Wider die orthographische Päderastie bei WordPress

Es ist Montag, Zeit ein bisschen aufzuräumen. Seit Tagen spinnt mein Kommentar-Editor, schreibt einfach ein Doppel-f im Anlaut, also so: ffalsch. Wenn ich das überflüssig f lösche, fehlen nach der Veröffentlichung des Kommentars beide und man könnte denken, ich hätte „alsch“ geschrieben als wäre ich f-blind. Lasse ich das Doppel-f, wirkt es wie ein Sprachfehler.

Binnenmajuskel

So ein Editor ist ein kleines Programm, das alle unsere Eingaben überwacht. Es fischt beispielsweise unerlaubte HTML-Befehle heraus, wandelt bestimmte Satzzeichen in Smilies um (danke Nana vom See für den Hinweis) und verändert Schreibweisen. Vor einigen Tagen habe ich ziemlich gestaunt, dass der WordPress-Editor mir eine sogenannte Binnen-Majuskel ins Wort gepfuscht hat. Kollegin Text und Sinn hat hier auch schon darüber geschrieben. Wie sie fühle ich mich meiner orthographischen Selbstbestimmung beraubt, denn ich lehne die Binnen-Majuskel grundsätzlich ab. Zur Strafe gibt es jetzt einen Ausflug in die Schriftgeschichte. Wer die Aussicht deprimierend findet, möge nicht weiterlesen. Weil heute Blue Monday ist, übernehme ich keine Verantwortung.

Zunächst wäre zu klären, warum wir überhaupt zwei Alphabetreihen haben, also die der Großbuchstaben (Majuskeln) und der Kleinbuchstaben (Minuskeln). Bekanntlich ist unser Alphabet durch die Römer aus dem Griechischen übernommen worden, was wir noch an seinem Namen erkennen, der nach den ersten beiden Buchstaben des griechischen Alphabets „Alpha“, „Beta“ gebildet ist. Was die Römer aus dem griechischen Alphabet gemacht haben, kennen wir als Lateinschrift. Es war eine reine Großbuchstabenschrift, deren Form uns gemeißelt überliefert ist. Sie heißt Capitalis Monumentalis und beruht auf den Grundformen Kreis, Quadrat und Dreieck. In ihrer schönsten Form findet sie sich auf einer Ehrensäule für den römischen Kaiser Trajan aus den Jahren 112/113, genannt Trajan-Säule. Die heutigen Großbuchstaben entsprechen exakt den Formen der Capitalis. Weil die Capitalis Monumentalis gemeißelt wurde, ist sie ziemlich statisch. Viele Buchstaben wie A, H, I, M, O, T, V, X, Y haben keine Schreibrichtung, sondern sind achsenspiegelbildlich. (Die ebenfalls achsenspiegeligen Buchstaben U und W fehlen noch in der antiken Alphabetreihe.)

Durch das Schreiben mit der Hand veränderte sich die Form. Die Buchstaben rundeten sich und passten sich der Schreibrichtung an. Aber auch mehrere hundert Jahre später war die Lateinschrift noch immer eine reine Großbuchstabenschrift, genannt Unzialis. Sie wurde ohne Wortabstand geschrieben und musste laut buchstabierend gelesen werden.

Etwa Mitte des 8.Jahrhunderts ging von der Hofschule Kaiser Karls eine Schriftreform aus, mit dem Ziel einer Vereinheitlichung der Verkehrsschrift im ganzen Kaiserreich. Die neue Schrift hat jetzt Formen im Mittelband sowie welche mit Ober- und Unterlängen. Zusammen mit klaren Wortabständen erlaubt sie Wortbilderkennung und schnelles, leises Lesen. Diese klare Lateinschrift wird karolingische Minuskel genannt. Aus heutiger Sicht ist die karolingische Minuskel eine reine Kleinbuchstabenschrift, weitgehend identisch mit unseren heutigen Kleinbuchstaben. Nur der I-Punkt ist eine spätere Erfindung und das kleine t hatte noch nicht die Andeutung einer Oberlänge. Wollte man ein Wort durch Großschreibung hervorheben wie etwa den Namen Gottes, benutzte und verzierte man Buchstaben der älteren Unzialis.

