Der Frühling kommt auf leisen Sohlen

Rot ist die einzige Farbe, die die rote Rose nicht hat. Ja, denn ihre Blütenblätter nehmen alle Farben des Spektrums auf. Nur Rot will die Rose nicht haben. Daher strahlt sie es ab. So geht es mit allen Farben, die wir unter der Sonne sehen, stets sind sie der Sache nicht zueigen. Beim Menschen ist es zum Glück anders. Seine Ausstrahlung kommt von innen, ist also ein Ausdruck seiner selbst. Allerdings ist nicht zu bestreiten, dass manche Menschen etwas ausstrahlen, was sie nicht haben. Sie schauspielern, ahmen nach, was sie sich bei anderen abgeguckt haben. Es kann durchaus fruchtbar sein, sich bei anderen etwas abzugucken, besonders wenn man Kenntnisse erwerben und Fähigkeiten entwickeln, also wachsen will, womit wir endlich beim Thema sind. Es geht um grün. Zum Osterwochenende könnte es passieren. Dann krabbelt die Temperatur voraussichtlich über die magische Zehn-Grad-Marke. Wenn sie drei Tage hintereinander über zehn Grad Celsius bleibt, beginnt es in der Natur zu wachsen. Grünen ist wachsen, niederländisch: „groeien“, schwedisch „gro“, englisch „to grow“. Alle diese Wörter sind verwandt mit dem althochdeutschen Adjektiv „gruoen“, woraus unser Adjektiv „grün“ entstand. „Grün“ ist wiederum eng mit „Gras“ verwandt. Eigentlich bezeichnet unser Farbadjektiv „grün“ demnach wachsendes Gras.
grünenZwei Sorten Grün – Foto/Montage Trithemius – größer: klicken

In Hannover ist es noch zu kalt. Trotzdem grünen vor meinem Fenstern zwei Sträucher. Der Frühling kommt auf leisen Sohlen. Zehn Grad, dann sprießen in den Vorgärten die Frühlingsblumen. Dass unsere Vorfahren jedoch nicht die Blumen, sondern das sprießende Gras in ein Wort für Wachsen gefasst haben, ist ein Hinweis auf ihre Lebensweise. Sie waren Ackerbauern und Viehzüchter. Deshalb achteten sie in erster Linie darauf, wenn nach dem harten Winter das Gras wieder wuchs und das Vieh auf die Weiden konnte. Demgemäß staunt der Germane in der Edda, dass es nichts gab, bevor die Welt entstand, nicht einmal Gras.

Urzeit war es, da Ymir hauste:
nicht war Sand noch See noch Salzwogen,
nicht Erde unten, noch oben Himmel,
Gähnung grundlos, doch Gras nirgend.

(Lieder-Edda, Völuspá 3)

Das Gras grünt. Der Satz ist pleonastisch, denn Gras und Grün bedeuten ja eigentlich das gleiche. Leider ist in der Stadt vom Grünen nicht viel zu sehen. „Da jedermann gehet, waechst kein Grasz“, wusste man schon 1622. Der germanische Schutzgott Heimdall konnte das Gras wachsen hören. Dazu ist der Mensch nur im übertragenen Sinne fähig, und wenn er es noch so hübsch besingt wie The Move in „I Can Hear the Grass Grow“ (1967). Unsere Welt ist vermutlich viel zu laut. Egal jetzt. Ich hoffe, dass der lausige Winter sich nicht mehr zurückmeldet. Meinetwegen kann Gras drüberwachsen.

Teestübchen Trithemius wünscht einen schönen Tag

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25 Kommentare zu “Der Frühling kommt auf leisen Sohlen

  1. dieser Beitrag gefiel mir besonders gut, da er Wissen mit persönlichen Fakten/Erfahrungen vermischt hatte..er hinterlässt ein österliches Gefühl..nur die Kategorie Edda verwirrt mich;-)

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    • Das freut mich. Was aber stört dich an der Edda, liebe Ann? Es ist nichts Schlimmes an den Glaubensvorstellungen der Germanen, nur weil die Nazis das Germanentum vereinnahmt und missbraucht haben. Wer sich ein bisschen mit Etymologie beschäftigt, trifft immer auf germanische Vorstellungen. Witziger Weise wurde die Lieder-Edda von Sæmundur Sigfússon, einem christlichen Mönch, aufgezeichnet.

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  2. Na, hier deckst du mal wieder ein unglaubliches Spektrum ab. Von der Edda und dem Altgermanischen über die Move zum zögerlichen Frühlingsbeginn in Hannover. Die Aufzeichnung / Überlieferung vorchristlicher Texte verdanken wir regelmäßig christlichen Mönchen, vielleicht, weil sie als Gebildete ihrer Zeit schon von der Sprachgewalt dieser Texte beeindruckt waren, vielleicht, weil sie wegen ihrer religösen Prägung einen besonderen Sinn für das Wort hatten, vielleicht, weil ohnehin alles von Gott kam?

