„Aprilenbot, Aprilenbot, schick den Narren weiter!“ – Lebenslänglich Aprilsjeck

Im letzten Jahr gab es im Teppichhaus Trithemius keinen launigen Aprilscherz, sondern einen Bericht über die Vergesslichkeit im Alter und wie unsere Gesellschaft mit den Folgen umgeht. Ich hatte mir vorgenommen, das Thema Demenz im Teestübchen aufzugreifen, es aber passender Weise vergessen. Gestern stieß ich zufällig wieder darauf, als ich ein Zitat zum Brauchtum Aprilscherz suchte, um beim geschätzten Heinrich zu kommentieren. Der Schweizer Ethnologe Hanns Bächtold-Stäubli beschreibt im “Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens” einen Brauch aus Württemberg:

„Am ersten April schickt man die Kinder in die Häuser mit einem Zettel, auf dem steht:

Aprilenbot, Aprilenbot!
Schick den Narren weiter
Gib ihm auch ein Stücklein Brot,
Dass er net vergebens goht.“

In diesem Brauch wird am kindlichen Analphabeten die Macht des Alphabets demonstriert. Wenn sich niemand erbarmt, wird das Kind bis zur Erschöpfung weitergeschickt, ohne zu wissen wie ihm geschieht. Kinder auf diese Weise zu veralbern, ist in unserer Gesellschaft nicht mehr opportun. Ganz anders unser Umgang mit Alten.

Im Oktober 2014 hielt ich an der Bauhausuniversität Weimar eine Gastvorlesung über Handschrift, ein Thema, das ich aus der Lamäng beherrsche, aber trotzdem war es eine Herausforderung. Anderthalb Jahre zuvor hatte mich ein Schlaganfall getroffen. Die behandelnden Ärzte fanden zwar, ich hätte „noch mal Glück gehabt“, aber das ist eine seltsame Vorstellung von Glück. Mein „Glück“ bestand darin, dass ich noch klar denken konnte. Aber ich war erstmals mit meiner eigenen Hilflosigkeit konfrontiert. Vorher hatte ich im Altern nur ein kosmetisches Problem gesehen, nicht mal an Falten gedacht. Meine grauen Haare störten mich nur, weil sie schon von weitem augenfällig machten, dass ich 29 Jahre älter war als meine damalige Freundin. Aber nach dem Schlag musste ich Gehen, Treppensteigen und vor allem Sprechen neu erlernen. Mir wurde klar, dass es nicht selbstverständlich ist, über alle Fähigkeiten zu verfügen, und manches geht unumkehrbar verloren. Deshalb war der kleine Lehrauftrag wichtig für mich. Ich wollte mir beweisen, dass ich das noch kann, also wieder kann.

Jedenfalls machte mich in Weimar die Studentin Theresa Zingel auf die Theorie der Nichtorte des französischen Ethnologen Marc Auge aufmerksam. Zingel hatte zuvor Landschaftsarchitektur studiert und für ihre Abschlussarbeit quasi das Gegenteil eines Nichtortes realisiert, einen Ort der Kommunikation, die Milchbank.

Nichtorte sind Orte, die man aufsucht, um sie zu verlassen wie Bahnhöfe und Bushaltestellen. Dabei darf man nicht an die Bahnhöfe der Großstädte mit ihren Einkaufszentren, Fressständen, Dienstleistungs- und Versorgungseinrichtungen denken. Wer schon einmal in der Provinz auf einem windigen Bahnsteig gehockt hat, hinter sich das verrammelte und verrottende Bahnhofsgebäude, der hat das überzeugende Beispiel eines Nichtortes erlebt. Als Student habe ich einmal lange an einer einsam gelegenen Bushaltestelle in der wallonischen Provinz gestanden und gewartet. Die Ödnis dieses Nichtortes war nicht zu übertreffen. Auch der ausgehängte gammelige Fahrplan hat mir nicht geholfen, denn da war niemand, der Auskunft geben konnte, ob er überhaupt noch gilt. Ich erinnere mich nicht, wie ich da weggekommen bin, kann nur zuverlässig sagen, dass ich nicht mehr da stehe.