Etwa 600 Jahre später begannen in Italien sich Wissenschaftler wieder für die antiken Texte zu interessieren. Was sich über die Jahrhunderte erhalten hatte, war in der karolingischen Minuskel geschrieben. Irrtümlich hielt man die karolingische Minuskel für die Schrift der antiken Römer, verband sie mit den Buchstaben der Capitalis Monumentalis und nannte die Vermengung von Großeltern und Enkeln Antiqua. Was wir heute schreiben, ist Antiqua oder beruht auf den Formen der Antiqua. Es wäre jetzt noch ein Abschnitt über Herkunft, Sinn und Unsinn der Groß- und Kleinschreibung fällig. Aber weil hier vermutlich schon einige in den Seilen hängen das Fazit:

Ich will nicht, dass der WordPress-Editor mir einen alten Kerl mitten unter die Kinder stellt. Nach unseren Rechtschreibregeln hat er da nichts verloren, wirkt da peinlich wie ein, mit Verlaub, Päderast auf dem Spielplatz.

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34 Kommentare zu “Wider die orthographische Päderastie bei WordPress

  1. Ui, wie interessant. Danke, lieber Jules.

    Und dies in einer Zeit, in der die meisten die Minuskel für eine Artverwandte des Miniskus halten. Wobei eine Minuskelruptur möglicherweise die Antwort auf alle Fragen ist, indes nicht klärt, wie ich WordPress davon abhalten kann, diese unsäglichen grafischen Smilies umzusetzen. => 😉 <= … Diese infantilen Köder des alten Päderasten, der sich hinter den aufgerichteten Majuskeln versteckt. … gefallen mir nicht.

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    • „… wie ich WordPress davon abhalten kann, diese unsäglichen grafischen Smilies umzusetzen.“

      Diese Frage ist sehr einfach zu beantworten. Begib Dich in den WP-Adminbereich, wähle in der Menüleiste auf der linken Seite den Punkt „Einstellungen > Schreiben“ aus, entferne das Häkchen in der Box vor „Wandle Emoticons wie :- ) und :- P in Grafiken um.“

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        • Kann nicht sein. Ich schreibe selbst in ein gehostetes WP 4.4.1. und bei mir ist der erste Punkt unter „Einstellungen > Schreiben“ nach wie vor „Formatierung“ mit der Möglichkeit die Icons erzeugen zu lassen oder eben nicht.
          Dann bleibt nur noch eine Möglichkeit: Dein Theme verbietet das Unterdrücken der Icons, weil … weil … weil … (Keine Ahnung, warum ein Theme-Programmierer wollen könnte, dass Text-Smileys unbedingt grafisch dargestellt werden müssen.)

          Aber ich befürchte, wir verwandeln gerade das Teestübchen in eine Art nerdiges Internetcafé … =:>]

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          • *lach* aber ich habe doch den Screenshot meiner Einstellungen verlinkt, lieber Wortmischer. Du siehst, es kann sein. Das Theme kann Einfluss auf die Darstellung des Backend nehmen? Interessanter Ansatz. Danke dafür. Ich vermutete bereits die Einschränkung durch diverse Security-Plugins bedingt, die auch den Editor aus dem backend entschwinden ließen (beabsichtigt!). Allerdings stehe ich nicht allein auf weiter Flur. Auf meiner Suche nach ErLösungen begegnete ich gleichgesonnenen Leidtragenden. Doch bevor wir Jules´illustres Teestübchen tatsächlich noch mißbrauchen: Gibt Schlimmeres… 😉 Falls Du noch eine gute Idee haben solltest: sehr gerne. Weißt ja, wo ich „wohne“. 😉

            Lieben Gruß,
            Nana
            PMS: Zur Nerdin reicht.s bei mir nicht. 😉

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            • Schon klar, Nana: Deine Einstellung zur Formatierung ist weg, das hab ich an Deinem Screenshot gesehen. Was ich meinte: Es kann nicht an der neuen WordPress-Version selbst liegen, da die Einstellung bei anderen (zum Beispiel bei mir) durchaus noch da ist.

