Föppes, Pierro und ich – oder: Vakantie, vakantie – Treppe zur Selbstbestimmung

Gut 45 Jahre zurück, Föppes, Pierro und ich, wir stehen auf dem Bahnsteig unseres Dorfes und warten auf den Zug. Man erreicht den Bahnsteig durch einen hässlichen Tunnel. Dort sah ich damals mein bis heute liebstes Graffito. Rechts an der Wand der Bahnsteigtreppe, entlang der ersten Stufen, genau in Augenhöhe, stand in weißer Schrift auf grauem Putz: „Arbeiter, nutze deine Aufstiegschance!“
Über den Spruch des unbekannten kritischen Poeten kann ich heute noch lachen. Er trifft die Realität auf herzlich boshafte Weise, denn er ist zugleich Verhöhnung, bittere Einsicht und Aufforderung.

Es fühlt sich nicht gut an, wenn du Arbeiter bist und an einem grauen Morgen diesen Aufstieg nimmst. Unterm Arm hast du eine braune Ledertasche, und darin liegt kein Marschallstab, in deiner Tasche stehen ein Henkelmann und eine Thermosflasche. Oben stehst auch du, mitten unter anderen grauen Gestalten. Ihr verkriecht euch in eure Jacken und seid maulfaul. Denn was habt ihr schon zu sagen? Was ihr denkt, ist ohne Belang. Und hier an diesem frühen kalten Morgen, du warst noch schlafwarm als du aus dem Hause gegangen bist, da wird dir die Wärme entzogen, förmlich ausgesaugt vom Morgenwind. Da zeigt sich dir deine Ohnmacht in ihrer Gänze. Du bist verfügt, andere befinden über dich, und es sind viele: dein Geselle, dein Meister, der Betriebsleiter, der Geschäftsführer, die Gesellschafter und Kapitaleigner, Gewerkschaftler, Politiker. Nur den unteren Vertretern dieser Hierarchie, die sich vor dir auftürmt bis in die Wolken über deinem Kopf, nur den Geringsten von ihnen bist du je begegnet. Die weiter oben thronen kennen dich ebenfalls nicht. Wie sollten sie auch, du bist aus ihrer Sicht viel zu klein.

Du kannst dich mit deinem Los bescheiden. Dann wird das Graffito am Treppenaufgang mit den Jahren immer bitterer für dich. Falls du Chancen hattest, tatsächlich aufzusteigen, dann hast du sie übersehen. Du bist erst später darauf gekommen, was du hättest tun sollen mit deinem Leben. Jetzt hast du keine Wahl mehr, denn du steckst über und über in Zwängen. Das ist gruselig, aber zum Glück gewöhnt sich der Mensch an fast alles.

Wer genug Kraft in sich spürt, wer sich reckt und der Kälte auf dem Bahnsteig Widerstand leistet, der wird sich nach Chancen umsehen, gesellschaftlich aufzusteigen. Das ist dann so, als hätte man dir statt Thermoskanne und Henkelmann bleierne Buchbindergewichte in deine Arbeitertasche gelegt. Eventuell hast du einen langen Atem und kämpfst beharrlich. Dann werden sich auch Glücksfälle für dich ergeben. Je mehr du dich ausbreitest, desto leichter können sich die Umstände zu deinen Gunsten fügen. So schaffst du Platz für dich, und das ist gewiss besser als die tägliche Müh, sich trotz enger Zwänge zu bewegen.

Ach, ich bin ganz vom Thema abgekommen. Wir stehen auf dem Bahnsteig, Föppes, Pierro und ich, wir frieren nicht, denn es ist ein heller Sommermorgen, neun Uhr zehn. Gleich kommt unser Zug, der Nahschnellverkehrszug von Köln nach Roermond. Da werden wir umsteigen in den Zug nach Amsterdam. „Ben jullie op vakantie?“, werden uns einige Mädchen fragen. Und keiner von uns weiß, was „vakantie“ verflixt noch mal bedeutet. Pierro hat Ferien, Föppes und ich, wir haben drei Wochen Urlaub, da will man sich doch keinen Kopp über „vakantie“ machen. Auf dem Bahnsteig unseres Dorfes wissen wir natürlich noch nichts davon. Wir sind einfach nur guter Dinge, hampeln ein bisschen herum und lachen.

