Krampf bleibt Krampf – Böhmermanns Schmähkritik und Kanzlerin Merkels schmähliches Einknicken

„Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.“

Karl Valentin

Meistens bin ich bei Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ eingeschlafen. Das ganze Setting dieser Late Night Show fand ich langweilig. Ich mochte den eitlen Dickwanst und Pulloverträger William Cohn nicht gerne sehen, mochte die Reibeisenstimme des Rappers Dendemann nicht, der mit seiner Band „Die Freie Radikale“ ewig dazwischen sang, obwohl seine Texte ganz humorig waren. Aber man hätte ihn untertiteln sollen. Es war mir einfach zu anstrengend zuzuhören. Ich war gerade noch wach, als Böhmermann, assistiert von seinem Sidekick Ralf Kabelka, seine Erdogan-Schmähkritik vortrug. Spontan dachte ich, dass Böhmermann die Extra3-Satire mit aller Gewalt übertreffen wollte. Übertreffen ist natürlich irreführend, denn sprachlich ging alles unter die Gürtellinie, voll in die Hose. Die Behauptung Böhmermanns, man wolle zeigen, was man in Deutschland nicht darf, schien mir arg konstruiert. Kurz darauf bin ich eingeschlafen. Verständlich, denn was gehen mich Böhmermanns Geltungsbedürfnis und dieser Erdogan an. Ich bin dankbar und froh, nicht unter seiner Fuchtel leben zu müssen.

Was war geschehen? Über Jahre und Monate wurde Böhmermann vom deutschen Feuilleton in den Himmel gehoben, wurde als Deutschlands genialster Fernsehsatiriker gepriesen. Es ist mir zu lästig, Zitate aufzusuchen. Man gebe nur bei Google die Suchphrase „Böhmermann + genial“ ein. Wenn Böhmermann einen fahren ließ, beschied man ihm, er habe jüngst die Satire neu erfunden. Dieser junge Mann ist kein Übermensch. Wer so überschwänglich gelobt und gepriesen wird, der glaubt alles machen zu können und den wurmt es natürlich, wenn andere Fernsehsatiriker einen Treffer landen wie Extra3 mit dem Liedchen über Erdogan. Dass Erdogan über das Stöckchen sprang, dass ihm Extra3 hingehalten hatte, indem er den deutschen Botschafter einbestellte und verlangte, das Extra3-Lied zu verbieten, also mit diesem Angriff auf die Pressefreiheit genau das tat, was ihm im Lied vorgeworfen wurde, davon kann ein Satiriker nur träumen.

merkel erdoganBöhmermann hätte es dabei belassen sollen. Um die Extra3-Satire noch zu übertreffen, brauchte es das schwere Geschütz der Schmähkritik. Böhmermann hat nicht ernsthaft erwarten können, dass dies folgenlos bleiben würde, aber er hatte genau darum gebettelt. Das ihn stets stützende Feuilleton verwies darauf, dass es Böhmermanns Verdienst gewesen ist, auf die Existenz des Paragrafen 103 StGB hingewiesen zu haben. Dieser noch aus der Kaiserzeit stammende Paragraph stellt die Beleidigung ausländischer Staatsoberhäupter unter Strafe. Er ist rechtsstaatlich fragwürdig, weil die Bundesregierung dem Strafverlangen eines ausländischen Staatsoberhaupts stattgeben muss. Er verletzt also den Grundsatz der Gewaltenteilung, nach dem Legislative und Judikative unabhängig voneinander wirken müssen. Die Bundesregierung hat bereits verlauten lassen, den Paragraphen im Jahr 2018 abschaffen zu wollen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hätte den eleganten Weg wählen können, dem Strafverlangen Erdogans nicht stattzugeben, zumal Erdogan auch eine Zivilklage gegen Böhmermann wegen Beleidigung angestrengt hat. Es ist nun der kuriose Fall eingetreten, dass Merkel ein rechtsstaatlich dubioses Gesetz anwendet, um einem Erdogan zu gefallen, der sich in seinem Land einen Dreck um Rechtsstaatlichkeit kümmert. Gestern wurde dem ARD-Korrespondenten Volker Schwenck die Einreise in die Türkei verweigert. Man setzte ihn ohne Angabe von Gründen in einem Abschieberaum am Istanbuler Flughafen fest. Wenn Bundeskanzlerin Merkel glaubte, durch Willfährigkeit gegenüber einem Despoten sich dessen Wohlverhalten erschleichen zu können, hat sie sich offenbar verkalkuliert.

