hieß der magische Faden, mit dem die germanischen Götter des Geschlechts der Asen den Fenriswolf gefesselt haben. Gleipnir war unsichtbar. Die Zwerge hatten ihn geflochten aus lauter Dingen, die es seither nicht mehr gibt, aus den Wurzeln der Berge, dem Trittgeräusch der Katze, den Bärten der Frauen, dem Atem der Fische und dem Speichel der Vögel. Der Fenriswolf war den Asen zu groß geworden, so dass man sich vor ihm fürchtete. Alle vorherigen Versuche, ihn zu fesseln, waren gescheitert. Er hatte selbst die schweren Ketten Leding und Dromi zerrissen. Als die Asen mit Gleipnir an den Fenriswolf herantraten, wurde er misstrauisch und wollte sich nicht binden lassen. Die Götter versprachen, ihn wieder zu befreien, sollte sich Gleipnir als unzerreißbar erweisen. Der Fenriswolf traute ihnen aber nicht und verlangte eine Garantie.
Tyr_and_Fenrir-John_BauerDer Kriegsgott Tyr legt ihm zum Pfand die rechte Hand ins Maul. Weil Gleipnir standhielt, die Götter sich aber weigerten, den Fenriswolf wieder loszubinden, biss er Tyr die rechte Hand ab, genau am Handgelenk, weshalb der dort am Außenriss zu tastende Knochen Tyrsknochen heißt. Was hat der Tyrsknochen mit dem Dienstag zu tun, diesem Untag, diesem Tag nicht Fleisch nicht Fisch? Der Dienstag ist genauso nach dem einhändigen germanischen Kriegsgott Tyr (auch Tiwaz, Tiu, Dies, bei den Römern: Mars) benannt wie der Knochen am Handgelenk, was freilich versinkendes Wissen zu sein scheint. Vier Einträge findet Google zum „Tyrsknochen“, drei sind von mir.
(Bildquelle: Wikipedia)

An diesem Dienstag heißt eine Kurzgeschichte aus dem 2. Weltkrieg von Wolfgang Borchert. In einer Episode wird ein Leutnant an der Front zum Nachfolger seines erkrankten Hauptmanns ernannt. Obwohl er ermahnt wurde, im Dunkeln nicht zu rauchen, zündet sich der Leutnant eine Zigarette an und wird prompt von einem Scharfschützen erschossen. „Nach dem Motto zum einen Ohr rein, zum anderen raus“, schrieb mal ein Schüler von mir in einem Aufsatz, womit er natürlich die ausgeschlagene Mahnung meinte, aber ungewollt eine ulkige Stilblüte schuf, die ich nie vergessen werde. Dieses ungewollt Komische ist irgendwie typisch für Dienstag.

The Rolling Stones, Ruby Tuesday (1966/67)

Advertisements

20 Kommentare zu “Wissenswertes und Unterhaltsames vom Dienstag

    • „Nichtssagend“ ist der Dienstag für mich auch. Nicht mehr gehasst wie der Montag, aber viel zu weit weg vom Wochenende war er für mich immer der Tag, an dem man sich fatalistisch mit seiner Arbeitsfron arrangiert hat.

      Gefällt mir

  1. Also ich gäbe weder die rechte noch die linke Hand für den Fenriswolf, auch wenn Wolf und Tyr auf dem Bild eher märchenhaft daherkommen. Und es geht ja auch anders, weniger dramatisch und viel… schmalziger. Um es mit den Worten des deutschen Schlagers zu sagen:
    Gefangen, gefangen in goldenen Ketten.
    Ketten der Liebe halten mein Herz.
    Ich bin gefangen, gefangen für immer gefangen.
    Heiß brennt die Sehnsucht, süß ist der Schmerz.

    Aber dafür kriegt man natürlich keinen Wochentag, höchstens 3 Minuten.