Da steht auch ein Alter, schon ausgemustert, und der wird langsam verdrießlich. Er quatscht uns rein und beschwert sich über die Jugend. Auf die „Hippies!”, schimpft er, auf “die Studentens” und auf uns „Gammlers!“ Zum Glück kommt sein Zug und nimmt ihn mit Richtung Köln. Er hat uns mit dem überflüssigen Plural-s ein herrliches Sprachspiel hinterlassen: „Arbeiters nutzt eure Aufstiegschancen!“ Machen wir bald. Aber zuerst besuchen wir „die Holländers“ und „besonders die Mädchens“. Da lernen wir, dass „vakantie“ „Ferien“ heißt und überhaupt, dass es Spaß macht, Niederländisch zu sprechen. „Der Esel kommt mir vor wie ein Pferd ins Holländische übersetzt“, sagt Lichtenberg. Vielleicht sah das Niederländische aus dem fernen Göttingen tatsächlich so aus. Für uns war die Sprache die Musik unserer Ferien. Und wir gaben uns redliche Mühe, sie nach Noten zu singen, wie sie von den Mädchen vorgesungen wurden.

Kapitaleigner, Finanzjongleure und Wirtschaftskriminelle haben sich im Olymp zu unsern Köpfen ganz nach oben gearbeitet. Ihr Gewicht drückt alles nieder. Das fühlen besonders stark die grauen Gestalten, frühmorgens auf den Bahnsteigen. Doch am stärksten fühlen es jene, die keinen guten Grund mehr haben, überhaupt noch aufzustehen. Alle sind die Opfer von „Bezitters“, „Kassiers“ und „Gangsters“. Diese Halbgötter, die den Himmel okkupiert haben, können sich wer weiß was dünken. In Wahrheit sind sie nur Ezeldrijvers, ins Holländische übersetzte Herrenreiter.

Föppes, Pierro und ich, wir hatten keine Ahnung davon, wie einfach es einmal sein würde, sich Bildung zu verschaffen, und zwar außerhalb von Schule und Hochschule. Wer sich heute bilden will, muss nicht mal verreisen, sondern verfügt über ein unerschöpfliches Angebot per Bibliothek und Internet. Denn es geht bei der Bildung nicht allein um berufliche Zwecke, sondern vor allem um Vakantie, Ferien von der Fremdbestimmung, also wesentlich darum, kein Esel mehr zu sein. Dem solcherart frei Gebildeten können die Diener der Herrschenden nicht mehr das Blaue vom Himmel erzählen. Man hat längst selbst nachgesehen und weiß, dass auch im Olymp mit Wasser gekocht wird. Und man hat erkannt, dass die Halbgötter sich schlimmer gebärden als eine Horde Barbaren und längst ihr Recht verwirkt haben, über das Leben der auf den Bahnsteigen zu bestimmen.

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15 Kommentare zu “Föppes, Pierro und ich – oder: Vakantie, vakantie – Treppe zur Selbstbestimmung

  1. Vermutlich ist es das Vorrecht der Jugend, auf Bahnsteigen zu provozieren, so wie es das Vorrecht der Alten ist, das zum Kotzen zu finden.
    Ich kann mich nicht erinnern, auf Bahnsteigen jemals tolle Erlebnisse gehabt zu haben. Höchstens, dass mir einmal beim Bahnfahren schlecht geworden ist und ich es gerade noch rausgeschafft habe…

