Hauptsache händisch (1) … Bloggen mit Handschrift

stukHauptsache händisch heißt ein Aufruf von Blogfreundin Tikerscherk, illustriert mit einem handschriftlichen Blogtext. Manchmal, wenn ich mich mit einem Stift in der Hand erwische, frage ich mich: Was, zum Teufel, tue ich da? Dann ist mir das händische Schreiben fremd. Die Auseinandersetzung zwischen Ausdrucks- und Formwillen, Beschreibstoff und Schreibgerät kommt mir anachronistisch vor, gehört in die Vorzeit des Computers. Der niederländische Kabarettist und Autor Wim de Bie veröffentlichte schon in den 80-ern des letzten Jahrhunderts in einer Tageszeitung eine Glosse, worin er das Schreiben mit dem Computer ironisch lobte. Der Text ist mit der Hand geschrieben, weil der Computer des Autors kaputtgegangen war. Und was stellt Wim de Bie fest? Seine regelmäßige, geläufige, männliche Handschrift, mit der er früher manches Mädchen zu betören wusste, ist verschwunden.

Mein hier abgebildeter Brief an die Leser meines Blogs „Teppichhaus Trithemius“ entstand im Rahmen eines Seminars über Handschrift, das ich vor ziemlich genau fünf Jahren im Twoday-Teppichhaus durchgeführt habe. Inzwischen schreibe ich immer seltener mit der Hand.

brief
Wir sehen, dass es nicht um die Perfektion oder Schönheit der Handschrift geht. Doch worin besteht dann die Qualität? Was hat die Handschrift, was ein Maschinentext nicht hat? Ich möchte mich Tikerscherks Aufruf anschließen. Wer sich nicht so exhibitionieren will, kann auch eine Übung wie die unten links machen. Es ist ein Wuttext. Er besteht aus lauter Beschimpfungen, ist bei Drehung des Blattes so oft übereinander geschrieben, dass die Wut nun hermetisch in den Text eingeschlossen ist.
Tagebuch wuttext
Wuttext: Trithemius/Tagebuch – (größer: bitte klicken)

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24 Kommentare zu “Hauptsache händisch (1) … Bloggen mit Handschrift

  1. Binnenmajuskeln. Interessantes Wort. Wieder was dazugelernt. Ich mag das händische Schreiben wie das maschinelle. Je nach dem, wo’s passt. Wobei ich mehr mit dem Computer schreibe. Das stimmt. Lieder, Liedtexte usw. kommen aber immer auch in ein analoges Büchlein. Und zum mitnotieren irgendwo, oder zum festhalten von Ideen, da mag ich das Papier und den Stift. Einen Parker Jotterball mit breiter Mine. Da ich sehr ungeduldig, will sagen schnell schreibe, kommt mir das 10-Fingertastaturtippen aber oft entgegen.

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    • Wenn du WordPress schreibst, bekommst du eine Binnenmajuskel frei Haus. Das ist eigentlich ein Fehler, denn die Binnenmajuskel ist in unserer Orthographie nicht vorgesehen. Freut mich,dass du Handschriftliches noch zu schätzen weißt. Und ich beneide dich darum, mit 10 Fingern zu tippen. Ich schreibe nach dem Terroristensystem „Jede Sekunde ist mit einem Anschlag zu rechnen.“

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      • Ja, meine Mutter meinte, es sei höchst vernünftig, da war ich 15, einen Schreibmaschinenkurs bei der VHS zu besuchen. (Sie wollte wahrscheinlich nicht allein hingehen.) Ich bin dann mehr oder weniger begeistert mit. Aber – ich hab es tatsächlich irgendwann schätzen gelernt. Wobei Terroristensystem auch fix sein kann, sogar mehrere Anschläge / sek..
        Nebenbei hatte ich sogar dann noch einen Steno-Kurs an der Backe, aber das hat sich nicht erhalten. Ich kann auch so sehr schnell schreiben, dass es sonst keiner lesen kann. Bislang waren mir aus dem Fachjargon der Schriftfachleute auch nur die „Hurensöhne“ und „Schusterjungen“ bekannt :-). Wenn die Majuskel die Großen sind, sind Minuskel, die Kleinen, hab’s mal grad geguckelt, fein. Die beiden Worte sind so erhaben, finde ich. Viel schöner als das profane „Buchstaben“.

