Kaiserroute (3a) – Frostbeulen und Sonnenbrand

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3.Tag
Sonntag an der Ruhr

Wir haben durchaus Anlass zu befürchten, das Wetter könnte sich einmal gänzlich gegen die menschliche Natur wenden, und zwar nicht aus Rachsucht, sondern um den Planeten gegen eine schädliche Spezies zu verteidigen. Gut, das ist eine Personifizierung, die nicht jedem schmecken wird. Daran kann ich jetzt nichts ändern, denn so waren gestern meine Gedanken gewesen, während uns der kalte Regen unentwegt duschte und wusch.

Am Morgen hatte die Welt noch freundlicher ausgesehen. Nachdem ich dem tückisch engen Hotelbad entronnen war, ohne mehr blaue Flecken zu erhalten als sanitäre Dienstleistungen, schien sogar kurzzeitig eine blasse Sonne. Wir hätten sie fotografieren sollen, denn so bald sollte sie sich nicht wieder zeigen.

Zu dieser Zeit saßen wir noch im Frühstücksraum bei den flinken Chinesen. Hinter den Fenstern zogen schlichte Menschen im Sonntagsstaat vorbei. Man trug dicke Kommunionskerzen vor sich her und strebte der Hattinger Kirche zu, deren Glocken läuteten. Es ist etwas Sonderbares in der heutigen Zeit, wenn Kirchenglocken an ihre alte Macht erinnern. Freilich sah man den Menschen an, dass sie nur kurzzeitig dem Alltag zu entfliehen im Stande waren, denn Ideen höherer Ordnung sind schwach, gemessen am Druck und Stress des weltlichen Alltags. Kirchliche Rituale verkommen zur Folklore, und bald wissen nur noch Eingeweihte um ihre Bedeutung. Die Kirche selbst sucht ihr Heil im Event. Die Selbstvermarktung des polnischen Papstes, der sein Sterben in der Öffentlichkeit zelebrierte, und der Besuch des deutschen Papstes in Köln zum Weltjugendtag, beides zeigte, wie wenig Kraft die katholische Kirche dem Spirituellen noch zutraut und wie sehr sie auf Spektakel setzt.

Es ist gewiss ein gesamtgesellschaftlicher Verlust. Mein Problem war an diesem Morgen banal, nämlich die schweren Beine zu überreden, die Kurbel meines Fahrrads flüssig zu drehen. Die Ruhr führte Hochwasser. Stellenweise schwappte ihr Wasser auf den Ruhrtalweg. An manchen Stellen war die Überschwemmung unwägbar tief. Wir mussten beim Durchfahren die Füße hochnehmen, um Schuhe und Socken trocken zu halten. Die Ruhr wollte offenbar mehr, denn bald zog sie neuen Regen an. Dass es so kalt war, hatte auch etwas Gutes, denn ich trug inzwischen, was an Kleidung in den Packtaschen gewesen war, wie Zwiebelschalen am Leib.

Das Rad war daher leichter. Je leichter ein Rad ist, desto leichter rollt es. Die Gewichtverteilung vom Rad auf den Körper bringt also Vorteile. Wie es sich physikalisch begründen lässt, ist mir egal. Jedenfalls befand sich der englische Lexikograph Dr. Samuel Johnson im Irrtum, als er über die Erfindung einer Vorform des Fahrrads höhnte: „Jetzt hat der Mensch die Wahl, ob er sich selbst bewegen will oder sich selbst und ein Fahrzeug dazu.“

Das Fahrrad ist hinsichtlich der Kraftausnutzung der menschlichen Körperkraft ideal. Man sollte es häufiger loben und noch häufiger damit fahren. Vielleicht versöhnt sich dann auch die Natur wieder mit dem Menschen. Was freilich ein einziger Urlaubsjumbojet in die Umwelt pestet, macht den Autoverzicht aller Fahrradenthusiasten zur lächerlichen Tätigkeit. Es reicht da allenfalls zur Besänftigung des eigenen schlechten Gewissens.

Warum hier so wenig vom Fahren und soviel über das Fahren steht? Na, ich musste mich doch gedanklich etwas ablenken. Auch summte ich ein Liedchen, um Kälte und Regen zu trotzen, doch selbst das verging mir bald. Je weiter wir das Ruhrtal hinauf fuhren, desto mehr Trubel fanden wir. Irgendwas hatte an diesem Sonntag die Menschen in Scharen an die Ruhr gelockt. Das Teilstück eines neuen Wanderwegs sei eröffnet worden, hörten wir später, doch das allein kann nicht der Grund gewesen sein. Man hatte offenbar grundsätzlich Lust, den Sonntag an der Ruhr zu verbringen, auf dem Wasser, neben dem Wasser – ob unter Wasser auch welche waren, habe ich nicht gesehen. Allerdings gab es auch viele Kanufahrer, und an einem breiten Wehr patrouillierte ein Schlauchboot der DLRG. Am Ufer saßen weitere Rettungsschwimmer, sie waren in Ostfriesennerze gehüllt, und ich fragte mich, wo sie es wohl angenehmer finden würden, im eisigen Regen oder in der Ruhr. Sollte am Ende keines davon erbaulich sein?