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  2. ein wunderbarer Text,Jules…es ist wahr, das Leben bietet so viele Moeglichkeiten, es lohnt sich ab und zu vom Weg abzuweichen, sich neue Ziele zu suchen ..nichts ist in Stein geschrieben……PS: Ich liebe hollaendisch und hoere es so gern…

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    • Danke dir, liebe Ann. Das Leben bietet in der Tat viele Möglichkeiten – vorausgesetzt die Eltern hatten schon viele Möglichkeiten, so das Ergebnis einer Studie von 2010, die ich weiter unten beim Kollegen Wortmischer zitiert habe. Dass ich den sozialen Aufstieg vom Handwerker zum Akademiker geschafft habe, ist dann kein Gegenbeweis, sondern nur die Ausnahme von der Regel, die ich vielen glücklichen Fügungen verdanke.
      P.S.: Da haben wir etwas gemeinsam, nur höre ich lieber das weichere Flämisch. Die Schriftsprache ist ja gleich.

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  3. Was für eine schöne, verschlungene Geschichte um die Sorgenfreiheit der Jugend und die Unausweichlichkeit von Lebensumständen.

    Wenn schon der Arbeiter seine Aufstiegschancen nicht genutzt hat, der Autor hat wohl seine Erinnerung genutzt. – Danke sehr.

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    • Da haben Sie den Inhalt kongenial in einen Satz gepackt! Danke für das hübsche Lob.
      Zu den Aufstiegschancen: Schon damals existierten sie kaum, abgesehen von Treppen, die auf Bahnsteige führen. Ich hatte freilich gute Vorbilder, mehrere Gesellen, die das Abitur über den zweiten Bildungsweg geschafft haben. Ihnen brauchte ich nur nachzueifern. Heute ist es vermutlich noch schwieriger. Im Jahr 2010 schrieb der Sozialwissenschaftler Reinhard Pollak als Ergebnis einer Studie für die Heinrich-Böll-Stiftunng: „In keinem anderen Land, über das es Untersuchungen gibt, blieben die Menschen so stark in der Position hängen, die schon ihre Eltern hatten.“

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  4. Als ich deinen Text gestern las, dachte ich an meinen Eltern. Beide haben keine Abitur. Meine Mutter hat sich den Spruch zu eigen gemacht und sich erfolgreich nach oben gearbeitet. Sie ist gut und hat ihren Erfolg verdient. Trotzdem sah sie sich bis zur Rente als da wo sie war nicht wirklich dazu gehörend. Schade eigentlich. Mein Vater dagegen, hatte immer „nur“ den Anspruch, das was er machte, gut zu machen und war für mich immer deutlich erfolgreicher. Was er angepackt hat, bereitete ihm Freude, er machte es besser als die meisten und hätte nicht im Traum daran gedacht dass er „nur“ Arbeiter oder Handwerker ist. In meinem Freundeskreis stammen die meisten aus Akademikerhaushalten. Nur mein erster Freund und ich nicht. Unsere Väter waren Schlosser und Maler. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir uns einmal dafür geschämt haben. Im Gegenteil. Vielleicht weil wir uns oft, abends auf einem Bahnhof, gefragt haben wozu der ganze Mist, den wir im Studium lernen, eigentlich gut sein soll, wenn wir nicht mal die Klospülung reparieren können. Jetzt bin ich in meiner Familie die einzige mit Hochschulabschluss. Man sagt, dass so ein Studium eigenständiges Denken schult. Ich bin mir da nicht so sicher. Ich bin gut im nachplappern. Mein Vater und der Vater meines Freundes…..wenn man die reden hört, dann hört man viel öfter „Ich bin der Meinung…“ und viel seltener „XY hat gesagt, dass….“ Das hat nun nicht mehr wirklich viel mit deinem Text zu tun. Das tut mir leid, denn man könnte sehr viel zu ihm schreiben. Mich hat er an vieles erinnert und zum nachdenken gebracht. Das, lieber Jules, war vielleicht nicht der Zweck, hat mir aber gut getan.

