Kleine Geschichten (7) – Hans, wollen Sie noch Wurst?

Kleine Geschichten

Wie ich mein Abendessen aus dem Kühlschrank nehmen will, die Packung Ofenkäse aber nicht sogleich zu fassen ist, sondern weiter nach hinten rutscht, stelle ich mir vor, ich müsste, um etwas essen zu können, ein Kaninchen bei den Ohren nehmen und aus dem Stall zerren. So machte es mein Onkel Eduard. Zu Ostern stattete er eines mit einer Schleife um den Hals zum Osterhasen aus und ließ es für uns Kinder durch den Garten hoppeln, am Sonntag darauf hing es ausgenommen und gehäutet in der Scheune. Auch habe ich, im Bus nach Neuss sitzend, mal gesehen, wie ein Mann in seinem Garten ein großes Kaninchen bei den Ohren hielt und ihm einen Knüppel über den Schädel zog. Im Vorbeifahren sah ich noch, wie der Rammler im Todeskampf zuckte. Dieses Bild ging mir lange durch den Kopf. Ein Schwein erregt nicht soviel Mitleid. Mit einer Schleife um den Hals und Hasenohren würde es sowieso zu blöd aussehen, jedenfalls würde kein Kind glauben, dass dieses Vieh die Ostereier legt. Und kämen sie unterm Ringelschwanz hervor, wärs doch nur eklig.

Als ich noch ein kleines Kind war, mästete meine Mutter ein Hausschwein. Es fristete ein dumpfes Leben in einem engen Verschlag, fraß die Küchenabfälle einer Armeleuteküche, und trotzdem quiekte es jämmerlich um dieses erbärmliche Leben, als mein Onkel Achim es aus dem finsteren Stall zerrte und zum Schlachtplatz knüppelte. Ein Schwein ist nicht dumm und weiß ziemlich genau, was ihm bevorsteht.

Der Mann hingegen wusste, wie ein Schwein anzupacken war, denn er arbeitete als Metzger im Schlachthof. „Ich bin Kopfschlächter!“, erzählte er immer stolz, und ich wusste, das ist einer, der im Akkord hinmetzelt und pro Schweine-, Kuh- oder Schafskopf bezahlt wird. Vom Blut der Tiere konnte er sich jedes Jahr einen neuen Mercedes leisten. Nicht, dass man es gesehen hätte, denn er nahm immer die gleiche Farbe: „Kaffee mit viel Milch!“

Jedenfalls erinnere ich mich noch lebhaft an den gesamten Vorgang der Hausschlachtung vom Quieken des Schweins bis zu seinem Ende. Ich habe die kundigen Verrichtungen meines Schlächteronkels mit kindlicher Naivität beobachtet, ohne auch nur einen Funken von Mitleid mit dem Schwein. Das hatte es sowieso bald hinter sich. Nachdem es zur Betäubung den Bolzen zwischen die Augen bekommen hatte, fiel es mit zuckenden Gliedern auf die Seite. Seine Läufe fuhren noch sinnlos durch die Luft, wenn das Schlachtermesser ihm in den weichen Hals gefahren war und sein Blut im Pumprhythmus des sterbenden Herzens in den hingehaltenen Eimer schwappte. In diesem Eimer Blut habe ich eifrig gerührt, damit später Blutwurst daraus werden konnte. Es dauert einige Stunden, bis ein vormals lebendiges Schwein von Borsten befreit, zerhauen, zerschnitten und verwurstet ist. Als hätte es sich selbst gefressen, verschwinden Knorpel und Fleisch in seinen eigenen Därmen und werden zum Beispiel zur Bratwurst.

Als Jugendlicher übernachtete ich einmal in einem Jugendhotel auf Texel. Sie hatten dort einen Schlafsaal, in dem ich der einzige Deutsche unter Niederländern war. Ein schöner blondgelockter Seemann konnte einen einzigen Satz auf Deutsch, mit dem er mich gerne zankte: Schon morgens begrüßte er mich mit der Frage, und so ging es den ganzen Tag, wo er mich auch traf: „Hans, wollen Sie noch Wurst?“

Nein, Wurst wollte ich keine. Auch keine Extrawurst. Irgend etwas hatten die Hausschlachtungen getan mit meiner Kinderseele. Ich mochte nichts mehr vom toten Tier essen.

