Einiges über die Heimtücke meiner Handschuh

Weil hier der Frühling noch immer auf sich warten lässt, muss ich über ein Problem schreiben, nämlich über die Heimtücke meiner Handschuh. Sie sind reichlich klobig. Aber ich trage sie trotzdem, nachdem ich meine schlankeren Handschuh vor gut zwei Jahren im Büro meiner Steuerberaterin vergessen habe. Wann immer ich mit dem Fahrrad fahre, ziehe ich mir diese dicken Handschuhe über, erstmals wenn ich vor der Wohnungstür auf dem Treppenabsatz stehe. Als Rechtshänder stecke ich meinen Hausschlüssel immer in die rechte Jackentasche. Da steckt aber schon die Geldbörse, weil ich sie nicht in der Arschtasche tragen will, damit sie mir die Hose nicht nach unten zieht. Dabei ist sie nicht mal schwer, weil ich nur Silbergeld in ihr dulde, alle anderen Münzen aber in einer Kaffeedose sammle, um sie später bei der Deutschen Bundesbank gegen frisch gedruckte Scheine einzutauschen, weshalb ich immer ganz unwirsch werde, wenn eine Kassiererin mich etwa fragt: „Haben Sie zwei Cent?“ „Sehe ich aus wie ein Kerl, der zwei Cent mit sich herumschleppt?“

Mein Fahrrad steht im Hof und ist mit einer schweren Kette angeschlossen. Mit dem Handschuh an der Hand komme ich kaum in die Jackentasche und kann den Schlüssel zwar ertasten, wollte ich ihn aber herausziehen, käme das Portemonnaie mit raus und fiele zu Boden. Also muss ich den Handschuh ausziehen, um den Schlüssel aus der Jackentasche zu nehmen. Da ich aber beide Hände brauche, um zu verhindern, dass das Ende der gelösten Kette gegen den Fahrradrahmen schlägt, wo sowieso schon der Lack an mehreren Stellen abgesplittert ist, so dass mir immer bei deren Anblick die Worte eines jungen Fahrradmechanikers aufstoßen, der schon vor vier Jahre geseufzt hat: „Das Fahrrad könnte ein bisschen Liebe vertragen!“, da ich also beide Hände brauche, um zu verhindern, dass der junge Fahrradmechaniker schon wieder jammert und letztlich in Tränen ausbricht, fällt mir der rechte Handschuh garantiert zu Boden. So geht es in einem fort weiter. Ich fahre zum Mittagstisch, will mein Fahrrad an einen Laternenmast anketten, bin aber mit den Handschuhen so ungeschickt beim Zurechtfingern des Schlüssels, da muss ich den rechten wieder ausziehen, klemme ihn unter den linken Arm, und was tut er? Ohne dass ich es merke, sinkt er sanft auf den Bürgersteig. Vor dem Mittagessen stecke ich dann beide Handschuh in den Rucksack, gehe nach dem Essen hinüber zum Supermarkt und kaufe etwas fürs Abendessen, packe meine Beute in den Rucksack, und muss dann alles durchwühlen, was ich zuvor sorgfältig geordnet, schwere Sachen nach unten, in den Rucksack geräumt habe, um an die Handschuh zu kommen.

böser Handschuh„Stell dich nicht so an. Manche haben gar keine Handschuhe!“, sagt mein besseres Ich. „Das ist ja herzallerliebst!“, entgegne ich. „Soll ich mir etwa aus dem Mangel handschuhloser Menschen, aus dem Gedanken an deren klamme und möglicherweise steif gefrorenen Finger ein Feuerchen machen, über dem ich mir die Hände wärmen kann? Das ist doch absurd und unmoralisch, wenn es überhaupt ginge. Ich kann mir nicht vorstellen, dass steifbefrorene oder auch nur klamme Finger gut brennen.“ „Jaja!“, brummelt mein besseres Ich wie immer, wenn ihm die Argumente ausgehen. Es wäre langsam zu fragen, ob es den Anforderungen an  ein besseres Ich überhaupt noch genügt. Sollte ich ihm ein Arbeitszeugnis ausstellen müssen, würde ich schreiben: „Es hat sich stets bemüht.“ und „Im Kollegenkreis galt es als gesellig.“ Man möge selbst eruieren, was diese vernichtenden Floskeln bedeuten, denen jeder Kundige ansieht, dass es sich um illegale Geheimkodes handelt, die eigentlich verschwunden sein müssten, nachdem ich als junger Referendar in aufklärerischer Absicht in der 10. Klasse eines Mädchengymnasiums bereits eine vielgelobte Lehrprobe zum Thema „Illegale Geheimkodes in Arbeitszeugnissen“ bestritten habe, nicht glaubend, dass derlei Kodes nach meiner vernichtenden Lehrprobe noch gut 35 Jahre überleben würden.

Diese 10. Klasse voller hübscher Mädchen, die mir herzlich zugetan waren, unterrichtete ich auch in Kunst, hatte sie gerade zum Thema „Klassenraumgestaltung“ Entwürfe zeichnen lassen, den Direktor schon um Zustimmung gebeten, dann aber fiel ich mit einem grippalen Infekt für zehn Tage aus. Als ich noch geschwächt wieder in der Schule auftauchte, wurde ich sogleich zum Direktor zitiert. Der herrschte mich an: „Was haben Sie nur angerichtet? Die Kollegen weigern sich, im umgestalteten Klassenraum Ihrer 10 zu unterrichten. „Sie haben die Umgestaltung doch erlaubt“, wandte ich ein. „Aber doch nicht so!“, schrie er und zerrte mich hin, schloss die Tür auf und wir standen vor einem pink-lila-Mädchentraum, die Wände zartrosa getüncht, mit violetten Vorhängen an den hohen Fenstern, einem Sofa mit lila-pink Häkeldecke und plüschigen Patchwork-Kuschelkissen. „Hier sieht es ja aus wie im Bordell!“, rief der Direktor aufgebracht. „Äh, wenn Sie es sagen“, stammelte ich, „ich war noch nie im Bordell, Herr Direktor.“ Er warf mir einen vernichtenden Blick zu. „Für diese eklatante Störung des Schulfriedens werden Sie sich zu verantworten haben, van der Ley!“ Ich murmelte noch was von „beachtlicher Eigeninitiative“, doch konnte mich nicht behaupten. Er schnaubte: „Ihre Mädchen sollen die Eigeninitiative in Ordnung bringen und den vorherigen Zustand wiederherstellen!“

Ich will nicht behaupten, dass meine Handschuh irgendwas mit dem Debakel zu tun hätten, doch im Hof schlug das bewehrte Ende der Fahrradkette erneut gegen den Rahmen, und indem mein besseres Ich seufzte, befand ich: „Für einen Fahrradmechaniker zu sentimental.“