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    • Doch, was du schreibst, hat viel mit meinem Text zu tun, liebe Mitzi. Du sprichst hier nämlich Aspekte an, die ich ignoriert habe. Auf die proletarische Herkunft kann man nämlich auch mit Recht stolz sein. Ich habe mich deren nie geschämt, aber verstehe genau, wie sich deine Mutter als soziale Aufsteigerin gefühlt hat. Bei mir hatte das Gefühl den Effekt, dass ich die Aufgaben immer besser als alle anderen erledigt habe. Ich musste besser in allem sein, um das Gefühl zu haben, dazu zu gehören. Was eigenständiges Denken betrifft: Wer vor oder neben dem Studium im Berufsleben stand/steht, kann sich die geistige Unabhängigkeit besser bewahren. Sie wird heute durch die Verschulung des Studiums mehr denn je eingeschränkt. Wenn ich die bienenfleißigen Studierenden gesehen habe, die in den Vorlesungen die banalsten Dinge mitgeschrieben haben, hat es mich immer geschüttelt. Da ist mir die bodenständige innere Gewissheit des Handwerkers wie die deines Vaters immer lieber gewesen. In den Anfängen meines Bloggens hatte ich einen mir sehr lieben Blogfreund, der leider gänzlich abgetaucht ist. Er hatte nur eine rudimentäre Bildung, aber war von einer überwältigenden Herzensklugheit, so dass man seine unzähligen Schreibfehler gar nicht beachtete. Ich bin froh über deinen Kommentar, der mich dazu brachte, diese Aspekte zu benennen.

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      • Herzensklugheit ist ein schönes Wort und natürlich ist es noch schöner, Menschen mit einer solchen warmen Klugheit zu begegnen.
        Mit dem Drang, alles besser als die anderen erledigen zu müssen, triffst du das was ich bei meiner Mutter erlebt habe, sehr genau.
        Ein schönes Beispiel auch das mitschreiben von absolut allem. Wir hatten einen Professor, der uns darum bat, die Stifte wegzulegen und zu denken. Es hat mir imponiert und war zugleich mit das Schwierigste im ganzen Studium. Ich fürchte vor lauter Angst, etwas von seiner Vorlesung zu vergessen, habe ich mich zu wenig auf das Zuhören und Denken konzentriert. Schade. Heute verstehe ich besser, was er uns damit sagen wollte.

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  5. Zu deinem Text fällt mir Peter Weiß wieder ein, die Ästhetik des Widerstands. Da geht es um die proletarische Jugend der dreißiger Jahre, die in ihrer kulturellen Bildung den Weg zur Befreiung aus der Unmündigkeit sah. Aber Bildung ist eben nur ein Aspekt, die Eigentumsverhältnisse, also die massiv ungerechte Vermögensverteilung in unserem und vielen anderen Ländern, sorgen schon dafür, dass es für die meisten Menschen keine anderen Aufstiegschancen gibt, als die von dir beschriebenen. Dafür sind die Abstiegschancen dank der Sozialdemokratie deutlich verbessert worden. Die jugendliche Leichtigkeit, mit der man auf dem Bahnsteig steht, solange der Zug noch nicht abgefahren ist, bleibt meist nicht lange erhalten.

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    • Ich wünschte, dass die SPD die Abstiegschancen verbessert hat, wäre mir eingefallen. Das bringt das Wirken der SPD seit Schröder mit Absenkung des Rentenniveaus und Hartz IV genau auf den Punkt, lieber Manfred. Es hat ja eine innere Logik, dass die SPD damit auch die eigenen Abstiegschancen verbessert hat. Gleichzeitig mit dem neoliberalen gesellschaftlichen Umbau muss aber noch etwas anderes passiert sein, die Verblödung der Massen. Ich glaube, dass daran unsere Medien kräftig mitgeholfen haben.

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