Und jetzt war ich in Kirchheim unterwegs, wo mich einzig der Metzger mit Missachtung strafte, weil man ihm erzählt hatte, dass ich Vegetarier war. Außerhalb des Dorfes, mitten im Feld lag ein stattlicher Gutshof, eine römische Schenkung, die seit Jahrhunderten im Besitz einer Familie war.
„Rufen Sie da mal an“, sagte Ortsvorsteher Lammen zu mir, „der Schmitz hat viel Zeit, der hat ja auch nur ein Bein!“ Schon seltsam, dass ein Dorf von 240 Seelen oder Nasen gleich zwei Einbeinige hat, dachte ich, obwohl ja der eine schon unter der Erde lag. Hatte ich doch letztens noch an seinem Grab gestanden.

Schmitz empfing mich an einem Samstagmorgen. Ich war noch nie in einem Gutshof gewesen, obwohl ich auf dem Land aufgewachsen bin. Doch die Gutsbesitzer nehmen nur wenig Anteil am Dorfgeschehen und verkehren nur mit jenen, die ebenfalls viel Land besitzen. Auch in Kirchheim wendet der örtliche Gutshof dem Dorf den Hintern zu. Das prächtige Haupthaus zeigt mit der Front zum Feld hinaus, wo eine kleine Fichtenschonung liegt, auf dem nachts die Fasanen aufbaumen. Man geht noch auf die Treibjagd.

Der einbeinige Schmitz öffnete mir in Jägergrün gekleidet. Er stand auf Krücken. Das leere rechte Hosenbein war säuberlich nach oben geschlagen und mit einer Sicherheitsnadel am Hosenbund befestigt. Er hatte nichts von einem Bauern, sondern war offenbar ein studierter Mann. Schon im Eingang übersetzte er mir die römische Inschrift einer Steintafel, die in die Wand eingemauert war.

Er bat mich in den Salon, dessen Wände mit Jagdtrophäen geschmückt waren. Aus einem stattlichen Bücherregal aus dunklem Holz holte er fünf dicke Aktenordner hervor. Sie enthielten seine privaten archäologischen und genealogischen Studien sowie Presseartikel über seinen Hof.

„Ab und zu kommt ein Professor aus Bonn mit seinen Studenten vorbei“, berichtete er stolz, „und dann nutzen sie meine Forschungsergebnisse.“

Er hatte mehr in seinen Ordnern, als ich mir merken konnte. Die Fülle des Materials erschlug mich. Bald saß ich nur noch neben ihm, betrachtete, was er aufschlug und hörte zu. Seine genealogischen Tafeln waren interessant, denn sie zeigten die Verzweigungen und Verbindungen der Gutshöfe der Gegend auf. Zum ersten Mal sah ich, dass es ein Netzwerk der Gutshöfe gibt, von denen man als Außenstehender nichts weiß. Natürlich war mir in meinem Heimatdorf aufgefallen, dass die Familien der Gutsbesitzer nicht am dörflichen Leben teilnahmen, sondern vornehm unter sich blieben. Die genealogischen Tafeln offenbarten jetzt Verwandtschaftsbeziehungen der Gutzbesitzerfamilien über das gesamte Rheinland verstreut.

Gegen Mittag betrat die Herrin des Hauses den Raum und lud zum Mittagessen. Man aß in der spartanisch eingerichteten Küche. Da saß auch der Sohn und las die Bildzeitung. Anders als sein Vater sprach er kein Wort Hochdeutsch und wirkte ein wenig debil. Es hieß, die Familie sei reich, altes Geld, das tief in den Boden hineinreicht. Doch die Frau trug ein schlichtes Mahl auf, Salzkartoffeln, Kopfsalat und Bratwurst mit dicker, knubbeliger Soße.

Vor der Wurst ekelte ich mich. Doch ich dachte, wenn sie dem Ethnologen im Busch ein Schale wimmelnder Engerlinge vorsetzen, kann er auch nicht das Vertrauen der Eingeborenen verspielen und sagen: „Nein, danke, ich esse kein Gekröse!“

Die Gutsherrin fragte mich nicht, ob ich Wurst wolle, sondern gab sie mir einfach auf den Teller. So aß ich also die Bratwurst. Sie hat gefühlt noch drei Tage wie ein Stein in meinem Magen gelegen.


Alle Namen geändert – Bild oben: Pfarrhaus in Kirchheim mit Friedhof – Foto: Gudrun Petersen
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11 Kommentare zu “Kleine Geschichten (7) – Hans, wollen Sie noch Wurst?