Damals dachte ich bereits, dass stumme Auskunftgeber wie Hinweisschilder und Anzeigetafeln Ausdruck der sozialen Entfremdung sind. Der französische Philosoph Michel Foucault nennt derartige Orte „Heterotopien“ „Orte außerhalb aller Orte“, die nach seiner Ansicht kommunikative Verwahrlosung anzeigen. Foucault zählt dazu ausdrücklich Altenheime, euphemistisch ‘Seniorenzentren’ genannt.
An den Orten außerhalb aller Orte, wo unsere Gesellschaft die Alten zentriert, findet man zunehmend Nichtorte der besonderen Art, sogenannte Trughaltestellen im geschlossenen Garten. Demenzkranke können sich dort der Illusion hingeben, nach Hause aufzubrechen. Haben sie eine Weile vergeblich gewartet, ist der Impuls, nach Hause zu wollen, wieder vergessen und sie kehren freiwillig in den Schutz der Einrichtung zurück oder werden freundlich abgeführt. Natürlich gibt es zum neuen Brauchtum der Scheinhaltestellen bereits einen Eintrag bei Wikipedia, diesem grandiosen Nichtort des Digitalen.

Da findet sich das Beispiel einer Trughaltestelle auf dem Gang. Was zunächst absurd erscheint, entpuppt sich als besonders fürsorgliche Maßnahme der palliativen Therapie, denn so können reiselustige Demente geschützt vor Regen, Sturm und Kälte warten, bis etwa Pflegepersonal ihnen erzählt: „Die U-Bahn kommt heute nicht. Sie wird bestreikt!“ Es fehlt aber die Auflösung des Schwindels, der heitere Ruf: „April! April!“ Seit ich die Trughaltestelle gesehen habe, beschleicht mich der böse Verdacht, dass unsere Gesellschaft eine Fülle bislang unerkannter Nichtorte bereit hält, an denen wir wie die Dementen lebenslang in den April geschickt werden, und keiner kommt, uns zu erlösen.


April, April!: Letzte Haltestelle Demenz, Trughaltestelle in Hannover-Linden, wo niemals ein Bus hinkommt, denn das Gelände ist rundum geschlossen und von außen unzugänglich. Deshalb die ungünstige Perspektive. – Foto: Trithemius, (größer: klicken)

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24 Kommentare zu “„Aprilenbot, Aprilenbot, schick den Narren weiter!“ – Lebenslänglich Aprilsjeck

  1. Das war ein beeindruckender Beitrag. Demenz beschäftigt mich auch, da ich einen Fall in der Familie hatte und es als fast unerträglich empfand. Aber die Person in ihrer Absurdität schien glücklich.

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  2. Lieber Jules, du hast einen Artikel geschrieben, der mich sehr berührt hat. Normalerweise schafft das Mitzi immer sehr gut. Blogger die über persönliche Dinge in ihren Artikeln berichten und sich nicht hinter einer Anonymität verstecken, sind mir am allerliebsten, was der Austausch und die Kommunikation in der Kommentarspalte betrifft. Ich weiß, dass dann meine Zeit, die ich für eine umfangreiche Antwort investiere, keine vergeudete Zeit ist. Den Alltag mit einem Dementen zu verbringen, stelle ich mir extrem schwierig vor. Das wäre vermutlich eine Tatsache, der ich nicht ins Auge blicken könnte.

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    • Meine Liebe,
      dass ich zu berühren vermochte, freut mich. Lieber hätte ich es mit anderen Inhalten getan, wie du verstehen wirst. 😉 Vielleicht hat mich die Sache mit den Trughaltestellen aber deshalb so beeindruckt, weil mich eigene Erfahrungen gezwungen haben, über die Unwägbarkeiten des Alterns nachzudenken. Ein Problem ist sicherlich die Lebensweise. Viele Menschen sind Singles, so dass sie nicht konfrontiert werden mit einem hinfälligen Partner, sind sie selbst hinfällig, müssen sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

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      • Ich dachte die anderen Inhalte hebst du dir noch auf 😉
        Wenn die Trughaltestellen den Betroffenen helfen, ist die Idee doch gar nicht so schlecht. Ich vertraue diesbezüglich einfach mal den Ärzten und dem Pflegepersonal. Meine Gedanken drehen sich auch manchmal um das Altern. Mir gefällt die Tradition vom Mehrgenerationshaus oder aber von älteren Menschen die zusammen ziehen, so dass sie nicht auf fremde Hilfe angewiesen sind.

