Ich hätte mehr Fliegen erwartet

Zu meinen seltsamen Neigungen gehört, dass ich mir übers Internet die flämische Berichterstattung der Frühjahrsklassiker anschaue, gemeint sind Radrennen, von denen die meisten in Belgien stattfinden. Ich habe diesen Sport selbst betrieben, erfreue mich an der Sachkompetenz der flämischen Reporter und lerne nebenher immer besser Niederländisch, neuerdings das Wort „mondjesmaat“ (wörtlich: mündchenmäßig), dessen deutsche Entsprechung wohl „häppchenweise“ ist. Sonntag war Brüssel-Keurne-Brüssel. Etwa 45 Kilometer vor dem Ziel mussten die ohne mich fahren, denn ich war mit Filipe d’Accord, seiner bezaubernden Freundin und einem Freund Filipes, einem Physikprofessor aus Siegen, im Sprengelmuseum verabredet. Ich sollte die drei durch die Kurt-Schwitters-Abteilung führen und ein bisschen dazu erzählen, was unsereiner aus dem Lameng kann. Schon unterwegs erreichte mich per Smartphone die Botschaft, dass die Schwitters-Abteilung nicht zugänglich wäre, sondern nur der kürzlich eröffnete Neubau, immerhin mit der Installation eines Kurt-Schwitters-Preisträgers. Oje, und dafür hatte ich das Finale von Brüssel-Keurne-Brüssel verpasst.

Tatsächlich erwies sich das gesamte Museum als gesperrt. Lediglich der Neubau konnte besichtigt werden, dessen Räume aber überwiegend leer und deshalb unbeleuchtet waren.
„Phantastisch!“ hatte einer ins Gästebuch geschrieben, „phantastisch, Teil einer Installation gewesen zu sein.“ Es war offenbar ein Mann, auf dem die Fliegen gerne sitzen, womit denn auch die Frage geklärt wäre, wovon sich die Schmeißfliegen ernähren, die der französische Künstler Pierre Huyghe seit dem 29. Januar in einem weißgetünchten Raum herumschwirren lässt.

Teil einer Installation sind auch die überall in leeren Räumen wie plan- und sinnlos herumsitzenden Museumswärter. Böse Zungen behaupten, die müssten, um in Arbeit und Brot zu bleiben, die nackten Museumswände bewachen. Doch es geht um die Positionierung von Individuen innerhalb der sie umgebenden Räume, um das dynamische Spannungsverhältnis von Mensch und Raum, wie nämlich ein gelangweilter Museumswärter den Raum durchmisst und ihn ständig auf neue Weise teilt, hie Körper, dort kein Körper, mal kurze Strecke zur linken Wand, gleichzeitig die Strecke zur rechten Wand verlängernd. Diese sich ständig verändernden Raumproportionen und deren stete Neudefinition zeigt das Sprengelmuseum mit radikaler Ausschließlichkeit bis Mitte Juni gegen Geld. Schon keimt im Besucher der Wunsch, die Museumswärter würden sich nicht nur auf der Bodenfläche bewegen, sondern auch die dritte Dimension einbeziehen, mal die Wand hoch krabbeln oder an der Decke entlang kriechen. Es ist ihnen aber offenbar verboten, wahrscheinlich wieder so ein Versicherungsding.

fliegenDaher die Fliegen und ihr wie planloses Herumschwirren. Der Herr der Fliegen, der renommierte französische Künstler Pierre Huyghe, hat dafür den Kurt-Schwitters-Preis der Niedersächsischen Sparkassenstiftung entgegengenommen. Bevor jetzt welche höhnen: „Hehe, Sparkassenkunst!“ und „Kurt Schwitters ist unschuldig!“ , lassen wir den renommierten französischen Künstler Pierre Huyghe sein Werk selbst erklären:

„Ich habe ein Paar Fliegen gefunden, die sich vor 15 Millionen Jahren gepaart haben. Durch Zufall fiel genau in diesem Moment ein Stück Harz auf sie, und sie starben im Moment der Begattung, sie konnten sich nicht mehr fortpflanzen. Die Art ist aber nicht ausgestorben, das ist nur ein Paar, vielleicht sind unsere Fliegen die Ururururenkel.“,

freut sich Huyghe und lässt offen, wieso Fliegen, die just „im Moment der Begattung“ in einem Tropfen Harz verstorben sind, trotzdem Ururururenkel haben. Diesen Tropfen Harz, jetzt Bernstein, hat der quirlige Sparkassenpreisträger zum Würfel schleifen lassen und abgefilmt. Das Video wird im Nebenraum an eine hängende Leinwand projiziert. Huyghe erklärt:

„Wir betreten einen Stein und navigieren durch diesen Stein auf der Suche nach dem Geschlechtsakt. Am Ende des Films stößt man auf eine Szene, die in der Zeit eingefroren wurde, und die Betrachter bewegen sich innerhalb dieser Situation.“

Dieses vereinnahmende Wir ist ja allerliebst. So einen eingefrorenen Tod im Augenblick der orgiastischen Verzückung will man unbedingt suchen – also der Franzose in uns sucht einen quasi ewigen Geschlechtsakt, diesen verlockenden Tod im Zustand der Gnade, wie er in Millionen Jahren kaum je einem vergönnt ist, ausgenommen dem Pariser Kardinal Jean Daniélou, den der süße Tod im Bordell auf einer Prostituierten ereilte. Harzig klebrige Substanzen waren nicht im Spiel gewesen, so dass man den glücklich verröchelten Kardinal noch ins Treppenhaus tragen konnte, wo er züchtig herumliegend aufgefunden wurde. Er hat sich natürlich auch nicht fortpflanzen wollen wie die notgeilen Fliegen. Da ist es nur gerecht, wenn sein letaler Geschlechtsakt nicht noch Millionen Jahre zu besichtigen ist.

Weiter im Bericht, der sowieso bald enden wird. Filipes Freundin und der Freund erwarteten mich im Raum der Fliegen, derweil sich Filipe auf die Suche nach mir begeben hatte. Den einen Gazevorhang teilend hatte Filipe den Raum verlassen, derweil ich durch einen anderen Vorhang hereingekommen sei, wurde mir berichtet. Auswege, die den Fliegen verwehrt werden, weshalb denn auch einige auf dem Rücken lagen, nicht etwa um zu kopulieren. Die Missionarsstellung ist bei Fliegen ungebräuchlich. Tot, tot, tot, eine nach der anderen, mondjesmaat hatten sie ihr winziges Leben gelassen für die Kunst. Da kommt kein Mitleid auf. Herumschwirrende Fliegen sind auch im Museum nur lästige Fliegen.

Wir suchten den Ausgang. Ich trug noch ins Gästebuch ein: „Ich hätte mehr Fliegen erwartet.“ Eine der Damen an der Kasse widersprach: „Die Presse war begeistert.“

Gif-Animation: Trithemius

Advertisements

20 Kommentare zu “Ich hätte mehr Fliegen erwartet

  1. Da fallen mir sofort, ich kann nicht anders, die kürzlich entdeckten bzw. nachgewiesenen Gravitationswellen ein, die ja, wie ich denke, von Masse ausgelöst werden.

    Stellt man nun einige Museumswärter in einen leeren Raum und lässt diese ohne detaillierte Anweisung – um ein möglichst unverfälschtes Resultat zu erhalten – darin umher gehen, dann lösen diese Beamte unweigerlich Gravitationswellen aus, die wiederum von den Fliegen, also von den unverharzten, versteht sich, aber eben nur von den Fliegen wahrgenommen werden, die ihrerseits, auch wieder ohne detaillierte Anweisung, durch scheinbar planloses Herumschwirren, aber letztendlich durch Museumswärtergravitationswellen hervorgerufen, selbst kleinste Fliegengravitationswellen erzeugen, die, wenn wir Glück haben, in ein paar hundert Jahren von höchst komplexen Apparaturen nachgewiesen werden können. Oder auch nicht.

