Trithemius bei den Sachsen (2) – Häuser zum Fürchten

Folge 1 – Deutschland südost

„Wie die reden“, höre ich nicht, denn es ist so kalt, dass selbst die Dresdner lieber den Mund zulassen, damit es keinen Durchzug gibt. Sächsisch soll ja der unbeliebteste deutsche Dialekt sein, nu? Doch ich gestehe, dass ich ihn aus Frauenmund erotisch finde, nur das Wörtchen „nu“ nicht, das wie eine schreckliche Plage in jedem zweiten Satz auftaucht. Auf Sächsisch lautet „Yes, we can!“ – „Nu, mir gönn!“ Demnach ist „nu“ die sächsische Entsprechung der Bestätigungspartikel „ja“ der Düsseldorfer. Der Kölner sagt wiederum „ne“, was ich mir bisher immer als „nein“ übersetzt hatte. Weil es aber dem „nu“ gleicht, könnte es ebenfalls „ja“ bedeuten. Ein sächsischer Witz: Zwei Jungen stehen in Plauen vor einen Auto mit dem Länderkennzeichen „GB“. Du, sacht da da eene, dea is doch ausm Genischreisch Boln. Neee, sochd do da Annere, sei liwa still, dea is vonne Griminolbolizei!

Ich habe 25 Minuten Zeit, trete nur kurz vor den Hauptbahnhof. Da tut sich das gewaltige „Wiener Loch“ auf. Das existiert bereits 13 Jahre, erfahre ich später bei Wikipedia und hat „zwischen 1996 und 2008 etwa 151 Millionen Euro, davon 87 Millionen Euro Dresdner Eigenmittel und 64 Millionen Euro Fördermittel“ verschlungen. (Anmerkung der Redaktion: Das Loch ist inzwischen geschlossen, kann aber bei Wikipedia noch besichtigt werden.)

Schon im Jahr 1925 beschreibt der Hannoveraner Merzkünstler Kurt Schwitters in der Groteske „Der sächsische Ozean“ ein gewaltiges Dresdner Loch. Der Text beginnt Hochdeutsch, geht dann über ins Sächseln und steigert sich zu einer absurden Form von Sächsisch. Er handelt von der Großmannssucht der Dresdner und der Gigantomanie eines fiktiven Dresdener Oberbürgermeisters. Zum 10. Jahrestag seines Amtsantritts lässt er einen riesigen Ehrenknall abfeuern. Wir lesen einen Auszug aus seiner Ansprache:
Der sächsische Ozean
Es entsteht ein „beispielloser Knall“, der ein 10.000 Meter tiefes Loch reißt, das sich von Rom bis Kopenhagen erstreckt. Wahrscheinlich hat Schwitters ein bisschen übertrieben.

Endlich rollt der Zug nach Görlitz in den Dresdener Kopfbahnhof. Im Abteil der 1. Klasse sitzt ein grauhaariger Mann und löst Kreuzworträtsel. Zwei Zugbegleiterinnen kommen albernd durch und gehen nach vorn in den Lokführerstand. „Nu … nu … nu!“, lacht die eine, und die andere ermahnt: „Nicht so laut, hier sitzen ältere Herrschaften.“ Zum Glück hat sie den Mann mit dem Kreuzworträtsel angesehen. Der hebt den Kopf und grüßt. Man kennt sich, und später steckt die eine den Kopf mit ihm zusammen.