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    • Du hast Recht, wenn du von Sprachgewalt schreibst. Noch die Übersetzung aus dem Isländischen gibt eine Ahnung, die Stabreimung z.B., wenn Thor in der Thrymskvida (Heimholung des Hammers) als Braut verkleidet bei den Riesen ist, und der Riese Thrymr zusieht, wie Thor beim Hochzeitschmaus einen ganzen Ochsen und acht Lachse verschlingt. Thrymr sagt: „Nie sah ich eine Braut so breit beißen.“

      Was wir über die germanische Mythologie wissen, verdanken wir den Isländern.
      Snorri Sturleson (Autor der Prosa-Edda) war ein Skalde, Sæmundur Sigfússon ein christlicher Mönch. Der isländische Autor Halldór Laxness beschreibt in seinem Roman ( „Islandglocke“), wie die Fragmente alter Manuskripte gesucht und aufgefunden werden, zum Teil als gammelige Matratzenfüllung in Bauernbetten.

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  3. Die Rose müsste Rot nicht einmal abstrahlen – weiß ist sie eh hübscher. Es ist ihr wohl egal, welche Farbe ich hübsch an ihr finde. Ebenso egal ist es dem Gras und dem Grün, dass ich beides sehnsüchtig erwarte und mich dann monatelang nicht daran satt sehen kann.
    Manfred sagte es ja schon, in diesem Text geht es wieder munter von einem Thema zum anderen. Dass es sich trotz vieler Fakten nicht starr und steif liest, gefällt mir auch dieses Mal und ich hoffe mit dir, lieber Jules, dass der Winter bis Anfang Dezember verschwindet.
    Pleonastisch….wieder ein neues Wort gelernt.

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    • Bis Anfang Dezember ist OK, liebe Mitzi, obwohl ich grad gar nicht so weit in die Zukunft denken will. Du findest weiße Rosen also schöner als rote? Ist’s vielleicht metaphorisch gemeint? Immerhin agierte die Weiße Rose um Hans und Sophie Scholl in München. Wenn ein Körper das gesamte Spektrum abstrahlt, wirkt er weiß, nimmt er alles auf, sehen wir schwarz, weshalb schwarze Kleidung das vorhandene Sonnenlicht speichert und in Wärme umwandelt, weiße Kleidung kühlt. Hoffen wir auf viel Sonnenschein. Freut mich immer, wenn ich was vermitteln kann. Lieben Gruß

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      • Vielleicht liegt es daran, dass momentan wieder ein Hampelmann im Fernsehen rote Rosen verteilt. Die Scholl Geschwister wären ein schöner Grund, Sophies Tod jährte sich letzten Monat. Aber eigentlich ist es nur die Schlichtheit der Farbe die mir besser gefällt.
        Lieben Gruß und einen schönen Start in die Osterfeiertage

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  4. Beim Menschen ist nicht nur die Ausstrahlung anders. Ganz besonders wachsam muss man sein, wenn so einer auf leisen Sohlen kommt.
    Über das Gras staunt nicht nur der Germane!
    Wir haben neulich auf einer Dachterrasse Betonplatten verlegt. Darunter ist weder Erde noch sonst etwas, worauf Planzen gedeihen könnten. Trotzdem wachsen ganz schnell Grashalme aus den Fugen. Gras ist so genügsam, es wächst sogar auf einer Spur Vogelkot und einem Sandkörnchen, das der Wind heranträgt.

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  5. Rot ist die leidenschaftliche Liebe, grün ist die Hoffnung und die Jugend, ein Gemisch aus Klarheit (blau) und Erleuchtung (gelb). Mischt man diese drei, wird es dunkel, weil alles Helle absorbiert wird. Schwarz ist das nichts und die Farbe der Trauer. Weil es die Reinheit und die Unschuld, das Weiß, absorbiert. Eine weiße Rose würde somit das schwarze Loch für Farben darstellen, was wir Menschen nicht sehen können, aber fühlen können. Darum fahren Menschen auch so gerne Ski. Weil ihnen das Weiss Angst macht. Sie fahren so lange, bis das unter ihren Skiern das Grün darunter zu Tage tritt, schauen zufrieden in die gelbe Sonne am blauen Himmel, zünden sich entspannt eine weiße Zigarette an und teeren ihre Lunge schwarz. Und am Ende legen wir trauernd und erleuchtet in aller Klarheit eine rote Rose auf deren Grab …
    Eine seltsame Assoziation von mir …

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