Winterdepression ohne was drumrum

liebe hass wahnsinn gleich bestellenLieber nicht bestellen

„Soll ich Ihnen Ihre Winterdepression einpacken oder geht die so mit?“
„Haben Sie Geschenkpapier?“
„Welches hätten Sie denn gern, das Rote, das Schwarze oder das Gestreifte?“
„Keine Ahnung. Ach, lassen Sie nur, ich nehme sie schon so für unterwegs.“

Das geht seit Wochen jeden Mittag so. Konkret gibt es Auslöser, nicht genug Sonne, graues Wetter, was weiß ich, und Verstärker. Die kann ich benennen:
Ich will mich erheitern lassen, und es klappt nicht. Da gucke ich eine Kabarettsendung und werde noch depressiver, weil so ein Würstchen von Comedian auf die Bühne kommt und das Publikum fragt: „Geht’s euch guhut?“
Diese plumpvertrauliche Ihrzerei macht mich krank. Ihrzen ist duzen ohne Erlaubnis. Die nimmt sich das Würstchen einfach raus. Ach, wie schön wäre doch, wenn die Wurst fragen würde: „Geht’s euch guhuut? und einer mit einer wirklich lauten Stimme würde rufen: „Ja, bis du kamst, du Tünnes!“ Macht aber nie einer. Dass die Leute sich das gefallen lassen, ohne dass einer sich wehrt, macht mich depressiv.
Genau wie das vereinnahmende Wir. „Kommerz und Konsum sind unsere neuen Religionen. Wie die Idioten warten wir aufs neue iPhon“, schimpft der niederländische Kabarettist Philipp Simon – wir tun dies und wir tun das, und ich will immer rufen: „Neee!!! Das machst du Honk vielleicht. Ich nicht!“
Was mich auch depressiv macht: Witzmoden. Jedes Jahr zu Karneval kommen bestimmte Witze in Mode. Heuer die Veganerwitze. Dieselben Vollpfosten, die gestern noch dachten, Veganer wären Außerirdische von der Vega, fragen jetzt: „Warum essen Veganer keine Hühner? Weil Eier drin sind.“
Soso, im Huhn sind Eier. Wieviele? Ein Sechserpack vielleicht?
Ich lach mich noch tiefer in die Depression.

Und heute Mittag saß ich auch noch mit einem Kreationisten am Tisch, weil sonst kein Platz mehr war an den Tischen im Biosupermarkt. Es war da so voll, ich musste mich zu zwei Männern in den besten Jahren setzen, um meine Suppe zu löffeln. Der mir schräg gegenüber wirkte durchaus sympathisch. Wie er dasaß im Businesshemd könnte er Ingenieur sein. Er war aber Kreationist, quasi der erste Kreationist, dem ich auf freier Wildbahn begegnet bin. Bislang dachte ich, diese Idioten gäbe es nur in den Medien. Der rechts von mir war erklärter Buddhist und redete davon, dass man sein Bewusstsein erweitern solle. Ich war auf der Stelle strikt gegen seine Bewusstseinserweiterung. Zu gefährlich. Erleuchtet wäre er noch nicht, sagte er selbst. Ich wusste das schon vorher, dann würde er nämlich mal schweigen. Der andere, der durch seine blöde Fragerei ziemlich viel Müll aus dem Schwarzlicht-Buddhisten hervorgelockt hatte, war aber auch nicht besser. Die Welt wäre 6000 bis 8000 Jahre alt, er wisse das auch nicht genau, aber keinesfalls Millionen Jahre. Er kenne da nämlich einen Wissenschaftler von seinen Vorträgen, der prüfe zuerst wissenschaftliche Aussagen, widerlege sie, und gleiche sie dann mit der Bibel ab. Außer der Bibel gebe es wirklich nicht Sicheres. Plötzlich haderte er: Wenn es da draußen einen Gott gebe, dann könnte der ihm doch die Filter nehmen, damit sich ihm die wahre Gestalt der Dinge offenbaren würde. Ja meinte der andere, das werde er auch bekommen, wenn er drum frage. Man bekäme ja letztlich alles, was man sich wünsche.
Ja, aber … ich konnte nicht wirklich glauben, die zwei hätten sich gewünscht, so strunzblöd im Kopf zu sein.

Ich wünsche mir jedenfalls vom Universum, vom Heiligen Bimbam, von Kanaldeckels Pitter oder wie der heißt, die Winterdepression weg. Am besten diesem kreationistischen Wissenschaftswiderleger direkt an den Hals. Ich pack’s auch ein.

