„Ohne ein Geräusch zu machen“ – Kindliche Aufsätze


Viel weiß ich nicht mehr aus meiner Schulzeit. Aufsätze waren meine Stärke, und oft während meiner Zeit in der Mittelklasse, die das 3. bis 5. Schuljahr umfasste, da wurde ich vom durchaus strengen, aber gerechten Lehrer Russ aufgefordert, meinen Aufsatz vorzulesen. Ich erinnere mich an einen Aufsatz zum Thema Tafelputzen, eine Vorgangsbeschreibung. Ich ließ darin den imaginären Tafeldienst einen Eimer Wasser holen und damit „ohne ein Geräusch zu machen“ zur Tafel huschen.

Als ich meinen Aufsatz vorlas, war mir schon klar, dass er Elemente enthielt, die nicht zum Thema gehörten, wo ich also unzulässig ausgeschmückt hatte, „das Huschen nämlich“; schließlich ist es egal, ob einer zur Tafel huscht oder nicht, wenn er nur ordentlich putzt, und prompt wurde das vom Lehrer angemerkt, aber mehr für die anderen, denn er ahnte, dass ich selbst Bescheid wusste. Dieser Stilbruch transportiert aber eine Information für die Nachwelt, was ich als Sieben- oder Achtjähriger schon als Ideal verinnerlicht hatte, dass nämlich ein Tafeldienst leise zu Werke gehen sollte, um die konzentrierte Stille im Klassenraum nicht zu stören. Wer eine Vorstellung hat von der Unruhe in heutigen Klassenräumen, wird sich in paradiesische Zeiten versetzt fühlen. Der Eindruck täuscht. So paradiesisch war meine Schulzeit nicht. Nur der Tafeldienst hat halt nicht gelärmt, jedenfalls in meinem Heft nicht. Aber das war selbst für Lehrer Russ zuviel.

Als ich kürzlich im TV einen Taunuskrimi sah, fiel mir ein Aufsatzthema ein, das der mir verhasste Hauptlehrer Schmitz gestellt hatte, als ich in der sogenannten Oberklasse war: „Ein Abenteuer, das ich gerne erleben wollte.“ Ich schrieb wohl eine furchtbar kolportierte Kriminalgeschichte, was man in nicht mal 45 Minuten so zusammenschustern kann als Zehnjähriger, wovon ich den ersten Satz noch genau weiß: „Wir zelteten im Taunus am Waldesrand.“ Ich war noch nie im Taunus gewesen, hatte aber gelesen, dass dieses Mittelgebirge bewaldet ist. Ein schlechter Satz war das, voller ungewollter Komik, weil die Ortsangabe unzulänglich ist, quasi anzeigte, dass der Taunus jenseits meines Horizonts lag. Die dazu passende unbestimmt, bestimmte Zeitangabe ist „wir treffen uns nach dem Krieg um 5 Uhr“, zum Glück nicht von mir, sondern mir von irgendwo her zugeflogen. Vor allem staune ich, dass ich das Waldrandzelten nicht an einen nahegelegen Ort verlegt habe. Es hätte ja auch der Knechtstedener Wald sein können. Den kannte ich nämlich. Aber ein Abenteuer konnte ich mir so vor der Haustür nicht vorstellen. Ich war halt beseelt von der 5-Freunde-Romantik mit einsamen Felseninseln und alten Bruchsteingebäuden voller Geheimgänge.

Jahrzehnte später blickte ich aus der Lehrerperspektive in die kleine Welt von Klassenarbeitsheften. Wir sehen eine Kopie aus dem Aufsatz eines Schülers der 6. Klasse (April 1997) und meine nicht ganz freundliche Randbemerkung in Rot :
der böse student
Der Schüler dürfte jetzt knapp über 30 sein. Ob er sich noch erinnert an seine „ein bisschen wellige Schrift“ und meine ungnädige Randbemerkung über die unzulässige Ausschmückung? Jedenfalls finde ich heute, dass ich ruhig ein bisschen nachsichtiger hätte sein können, angesichts eigener kindlicher Fehlleistungen. Vermutlich hatte ich mich nur über sein „Achtung“ geärgert.