Fotomontage: Trithemius – größer klicken)

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21 Kommentare zu “Krampf bleibt Krampf – Böhmermanns Schmähkritik und Kanzlerin Merkels schmähliches Einknicken

  1. „Es ist nun der kuriose Fall eingetreten, dass Merkel ein rechtsstaatlich dubioses Gesetz anwendet, um einem Erdogan zu gefallen, der sich in seinem Land einen Dreck um Rechtsstaatlichkeit kümmert.“ => das trifft den Nagel auf dem Kopf. Dass man wegen des Politicums rechtsfragwürdige Gefälligkeiten einem Tyrannen erweist, der einst sagte:
    „Ich bin kein Despot. Wenn das Gegenteil behauptet, landet bei mir sofort im Gefängnis!“…

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  2. Lieber Jules,
    ich danke Ihnen für den informativen Bericht. Ich habe Neo Magazin Royale nie gesehen und kann mir nun ein prima Bild machen, nichts verpasst zu haben.
    Was Frau Merkel angeht, habe ich gemischte Gefühle. Ich wäre gespannt, ob sie allerseits gelobt worden wäre, wenn sie anders entschieden hätte, und ob andere Entscheidungen überhaut die Welt verbessert hätten? (Oder alle „politischen Hinterdanken“ erfüllt hätten)
    Andererseits ist Politik und „Diplomatie“ ein schmutziges Geschäft, in dem kein aufrichtiger, ehrenwerter Bürger gerne tätig wäre. Aber wenn er es täte, es auf jeden Fall alles besser machen würde.
    Gruß Heinrich

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    • Lieber Heinrich,

      vermutlich wird keine Entscheidung allseits gelobt, aber ich hätte mich gefreut, wenn Frau Merkel gegenüber Erdogan Rückgrat bewiesen hätte. Es werden aber andere Erwägungen im Spiel gewesen sein – sie wollte den schamlosen Deal mit Erdogan um die Flüchtlinge nicht gefährden.

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    • Freut mich, liebe Mitzi. Ja, ich musste auch noch was zum Thema sagen, weil ich zwei Tage an der Collage gearbeitet hatte und den Kontext herstellen wollte, dass nämlich Frau Merkel aus Deutschland eine Bananenrepublik gemacht hat, indem sie Erdoans Übergriffe auf unsere Pressefreiheit nicht abwehrt.

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  3. Die Formulierung „indem sie Erdogans Übergriffe auf unsere Pressefreiheit nicht abwehrt.“ finde ich sachlich nicht richtig. Einen Übergriff auf „normale“ Pressefreiheit hätte sie vielleicht abwehren KÖNNEN. Aber eine Schmähkritik, die noch nicht einmal das Wort Kritik verdient hat, sondern eine extrem niveaulose, völlig unnötige Beleidigung darstellt, sehe ich anders. Wäre ich Bundeskanzler und so ein dahergelaufener Böhmermann würde unter dem Deckmantel der Satire oder gar „Pressefreiheit“ mich zwingen, auf so einen Mist zu reagieren, wäre ich mit dem noch ganz anders umgesprungen. Sie haben doch oben selbst geschrieben, dass der eitle Kerl noch irgendwen übertrumpfen wollte, wohlwissend, dass das hochbrisanten Ärger gibt.
    Wenn man einen Erdogan wirklich sachlich und nachhaltig kritisieren oder gar stoppen will, gelingt das sicher nicht auf „Böhmermannart“.