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35 Kommentare zu “Winterdepression ohne was drumrum

  1. Ganz wunderbarer Eintrag, merci, bedankt! Das plumpvertrauliche Ihrzen von Comedian-Würstchen ätzt mich auch immer ziemlich an. Und was das Café im Bioladen betrifft, sind in meinem eigentlich hauptsächlich Frauen, jeden Alters. Das Blabla ist deswegen nicht besser. Aber was soll’s. Man kann halt nicht alles haben.

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  2. Ja, das ist wunderbar ge- und beschrieben!

    [zitat] Ich will mich erheitern lassen, und es klappt nicht. Da gucke ich eine Kabarettsendung und werde noch depressiver,…[/zitat]

    Das erinnert mich daran, wie ich einmal in depressiver Stimmung auf das Hannoversche Schützenfest gegangen bin. Um mich herum nur „fröhliche“ Menschen – sehr viele – zu viele!
    Ich habe mich noch nie so „einsam“ gefühlt!

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  3. Dummerweise hilft ein gutes Kabarettprogramm überhaupt nicht gegen die Winterdepression, es führt in der Regel sogar zu gesteigertem Unwohlsein und Leiden an der Welt. Was hingegen möglicherweise helfen kann, ist eine ordentliche Portion Selbstironie, gern auch verbunden mit einer gesunden Imunabwehr gegen grassierenden Schwachsinn. Also kann es dich nicht wirklich schlimm erwischen.

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  4. Es wird Frühling, lieber Jules. Ich kann ihn morgens schon riechen. Kreationisten (ernsthaft…die gibt es wirklich?) und lahme Witze bleiben wohl erhalten, im Sonnenlicht stören sie weniger.
    Beruhigend, dass du weder Hass, noch Liebe und Wahnsinn bestellen möchtest. Es wäre ja auch überflüssig, ein Gang in den Biosupermarkt oder das Einschalten des passenden Fernsehsenders reicht, um das alles umsonst zu bekommen.
    Liebe Grüße

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    • Du hast gut reden, liebe Mitzi. Der Frühling beginnt in Süddeutschland zuerst und arbeitet sich dann ganz langsam durch die Flusstäler vor. Kreationisten gibt es, ich habe auch gestaunt. Sie haben leider keine äußeren Merkmale, sondern enttarnen sich erst, wenn sie vom Alter der Welt reden.
      Inzwischen weiß ich, wer sein Apostel ist. Der Kerl heißt Kent Hovind, und dem sieht man die Verwirrung wohl an.
      Lieben Gruß

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      • So sehr ich Texte dieser Art amüsiert lese, will ich doch hoffen dass sich das Frühjahr ein wenig beeilt.
        Kent Hovid…ich bringe es nicht über mich, in seine Vorstellungen tiefer vorzudringen. Das Foto, in Kombination mit wenigen Sätzen, spricht hier tatsächlich Bände.

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  5. Ich schick dir was von meinem sonnigen Gemüt!
    Gut dass du das nicht am 25.Januar, sondern am 09.Februar gepostet hast.
    Sonst würde ich mir echt Sorgen machen 😉

    Habe die Ehre, Jule

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  6. Herrlich erzählt, lieber Jules! Zuweilen frage ich mich, ob ich mich in „Versteckter Kamera“ befinde, oder möglicherweise die Hauptdarstellerin einer Alien-Soap bin. Diese sitzen Zuhause auf dem grünen Sofa im grünen Ufo vor ihren grünen Fernsehern und halten sich vor Lachen ihre grünen Bäucher beim Anblick meiner regelmäßig entgleisenden Gesichtszüge. Meine Verständnislosigkeit ob mancher kreationistischer Vorfälle bessert sich aufgrund meiner Winter-bedingten Unleidigkeit nicht wirklich. Ganz im Gegenteil. Zuweilen würde ich mir gerne eine Tarnkappe über den Kopf streifen. Blödheit erträgt sich eindeutig besser im Sonnenschein.

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    • Dankeschön, liebe Nana. Deine Vorstellung ist vielleicht näher an der Wirklichkeit als wir glauben. Seit Jahrzehnten fliegen unsere TV-Signale ins Universum, wo irgendwo die grünen Männchen sich kringeln vor Lachen, aber sich klug von den Erdbewohnern fernhalten. Manche Hauptdarstellerin hat allerdings mit Recht eine große Fangemeinde. 😉

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  7. Also bei den Kabarettisten in Österreich gibts das respektvolle „Sie“ zu hören. Zumindest bei den Auftritten, die ich mir anschaue. Und die anderen sehe ich ja nicht.