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33 Kommentare zu “„Ohne ein Geräusch zu machen“ – Kindliche Aufsätze

  1. Lieber Trithemius,
    dass Sie das „Achtung“ geärgert hat, kann ich gut verstehen. Es gibt diesbezüglich viele Redewendungen, die mich ebenfalls stören.
    Wenn jemand mir widerspricht und sagt: „Denk doch mal nach!“
    Oder wenn jemand eine komplexe Auskunft von mir haben möchte (in einem Forum) und schreibt: Ausführliche Antworten einfach hier drunterschreiben.
    Sie dürfen mir noch ein paar Beispiele geben! 😉
    Gruß Heinrich

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  2. In meiner Schulzeit rissen wir uns darum, die Tafel putzen zu dürfen. Heute frage ich mich warum. Besonders leise ging es dabei wohl nicht zu. Dein Text erinnert mich an meine Schulzeit. Leider stand bei mir unter Aufsätzen nie „Achtung“ und dann etwas, das mich interessiert hätte. Immer nur: „Mangelnde Konzentration“ und „Schludrig“.

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  3. Danke fürs Auffrischen meiner Erinnerungen an die Schulzeit! Allerdings erinnere ich mich an keine unangenehmen Bemerkungen in Rot.
    Das hängt vermutlich damit zusammen, dass ich einfach Spass hatte am Lernen. Und meine liebe Mutter musste sich jeden Tag von mir anhören, was wir in der Schule neues gelernt hatten. Und ich genoss es, mit einem Zeugnis aus lauter Einsern Klassenbeste zu sein.

    Später, als meine eigenen Kinder zur Schule gingen, hatten sie genauso Spass am Lernen. Am Abend vor dem Einschlafen, erzählten sie einander noch drei Stunden (im Bett liegend) ihre schulischen Eindrücke oder was sie sonst noch bewegte.

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    • Ich hatte einen Fachkollegen Deutsch, ein konservativer Mann, mit dem ich mich trotzdem gut verstand, weil wir einen ähnlichen Humor pflegten. Aber als SV-Lehrer wusste ich, dass er im Unterricht ein Despot war. Es herrschte ein Terrorregime, gegen das kein Schüler aufzumucken wagte, und er kam ganz ohne grobe Maßnahmen aus. Da ist doch ein ehrlich herumtobender Lehrer fast angenehmer. 😉

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  4. Feine Erinnerung, ich mag es in alten Schulheften zu schmökern. Und es ist sicher hilfreich, die eigene Schulzeit zu reflektieren, auch in Bezug mit den Schülern. Der Schreiberling hatte es ja nur gut gemeint oder war schlau, in Anbetracht seiner welligen Schrift, die ihm wahrscheinlich erst am Schluss auffiel. Achtung! Hinweis! 🙂 Wenn es nach mir ginge, könnten mehr konstruktive Hinweise von Lehrern auf Schülerarbeiten nichts schaden. Oft ist mir aufgefallen, dass die Kinder gar nicht wussten, was denn nun als „falsch“ angesehen wurde. Oder wenn ein Hinweis in Bezug auf (sau-)mäßige Schrift erschien als Randbemerkung, welche wiederum aber ebenfalls so (sau-) mäßig vom Lehrer verfasst war, dass weder der Schüler noch die Eltern lesen konnte, um was es ging. Die Unruhe in heutigen Klassenzimmern ist etwas, um was ich keinen Lehrer beneide. Als Lehrer hat man ja kaum noch Möglichkeiten hier einzugreifen, oder? Mal abgesehen davon, dass ein Unterricht, falls so spannend, ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit ergeben würde, was wiederum den Unruhe- und Lautstärkepegel senken würde.

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  5. Lieber Jules,

    die Verabredung ist nach dem Krieg um 6, nicht um 5. Zugeflogen ist Dir das vom Soldaten Švejk, der allerdings im Buch (ich zitiere nach der Neuübersetzung von Antonín Brousek) zum Pionier Vodička sagt: „Wenn dieser Krieg vorbei ist, dann komm mich besuchen. Du findest mich jeden Abend ab sechs Uhr im ‚Kelch'“. Durch die Regelmäßigkeit wird die Zeitangabe wieder sehr präzise, zumindest so präzise, daß man den Švejk auf jeden Fall findet.

    Der Satz „Nach dem Krieg um sechs [im Kelch]!“ stammt aus der Verfilmung des Romans mit Heinz Rühmann von 1960.

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