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    • Ich gebe zu , dass Bömermanns pubertäres Schmähgedicht die Sachlage kompliziert hat. Aber es war nicht erforderlich, ein Gesetz anzuwenden, das man selbst abschaffen will, diesem rechtlich dubiosen Strafverlangen nachzugeben, um einem Diktator einen Gefallen zu tun. Der Mann lässt in der Türkei kritische Journalisten ins Gefängnis werfen und dort schmoren. Lesen Sie nur hier:
      http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ndr/pressefreiheit100.html
      Mit so einem macht Frau Merkel sich gemein. Zuvor hatte er den Botschafter einbestellt, weil ihm die Extra3-Satire missfiel, und wollte sie verbieten lassen. Dem muss man zeigen, dass Pressefreiheit ein hohes Gut ist. Das hat Frau Merkel nicht gewagt, weil sie den Flüchtlingsdeal mit Erdogan nicht gefährden wollte oder weil sie selbst in der DDR-Diktatur FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda gewesen ist und mit Pressefreiheit nicht viel am Hut hat?

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      • Ja, ich weiß das alles! Ich wollte nur nicht, dass nun aber auch alles mit dem miesen Charakter eines Diktators gerechtfertig wird, weil Entscheidungen auf jeden Fall kritisiert werden, egal, wie sie ausfallen.

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        • Ups, jetzt habe ich erst den letzten Satz richtig verinnerlicht. Dass Frau Merkel mit der Pressefreiheit nicht viel am Hut hat, würde ich nicht unterstellen. Wie ich schon sagte, man darf sich auch nicht hinter sogenannter Pressefreiheit verstecken, um Straftaten zu begehen, wie mein Rechtsempfinden es auch nicht richtig findet, wenn ein Botschafter eine Angestellte missbraucht und wegen Immunität nicht bestraft wird. Aber wenn wir uns als aussschließlich auf Paragraphen berufen wollen, dann ist es auch nicht ok, ein Gesetz zu missachten, nur weil es „demnächst“ abgeschafft wird.
          Um das klarzustellen, ich bin kein Merkelfan, ich habe bisher nur SPD und Grüne gewählt, was aber auch nichts verändert hat. Was wohl Willy Brandt oder Helmut Schmidt in diesem Fall getan hätten. Hätte, hätte… alles müßig.

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  4. Genau! Nun sollte auch der Kassierer des Vereinigten Korallentaucherverbandes von Fidschi und Tonga sich über „Böhmi“ äußern…

    (… ich habe nur das Zitat von, muahaha, Meister Valentin richtig gelesen – ich bin 54 und habe nicht mehr so viel Zeit…)

    Koske (Ost-Bock)

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    • Geht das gegen mich, Herr Koske?
      Manchmal ist es eben angezeigt, eindeutig Stellung zu beziehen. Das habe ich getan und stelle mich der Verantwortung als Demokrat und Bürger dieses Staates. Leute von Fidschi und Tonga haben diese Verantwortung nicht. Vielleicht war das Valentin-Zitat vor meinem Text eine Ironiestufe zu hoch.

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      • Oh, nee – ich hab es geahnt (hinterher, wie immer); ich kann nicht mit Menschen umgehen (und dann das Alter!); ich wollte das gar artig Sprüchlein twittern („Man bringt sich ins Gespräch!“, Dr. R., 1985), aber das wäre ja irgendwie paradox gewesen – wäre es nicht (kleine Übung im englischem Fragesatz, nicht wahr)?

        Eigentlich bin ich ratlos und beiße um mich, wuff. Ich habe mehrfach das „Gedicht“ von Mr. Böhmermann gelesen und war entsetzt, dass deswegen so ein Riesen Gedöns veranstaltet wird; dann habe ich allerdings ’ne Karikatur gesehen, in der Frau Merkel eine Tür öffnet und ruft, ob Herr Böhmermann noch bisschen draußen rumhampeln könne, bis sie TTIP durchgewunken hätte (muahaha); womöglich ist es ja das

        War diese Auskunft zufriedenstellend? – Bitte den tschitscheringrünen Button drücken!

        Mit vorzüglicher Zerknirschung

        Herr Koske

        Gefällt 1 Person

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