Die Handschrift hat Schwindsucht, doch die Kulturtechnik Schreiben bleibt

Handschrift

Von sieben heute bei Google.news gelisteten Presseveröffentlichungen zum Thema Handschrift, meinen nur drei tatsächlich das Schreiben mit der Hand, die anderen vier Führungsstil und Strategie von Fußballtrainern bzw. eines Verteidigungsministers. Dieses Bild ist exemplarisch. Hier wird eine sprachliche Bedeutungsverschiebung sichtbar, die den Bedeutungsverlust der Kulturtechnik Handschrift spiegelt. Am Verschwinden der Handschrift wird auch das Jammern nichts ändern, und hilflose Berichte von komplett ahnungslosen Schreiberlingen wie hier im Text auf NDR.de beschleunigen den Prozess nur: „Die Handschrift stirbt aus! In ein paar Jahren wird niemand mehr mit der Hand schreiben“, warnt der Vize-Chef des Deutschen Literatur-Archivs in einem großen Interview. Das wäre aber wirklich schade, schließlich sagt Handschrift soviel über uns aus.“ Es folgt ein Abschnitt über Graphologie.

Handschrift verrätZunächst ist die beliebte Floskel „X warnt“ in diesem Zusammenhang einfach nur ulkig, denn eine Warnung ist ja eine Handlungsaufforderung. Meistens soll der Gewarnte etwas unterlassen. Der Leser soll sich also aufgefordert fühlen, die Handschrift nicht aussterben zu lassen. Abgesehen davon, dass ein Einzelner keinen kulturellen Trend umkehren kann, stellt sich die Frage, warum wir etwas gegen das Aussterben der Handschrift unternehmen sollen? Hier fällt NDR.de nur eines ein: Weil die Handschrift „soviel über uns“ aussage, gefolgt vom Auftritt der Graphologin. Holla! Das motiviert in Zeiten der enthemmten Datensammelei. Sofort werden wir mit unserer Handschrift an die Öffentlichkeit gehen, damit sie über uns aussagt, was wir selbst noch nicht wussten, was aber die Dame Graphologin auszuplaudern weiß. Welch ein Dreck! Als würde man ein Kind vor dem achtlosen Überqueren der Straße warnen und es anschließend unter ein Auto schubsen.

Bei solch dummen Publikationen wundere ich mich gar nicht, dass die Leute sich zunehmend scheuen, ihre Handschrift in die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Man frage sich einmal selbst, wann man zuletzt einen handschriftlichen Text veröffentlicht hat, etwa als Aushang oder als Blogpost. Manche finden ihre Handschrift aber auch zu hässlich oder können sie nicht mehr lesen, wenn sie etwas notiert haben. Schuld ist hier tatsächlich die Schule, weil den Lehrkräften
1. das didaktische Konzept der Ausgangsschrift nicht ausreichend bekannt ist und
2. nach der Vermittlung der Erstschrift die Schüler mit den Problemen ihrer Handschrift allein gelassen werden, ein weiterführender Unterricht in Handschrift nicht stattfindet.

Tatsache ist, dass Schreiben mit der Hand nicht konkurrieren kann mit diversen Möglichkeiten, die technische Schrift zu verwenden. Daher helfen weder Lamento noch „Warnungen“. Wir müssen uns damit abfinden, dass die Handschrift sich ins Private zurückzieht und auch dort nur noch marginale Bedeutung hat. Die Kulturtechnik Schreiben umfasst jedoch mehr als Handschrift, ist aber ebenso verlottert.

typografie rechnungHeute bekam ich eine Rechnung, bei der ich spontan dachte: Welch eine dümmliche Typografie.
Wenn man schon in Fettschrift auf die neue Bankverbindung hinweist, warum wird sie nicht unter dem Hinweis ebenso fett angegeben? Warum steht die unsäglich lange IBAN in winzigen Antiquabuchstaben am Schluss des Briefbogens, wo sie nur mit Mühe abzulesen ist?

Mit dem Schwinden der Handschrift geht einher, dass sich zunehmend typografische Laien der technischen Schrift bedienen. Die Beispiele von Schriftstücken in disfunktionaler Typografie sind Legion.

Zur Förderung der Kulturtechnik Schreiben brauchen wir
1. eine weiterführende Handschriftdidaktik
und was noch wichtiger ist
2. Unterricht in funktionaler Typografie, was die Lehre von der guten Gestaltung und Anordnung meint, die sich kommunikativen Zwecken unterordnet.