Es geht zügig ostwärts in die Oberlausitz. Außerhalb von Dresden liegt Schnee. Im Sommer mag es hier schön sein, doch im Winter ist die Gegend unwirtlich, und wann immer ich hier war, habe ich gefroren wie ein Schneider, genau wie die Leute, die an den verfallenden Bahnhöfen entlang der Strecke auf den Gegenzug Richtung Dresden warten. Einmal sehe ich unten am Bahndamm ein einsames Haus, zu dem nur ein verschneiter Trampelpfad führt. Zwei Männer haben es gerade verlassen und gehen hintereinander zu einem an der Straße geparkten Auto, der Größere geht vorne. Es ist eine düstere Szene, die meine Phantasie beflügelt und eine Weile nachwirkt, als wäre ich Zeuge eines Verbrechens gewesen. Was haben die beiden im Haus gemacht? Wen mögen sie in diesem Loch gefangen halten? Wahrscheinlich ist die Sache ganz harmlos, nur meine Stimmung getrübt. Ich stehe ganz unter dem Eindruck der düsteren Schatten unter den krüppeligen Bäumen und der vielen verfallenen Häuser. Freilich wird die rohe DDR-Architektur nicht viel besser ausgesehen haben, als sie noch neu waren. Wir fahren der Dämmerung entgegen. In der Ferne hängt ein riesiger schwarzer Schatten über dem Land. Es ist kein außerirdisches Raumschiff, sondern die schwarz bewaldete Kuppe eines mächtigen Hügels. Auf seinen Hängen unterhalb der Bäume liegt Schnee. Im Dunst des Abends verschmelzen diese hellen Flächen mit dem Himmel, weshalb die schwarze Kuppe zu schweben scheint. Im Abteil höre ich ein ständiges Quietschen, als würde das Außenblech von kleinen Kobolden mit der Laubsäge bearbeitet.

Bald sehe ich in dieser schemenhaften Landschaft nur noch die glitzernden Lichter ferner Dörfer. Mein Mobiltelefon klingelt. Mich grüßt eine fröhliche helle Stimme und teilt mit, dass der Gästeempfang des Klosters St.-Marienthal heute nur bis 18 Uhr geöffnet habe, „nu.“ Ein Herr S. werde mich in Görlitz auf dem Bahnsteig erwarten und mir den Zimmerschlüssel übergeben, „nu.“

Da steht er auch und hat die Unterlagen bei sich, die er für mich fotokopiert hat. Er bringt mich zum Taxi und macht die Türen für mich auf, denn im Görlitzer Bahnhof muss man Türöffner drücken. Vermutlich wäre ich alleine gar nicht raus gekommen, denn solche Schalter kenne ich sonst von keinem Bahnhof. Es gibt sie aber in Krankenhäusern. Das Taxi steht auf einer Eisplatte, und indem mich der Taxifahrer warnt, rutsche ich aus und reiße mir an der offenen Beifahrertür einen Knopf vom Mantel.

görlitz kultourpunktBild links: Görlitz hatte sich Hoffnung gemacht, europäische Kulturhauptstadt 2010 zu werden, war aber um Haaresbreite der Stadt Essen unterlegen. Geblieben von der gescheiterten Bewerbung ist der „KulTourPunkt“ im Görlitzer Bahnhof. „KulTourPunkt“ – allein wegen dieser Sternstunde des Wortspiels durch strunzdoofe Orthographieverhunzung ist Görlitz zu Recht als Kulturhauptstadt gescheitert. – Schlecht fotografiert von: Trithemius (Größer: klicken)

Der Taxifahrer sieht aus wie Heinz-Rudolf Kunze. Nachdem wir los gefahren sind, frage ich unvorsichtiger Weise: „Wie lebt es sich denn in Görlitz?“ Da habe ich ein Fass angestochen. Heinz-Rudolf Kunze läuft leer. Der ganze seit Jahrzehnten aufgestaute Jammer läuft aus. Doch davon später mehr. Während der 20-minütigen Fahrt nach Süden fühle ich mich bald an Sławomir Mrożeks Groteske „Der Dienstmann“ erinnert. Da kommt ein Fahrgast auf einem einsamen Bahnhof an, hat zwei schwere Koffer und muss noch weit ins Land hinaus. Auf dem Bahnsteig wartet ein alter Dienstmann, der sich anbietet, dem Reisenden das Gepäck zu tragen. Unterwegs durch die Felder fängt der Dienstmann an zu jammern, wie schlecht es ihm geht und wie weh seine gichtigen Knochen ihm tun. Der Reisende bekommt Mitleid und nimmt dem Dienstmann einen Koffer ab. Doch der gibt keine Ruhe, bis der Reisende auch den zweiten Koffer trägt. Jetzt trottet der Dienstmann neben ihm her und quengelt weiter, denn die Füße tun ihm weh. Am Ende nimmt der Reisende zu den Koffern den Dienstmann Huckepack. Der ist plötzlich gar nicht mehr müde, sondern packt den Reisenden bei den Ohren und dirigiert ihn in die schreckliche Einöde hinaus.

Fortsetzung „Wir wussten ja nichts!“ oder Ein Eimer Dreck, zwei Eimer Kohle

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