Herb Lubalin, Upper and lower case und die Demokratisierung der Druckschrift

Seit in meinen Keller Wasser eíngedrungen ist, bin ich nicht mehr unten gewesen. Aber ich werde mich wohl überreden müssen, das zu tun. In den Regalen lagert hoffentlich noch gut verpackt ein Stapel einer Rarität, verschiedene Ausgaben, ganze Jahrgänge, der typografischen Fachpublikation U&lC (Upper and lower case) der International Type Face Corporation, erschienen ab 1974 in New York, herausgegeben von Herb Lubalin, einem genialen Typografen und Schriftschöpfer. Fachleute kennen seine Schrift Avant Garde, eine in den 60er Jahren berühmte serifenlose Linearantiqua, Laien kennen sein Adidas-Logo.

ulc titelUpper and lower case, das sind zu deutsch die Groß – und Kleinbuchstaben. Sie heißen so nach der Lage der Buchstaben in den Setzkästen der Bleizeit. Im angelsächsischen Sprachraum und auch bei den Niederländern liegen die Großbuchstaben in Extrakästen, die im steileren Winkel oberhalb der Kästen für die Kleinbuchstaben aufgestellt wurden, weshalb die Groß- und Kleinbuchstaben im Niederländischen bovenkast und onderkast heißen, im Englischen Upper and lower case.
U&lC ist eine kostenlos versandte Fachzeitschrift für Typografen, im Format 28,5 x 38 cm, geheftet, gedruckt auf Zeitungspapier.

Ich gehöre wohl zu den letzten Jahrgängen, die noch das Schriftsetzerhandwerk gelernt haben, doch Anfang der 1970-er Jahre wurde mein Handwerk quasi über Nacht museal. Ich erinnere mich, als die Aachener Druckerei, in der ich arbeitete, im Jahr 1973 den ersten Satzcomputer anschaffte. Er hatte ein orangefarbenes Blechgehäuse und war so hoch wie ein Kühlschrank. Zu dem Blechtrottel gehörte ein Monteur, der eine ganze Arbeitswoche im Hotel übernachtete, weil es tagelang dauerte, den Satzcomputer überhaupt ans Laufen zu bringen und einzurichten. Ich weiß noch, dass wir oft feixend um das Gerät herumstanden, weil es einfach nicht machen wollte, was es sollte. Es war ein sogenanntes Fotosatzgerät, das Schrift in gewünschter Satzbreite auf einen Endlosstreifen Fotopapier belichtete. Die Streifen wurden zerschnitten und am Leuchttisch auf einen Montagebogen geklebt, aus dem wiederum reprotechnisch Druckplatten für den Offsetdruck belichtet wurden. Diese relativ preiswerte Technik der Druckplattenherstellung ermöglichte, dass man auch die Schreibmaschine zur Satzherstellung nutzen und sogar Überschriften mit der Hand lettern konnte wie hier bei Manfred Voita zu sehen.

Für den professionellen Einsatz gab es den Fotosatz oder sogenannte Anreibeschriften von Herstellern wie Letraset und eben der International Typeface Corporation (ITC). Herb Lubalin hatte sie mit anderen gegründet, um Schriften für den Fotosatz und für Anreibeschriften zugänglich zu machen, denn man hatte zwar Satzcomputer und die neuen Satztechniken, aber keine Schriften. Die Lizenzen für Drucklettern wurden nämlich von den Schriftgießereien gehalten.

Im Jahr 1974 war abzusehen, dass der Bleisatz aus den Druckereien verschwinden würde. Ich lernte noch die neuen Techniken der Satzherstellung, begann aber klugerweise mit dem Lehramtsstudium. Ich hatte mich ein Jahr in Abendkursen auf die sogenannte Begabtensonderprüfung vorbereitet, sie bestanden und so die Hochschulreife erlangt. Mein Studium musste ich aber durch Arbeit finanzieren, denn ich hatte schon Familie. Also blieb ich dem graphischen Gewerbe noch lange verbunden, gestaltete Drucksachen für den AStA und den Pressesprecher der RWTH, wo ich sogar ein eigenes Büro hatte, layoutete zwei Monatsmagazine für den belgischen Disc-Jockey-Verband, Union Professionelle des Disc-Jockeys de Belgique (UPDJ, je in Flämisch und Französisch, und im gesamten Hochschulviertel hingen von mir gestaltete Plakate.
ulc 005ulc 008ulc 006ulc 009Die wunderbare U&lC sah ich erstmals bei meinem Bruder, der Geschäftsführer einer Kölner Druckerei war, in der ich vor meiner Aachener Zeit gearbeitet hatte. Es dauerte Monate, bis ich in den Verteiler geriet und mir regelmäßig die neuste U&lC zugesandt wurde. Ich glaube, meine anhaltende Liebe zur Typografie, meine Begeisterung für das Thema Schrift geht maßgeblich auf diese wunderbare Hauszeitschrift zurück. „Nirgendwo wurde lebendiger über neue Schriften geschrieben, nirgendwo anders wurden neue Schriften spannender inszeniert“, schreibt die Seite Fontshop.de, das „PDF-Archiv des legendären magazin ulc“, das hoffentlich noch ausgebaut wird.