    „Eine Portion Winterdepression zum Mitnehmen!“ Sie bringen mich zum Lachen. Haben Sie sich denn eine Leberkässemmel gekauft? Weißwurscht? Oder waren es die Wiener Würstchen, die Sie sich einpacken haben lassen? An Wien liegts bestimmt nicht, sag ich ihnen im Vertrauen. Am Wein auch nicht, solange Sie keinen (im Übermaß) trinken.

    „Wollen Sie wirklich Ihre Winterdepression loswerden?“ frage ich Sie zärtlich. Ich kenne da etwas. Aber sie dürfen mich nicht auslachen, wenn ich es Ihnen erzähle. Versprochen?
    Gut. Nehmen Sie beim nächsten Einkauf statt der Winterdepression ein paar Zitronen mit. Daheim pressen Sie sich ein bisschen Zitronensaft ins Wasserglas, gießen sie mit gutem Leitungswasser auf (bitte kein Mineralwasser) und genießen sie jeden Tag ab und zu ein Glas eines solchen Zitronenwasser.

    Oh, jetzt haben sie doch gelacht! Das hatte ich befürchtet. Und sie glauben mir nicht. Sie können es nicht glauben, dass etwas banal wirkendes gegen eine handfeste Winterdepression ankomme? Sehen sie, es ist ein gegenteiliges Prinzip wie man das von Alkohol kennt. Der Alkohol benebelt in seiner Wirkung, die Zitrone lichtet auf, wo das innere Licht mehr oder weniger abhanden gekommen ist und der Winterdepression Platz gemacht hat.

    Aber ich seh schon ein … sie mögen keine Zitronen wie mich.

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    • Raten Sie mal, werte Frau Rosenherz, was ich vor Tagen gekauft habe, zu Dritt in einem Netz, obwohl ich nur eine brauchte: Zitronen. Da dachte ich noch, dass die überzähligen zwei gewiss lange herumliegen würden, bis sie eingeschrumpelt wären. Deshalb kommt Ihre Empfehlung mir gerade recht. Ich werde es tun. Dankeschön für die liebenswürdige Anregung. Wenn Sie gestatten, dass ich Ihnen widerspreche: Ich mag Sie, ihre ganze Art zu schreiben. Freut mich, Sie zum Lachen gebracht zu haben. Übrigens bin ich Vegetarier, weshalb ich die eingangs von Ihnen erfragten Lebensmittel mir nie ins Haus kämen.

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  8. Jetzt wo der Fasching oder der Karneval, die ja beide nicht wirklich lustig waren, vorbei sind, wo dem Menschen die Ernsthaftigkeit zumindest mal bis Ostern von höchster Stelle herunter verordnet worden ist, gehen die Winterdepressionen weg wie die warmen Semmeln, und weil so viele Schlange stehen, um eventuell noch eine Depression schnell einzusacken, bevor die Lager geleert sind, gibt es auch keinen Anlass für eine Preissenkung, was die allgemeine Depression noch erhöht. Auch hörte ich von einem Eilantrag, der es erlauben sollte, die Winterdepression künftig sogar im Sommer zu nutzen …

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  9. Oh, Sie sind Vegetarier! Ich hätte das ein Geschenk für Sie, das Ihnen möglicherweise ein bisschen Glücksgefühl beschert, anstatt depressiver Winterstimmung.
    Ganz im Ernst: Ich habe sechs Gutscheine zu je 20 Euro von HelloFresh in Berlin bekommen. Also 120 Euro insgesamt. Bitte Schauen Sie mal auf der Homepage des Unternehmens, ob das was wäre für Sie. Wenn Sie wirklich Interesse haben, so gebe ich Ihnen die Geschenkcodes bekannt.
    Sagen Sie es einfach!

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    • Liebe Frau Rosenherz,
      Ihr liebenswürdiges Angebot allein hat mir schon den Rest des Abends versüßt, obwohl ich am Nachmittag Ihrer Empfehlung gemäß Wasser mit Zitronensaft getrunken hatte und noch sauer war. Ich bin dann zu Bett gegangen, bevor ich lustig wurde. 😉
      Inzwischen habe ich mich kundig gemacht und fürchte, das Angebot von Hello Fresh ist zuviel für mich. Sehen Sie, mittags esse ich meistens nur eine Suppe im Biosupermarkt. Wenn ich dann abends koche, ist es meistens zuviel, und weil ich nichts wegwerfen will, esse ich mehr als gut für mich wäre. Wenn mir jetzt dauernd Gemüsekisten geliefert würden, geriete ich in den Stress, das Gemüse auch beizeiten zuzubereiten.
      Schon jetzt werden mir Sachen schlecht. Drum fürchte ich, nicht organisiert genug zu sein, um Ihr überaus freundliches Angebot annehmen zu können.
      Trotzdem vielen, lieben Dank.
      Ihr Trithemius

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