  1. Ähnlich bin ich ja auch aufgewachsen, hab mitleidslos beim Schlachten zugesehen und selbst die Hühner ausgenommen. Nur Schleifen oder gar Namen gabs nicht für die Tiere, war von vornherein klar, dass die irgendwann gegessen werden. Und jetzt…bin ich auf dem Weg zum Veganer 😉 .
    Ich fand Deine Schilderung wunderbar plastisch, fast schon cineastisch mittendrin. Und die Wurst liegt mir grad – wenn auch nur eingebildet – ebenfalls schwer im Magen. Ich liebe Deine Erzählweise bei diesen Geschichten ❤

    Gefällt 2 Personen

    • Dann gibt es eine biographisch bedingte nicht geringe Seelenverwandschaft, liebe Andrea. Keine Namen? Als ich vor vier Jahren mit meiner Freundin in einem Münchner Biergarten am Flaucher war, drehte da ein ganzer Ochse am Spieß, der im Leben “Werner” geheißen hatte, was wir ziemlich schräg fanden.
      Dankeschön für das Lob meiner Schilderung. Obwohl ich diese Erinnerung habe, wurde mir in einem Film von Faßbinder schlecht, worin so eine Hausschlachtung gezeigt wird, und das war nur Schwarzweiß.

      Gefällt 2 Personen

  2. Lieber Trithemius,
    wenn jemand das so plastisch schildert wie Sie, beantworte ich die Frage „Hans, wollen Sie noch Wurst?“ spontan und überzeugt mit NEIN, obwohl ich gar nicht Hans heiße.

    Da ich schon viele Dinge in meinem Leben nicht bewältigt, sondern nur verdrängt habe, kann ich heute noch nicht sagen, ob das mir erneut gelingt. Schaun wir mal.
    Gruß Heinrich

    Gefällt 1 Person

    • Lieber Heinrich,
      bei dem in letzter Zeit grassierenden Veganer-Bashing – kürzlich noch gesehen bei der Kabarettistin Barbara Ruscher und immer wieder bei der Komikerin Carolin Kebekus, ärgere ich mich, weils doch nicht drum geht, dass es hipp ist, Veganer zu sein, und um deren nerviges Protzen damit, sondern ganz grundsätzlich um unser Verhältnis zum Tier und ob wir weiterhin den unethischen Umgang mit Schlachttieren wollen. Darum bin ich froh über Ihr NEIN.
      Gutes Gelingen und beste Grüße,
      Jules

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  3. Ich kann jeden verstehen, der das Quieken eines zur Schlachtbank geführten Schweines nie wieder aus dem Kopf bekommt. Es ist so herzzerreißend, wie kaum ein anderes Geräusch von Tieren. Zum Glück hörte ich es nur einmal, denn Schweine sind mir mit die liebsten Viecher. Sie lachen, wenn man sie hinter den Ohren krault, sind anhänglicher als Hunde und Katzen und liegen mit einem herrlich gemütlich auf einer Wiese voller Löwenzahn. Ein solches Löwenzahn, Sonnen, Lachen Schwein kann ich dennoch essen. Wenn es von unserem Hof kommt und bis zur aller letzten Sekunde nicht weiß, dass sein Ende gekommen ist.
    Im Supermarkt vor der Fleischtheke – da könnte ich heulen und das esse ich nicht. Überhaupt kein Fleisch von dort. Ich habe Angst es versaut mir mein Karma. Aber ich bin jetzt still, denn ein jeder soll hier selbst wissen was er verantworten kann und will.
    Obwohl ich mich nicht gerne mit töten beschäftige, ist es schön von deinen Erinnerungen zu lesen. Die Bratwurst abzulehnen ist nahezu unmöglich, dass sie dich gleich drei Tage begleitete, aber reichlich ungerecht. Das hat man von seiner Höflichkeit.

    Liebe Grüße

    Gefällt 4 Personen

    • Du schilderst ja schöne Erfahrungen. Tollst mit einem Schwein über Löwenzahnwiesen und bringst es zum Lachen. Solch glückliche Schweine kenne ich nur, wenn sie aus Marzipan sind.Leider ist dieses Idyll fernab von fabrikmäßiger Schweinemast und ebensolcher Schlachtung. Da liegst du schon richtig mit der Angst um dein Karma. Ich habe die Bratwurst übrigens nicht aus reiner Höflichkeit gegessen, sondern fürchtete, das Vertrauen der Leute zu verlieren.

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      • Es klingt fast schon kitschig, das Erzählen von unserem Hofschwein. Wir tun uns ja leicht, mit dem einen das wir ab und zu haben.
        Ich glaube du hast gut daran getan, sie zu essen. Gerade auf dem Land ist das Ablehnen von Essen aus eigener Produktion gleichbedeutend mit der Ablehnung der jeweiligen Personen. Es tut mir nur leid, dass sie dann nicht wenigstens geschmeckt hat.

        Gefällt 1 Person

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