Mit oben erwähntem Fotosatzcomputer und der freien Schriftlizenzierung der ITC begann ein gewaltiger kultureller Umbruch, der noch nicht abgeschlossen ist. Wenn wir heute über die Fülle der Druckschriften frei verfügen können, verdanken wir das Vorkämpfern wie Herb Lubalin. Indem wir Bloggerinnen und Blogger die Druckschriften, typografische Gesetzmäßigkeiten und am Buchdruck entwickelte Stilformen benutzen, stehen wir mit einem Bein noch in der Buchkultur der Bleizeit und tasten mit dem anderen in die Unwägbarkeit der digitalen Publikation. Ich hoffe, meine kleine Rückbesinnung hilft zu verstehen, was wir hier eigentlich machen und in welcher Tradition wir stehen.

Abbildungen aus U&lC, 6/1978. Die letzte Abb. zeigt das bekannte Zeichensystem Dingbats des deutschen Schriftschöpfers Hermann Zapf; Fotos: Trithemius (größer: klicken).

Die alte Bleisatztechnik zeigt mein Film über das Buchdruckereimuseum Hannover-Linden:

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19 Kommentare zu “Herb Lubalin, Upper and lower case und die Demokratisierung der Druckschrift

  1. Habe ich das richtig verstanden, es gibt etwas Amerikanisches, das Du nicht ablehnst? Ich bin irritiert, lieber Jules.. bevor ich mich zu frueh freue, denke ich nochmal darueber nach, ob ich es missverstanden haben koennte. Viele Gruesse, Ann

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    • Ich dachte mir, dass du dich freuen würdest. Ja, mein Lob gilt hier uneingeschränkt. Ich weiß solche Dinge zu trennen von meiner Ablehnung der kriegerischen US-Außenpolitik, der Totalüberwachung durch die NSA und ähnlicher Ungeheuerlichkeiten.

      Es gibt aber noch viele andere Bereiche, über die ich sehr positv urteile, wie du dich vielleicht erinnerst.
      Viele Grüße,
      Jules

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  2. Lieber Jules,
    wie Du schon im Video erwähnst, ist es wirklich unverständlich, warum das Museum nicht aus öffentlichen Mitteln unterstützt wird. Ich fand das wirklich beeindruckend und das, obwohl ich ja gar nicht drin stand, sondern nur Deine Kameraperspektive einsehen konnte. Da ist die Lehrzeit von 3 Jahren sicher angemessen gewesen, um sich dieses Handwerk anzueignen. Super, dass sich die älteren Herren so liebevoll drum kümmern. Danke für diesen Beitrag und einen schönen Abend wünsche ich Dir

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    • Liebe Andrea,
      nachdem ich im Museum gefilmt hatte, habe ich bei der Stadt Hannover nachgefragt, worauf man mir mitteilte, dass für private Museen kein Geld da wäre. Im vergangenen Sommer war ich nochmal da und fand die rührigen alten Kämpen wieder vor, die auch im Video zu sehen sind. Was meine Kameraperspektive betrifft, so wünschte ich mir heute mehr Ruhe in den Bildern, aber ich bin ja Autodidakt, was Videoreportagen betrifft. Freut mich, wenn ich doch einen Eindruck vermitteln konnte. Danke für die schönen Abendwünsche. Dir wünsche ich einen schönen Tag

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  3. Mit Letraset habe ich auch gearbeitet, wir haben nämlich in Leer eine der damals beliebten Alternativzeitungen gebastelt. Auf einer Schreibmaschine, die A3 konnte und mit Buchstaben, die wir für die Überschriften gerubbelt haben. Unglaublich. Als Kind habe ich da schon fortschrittlicher gespielt, ich hatte nämlich einen Druckerkasten. Zusammen mit einem herkömmlichen Stempelkisten gab das natürlich überhaupt nichts her. Als Twen hätte ich den besser brauchen können.
    Schön zu hören, dass du sprachlich noch nicht gänzlich neutralisiert bist. Mein Chef ist alter Aachener, das sind für mich also sehr vertraute Laute.

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    • Das wusste ich nicht, erinnerte mich nur an den Weinenden Studentenboten, den du mal gezeigt hast. Ich habe eine Schachtel voller Letrasetbögen jahrzehntelang noch aufbewahrt, aber leider bei meinem Umzug nach Hannover entsorgt. Jedenfalls ärgere ich mich, dass ich die 1970-er Jahre so schlecht dokumentieren kann, aber damals hatte ich schlicht keine Zeit, an die Nachwelt zu denken. So einen Stempelkasten hatte ich als Kind auch. Er war von Noris. Seine Gummibuchstaben waren aber schwer zu handhaben. Mein rheinischer Tonfall kommt wieder stärker durch, seitdem ich in Hannover bin, freilich musste ich nach meinem Schlaganfall 2013 wieder sprechen lernen, bin zwei Jahre zur Logopädie gerannt, weil meine Stimme stark betroffen war.

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  4. Pingback: Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 10) Mediale Revolution

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