100 Jahre DADA – Trithemius interviewt Kurt Schwitters zum Ursprung von Merz, seiner Spielart von Dada

Kuwitter und Trithemius
Trithemius
Herr Schwitters. Wie kamen Sie dazu, alle erdenklichen Materialien für künstlerische Zwecke zu verwenden, also mit vorgefundenem Material zu malen?

Kurt Schwitters
Ich sollte einen befreundeten Arzt porträtieren, den Dr. Schenzinger. Er wollte bei den Sitzungen auf meinem Flügel Klavier spielen. Er sagte, wenn er sich so etwas bewegte, würde ich besser seinen Charakter treffen. – Neben mir lag ein Bier …

Trithemius
… -deckel

Kurt Schwitters
… -filz. Er spielte die Mondscheinsonate erster Satz.

Trithemius
Der Bierfilzdeckel?

Kurt Schwitters
Der Doktor Schenzinger. Ich versuchte herauszufinden, ob seine Bewegungen charakteristisch für die Mondscheinsonate waren. Plötzlich kam mir die geniale, vielleicht minder geniale, jedenfalls eine Eingebung. Ich stand auf, bestrich den Bierfilzdeckel auf seiner Rückseite mit roter Farbe und klebte ihn auf die Wange des Profilbildes, das ich gemalt hatte. Es reichte vom Ohr bis zur Nase.

Trithemius
Soweit man bei Ölbildern von Ohr und Nase …

Kurt Schwitters
… reden kann. Die Mondscheinsonate verstummte und Dr. Schenzinger fragte, was ich getan hätte. Ich hätte ihm den Bierfilz auf die Backe geklebt.

Trithemius
Er war wohl ein wenig …

Kurt Schwitters
… wütend.
Dr. Schenzinger sagte: „Nehmen Sie den Bierfilzdeckel ab.“
„Das tue ich nicht!“
„Dann nehme ich ihn ab!“
„Das werden Sie nicht tun, Sie würden die Einheit des Kunstwerks zerstören.“
„Der Bierfilzdeckel ist eine Beleidigung für mich.“
„Der Bierfilzdeckel charakterisiert Sie irgendwie.“
„Wie kann mich der Bierfilzdeckel charakterisieren?“
„Ich kann nicht sagen wie, aber er tut es, das fühle ich.“
„Und drückt er vielleicht die Mondscheinsonate aus? Wie stehen Sie zu der Frage, ob der Bierfilz Beethoven ausdrückt?“
„Mein Herr, denken Sie vielleicht, dass Sie selbst Beethoven ausdrücken?“

Trithemius
Beethoven auszudrücken ist Leichenschändung, hehe.

Kurt Schwitters
Dr. Schenzinger ging hinaus und schloss die Tür hinter sich. Seit der Zeit waren wir nicht mehr Freunde, besonders als ich das Bild mit der Bierdeckelfilzbacke als Portrait Dr. Schenzinger ausstellte.

Trithemius
Verstehe. Um niemanden mehr zu beleidigen gingen Sie dazu über, weitere Portraits gänzlich aus bildfremden Gegenständen zu montieren. Sie wendeten das Collageprinzip auf Bilder, Skulpturen und Texte an und malten quasi mit Abfall?

Kurt Schwitters
Sie haben es erfasst, Herr Trittenheim. Photographien, Stoff, Papierfetzen, Alltagsgegenstände jeglicher Art, Farbe, Schrift, Texte, alles kann in der Merzmalerei verwendet werden. Das Wesentliche ist die Komposition.

Trithemius

Danke fürs Vordenken, werter Herr. Doch manchmal denke ich, Sie hätten es nicht machen sollen, denn die Verfahren des Dadaismus haben gar schreckliche Kommerzialisierung erfahren, sind aus der heutigen Werbung nicht mehr wegzudenken und bereiten mir große Augenunlust. Überhaupt, die ganze Welt ist Dada, überwiegend jedoch auf unkünstlerische und verderbte Weise, also Gaga.

Kurt Schwitters
Das sind viel zu schwermütige Gedanken für einen Mann mit einem Bierfilz im Gesicht.

DadafrischeluftTrithemius
Nun gut, ich habe das Prinzip der Collage ja auch für unser Gespräch verwendet, wozu ich mich Ihrer Worte bedient habe. Das hätte ich ohne Ihre Vorleistung zweimal nicht gekonnt.
Schwerte sucht den schönsten Hund.

Kurt Schwitters
Hunde sind an die Leine zu führen.

Trithemius
Tretet Dada rein!


(Unter Verwendung von Originalzitaten aus: Lach, Friedhelm (Hrsg); Kurt Schwitters – Das literarische Werk; fiktives Interview erstveröffentlicht Teppichhaus Trithemius, 27.11.2007)

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17 Kommentare zu “100 Jahre DADA – Trithemius interviewt Kurt Schwitters zum Ursprung von Merz, seiner Spielart von Dada

    • Genau! Der auch eine Bierdeckelidee hatte, aber sich gegen Frau Merkel nicht durchsetzen konnte, heißt Friedrich. Laut FAZ wird er demnächst Vorsitzender des Aufsichtsrats der Deutschlandtochter des amerikanischen Vermögensverwalters Blackrock.

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  1. Das leuchtet ein! Nachdem ich zu 100 Jahre Dada fünf Meinungsträger befragt, habe ich sieben Auskünfte erhalten (genau – genau das ist ja wohl Dada). Seit dem „Fallen des Vorhangs“ (Th. Mann) ist nichts wirklich Neues mehr gekommen. Also let’s patchwork! Bla. Bzw. – Wuff!

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