    Gefällt 2 Personen

    • Ich bin dir dankbar, dass du hier auf kongeniale Weise die Verbindung zur Physik herstellst, lieber Herr Ösi, die ich leider im Text nicht mehr unterbringen konnte, obwohl ich den kunstsinnigen Physikprofessor bei einem anschließenden Besuch des Museumscafés u.a. zu den Schwerkraftwellen befragt habe.

      Gefällt mir

  2. Lieber Jules,
    ich verstehe von Kunst ebenso viel wie von Technik, Literatur und Allgemeinwissen: Nur ein klein wenig. In manchen Disziplinen habe ich sogar noch etwas weniger als Halbwissen. Aber ich bin stolz auf meine Phantasie und stelle gerne Vermutungen an. Der Herr Pierre Huyghe hat vermutlich Insiderwissen, wenn er Fliegen in ein Museum bringt. Wenn die Fliegen tatsächlich schon mindesten 15 Millionen Jahre existieren (viel zu lange!) und jährlich über 50000 Tierarten aussterben, hat er sicher erfahren, dass dieses oder nächstes Jahr die Fliegen dran sind auszusterben. Irgendwann kommt ja jeder dran.
    Ich wüsste sonst keinen Grund, Fliegen ins Museum zu bringen.
    Ein wenig indigniert bin ich über die noch offene Frage, wer den Homo Sapiens mal ins Museum bringt, wenn wir ausgestorben sind. Da sind doch ein paar beachtenwerte Exemplare dabei, die für unserer Nachwelt ausgestellt werden sollten.
    Gruß Heinrich

    Gefällt 1 Person

    • Lieber Heinrich,
      50.000 jährlich ist eine schockierend hohe Zahl, und ein jedes Tierlein hat doch im Gefüge der Arten seine Funktion, desgleichen die Fliegen, deren Wert aus menschlicher und in künstlerischer Hinsicht nur gering ist, in biologischer jedoch hoch genug, um ihnen weitere Millionen Jahre zu gönnen. Und bedenken sie nur, dass Forensiker bei Leichenfunden am Zustand der Fliegenlarven den Todeszeitpunkt bestimmen können.
      Ihre Idee, Exemplare des Homo Sapiens ins Naturkundemuseum zu bringen, befürworte ich, frage mich aber, wer von welcher Nachwelt die sehen will. Höhere Wesen würden sicher nur mit Abscheu drauf schauen und eventuell die Insektenabteilung vorziehen, weil sie vermutlich selbst Kakerlaken sein werden.
      Beste Grüße, Jules

      Gefällt 1 Person

  3. Ich gestehe, dass ich bei moderner Kunst auch oft genug ratlos bin. Die Idee mit den Museumswärtern gefällt mir, allerdings stellt sich die Frage, ob das Werk käuflich zu erwerben ist und wenn, ob die Wärter wartungsfrei sind, wenn nicht, und falls es sich um eine Dauerausstellung handeln sollte, wäre die Installation mit den Fliegen auch mit im Preis, jedenfalls früher oder später.

    Gefällt 1 Person

    • Manche Kunst darf man ja auch einfach schlecht finden, ohne ihr den Kunstcharakter abzusprechen. Ich finde Huyghes Werk schlecht. Abgesehen vom Bernsteineinschluss mangelt es ihm an Ästhetik. Dabei stellt sich die Frage nach der Käuflichkeit und wie es zu transportieren wäre.. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Sparkassendirektor mit Schmeißfliegen sein Büro schmücken wollte.

      Meines Wissens hat noch niemand das Schicksal der Museumswärter künstlerisch thematisiert. Der Schritt ist längst überfällig. Freilich wollen die nach Feierabend nach Hause zu Ehepartner und Kind und bleiben selten in Ecken liegen, bis die Fliegen kommen.