Wenn viele Menschen sich gleichzeitig besseres Wetter wünschen, besinnt sich das Wetter manchmal. Denn gegen Mittag kam die Sonne und tat, was sich alle wünschten – sie wärmte.
„Mein Körper will nicht mehr“, sagte ich bald. Da ließ sich auch der bärenstarke Wim erweichen, denn er wusste, dass er zwar mit mir diskutieren konnte, doch der Natur kann man nichts befehlen. So saßen wir schön an der Ruhr in der Sonne. Hinter uns im dicht bewachsenen Hang barst schlagartig der Frühling los, Bienen summten, Liebespaare bummelten vorbei, Familienväter erklärten Frau und Kind die Welt.

Wir räumten die Bank für ein Paar. Sie kamen aus dem Sauerland, man hörte es an dem schwer gerollten R. Schon wieder wurde uns von Schnee berichtet. Die beiden waren ihm glücklich entflohen. Im Ruhrtal dagegen hielt sich das Wetter, und die Sonne besorgte mir unmerklich einen Sonnenbrand auf der Nase. Das wäre jetzt nicht nötig gewesen. Denn sich innerhalb von zwei Tagen eine befrorene Fingerkuppe und einen Sonnenbrand einzuhandeln, das finde ich ehrlich gesagt irgendwie extravagant.

Fortsetzung am Nachmittag

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11 Kommentare zu “Kaiserroute (3a) – Frostbeulen und Sonnenbrand

  1. Vielerorts haben Kirchenglocken auch heute nichts von ihrer Macht – oder besser von ihrer Bedeutung – eingebüßt. Bei mir zu Hause trägt keine Kind eine Uhr. Sie haben ja Handys… Trotzdem sagt die Kirchturmuhr wann es an der Zeit ist nach Hause zu laufen. Schlägt sie einmal kommt man gemütlich gehend pünktlich zum Abendessen, schlägt sie zweimal dann muss man rennen, bis die Lungen brennen um es noch zu schaffen. Auch das Sonntagsläuten gehört noch dazu und es gibt nichts schöneres als es vom Bett aus zu hören und nicht aufstehen zu müssen, weil man ja am Samstagabend schon war. All die kleinen und großen Rituale sind auch abseits vom Glauben (können oder wollen) schön und vermitteln eine Geborgenheit. Ich bin still und hebe mir die restlichen Gedanken für irgendwann einmal auf.

    Deiner Aufforderung, lieber Jules, öfter das Rad zu benutzen kann ich nur zustimmen. Man versäumt im Auto zu viel. Ganz abgesehen davon, dass es träge, dicklich und aggressiv macht. Ein wenig mehr Langsamkeit (ohne dir als passionierten und sicher flotten Radfahrer zu nahe treten zu wollen) tut recht gut.
    Liebe Grüße und schon jetzt bedauernd, dass die Fahrt heute endet. Ich mag solche Texte mit den kleinen Begegnungen und Gedanken am Wegrand besonders gerne.

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    • Das ist mir in München aufgefallen, wie dominant dort das Glockengeläut noch über der Stadt hängt. Ich habs ehrlich gesagt genossen, obwohl ich nicht gläubig bin. Darum kann ich nachvollziehen, was du geschrieben hast. Auf dem Land ist die Kirchturmglocke noch wichtig. Dort taktet sie das Leben. Bei mir zu Hause gab es den Spruch: „Do lügg et medaach, wer jekocht hätt, dä laach.“ (Da läutet es zu Mittag, wer rechtzeitig gekocht hat, der lacht.)
      Freut mich, dass du meinem Fahrtbericht gerne folgst.

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      • Ja, da können die Leute sich noch so sehr über die Lärmbelästigung aufregen – die Glocken bleiben. Ich finde das völlig in Ordnung, auch wenn ich den Umkreis von 100 Metern zu einer Kirche meiden würde. Das ist dann sogar mir zu dröhnend.

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  2. Pingback: Kaiserroute 3b – Ein glücklicher Abend

  3. Also das klingt nach einer Tour nach der man dann wirklich, wirklich mit sich zufrieden sein kann.
    Ich hätte da noch eine kleine Frage: Ostfriesenwitze kenne ich, was aber sind Ostfriesennerze ?

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  4. Pingback: Kaiserroute (4) – La Ola vor Paderborn

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