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  3. Ich glaube zunächst einmal nicht, dass es wünschenswert wäre, in einer Demenz zu versinken. Mit dem langsamen Wegdämmern ist zunächst wohl eine tiefe Verunsicherung verbunden, Panik, Ratlosigkeit, das Gefühl der totalen Überforderung. Dann kommt häufig auch noch Aggressivität dazu… bis der Geist erlischt. Nein… obwohl der bewusst wahrgenommene Verfall sicher auch kein Vergnügen ist. Als Gesellschaft lernen wir gerade, wie Dementen ihr Alltag erleichtert werden kann. Wenn die Pseudohaltestellen dazu beitragen, dann ist das eine gute Idee. Den anderen Aspekt deines Textes finde ich aber mindestens genauso spannend, die Nichtorte, die vielleicht… oder gar ganz sicher?… existieren und an denen wir darauf hoffen dürfen, dass etwas geschieht. Wahlkabinen könnten auch in diese Kategorie fallen.

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    • Es ist wie die Frage, ob man lieber Pest oder Cholera haben will. Ann hat sicher andere Erfahrungen mit Demenzkranken vor Augen als du hier anschaulich machst. Natürlich hast du Recht, wenn du die Pseudohaltestellen als gute Idee lobst. Mich erschüttert nur daran, dass es diesen Wunsch, nach Hause zu kehren, offenbar gibt, aber dass er hoffnungslos ist, weil dieses Zuhause für viele nicht existiert. Glücklich, wer das an der Trughaltestelle rasch vergessen kann.

      Deine Idee von der Wahlkabine als Nichtort, wo wir in den April geschickt werden, gefällt mir. Egal was wir wählen, es wird stets dieselbe neoliberale Politik gemacht.

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      • Dieser Wunsch, nach Hause zurück zu kehren, ist genauso vorhanden wie die Suche nach einem längst verstorbenen geliebten Menschen – oder auch die Angst vor einem entsprechend gehassten Wesen.
        Bernlef hat in Hersenschimmen, auf Deutsch: Hirngespinste, eine Alzheimererkrankung in einem Roman verarbeitet, sehr eindrucksvoll.

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  4. Manfred, meine Oma war in einem Heim, hatte das Foto ihres Ehemannes an der Wand und erklärte mir, was für ein attraktiver Mann das sei, den hätte sie gern mal kennengelernt. Sie selbst kannte mich nicht mehr, meine Kinder waren so unter Schock, dass ich ihnen versprach, dass sie mich nie besuchen müssten, wenn ich in einem solchen Zustand wäre…..sie kannten sie so anders und liebevoll und jetzt war es ein fremder Mensch, der so aussah wie der geliebte……..ich habe für jeden Fall mich vorbereitet, auch die Lösung in der Schweiz….Demenz ist schlimm für Angehörige…..

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  5. Lieber Jules, dein Text berührt mich an vielen Stellen. Zum einen, weil er sehr persönlich ist und du von dir erzählst, zum anderen weil er ein Thema anspricht, das mit jedem Lebensjahr aktueller wird. Vielleicht noch nicht das eigene Alter, aber doch schon das der Eltern. Ich kann Anns Gedankengang gut nachvollziehen und empfinde die Vorstellung dennoch als furchterregend.
    „Nichtorte sind Orte, die man aufsucht, um sie zu verlassen“ auf diesem Satz kaue ich schon eine Weile herum. Ich mag ihn, weil ich einen ganz bestimmten Ort – einen Bahnhof- vor Augen habe, auf den diese Beschreibung zutrifft. Die Stimmung an den Gleisen, an denen es nichts, außer einem seit Jahren defekten Fahrkarten Automaten gibt, nimmt mich jedes Jahr gefangen. Ich bin mir nie sicher, ob ich den Ort mag oder ob ich ihn verabscheue. Wenn der Zug einfährt, denke ich nicht mehr darüber nach. Genauso wenig, wie über das Alter meiner Eltern. Wenn es so weit kommt, dass ich mich damit beschäftigen muss, werde ich es tun.
    So fern es in deinen Möglichkeiten liegt, lieber Jules, pass gut auf dich auf. Wie schon gestern erwähnt, ich würde dich sehr vermissen.
    Gute Nacht.

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    • Liebe Mitzi, normalerweise hausiere ich ja nicht mit meinen Problemen, aber bei diesem Thema hat es sich angeboten. Gleich welche gesundheitlichen Katastrophen einen überkommen, es ist immer gut, in einem starken Familienband aufgehoben zu sein.

      Die Theorie der Nichtorte finde ich auch faszinierend. Sie hätte eigentlich einen eigenen Beitrag verdient wie auch dein Hinweis auf die Stimmung an einem ganz bestimmten Bahnhof zeigt.