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  2. Handgeschriebenes kann die Emotionen eines Textes schön (vielleicht auch schöner) transportieren und unterstützen. Wie austauschbar und unpersönlich ist eine SMS mit Foto aus dem Urlaub. Da ist eine Karte, mit Sonnencreme-Fett-Fleck viel hübscher. Oder der Zettel am Küchentisch, dem man ansieht, dass er in großer Eile morgens noch schnell geschrieben wurde. Das er trotz der Eile geschrieben wurde, ist so schön, dass er ruhig ein wenig geschmiert sein darf. Dein Brief an die Kunden des Teppichhauses spiegelt das was ich meine genau wieder.
    Der Wuttext erinnert mich an ein Bild von Cy Twombly im Museum Brandhorst in München. Ninis Painting heißt es. Anders als das Wutbild zeigt es die Schrift noch deutlich und trotzdem ist sie nicht zu entziffern. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, hat er immer und immer wieder nur den Namen der Verstorbenen geschrieben. Ein Bild mit faszinierender Wirkung.

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    • Du beschreibst die Qualität von handschriftlichen Äußerungen sehr feinsinnig. Übrigens ist mir dein Blog zuerst aufgefallen wegen deiner handschriftlichen Überschriften, einmontiert in Schwarzweiß-Fotos. Diese auf Wesentliches reduzierte Formensprache zeichnet dich aus und hebt dich ab vom weitgehend sinnfreien Farbrausch und von der kitschigen Typografie vieler Blogs.
      Ich finde faszinierend, dass du Twombly kennst und Bezüge herzustellen weißt und Unterschiede benennen kanst. Im schönen Münchener Museum Brandhorst bin ich auch schon gewesen, vor drei oder vier Jahren an einem Wintertag mit Schnee.
      Liebe Grüße.

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      • Wenn das passende Gefühl sich einstellt (ist gerade erst verraucht, die Wut), dann versuche ich dran zu denken.

        Mal sehen, ob sich der Prozess auch für die Liebe eignet, denn die will ich ja nicht einsperren, wie der Dichter/ die Dichterin ihren Schatz, in dem bekannten Mittelaltergedicht).

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  3. So ein Wut-Text hat, wenn er fertig ist, die Wut ja vielleicht auch schon auf dem Blatt gelassen. Solange die Kreativität und die Freude am Spiel mit Sprache da ist, solange ist alles gut. Ich kriege, weil du auf den Stift und die Handschrift verzichtest, kluge und humorvolle Texte geboten, da verzichte ich doch auf die ausdrucksstarke Handschrift, die ich sonst nicht zu Gesicht bekommen hätte.
    Wim de Bie hat, wie es sich für einen Kabarettisten gehört, auch gleich ein Wortspiel mitgeliefert. Sein Text heißt Stuk, was so viel wie Stück, aber auch kaputt bedeutet.

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    • Du hast Recht, es ist eine Weise, in der man sich abreagieren kann. Vor allem entsteht da aus negativer Energie etwas visuell Erfreuliches, für mich immer eine beglückende Erfahrung. Dankeschön fürs Lob, deine Prioritäten teile ich. Obwohl ich mich längere Zeit intensiv mit Handschrift beschäftigt habe, und zwar theoretisch und praktisch, verzichte ich zunehmend darauf. Ich habe mal getitelt „Die Handschrift hat Schwindsucht“ – das beschreibt exakt mein eigenes Verhältnis dazu. Es begann natürlich mit meinem Bloggen. Aber viele Jahre habe ich auch noch notiert, was ich würde schreiben wollen. Das geschieht immer seltener.
      Danke für den Hinweis auf das Wortspiel. Leider ist das Faksimile so klein, dass der Text kaum noch zu lesen ist. Ich suche heute nach dem Original und scanne es neu.

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  4. Pingback: Hauptsache händisch – VibesBild

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