    Gefällt 2 Personen

    • Die Ähnlichkeit der „goldenen Ketten“ mit Gleipnir ist sicher nicht zu leugnen. In der psychologischen Bedeutung steht der Hund/Wolf ja für den Trieb. In der Liebe wird er gezügelt und schafft gleichzeitig diese fast unzertrennliche Bindung wie Gleipnir (der Verschlingende). In Beziehungen ist Gleipnir aus den sogenannten Bindungshormonen gemacht. Ebenfalls für uns unsichtbar werden beim Orgasmus die Hormone Oxycotin sowie Prolaktin ausgeschüttet, durch die die Paarbeziehung gestärkt wird.

      Gefällt 1 Person

  2. Das war das erste Mal,dass ich im Zusammenhang mit Wolfgang Borchert schmunzeln muss……ich liebe seine Kurzgeschichten……und ueber Dienstag habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, ist der Name doch nur eine vereinbarte Absprache ueber einen Tag wie alle anderen……er ist in einem Ohr rein, im anderen raus 😉 PS: habe wieder interessante neue Dinge erfahren

    Gefällt 1 Person

  3. Fast wünschte ich mir, man hätte den Faden für den Fenriswolf aus weniger wundersamen Dingen gesponnen. Freilich wäre er dann nicht so stark und kräftig gewesen, aber die Wurzeln der Berge hätte ich gerne gesehen, am Atem der Fische geschnuppert und eine Katze tapsen gehört.
    Den Dienstag mag ich seit heute ein Stück lieber. Ein Tag, dem eine solche Geschichte zugrunde liegt, kann man nicht einfach abtun. Lieber streich ich über den Knochen an meinem Handgelenk, für den ich mich bisher nicht sonderlich interessierte und hoffe sehr, lieber Jules, dass dies der erste von sieben Teilen ist.

    Gefällt 2 Personen

    • Dir einen anderen Blick auf den Dienstag vermittelt zu haben, ist der schönste Effekt meines Textes, liebe Mitzi. Die germanische Mythologie ist so wunderbar handfest, leider nur unzureichend übermittelt, weil die Germanen nichts aufgeschrieben haben. So stammt das meiste von römischen Geschichtsschreibern und von christlichen Mönchen. Übrigens haben Jacob und Wilhelm Grimm sich mit Märchen beschäftigt, weil sie vermuteten, dass in den mündlich übermittelten Märchen Reste der germanischen Mythologie zu finden wären. Deine Hoffnung betrachte ich ein bisschen als Auftrag, so nach und nach auch über die anderen Wochentage zu schreiben..

      Gefällt 1 Person

  4. Naja, wenn der Kriegsgott es sich nicht leisten kann, eine Hand abgebissen zu bekommen, wer bitteschön dann?

    Immerhin kann er den Knopf zur globalen Vernichtung noch mit dem linken Zeigefinger drücken.

    Ich hoffe, der Fenriswolf weiß, dass er noch einen Job zu erledigen hat …

    Gefällt 2 Personen

    • Tyr verlor durch den Biss die Schwerthand. Seither muss er mit links kämpfen. Beim Ragnarök (dem Weltenbrand=Weltuntergang) kämpft Tyr gegen den Höllenhund Garm (eventuell ist hier der Fenriswolf gemeint), der die Unterwelt bewacht, tötet ihn und findet dabei selbst den Tod. Das nimmt ja irgendwie vorweg, dass es bei der „globalen Vernichtung“ keinen Sieger geben wird.

      Gefällt mir

  5. Detail am Rande: bei den Spaniern ist der Unglückstag nicht Freitag, der 13. sondern Dienstag der 13.
    Ich sinniere noch darüber, warum . „Nach dem Motto zum einen Ohr rein, zum anderen raus“ eine Stilblüte ist. In meiner Gegend sagt man zwar „bei einem Ohr rein und beim anderen wieder raus“ aber sonst ist das ein gebräuchlicher Satz ……

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s