      Gefällt 1 Person

  4. Tja Jules, wer hätte das gedacht. Wir haben da etwas gemeinsam. Auch ich habe oft Radrennen geschaut und war auch in Belgien. Es ist eine unterschätzte Sportart…..und all die sinnvollen Dinge haben die anderen schon angemerkt. Hab noch einen schönen Abend, Ann PS: Und ich persönlich beurteile moderne Kunst nur danach, ob sie mir gefällt oder nicht;-)

    Gefällt mir

    • Dass ich das noch erleben durfte, liebe Ann. Bislang teilte noch niemand meine Begeisterung für Radrennen, anders als in Flandern, wo Radsport mindestens den Stellenwert von Profifußball hat. Wenn „De Ronde van Vlaanderen“ stattfindet (heuer am 3. April), ist in Flandern der inoffizielle Nationale Feestdag. Die Klassiker nahe Aachen wie Lüttich-Bastogne-Lüttich oder das Amstel-Gold-Race verfolge ich mit Heimatgefühlen, weil ich Teile der Rennstrecken selbst schon gefahren bin.
      Ich glaube, dass die meisten Menschen Kunst nach Gefallen einschätzen, wenn ihr Eindruck nicht von der Frage verstellt wird, warum das Gesehene Kunst sei. Es ist wie mit allen Künsten, je mehr man sich damit beschäftigt, desto mehr kann man genießen.
      Dankeschön, ich wünsche dir auch einen schönen Abend,
      Jules

      Gefällt 2 Personen

      • Ich muss aber zugeben, dass der Mann meiner Freundin Profi war und alle grossen Rennen gefahren ist. Von alleine wäre ich wohl nicht drauf gekommen und es wäre eine Schande gewesen;-)
        Und danke für die lieben Wünsche, Ann

        Gefällt 1 Person

  5. Dieser Text hätte einen Kommentar von mir verdient, der ihm gerecht wird. Ich schaffe es heute nicht. Renne von a nach b und habe eine ähnlich kurze Aufmerksamkeitsspanne wie die Fliegen von denen du so herrlich berichtest.
    Ganze drei Mal saß ich heute vor den Worten und suchte nach einer ruhigen Minute um dir zu schreiben, dass ich mich wunderbar amüsiert habe und welche schönen Gedankensprünge Text und Animation ausgelöst haben. Der Teil über die Museumswärter zum Beispiel erinnerte mich an eine Kurzgeschichte über einen eben solchen, der nach Jahren das Kunstwerk, das er täglich sah, vernichtete. Eigentlich wollte er der Skulptur nur einen Stachel, den er im Fuße vermutete entfernen. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wer es schrieb und fürchte alles aus dem Zusammenhang zu reißen.
    Lieber Jules, obwohl ich so viel Wirres schrieb ohne wesentlichen Inhalt schrieb….könnte ich heute so, wie ich wollte, dann würde hier ein schön ausformuliertes „Danke für diesen tollen Text“ stehen.

    Gefällt 1 Person

    • Dublizität der Ereignisse. Vermutlich sieht man es dem Text nicht an, aber ich habe ganze zwei Tage mit ihm gekämpft, bis er annäherend so war wie ich ihn wollte. Doch heute Morgen dachte ich, es ist März, der Monat, in dem gesät und gepflanzt wird, da kann auch mit dem Text nichts mehr schiefgehen. Ebenso ist auch dein Kommentar, der dich soviel Mühe gekostet hat, herzallerliebst und wird jedem Anspruch gerecht. Ich kenne das: Man sitzt vor dem leeren Eingabefeld und möchte etwas Angemessenes schreiben, und es will sich nicht fügen. Doch in dem, was nicht schnell hingehudelt ist, kommt Wertschätzung zum Ausdruck, eine, die einen voranträgt und motiviert, weiter und besser zu schreiben. Dafür danke ich dir von Herzen, liebe Mitzi.

      Gefällt 1 Person

      • Das freut mich zu lesen, lieber Jules. Der erste Märztag ist ein passendes Datum für einen Text, der dir solche Mühe bereitet hat. Jetzt ist der dumme, quälende Februar endlich vorbei. Und ich tönte noch vom nahenden Frühling und sitze jetzt selbst im Schnee. Ich werde ihn mir wegträumen.

        Gefällt 1 Person

  6. Pingback: Von der Muse zum Museum | Heinrichs Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s