      „Sofern es in deinen Möglichkeiten liegt“, ist einsichtig formuliert. Ich erinnere mich gut, dass ich damals in der Klinik den „Da-haben-Sie-nochmal-Glück-gehabt-Arzt“ gefragt habe, was ich denn prophylaktisch tun könne. Das konnte er leider nicht sagen. Natürlich gibt es Verhaltensweisen, die man besser tut (viel Bewegung, sorgfältige Ernährung) und vor allem lässt (Rauchen), und was das betrifft, passe ich auf. Es ist schön zu wissen, dass du mich vermissen würdest.

      Lieben Dank und schönen Sonntag,
      Jules

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      • Ein Thema anzusprechen, hat nichts mit hausieren zu tun. Es passte inhaltlich und es ist ein Teil deiner Erfahrungen und dessen was du erlebt hast. Es fließt zwangsläufig ab und zu ein, wenn man sich nicht besondere Mühe gibt, es außen vor zu lassen.

        Vielleicht treffen wir ja in deinem oder einem anderen Text noch einmal auf die Nichtorte.

        Liebe Grüße und schön, dass es wenigstens ein paar Dinge gibt, die man tun kann. Der Rest ist wohl tatsächlich Glück. Aber warum sollten wir es nicht haben.

        Liebe Grüße und einen sonnigen und schönen Sonntag

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  6. Vielen Dank für diesen Beitrag, lieber Jules. Ich finde diese Bushaltestellen ungeheuer rührend, weil das Nach-Hause-Wollen der Menschen, die dort stehen und warten, nicht ins Leere läuft und dadurch lächerlich wird, sondern ernstgenommen wird und einen sinnvollen Rahmen bekommt. Die Menschen kommen früher oder später auf andere Gedanken und gehen dann wieder – wie wunderbar löst sich die Situation auf! – und behalten bei allem ihre Würde. Diese Bushaltestellen sind kleine Inseln der Humanität.

    Dir alles, alles Gute!

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    • Gerne, liebe Dorothea. Spontan war ich erstaunt, dass du die Trughaltestellen mit Würde in Verbindung bringst. Unter der Voraussetzung, dass Demenzkranke keine Familie haben oder aber die Familie sich nicht mehr mit der Person belasten will, kann ich dir folgen, wenn man den Wunsch nach Heimkehr sanft ins Leere laufen lässt. Andererseits wird ein solcher Wunsch möglicherweise durch die Haltestelle erst erweckt. Wenn ein Demenzkranker dann in einem lichten Moment entdeckt, dass die Haltestelle nicht echt ist, wären Konflikte möglich. Ich habe beim oben gezeigten Godehardistift nachgefragt, ob es Probleme mit der Haltestelle gibt, bekam aber nur eine ausweichende Antwort.

      Für die guten Wünsche danke ich dir herzlich.

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  7. Lieber Jules,
    ich drücke Ihnen alle verfügbaren Daumen, dass Sie sämtliche Nachwirkungen Ihres Schlaganfalls überwinden, und vor allem, dass so etwas nie wieder passiert!

    Zum Thema Demenz möchte ich jetzt nicht mehr sagen, als dass die Ausführungen von Manfred Voita nach meinen Erfahrungen der Realität nahe kommen, und ich mir auf GAR KEINEN Fall Demenz wünsche!

    Gruß Heinrich

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    • Lieber Heinrich,
      ich freue mich sehr über Ihr Daumendrücken. Zeitweise hat mich deprimiert, dass die Nachwirkungen so langsam nur schwanden, hab das auch in einem schwachen Moment thematisiert,
      aber jetzt nach fast drei Jahren bin ich recht zufrieden und erlebe wieder glückliche Momente.

      Da Ann andere Erfahrungen als Manfred beschreibt, gibt es wohl unterschiedlich Verläufe. Aber gleich, was wir wünschen oder nicht wünschen – wir werden nicht gefragt.

      Schönen Sonntag,
      Jules

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  8. ich find das mit den trughaltestellen unheimlich schön! und falls wer mein wunderbarstes „nicht-ort-erlebnis“ nachlesen mag, der braucht nur „riva trigoso“ bei mir suchen, den bahnhofort werde ich auch erst bei gröberer demenz vergessen …

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    • Ist Ansichtssache. Bei klarem Verstand urteilend, wollte ich lieber nicht so verarscht werden. Das mag für Demenzkranke anders sein. Deine Reisebericht über „riva trigoso“ habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Danke für den Hinweis.

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