              Der Schuldige ist also sicher ein Plugin oder Theme. Ich glaube an die Themetheorie. Du könntest ja einmal rasch ein WP-Standardtheme aktivieren. Wenn danach die Formatierungsmöglichkeit wieder da ist, weißt Du zumindest, woran es liegt, auch wenn Du sofort wieder zum normalen Theme zurückkehrst. Etwas Besseres fällt mir auch nicht mehr ein. – Viel Glück! 😉

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    • Ich musste selbst nachsehen, aber der Meniskus (Plural: Menisken, latinisiert meniscus/ menisci; von griech. μηνίσκος mēnískos ‚mondförmiger Körper‘ ‚Möndchen‘, Verkleinerungsform von mḗnē ‚Mond‘) hat sicher nichts mit der Minuskel (von lateinisch minusculus „etwas kleiner“) zu tun, liebe Nana. Aber danke für den Hinweis auf Smilies. Ich habe ihn oben in den Text eingebaut. Inzwischen gibt es ja eine Unzahl von Smilies. Die meisten erlaubte der Editor der versunkenen Plattform Blog.de. Sie glichen aber den von dir verschmähten.

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      • Nein, natürlich sind Meniskus und Minuskel nicht verwandt. Oh weh, … mein blöder Humor. Ich denke oft ganz platt um sieben Ecken und finde das komisch. Ich befürchte, viele meiner Wortspielereien erschließen sich kaum, oder gar nicht. So, wie mein albernes „PMS“, zu dem alle betroffen schweigen und sich fragen, wie blöd ich eigentlich bin. Nicht ganz so arg, wie es den Anschein hat. Hm. Das Leben ist schon hart, wenn man als einzige über die einzigen Witze lachen kann. Ich reiße mich jetzt zusammen. Versprochen! 😉

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        • Entschuldige bitte. Den Witz hatte ich durchaus erkannt, aber weil es hier oft um Sprache geht, denke ich immer, solche Dinge aufklären zu müssen. Es ist also mein Fehler und ich möchte nicht, dass du denkst, dich hier zusammenreißen zu müssen. Mir sind deine lebendigen, humorvollen Kommentare lieber.

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  2. Ich liebe diese Tiraden geradezu! Abgesehen davon, dass man immer eine ganze Menge beim Lesen lernt, freut man sich schon auf den nächsten Teil. Mein Vorschlag hierzu: Sinn und Unsinn der Groß- und Kleinschreibung.

    {Und nein, ich hänge noch nicht in den Seilen. ;-}

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  3. Pingback: Blue Monday & Blue Hour – Will N. Stark's Blog

  4. Auf so unterhaltende Art, lasse ich mich gerne in die Theorie und Geschichte der Schrift entführen.
    Auch wenn WordPress keine Vorlagen, über die man sich ärgern kann, bietet…es ist immer ein Vergnügen einen deiner Artikel über Sprache, Schrift und Medien zu lesen.
    Die Smilies hier sind einfach hässlich. Ich muss mir abgewöhnen, sie immer noch zu benutzen. Lieber ein Satz mehr um Ironie oder Witz zu kennzeichnen.

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    • Einer verständigen Frau wie dir mache ich gern den kundigen Führer, liebe Mitzi. Dann habe ich auch Lust, solche Texte zu schreiben. Auf den heutigen kann ich aufbauen und demnächst etwas über Groß- und Kleinschreibung mitteilen, denn unsere Großschreibung von Substantiven und Namen ist unter sprachgeschichtlichen Gesichtspunkten auch Päderastie.

      In meinem Blog.de-Teppichhaus habe ich einige Spielereien mit den Blog.de-Smilies angestellt, die jetzt verloren sind, weil der WordPress-Editor die wenigsten der Blog.de-Smilies darstellt.
      Hier serielle Grafiken aus Smilies, Bildschirmprints verkleinert:

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      • In der Masse sind sie dann doch hübsch anzusehen und ergeben ein schönes Bild.
        Bevor ich in das Teestübchen stolperte, hättest du mich mit trockener Theorie über Wort und Schrift jagen können. Jetzt freue ich mich auf einen Text über Groß- und Kleinschreibung. Wenn das die alten Nonnen wüssten, die sich mit meinen Aufsätze abgemüht haben.

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  5. Ich habs gerade getestet: Der Fehler ist weg: falsch, fegen, fertig, fertilisiert, alles richtig. Deine Ermunterung zu sprachgeschichtlichen Ausflügen freut mich, liebe Andrea. Und ich machs.
    Danke für die lieben Wünsche und dir schönen Abend!

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  6. … einen alten Kerl mitten unter die Kinder … Haha! Das ist nicht nur die fundierteste, sondern auch auch die hübscheste Tirade wider die Binnenmajuskel, die ich je gelesen habe. Möge WordPress sich das bittschön zu Herzen nehmen.

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